Gérard Bökenkamp

Jahrgang 1980, Historiker.

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Konservatismus in der Bundesrepublik: Vom Untergang einer politischen Kraft

von Gérard Bökenkamp

Eine historische Analyse

Mit Begriffen wie „rechts“, „links“, „liberal“, „konservativ“, „radikal“ muss man vorsichtig sein, da sie in jedem Kontext etwas anderes bedeuten. In den USA nennt man Leute, die man in Europa als „Liberale“ bezeichnen würde oft „Konservative“ und Leute, die man hierzulande als „Linke“ oder sogar „Sozialisten“ bezeichnen würde, als „Liberale“ usw. Es hängt auch immer davon ab, auf welche Themen man sich bezieht, auf die Einstellung zur Nation, zur Kirche oder zur Wirtschaft. Oft ist es inzwischen eher eine Imagefrage.

Der Begriff „konservativ“ ist auch deshalb besonders schwammig, weil es anders als bei Sozialisten und Liberalen kein geschlossen konservatives Weltbild gibt. Während ein guter Sozialist seinen Marx und ein guter Liberaler überall auf der Welt seinen Adam Smith oder Hayek herunterbeten kann, gibt es keinen weltweit akzeptierten konservativen Kanon, von Ludwig II von Bayern bis Friedrich Nietzsche ist alles möglich. In diesem Beitrag geht es nicht um die zahlreichen Gruppen und Grüppchen unterschiedlichster ideologischer Färbung, das würde zu weit führen, sondern um den Konservatismus als relevante politische Kraft, die Politik und Gesellschaft mitbestimmen konnte.

Anders als Liberalismus und Sozialismus liegt dem Konservatismus keine universelle Idee, sondern immer eine sehr spezifische nationale, regionale oder konfessionelle Tradition zu Grunde. Die Tradition entscheidet darüber, ob der Konservatismus eine liberale oder eine etatistische Färbung besitzt. Politisch gesehen hat das Vorteile: Weil man sich lange und aufreibende Theorie- und Richtungsdebatten erspart, da bestimmte Werte als selbstverständlich vorausgesetzt werden. Dies macht den Konservatismus aber auch abhängig davon, dass es in der Gesellschaft genug Menschen gibt, die bestimmte Werte als selbstverständlich empfinden. Solange das der Fall ist, ist die politische Mehrheit und damit die politische Macht gesichert. Wenn aber die Zahl der Bürger schrumpft, die sich der Tradition verpflichtet fühlen, wird die Luft dünn.

Will man die Lage konservativer Strömungen in der politischen Arena der Bundesrepublik analysieren, muss man also noch stärker als bei den anderen politischen Richtungen die Entwicklung ihrer soziologischen Basis unter die Lupe nehmen. Denn es ist die Tradition dieser Basis, von der die Definition abhängt, was man unter „konservativ“ versteht. Und die Größe dieser sozialogischen Basis bestimmt über Macht und Ohnmacht dieser politischen Kräfte.

Der politisch relevante Konservatismus der Bundesrepublik, der in der CDU/CSU zuhause war, war im Gegensatz zu dem der Weimarer Republik und des Kaiserreiches strukturell katholisch, allerdings unter Einbeziehung der durch Teilung und Vertreibung geschwächten protestantischen Kräfte. Dies war ein für die Bundesrepublik typischer Zustand, der vorher so nicht bestanden hatte. In Preußen-Deutschland waren die Katholiken eine Bevölkerungsminderheit. Sie fühlte sich von den protestantischen Eliten ausgegrenzt und oft herabgesetzt. Dies schuf eine besonders enge Solidarität der Konfessionsangehörigen. Minderheiten rücken zusammen und stellen die kulturellen Gemeinsamkeiten über die sozialen Unterschiede. Diesem Umstand verdankte die Zentrumspartei ihren starken Rückhalt in den katholischen Regionen. Die starke Solidarität begrenzte die Partei allerdings konfessionell, was der Gründung einer großen bürgerlichen Volkspartei in der Weimarer Republik im Wege stand.

Bereits 1920 hatte der Zentrumspolitiker Adam Stegerwald auf dem Kongress der christlichen Gewerkschaften in Essen vorgeschlagen, eine überkonfessionelle Volkspartei zu gründen. Doch die Zeit war damals nicht reif dafür. Das änderte sich nach dem Zweiten Weltkrieg. Ein großer Teil der protestantischen Landschaften verschwand hinter dem eisernen Vorhang. Unter dieser neuen Bedingung konnten die Zentrumskreise um Adenauer die politische und gesellschaftliche Führung erreichen und fühlten sich stark genug, nun auch die Protestanten mit ins Boot zu holen.

