Gérard Bökenkamp

Jahrgang 1980, Historiker und Publizist.

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Konservatismus in der Bundesrepublik: Vom Untergang einer politischen Kraft

von Gérard Bökenkamp

Eine historische Analyse

Mit Begriffen wie „rechts“, „links“, „liberal“, „konservativ“, „radikal“ muss man vorsichtig sein, da sie in jedem Kontext etwas anderes bedeuten. In den USA nennt man Leute, die man in Europa als „Liberale“ bezeichnen würde oft „Konservative“ und Leute, die man hierzulande als „Linke“ oder sogar „Sozialisten“ bezeichnen würde, als „Liberale“ usw. Es hängt auch immer davon ab, auf welche Themen man sich bezieht, auf die Einstellung zur Nation, zur Kirche oder zur Wirtschaft. Oft ist es inzwischen eher eine Imagefrage.

Der Begriff „konservativ“ ist auch deshalb besonders schwammig, weil es anders als bei Sozialisten und Liberalen kein geschlossen konservatives Weltbild gibt. Während ein guter Sozialist seinen Marx und ein guter Liberaler überall auf der Welt seinen Adam Smith oder Hayek herunterbeten kann, gibt es keinen weltweit akzeptierten konservativen Kanon, von Ludwig II von Bayern bis Friedrich Nietzsche ist alles möglich. In diesem Beitrag geht es nicht um die zahlreichen Gruppen und Grüppchen unterschiedlichster ideologischer Färbung, das würde zu weit führen, sondern um den Konservatismus als relevante politische Kraft, die Politik und Gesellschaft mitbestimmen konnte.

Anders als Liberalismus und Sozialismus liegt dem Konservatismus keine universelle Idee, sondern immer eine sehr spezifische nationale, regionale oder konfessionelle Tradition zu Grunde. Die Tradition entscheidet darüber, ob der Konservatismus eine liberale oder eine etatistische Färbung besitzt. Politisch gesehen hat das Vorteile: Weil man sich lange und aufreibende Theorie- und Richtungsdebatten erspart, da bestimmte Werte als selbstverständlich vorausgesetzt werden. Dies macht den Konservatismus aber auch abhängig davon, dass es in der Gesellschaft genug Menschen gibt, die bestimmte Werte als selbstverständlich empfinden. Solange das der Fall ist, ist die politische Mehrheit und damit die politische Macht gesichert. Wenn aber die Zahl der Bürger schrumpft, die sich der Tradition verpflichtet fühlen, wird die Luft dünn.

Will man die Lage konservativer Strömungen in der politischen Arena der Bundesrepublik analysieren, muss man also noch stärker als bei den anderen politischen Richtungen die Entwicklung ihrer soziologischen Basis unter die Lupe nehmen. Denn es ist die Tradition dieser Basis, von der die Definition abhängt, was man unter „konservativ“ versteht. Und die Größe dieser sozialogischen Basis bestimmt über Macht und Ohnmacht dieser politischen Kräfte.

Der politisch relevante Konservatismus der Bundesrepublik, der in der CDU/CSU zuhause war, war im Gegensatz zu dem der Weimarer Republik und des Kaiserreiches strukturell katholisch, allerdings unter Einbeziehung der durch Teilung und Vertreibung geschwächten protestantischen Kräfte. Dies war ein für die Bundesrepublik typischer Zustand, der vorher so nicht bestanden hatte. In Preußen-Deutschland waren die Katholiken eine Bevölkerungsminderheit. Sie fühlte sich von den protestantischen Eliten ausgegrenzt und oft herabgesetzt. Dies schuf eine besonders enge Solidarität der Konfessionsangehörigen. Minderheiten rücken zusammen und stellen die kulturellen Gemeinsamkeiten über die sozialen Unterschiede. Diesem Umstand verdankte die Zentrumspartei ihren starken Rückhalt in den katholischen Regionen. Die starke Solidarität begrenzte die Partei allerdings konfessionell, was der Gründung einer großen bürgerlichen Volkspartei in der Weimarer Republik im Wege stand.

Bereits 1920 hatte der Zentrumspolitiker Adam Stegerwald auf dem Kongress der christlichen Gewerkschaften in Essen vorgeschlagen, eine überkonfessionelle Volkspartei zu gründen. Doch die Zeit war damals nicht reif dafür. Das änderte sich nach dem Zweiten Weltkrieg. Ein großer Teil der protestantischen Landschaften verschwand hinter dem eisernen Vorhang. Unter dieser neuen Bedingung konnten die Zentrumskreise um Adenauer die politische und gesellschaftliche Führung erreichen und fühlten sich stark genug, nun auch die Protestanten mit ins Boot zu holen.

Für die SPD schien das als Partei, die vor allem in protestantischen Gebieten stark war, eine kaum zu überwindende Hürde. Kurt Schumacher war bei seiner Polemik gegen den Einfluss der Kirche die Frustration darüber anzumerken, dass dieser Umstand den dauerhaften Ausschluss der Sozialdemokraten von der Macht zu bedeuten konnte. Die strukturelle Mehrheit der Unionsparteien in der Bundesrepublik schien auf ewig gesichert, so dass das Schlagwort vom CDU-Staat nicht ganz falsch war. Willy Brandt schilderte später, nachdem er Kanzler geworden war,  ihm habe einmal ein CDU-Politiker gefragt, warum die SPD überhaupt an die Regierung wolle. Dies spricht Bände über das Selbstverständnis der damaligen Zeit.

