11. Dezember 2008

Bildung Wirtschaftsterror in der Penne

Klassenclown machte sich Schulkameraden mit Monopolwährung gefügig

Die Zustände in deutschen Klassenzimmern werden immer schlimmer. Ein besonders abscheuliches Beispiel kindischer Verrohung und Ignoranz lieferte vor ein paar Wochen die sechste Klasse einer Gesamtschule in einem Berliner Problemviertel:

Zu Beginn des Schuljahres galt Klassenclown Egbert noch als ziemlich harmloses Bürschchen. In Sport hatte der übergewichtige Spross eines pensionierten Finanzbeamten und einer arbeitslosen Sozialpädagogin eine sechs. Nur sein Mathe-Lehrer hielt große Stücke auf ihn. Seine Klassenkameraden freuten sich immer, wenn er den Paukern scherzhaft das Wort im Munde umdrehte. Egberts Klasse war ein gut eingespieltes Team. Da die Kinder von ihren zumeist Hartz IV empfangenden Eltern kein Taschengeld bekamen, wussten sie sich anderweitig zu helfen. In den Pausen fand ein lebhafter Handel mit Kinderüberraschungsfiguren, Hanuta-Aufklebern, Pokémon-Kärtchen, Monopoly-Stickern, Klingeltönen, Süßigkeiten und Pausenbrötchen statt, und am Ende hatten alle mehr oder weniger das, was sie sich wünschten.

Doch vor etwa drei Monaten hatte Egbert eine perfide Idee. Er schlug seiner Klasse vor, den Pausenhandel zu vereinfachen, indem man eine einheitliche und für alle verbindliche Währung einführte, und zwar einen bestimmten Klingelton zum Lied „Ich bin dein Gummibär“. Das würde den Handel extrem vereinfachen und Zeit sparen, denn bei jedem Kauf würde man einfach Klingeltöne vom MP3-Player des Käufers auf das Gerät des Verkäufers übertragen. Egbert selbst würde als Bank fungieren und den Klassenmarkt mit insgesamt hundert gerecht verteilten Klingeltönen versorgen. Als Gegenleistung für diesen Dienst würde er lediglich bei jedem Handel zehn Prozent des getauschten Warenwerts abbekommen. Die Schüler fanden das eine tolle Idee und ließen sich darauf ein. Jeder bekam also anfangs fünf Gummibär-Klingeltöne, und tatsächlich wurde der Klassenhandel zunächst sehr erleichtert. Schnell bildeten sich Preise für bestimmte Güter. So bekam man für ein Schinkenbrot einen und für einen Tintenkiller zwei Klingeltöne. Damit Egbert bei jeder Transaktion auch seine Abgaben bekam, stellte er den robusten Sitzenbleiber Atze als Handelsaufseher ein. Die einkassierten Klingeltöne gab der pummelige und stets hungrige Egbert sofort für Pausenbrote aus, und wenn er Klingeltöne übrig hatte, kaufte er seinen Klassenkameraden andere Habseligkeiten ab. Bald sammelten sich viele Pokémon-Bildchen, Sticker, Radiergummis und Tintenpatronen in seinem Ranzen.

Ausgerechnet als er mal wieder alle Klingeltöne für Stullen und Süßes verpulvert hatte, forderte sein Gehilfe Atze ein höheres Gehalt für seine Dienstleistung. Egbert grübelte nach, ging an den Schulcomputer und hatte plötzlich eine Idee. Kurz zuvor hatte er gesehen, wie ein älterer Schüler am Rechner mit wenigen Mausklicken ein Sexbildchen kopierte. Es dauerte nicht lange und Egbert fand heraus, dass man auch Klingeltöne ganz einfach vervielfältigen konnte. Mit tausend neuen Klingeltönen auf seinem MP3-Player kehrte Egbert in seine Klasse zurück und gewährte Atze erst einmal großzügig eine Lohnerhöhung. Natürlich erzählte er seinen Klassenkameraden nichts von der wundersamen Klingeltonvermehrung auf seinem Player. Doch er konnte sich nun auf einmal viel mehr Butterbrote leisten und verdoppelte seine tägliche Ration. Stullen und Süßigkeiten wurden knapp und die Preise dafür stiegen stark an. Bald konnte sich nur noch Egbert die teuren Fressalien leisten. Egbert wurde immer dicker und seine Klassenkameraden immer dünner. Eines Tages fiel Egberts Blick auf Sophies goldenes Nasen-Piercing. „Was möchtest Du dafür haben?“ fragte Egbert. Sophie lächelte verschmitzt und verlangte neunzig Klingeltöne. „Einverstanden“, sagte Egbert.

Die sparsame Sophie wunderte sich zwar ein wenig darüber, dass Egbert so reich war, doch sie war nicht gut genug in Mathe um zu erkennen, dass Egbert eigentlich unmöglich neunzig Klingeltöne haben konnte. Denn sie selbst besaß elf, so dass jetzt schon ein Klingelton mehr als die anfangs ausgegebenen hundert Klingeltöne im Umlauf waren. Aber sie verkaufte ihr Piercing, und Egbert dämmerte, dass seine monetäre Macht grenzenlos war und er theoretisch seinen Kameraden ihren gesamten Besitz abkaufen konnte. Er musste nur sicherstellen, dass die Klingeltöne weiterhin als alleiniges Zahlungsmittel galten. Und sollte jemand auf die Idee kommen, eine alternative Währung zu verwenden, müsste der gestrenge Atze einspringen.

Und so geschah es auch. Alle, die beim Schwarztauschen ohne Klingeltonverwendung erwischt wurden, bekamen es mit Atze zu tun. Einmal wagte es Sophie sogar, goldene Liebesperlen als alternative Währung einzuführen, doch sie ließ von diesem Vorhaben wieder ab, als Egbert und Atze ihr wegen ihres unsolidarischen Verhaltens Klassenkeile androhten. Vereinzelt wurde zaghafte Verwunderung darüber laut, dass immer mehr Klingeltöne im Umlauf waren. „Das hat Geld so an sich. Es vermehrt sich von selbst, man nennt das Zinsen“, so Egberts Erklärung, die nicht weiter hinterfragt wurde. Einigen fiel auch auf, dass die Kaufkraft von Egbert und Atze stetig wuchs, während die anderen zwar auch immer mehr Klingeltöne besaßen, aber sie sich davon immer weniger leisten konnten. Um einen Aufstand zu vermeiden, beschränkte Egbert die wöchentliche Klingeltonvermehrung auf zehn Prozent, und als er merkte, dass seine verarmten Klassenkameraden immer weniger Umsatz machten und ihm somit seine Steuereinnahmen einbrachen, gab er seine Zurückhaltung bei der Klingeltonproduktion auf und schenkte jedem Klassenkameraden kurz vor Weihnachten fünfzig frische Klingeltöne. Aber es war schon zu spät. Es gab immer weniger zum Tauschen und das wenige, was die Sechstklässler noch hatten, wollten sie lieber behalten, statt es gegen die immer zahlreicher werdenden Klingeltöne einzutauschen.

Als die Klassenlehrerin vom Treiben ihrer Schüler erfuhr, war sie entsetzt und erklärte, dass dieses grausame Egbert-Spiel einen Namen hätte: „Freie Marktwirtschaft“.


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