Für die SPD schien das als Partei, die vor allem in protestantischen Gebieten stark war, eine kaum zu überwindende Hürde. Kurt Schumacher war bei seiner Polemik gegen den Einfluss der Kirche die Frustration darüber anzumerken, dass dieser Umstand den dauerhaften Ausschluss der Sozialdemokraten von der Macht zu bedeuten konnte. Die strukturelle Mehrheit der Unionsparteien in der Bundesrepublik schien auf ewig gesichert, so dass das Schlagwort vom CDU-Staat nicht ganz falsch war. Willy Brandt schilderte später, nachdem er Kanzler geworden war,  ihm habe einmal ein CDU-Politiker gefragt, warum die SPD überhaupt an die Regierung wolle. Dies spricht Bände über das Selbstverständnis der damaligen Zeit.

Ein solches Selbstverständnis, das der Überzeugung entspringt, die Macht im Staat quasi als Erbrecht auszuüben,  ist ein Danaergeschenk. Es führt nämlich dazu, dass die eigene Basis sich an Partei und Staat ausrichtet. Das führt wiederum zur gesellschaftlichen Erstarrung.  Da die Erwartung auf die Staats- und Parteielite und die Gesetzgebung  gerichtet ist, geht die Opferbereitschaft und das Engagement an der Basis zurück. Macht macht auf Dauer vor allem bequem und saturiert. Soziales Charisma und der Zwang zur permanenten Erneuerung der Lebenswelt gehen verloren. Dass politische Bewegungen und die sie stützenden gesellschaftlichen Kräfte an Strahlkraft verlieren, sobald sie über einen längeren Zeitraum bürokratische Macht ausüben, ist ein in der Geschichte sehr oft zu beobachtendes Phänomen.

In ganz Westeuropa geriet der politische Katholizismus, der die soziale Basis des Nachkriegskonservatismus in Kontinentaleuropa war, in die Krise. Der Politikwissenschaftler Franz Walter beschreibt den Prozess diesseits des Atlantik so: „In der zweiten Hälfte des Jahrzehnts (der 1970er Jahre) durchpflügte die Säkularisierung die europäischen Nationen. Vor allem schmolz das bis dahin stabile katholische Milieu ab. Binnen weniger Jahre reduzierte sich die Zahl der Kirchgänger um mehr als die Hälfte. Das katholische Ritual verschwand aus dem Alltag selbst zuvor tief katholischer Landschaften. Damit löste sich auch die Bindung an die christlichen Parteien auf. In den Niederlanden hatten 1963 noch 84 Prozent der Katholiken die Katholische Volkspartei gewählt, 1976 waren es nur noch 36 Prozent. In Belgien schrumpfte der Anteil der katholisch-christdemokratischen Parteien zwischen 1961 und 1968 um 10 Prozent. Die katholische MRP in Frankreich hatte sich bereits 1967 aufgelöst.“

Hinzu kam das Zusammenschrumpfen der ländlichen Basis. Im Jahr 1949 waren noch 20 Prozent der Beschäftigten in der Landwirtschaft tätig. Im Jahr 1980 waren es noch fünf Prozent und heute sind es weniger als zwei Prozent. Andere gesellschaftliche Gruppen für eine erneuerte Version der traditionellen Vorstellungen zu gewinnen, konnte unter den oben beschriebenen Voraussetzungen nicht gelingen. Nimmt man diese Prozesse zusammen wird deutlich, dass dem Konservatismus, der auf Landbevölkerung und kirchliche Bindung setzte, nach und nach die soziologische Basis für die gesellschaftliche Mehrheit verloren ging. Diese Entwicklung war für die Unionsparteien mindestens so dramatisch wie für die SPD das langsame Verschwinden des Bergbaus und der klassischen Industriearbeitsplätze.

Bei den Wahlen 1972 wählten zum ersten Mal eine Mehrheit der katholischen Wähler nicht mehr die Union, sondern die SPD. Auch die Frauen änderten ihr Wahlverhalten. Hatte es seitdem es das Frauenwahlrecht gab einen Überhang der weiblichen Wähler bei den konservativen und christlichen Parteien gegeben, wählten Frauen von nun an eher links. Auch in ihrer politischen Heimat der CDU/CSU verloren die gesellschaftspolitisch Konservativen in den folgenden Jahrzehnten an Boden. Heute zählt die Adenauer-Stiftung noch etwa ein Viertel der CDU-Mitglieder zu den „Traditionsbewussten“, also den Konservativen. 75 Prozent sind älter als sechzig Jahre, nur zehn Prozent unter 50 Jahre alt. Diese Gruppe kann also realistischerweise kaum noch politische Impulse setzen. 