Ein solches Selbstverständnis, das der Überzeugung entspringt, die Macht im Staat quasi als Erbrecht auszuüben,  ist ein Danaergeschenk. Es führt nämlich dazu, dass die eigene Basis sich an Partei und Staat ausrichtet. Das führt wiederum zur gesellschaftlichen Erstarrung.  Da die Erwartung auf die Staats- und Parteielite und die Gesetzgebung  gerichtet ist, geht die Opferbereitschaft und das Engagement an der Basis zurück. Macht macht auf Dauer vor allem bequem und saturiert. Soziales Charisma und der Zwang zur permanenten Erneuerung der Lebenswelt gehen verloren. Dass politische Bewegungen und die sie stützenden gesellschaftlichen Kräfte an Strahlkraft verlieren, sobald sie über einen längeren Zeitraum bürokratische Macht ausüben, ist ein in der Geschichte sehr oft zu beobachtendes Phänomen.

In ganz Westeuropa geriet der politische Katholizismus, der die soziale Basis des Nachkriegskonservatismus in Kontinentaleuropa war, in die Krise. Der Politikwissenschaftler Franz Walter beschreibt den Prozess diesseits des Atlantik so: „In der zweiten Hälfte des Jahrzehnts (der 1970er Jahre) durchpflügte die Säkularisierung die europäischen Nationen. Vor allem schmolz das bis dahin stabile katholische Milieu ab. Binnen weniger Jahre reduzierte sich die Zahl der Kirchgänger um mehr als die Hälfte. Das katholische Ritual verschwand aus dem Alltag selbst zuvor tief katholischer Landschaften. Damit löste sich auch die Bindung an die christlichen Parteien auf. In den Niederlanden hatten 1963 noch 84 Prozent der Katholiken die Katholische Volkspartei gewählt, 1976 waren es nur noch 36 Prozent. In Belgien schrumpfte der Anteil der katholisch-christdemokratischen Parteien zwischen 1961 und 1968 um 10 Prozent. Die katholische MRP in Frankreich hatte sich bereits 1967 aufgelöst.“

Hinzu kam das Zusammenschrumpfen der ländlichen Basis. Im Jahr 1949 waren noch 20 Prozent der Beschäftigten in der Landwirtschaft tätig. Im Jahr 1980 waren es noch fünf Prozent und heute sind es weniger als zwei Prozent. Andere gesellschaftliche Gruppen für eine erneuerte Version der traditionellen Vorstellungen zu gewinnen, konnte unter den oben beschriebenen Voraussetzungen nicht gelingen. Nimmt man diese Prozesse zusammen wird deutlich, dass dem Konservatismus, der auf Landbevölkerung und kirchliche Bindung setzte, nach und nach die soziologische Basis für die gesellschaftliche Mehrheit verloren ging. Diese Entwicklung war für die Unionsparteien mindestens so dramatisch wie für die SPD das langsame Verschwinden des Bergbaus und der klassischen Industriearbeitsplätze.

Bei den Wahlen 1972 wählten zum ersten Mal eine Mehrheit der katholischen Wähler nicht mehr die Union, sondern die SPD. Auch die Frauen änderten ihr Wahlverhalten. Hatte es seitdem es das Frauenwahlrecht gab einen Überhang der weiblichen Wähler bei den konservativen und christlichen Parteien gegeben, wählten Frauen von nun an eher links. Auch in ihrer politischen Heimat der CDU/CSU verloren die gesellschaftspolitisch Konservativen in den folgenden Jahrzehnten an Boden. Heute zählt die Adenauer-Stiftung noch etwa ein Viertel der CDU-Mitglieder zu den „Traditionsbewussten“, also den Konservativen. 75 Prozent sind älter als sechzig Jahre, nur zehn Prozent unter 50 Jahre alt. Diese Gruppe kann also realistischerweise kaum noch politische Impulse setzen. 

Das alles hat Frau Merkel kühl kalkuliert und ihre Schlüsse daraus gezogen und diese Gruppe politisch weitgehend abgeschrieben. Selbst wenn eine alternative politische Bewegung auftauchen würde, würde sich an dieser Lage nichts grundsätzliches ändern, denn die meisten Protestbewegungen in Europa gewinnen ihre Unterstützung vor allem aus linkem und sozialdemokratischem Wählerpotential, die außer in der Frage der Einwanderung mit dem Konservatismus nicht viel gemein haben. Der christliche Konservatismus, der die ersten Jahrzehnte der Bundesrepublik bestimmt hat, ist als politische Kraft faktisch untergegangen. Er hat in seiner alten Form derzeit keine politische Relevanz.

Am Ende waren es nicht die Achtundsechziger, die diesen Abstieg bewirkten. Die Achtundsechziger brachten lediglich einen Riesen zu Fall, der längst auf tönernen Füßen stand. Letztlich bestimmen nicht Parteien und Regierungen die Zukunft der Gesellschaft, sondern die Summe der Lebensentscheidungen, die Millionen von Individuen täglich treffen. Wenn Millionen Menschen sich von einem bestimmten Lebensstil und bestimmten Wertvorstellungen abwenden, kann sie keine Regierung der Welt daran hindern und das hat früher oder später auch politische Auswirkungen. Wer auf den Staat zur Bewahrung seiner Werte setzt, hat schon verloren.

12. Dezember 2008

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