Das alles hat Frau Merkel kühl kalkuliert und ihre Schlüsse daraus gezogen und diese Gruppe politisch weitgehend abgeschrieben. Selbst wenn eine alternative politische Bewegung auftauchen würde, würde sich an dieser Lage nichts grundsätzliches ändern, denn die meisten Protestbewegungen in Europa gewinnen ihre Unterstützung vor allem aus linkem und sozialdemokratischem Wählerpotential, die außer in der Frage der Einwanderung mit dem Konservatismus nicht viel gemein haben. Der christliche Konservatismus, der die ersten Jahrzehnte der Bundesrepublik bestimmt hat, ist als politische Kraft faktisch untergegangen. Er hat in seiner alten Form derzeit keine politische Relevanz.

Am Ende waren es nicht die Achtundsechziger, die diesen Abstieg bewirkten. Die Achtundsechziger brachten lediglich einen Riesen zu Fall, der längst auf tönernen Füßen stand. Letztlich bestimmen nicht Parteien und Regierungen die Zukunft der Gesellschaft, sondern die Summe der Lebensentscheidungen, die Millionen von Individuen täglich treffen. Wenn Millionen Menschen sich von einem bestimmten Lebensstil und bestimmten Wertvorstellungen abwenden, kann sie keine Regierung der Welt daran hindern und das hat früher oder später auch politische Auswirkungen. Wer auf den Staat zur Bewahrung seiner Werte setzt, hat schon verloren.

12. Dezember 2008

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Kommentare

Bauer, am 12. Dezember 2008 um 9:09 ( Link )

Neues von Prof. Schachtschneider über Religionsfreiheit in Deutschland.
http://www.youtube.com/watch?feature=related&v=1zKy9_LCIig

Skandalos, am 12. Dezember 2008 um 9:31 ( Link )

Das Problem ist ja, daß der Konservatismus, das sagt schon der Name, seit jeher ein Gegenentwurf zu all diesen Ideologien war, die die Gesellschaft als Experimentierfeld für vielerlei Stubenhocker-Tagträume mißbrauchen wollen.

In fetten Zeiten wächst zudem der Übermut. Konservatismus galt spätestens ab Ende der Sechziger nicht mehr als weise Vernunft der Lebenserfahrenen, die wissen, daß die Verbesserung der Welt nur in vielen kleinen Schritten voran gehen kann, sondern als kleingeistig, spießig und fortschrittsfeindlich. Die fetten Zeiten haben Unmassen an Traumtänzerexistenzen ermöglicht. Die mageren Zeiten, die nun auf uns zukommen, werden diesen Trend natürlich wieder umkehren. Bald wird der Staat nicht mehr in der Lage sein, die Menschen durch immer noch mehr Schulden von den ganz normalen Härten des Lebens abzupuffern. Und an den Härten des Lebens kann man nur scheitern oder wachsen. Stubenhocker und ihre Träume bleiben da schnell auf der Strecke.

Martin Möller, am 12. Dezember 2008 um 9:51 ( Link )

Selbstverständlich haben Konservative ein geschlossenes Weltbild: Gott, König, Vaterland.

Molot, am 12. Dezember 2008 um 10:04 ( Link )

@Martin Möller, am 12. Dezember 2008 um 9:51
Unsinn!

Martin Möller, am 12. Dezember 2008 um 10:44 ( Link )

Sieschreiben Unsinn!

Raimund Veigel, am 12. Dezember 2008 um 10:48 ( Link )

Gute Analyse zu dem Konservatismus in Deutschland!

Martin Möller, am 12. Dezember 2008 um 11:00 ( Link )

Es gibt keinen Konservativismus, der nicht auf den drei Säulen Gott, König, Vaterland steht. DAs kann mal leicht beweisen ...

Satanas, am 12. Dezember 2008 um 11:05 ( Link )

@Skandalos

"Die fetten Zeiten haben Unmassen an Traumtänzerexistenzen ermöglicht. Die mageren Zeiten, die nun auf uns zukommen, werden diesen Trend natürlich wieder umkehren."

Was sie schreiben stimmt zwar im Wesentlichen, aber es stellt sich doch die Frage, an welchen Werten sich unsere Gesellschaft ausrichten wird, wenn die Musik für die Traumtänzer nicht mehr spielt.

Ich glaube nicht, dass es den Protestanten gelingen kann, irgendwelche Impulse zu setzen, da diese schon seit einigen hundert Jahren ihr Fähnlein nach dem Winde hängen. Wenn es eine organisierte gesellschaftliche Kraft gibt, die noch einen Rest von Tradition bewahrt, sind es die Katholiken. Immerhin dienten sie lange Zeit als Schutz gegen den Sozialismus, etwa in Italien und Süddeutschland.

Allerdings sollte man sich bei der Betrachtung der gesellschaftlichen Entwicklungen immer in Erinnerung rufen, welche Kräfte hier im Widerstreit lagen. Betrachten wir die Linken (Sozialisten und andere), so sind diese seit mehr als 200 Jahren die Feinde der (christlichen) Traditionalisten. Wenn sich die Gelegenheit bot, griffen sie geradezu zur biologischen Ausrottung (die Jakobiner in der Vendee, die Sozialisten in Russland gegen die Kulaken), oder auch zur gewaltsamen Umerziehung (Asien und Osteuropa bis zur Elbe). Auch die Verfolgung von Religion und Tradition in Ostasien findet hier Fortsetzungen oder Parallelen.

Es stellt sich nun aber die Frage, ob dieser Konflikt nicht auch im "freien" Westen stattgefunden hat. Warum gelang es den Menschen, als sie in die Städte zogen nicht, ihre Traditionen zu bewahren oder soweit abzuändern, dass sie einen lebensfähigen Kern bewahren konnten? Und wenn man sich die SPD heute ansieht, in wie weit bewahrt sie noch das Erbe Schuhmachers?

Adorno meinte, man müsse das Land "entbarbarisieren". Marx wollte den Unterschied zwischen Stadt und Land aufheben. Spengler meinte, in den Städten bildeten die enttraditionalierten Menschen eine Art menschlichen Sand, aus dem man künstliche und somit vergängliche Gebilde formen könne- sicher ganz im Sinne von Sozialisten und "social engeneers" (Gott sei Dank gibt es kein deutsches Wort dafür).

Alles in allem haben wir es aber mit dem Versuch zu tun, freiheitliche/christliche/europäische Traditionen auszurotten, die sich dem Marsch in dem Totalitarismus entgegenstellten. Eine Rückkehr des Realitätssinnes wird uns diese Traditionen nicht zwangsläufig zurückbringen.

Das bedeutet: Wenn verhindern will, dass man eine solche wurzellose Gesellschaft erhält, muss man unsere Tradionen bewahren und z.T. restaurieren.

Nun wird man vielleicht als Liberaler fragen, warum die Tradition so wichtig ist, wenn diese uns doch nur einengt und die Freiheit beschneidet. Hier lohnt ein Blick auf Burke. Einerseits wird ihm der Ausspruch zugeschrieben, dass die Freiheit in einem völlig verdorbenen Volke nicht existieren kann. Zweitens sagte er, dass der Mensch seine Wünsche beherrschen müsse, und sich nicht von ihnen beherrschen lassen darf. Beides setzt Persönlichkeiten (gerade auch in der breiten Masse) vorraus, wie sie die europäische Tradition jahrhundertelang erzeugte.

Es wäre sicher auch einmal interessant zu untersuchen, ob (und wie) freiheitliche Ansätze in anderen Kulturkreisen verdorben wurden. Aber im Wesentlichen müssen wir uns klar werden, auf welchen Werten unsere Freiheit beruht, wie wie sie bewahren können, wer die Gegner sind und welche Gegenentwürfe sie aufbauen (hier lohnt sicher ein Blick auf Brecht, aber auch auf unsere Popkultur bis Hollywood). Zuletzt natürlich auch, wie man die Gegner daran hindern kann, ihre Ideen über ihr eigenes Umfeld (privat initiierte, finanzierte und durchgeführte Kampagnen) hinaus (also über Staatpresse, Staatsschulen etc.) zu verbreiten.

Satanas, am 12. Dezember 2008 um 11:12 ( Link )

@ Martin Möller
Konservativismus zwingt den Menschen, seine Leidenschaften zu beherrschen. Dafür dient im eine festes Werk aus Werten und Traditionen. Wer darin verwurzelt ist, empfindet es als Stütze, die anderen als Zwang. Für einen solchen Zwang könnte man einen König fordern. Wird der Zwang immer stärker (weil immer weniger Menschen die alten Werte teilen), wird der König zum Zar. Irgendwann implodiert ein solches System. Daher braucht man Mittel, um seine Werte zu bewahren, und Andersdenkende aus der Tradition zu entlassen. Es genügt völlig, daß diese Andersdenkenden nicht zu Feinden der Gesellschaft werden. Aber wozu man einen König braucht sehe ich nicht. Es genügt vollkommen, wenn die Anhänger der Tradition nach ihren Vorstellungen leben können.

Wie erklären sie sich sonst das Überleben konservativer Traditionen in der Schweiz?

Molot, am 12. Dezember 2008 um 11:26 ( Link )

@ Martin Möller
Was sollte wohl ein konservativer (US)-Amerikaner mit einem König anfangen? Oder ein Schweizer? Und was, z.B. ein konservativer russischer Kommunist, mit Gott?

Max, am 12. Dezember 2008 um 12:12 ( Link )

Was gibt es in der "modernen" Welt des Jahres 2008 -bald 2009- überhaupt noch zu bewahren/konservieren??

Ein Edmund Burke konnte sich noch als konservativ bezeichnen. Heutige Konservative müßen aus einer chronologischen Betrachtung heraus dem Modernismus verfallene Demokraten sein, was ja eigentlich paradox ist. Denn mit dem "bewahren" hat es der Demokrat ja nicht so, besteht sein einziger und höchster Wert doch doch darin, Kreuzchen zu zählen (nicht zu wiegen!) und die wilkürlichen Ergebnisse aus diesem Zahlenzauber seinen Mitmenschen aufzuzwingen.

Ich für meinen Teil verzichte gerne auf das Etikett "konservativ". Aber wenn ich schon etikettiert werde, dann bitteschön mit gegenrevolutionär, antimodern oder reaktionär.

Fatal, am 12. Dezember 2008 um 13:42 ( Link )

@ Satanas:

Wenn es eine organisierte gesellschaftliche Kraft gibt, die noch einen Rest von Tradition bewahrt, sind es die Katholiken. Immerhin dienten sie lange Zeit als Schutz gegen den Sozialismus, etwa in Italien und Süddeutschland.

Naja, der Feind meines Feindes ist nicht automatisch mein Freund.
freiheitliche/christliche/europäische
Wieso nennen Sie "christlich" und "freiheitlich" in einem Atemzug? In besonders christlich geprägten Gesellschaftsformen spielte die Freiheit keine wirklich große Rolle.

A. Lehmann, am 12. Dezember 2008 um 13:53 ( Link )

Zu konservieren gibt es nur die bewährten, vordemokratisch enstandenen Werte und Institutionen.

Wir müssen, so gut es eben geht, einzig und allein auf die Zeit nach der Demokratie hinarbeiten. Wir müssen die jetzigen staatlichen und halb-staatlichen Institutionen und deren helfershelfenden Anhängsel mit Verachtung behandeln und dürfen sie nicht unterstützen. Der Verfall muss sich steigern und steigern und steigern. Das tut weh, aber ein Zurück gibt es doch schon lange nicht mehr.

Wir müssen so arbeiten, erhalten (und wieder neu errichten), dass zu dieser besagten Stunde Null die Chance auf einen Neubeginn möglichst gross ist.
Man muss sein Umfeld mit Liebe, Hingabe, Klugheit und Weitsicht vorbereiten.
Das ist unsere Aufgabe und damit kann jeder beginnen, dafür gibt es keine Ausreden.

Wir leben in einem feindlichen Umfeld und können daher nur auf uns und enge Freunde vertrauen. Wir wissen aber auch dass, sollte es uns gelungen sein, eine starke Generation herangewachsen ist. Und wenn nicht ist sowieso alles egal.

Mit Politik, Teilhabe und oberflächlichen Schmerzmitteln verschwendet man dagegen nur wertvolle Zeit und hilft der Niedertracht das Leben zu verlängern.

Carl, am 12. Dezember 2008 um 14:01 ( Link )

Ein schöner Plauderabend wird das hier. Ich möchte das Spannungsverhältnis von Kollektivismus und Individualismus einwerfen, unter dem man den Aspekt der "Freiheit" denke ich am ehesten betrachten kann. Quasi alle Weltanschauungen, egal ob sie nun politisch oder religiös sind, beschneiden die Freiheit des einzelnen, oft in der Absicht dadurch einen Gewinn für das "Große Ganze" zu erzielen. Müßten einem ernsthaft Liberalen vor diesem Hintergrund nicht generell alle Weltanschauungen, inclusive seiner eigenen, auf das äußerste zuwider sein?

Um auf diese Frage selbst zu antworten: Ja, ich bin fest davon überzeugt, daß "echte" Liberale zwar Schnittmengen mit dem Konservativismus haben, umso mehr gemeinsame politische Gegner, aber eine Artverwandtheit in irgendeiner Form kann ich nur sehr schwer sehen.

Jürgen Hodler, am 12. Dezember 2008 um 14:09 ( Link )

@ Carl

Auf was für ein Spannungsverhältnis zwischen Kollektivismus und Individualismus wollen Sie hier denn hinweisen? Der Individualismus ist doch nicht die Antithese des Kollektivismus, sondern dessen Vorraussetzung. Der geradezu der Raserei anheimgefallene demokratische Massenmensch des 20. Jahrhunderts ist doch gerade das Resultat des doktrinären Individualismus.

A. Lehmann, am 12. Dezember 2008 um 14:10 ( Link )

Sehr geehrter Fatal,

das versteht man oder man versteht es nicht.

Sie könnten z.B. begreifen das große Kulturen nur durch große Institutionen entstehen bzw durch diese sich ausformen und diese symbolisieren, und das in Zeiten des Niedergangs diese großen Institutionen immer die Hauptangriffsfläche der Revolutionäre, der in verschiedenen Gewändern wandelnden Erneuerer ("der Muff von 1000 Jahren"), darstellen. Denn diese Institutionen symbolisieren alles das was der in chaotische Zeiten Hineingeborene hasst, im Innersten begehrt (denn auch Sie begehren Christus) und doch nie durchdringt.
Sie könnten selbst als Atheist begreifen wie wichtig diese Institutionen sind.

Sie könnten auch Rückschlüsse auf andere große Kulturen und deren Entwichklung ziehen, aber dazu sind Sie vielleicht einfach zu geschichtslos, wie soviele Menschen dieser Zeit.

Sie zehren möglicherweise von einer Ideologie die alles, jede Entwicklung, jede individuelle Handlung anhand eines Musters letzgültig erklärt. Das ist aber leider viel zu oberflächlich.

Max, am 12. Dezember 2008 um 14:19 ( Link )

Müßten einem ernsthaft Liberalen vor diesem Hintergrund nicht generell alle Weltanschauungen, inclusive seiner eigenen, auf das äußerste zuwider sein?

Sehr interessante Frage!

Ich antworte darauf, dass die (vollkommene) "Freiheit des Einzelnen" ausschließlich in den Köpfen einiger liberaler und sozialistischer Konstruktivisten existiert, die der Meinung sind, dass der Mensch eben nicht dumm, irrational, abergläubisch, tierisch und von Natur aus unzivilisiert ist.

Kultur und Würde kann es nur geben, wenn sich Menschen freiwillig Freiheitsbeschränkungen unterwerfen und ihrer eigenen Vernunft mehr miß- als vertrauen. Nicht umsonst bewährte sich die Ideoleogie des Liberalismus, also das Märchen von der menschlichen Vernunft als höchste moralische Instanz, mehrfach als idealer Nährboden für Gulag, KZ & Co. Wer auf den menschlichen Verstand baut, baut auf Sand und braucht sich nicht zu wundern, wenn jenes Konstrukt in schöner Regelmäßigkeit in sich zusammenbricht.

Martin Möller, am 12. Dezember 2008 um 14:37 ( Link )

@Molot
1. Der konservative Usamerikaner könnte die freimaurerische Unabhängigkeit in Frage stellen.

2. Der Schweizer könnte erkennen, daß die Unabhängigkeit vom HRRDN in sehr viel schlimmere Anhängigkeiten geführt hat.

3. der "konservative russische Kommunist" könnte Gott dafür danken, daß der Kommunismus in seinem Land, hoffentlich für immer beseitigt ist.

freischwimmer, am 12. Dezember 2008 um 15:29 ( Link )

@ Martin Möller:

Statt im Konjunktiv zu fachsimpeln, könnten Sie ja mal mit ihren Beweisen anfangen! Versprochen haben Sie es ja...

Satanas, am 12. Dezember 2008 um 15:49 ( Link )

@Fatal

"Wieso nennen Sie "christlich" und "freiheitlich" in einem Atemzug? In besonders christlich geprägten Gesellschaftsformen spielte die Freiheit keine wirklich große Rolle."

Weil der christliche Glaube geeignet ist, freiheitliche Kulturen hervorzubringen.

(Lesetipp:How the Catholic Church Built Western Civilization von Thomas E. Woods Jr)

Die katholische Kirche hat sehr zur Beendigung von Sklaverei und Leibeigenschaft beigetragen, die Wissenschaften gefördert und die Humanität gestützt (vgl. Las Casas). Vieles was uns heute als selbstverständlich gilt, verdanken wir christlichen Traditionen. Es ist nicht überraschend, daß die (antichristliche) frz. Revolution den Auftakt für eine Epoche bildet, in der Verbrechen ganz ungeniert gerechtfertigt wurden, die im Mittelalter kaum denkbar gewesen waren. Insofern sind wir gut beraten, diese Traditionen nicht zu zerstören.

Aber damit wir uns richtig verstehen: ich will niemanden drängen Mitglied einer Kirche zu sein oder den Kirchen politische Macht geben. Man sollte aber ihre Verdienste anerkennen.

Denn vergessen sie nicht, das Freiheit und Humanismus nur in christlichen Gesellschaften (sowie im Hellenismus) entstanden sind bzw. sich zu modernen Formen haben ausbilden können. Da liegt die Verbindung nahe. (Inwieweit es früher auch in anderen Kulturen ähnliche Ansätze gab und wieso sie nicht die selbe Wirkung hatten wie hier ist eine interessante Frage.)

Martin Möller, am 12. Dezember 2008 um 16:08 ( Link )

Welchen Beweis soll ich bitte antreten? Daß der amerikanische Konservativismus nicht ohne Bezug zum "König" auskommt"? Oder was?

Fatal, am 12. Dezember 2008 um 16:26 ( Link )

@ Herr Lehmann:

Sie zehren möglicherweise von einer Ideologie die alles, jede Entwicklung, jede individuelle Handlung anhand eines Musters letzgültig erklärt. Das ist aber leider viel zu oberflächlich.
Nein, das versuche ich zu vermeiden. Allerdings weisen die Sätze, die dem oben zitierten vorausgehen, klar darauf hin, dass Sie genau das tun (große Kulturen brauchen immer große Strukturen, etc. pp.).

@ Herr Hodler: Ich kenne Ihre These, der Individualismus würde den Einzelnen schutzlos den Widrigkeiten des Lebens ausliefern und damit anfällig für Kollektivismen machen. Doch das stimmt nicht.
Ich z.B. bin Individualist: Ich wähle meinen beruflichen Werdegang, meine Freunde, meinen Glauben, meine Liebesbeziehungen, usw. selbst und unabhängig aus, völlig individualistisch. Trotzdem bin ich im Zweifelsfall nicht schutzlos: Ich habe meine Famlie, meine Freunde und meinen erweiterten Bekanntenkreis, die mich auffangen würden und denen ich genauso sehr helfen würde, wenn es ihnen schlecht ginge. Trotzdem sind wir alle Individualisten und würden einander niemals ins Leben hineinpfuschen.

Max, am 12. Dezember 2008 um 17:10 ( Link )

Ich kenne Ihre These, der Individualismus würde den Einzelnen schutzlos den Widrigkeiten des Lebens ausliefern und damit anfällig für Kollektivismen machen. Doch das stimmt nicht.

Sind sie mit der europäischen Geschichte ab 1789 vertraut? Haben Sie Freunde, mit denen Sie sich ab und zu über Politik unterhalten (und deren Anfälligkeit für kollektivistische Pseudoreligionen Sie selbst beobachten können)?Wenn ja, wie in aller Welt können Sie so einen Blödsinn behaupten?
Warum wohl haben, angefangen von den alten Griechen, so gut wie alle nennenswerten Denker den materialistischen Individualismus in Grund und Boden geschrieben? Weil man eben damals schon wußte, dass der Durchschnittsmensch mit allem, nur nicht mit einer angeborenen Klugheit (und schon gar nicht mit einer Gutheit) ausgestattet ist.

Nunja, Liberale und Sozialisten pfeifen auf diese vielfach bewiesenen Erkenntnisse und so dürfen wir uns noch auf ein paar weitere gesellschaftliche "Experimente" freuen bevor der materialistische Individualismus, das Fundament von Liberalismus UND Sozialismus, da landet wo er hingehört: auf dem Müllhaufen der Geschichte!

Satanas, am 12. Dezember 2008 um 17:29 ( Link )

@Max

"Müllhaufen der Geschichte.."

Haben sie denn Alternativen anzubieten? Ich bin nämlich der Meinung, dass man sehr wohl eine "liberale Ordnung" (soweit es das geben kann) anstreben sollte, die dadurch vor dem Absturz bewahrt wird, daß die Menschen die Früchte ihres Handelns ernten bzw. auslöffeln. Das beinhaltet auch die Erziehung der eigenen Kinder, was die Ausbildung von Tradition ermöglicht. Und die europäischen Traditionen haben sich als sehr stark und erfolgreich erwiesen. Daher werden sie nicht untergehen, solange man die Anhänger dieser Traditionen nicht besteuert und ihre Resourcen an andere Lebensstile umverteilt. Gerade das liesse sich gut in einer liberalen Gesellschaft verwirklichen.

"und schon gar nicht mit einer Gutheit"
Man sollte seinen Mitmenschen nicht zu sehr misstrauen. Denn von wem würden sie denn in einem starken Staat regiert, der sie von den Mitmenschen beschützt? Von ihren Mitmenschen. Letztlich fördert zu viel Staatsmacht die schlechten Seiten der Menschen.

Fatal, am 12. Dezember 2008 um 18:07 ( Link )

Sehr richtig, Satanas! Denn der Mensch ist eben auch dann noch dem Menschen ein Wolf, wenn man ihm ein goldenes Krönchen auf den Kopf setzt, ihm ein samtig-seidenes Hermelinmäntelchen anzieht und ihn in ein prunkig-verkitschtes Märchenschloss setzt, das allenfalls kleine Mädchen, Oberschwuletten à la Rudolf Mooshammer oder "BUNTE"-Leserinnen anspricht.

Max, am 12. Dezember 2008 um 18:21 ( Link )

Man sollte seinen Mitmenschen nicht zu sehr misstrauen.

Ich nehme die Menschen so wie sie sind. Was nützt es denn, á la L. v. Mises jedem Menschen Klugheit und Gutheit zu unterstellen, ein entsprechendes politisches System zu etablieren um sich dann bitterböse über die nächste Katastrophe aufzuregen?

Ich bin nämlich der Meinung, dass man sehr wohl eine "liberale Ordnung" (soweit es das geben kann) anstreben sollte, die dadurch vor dem Absturz bewahrt wird, daß die Menschen die Früchte ihres Handelns ernten bzw. auslöffeln.

Solange Sie nicht gewalttätig werden, kann ich Ihnen nichts verbieten. Jedoch rate ich Ihnen dringend, sich mit der abendländischen Geschichte zu beschäftigen und dabei insbesondere die menschliche Natur zu berücksichtigen. Die Menschen wollen und wollten immer die Gleichheit, nicht die Freiheit. Wie sinnvoll ist es, von einer Welt zu träumen, in der alle Menschen so dächten wie Sie, während in den letzten 6000 Jahren nicht ein einziges Kuhdorf sich zu Ihrer Weltanschauung durchringen konnte?

Menschen sind leider sehr empfänglich für Unsinn aller Couleur. Eine Bewertung dieser Tatsache erspare ich mir, es ist halt so. Umso wichtiger ist es -und das ist dem Mittelalter wirklich sehr gut gelungen- Menschen davon zu überzeugen, sich freiwilligen Freiheitsbeschränkungen zu unterwerfen. Das kann beispielsweise der Islam oder der Buddhismus sein, aber gerade im Abendland bietet sich die christlich-katholische Religion an.

Quovadis, am 12. Dezember 2008 um 18:36 ( Link )

"Wenn Millionen Menschen sich von einem bestimmten Lebensstil und bestimmten Wertvorstellungen abwenden, kann sie keine Regierung der Welt daran hindern und das hat früher oder später auch politische Auswirkungen. Wer auf den Staat zur Bewahrung seiner Werte setzt, hat schon verloren" (Schlusswort Bökenkamp).

In der Analyse des "Konservatismus" in Deutschland hat der Autor ja etliches richtig dargestellt. Es wäre trotzdem viel einzuwenden. Dazu ist mir aber die Zeit zu schade, und weiter bringt diese Analyse ohnehin nicht.

Kommen wir auf das genannte Zitat zurück: Ja, die Auswirkungen sehen wir allerdings. Und wir werden bald noch ganz andere Auswirkungen sehen. Sind da aber auch positive Auswirkungen dabei? Diese Frage sei gestattet.

Fakt ist: Wenn eine politische Kraft geht, füllen immer andere Kräfte diesen Platz aus.

Wie sieht denn die neue politische Arena ohne relevanten Konservatismus real aus? Die CDU mit einer Angela Merkel an der Spitze versucht die Parteiorganisation als zweite und bessere sozialdemokratische Partei zu verkaufen. Die SPD ist in zwei Teile gespalten, die einerseits eine fortschrittlich-soziale und andererseits eine orthodox-sozialistische Politik anstreben. Dann haben wir die linksgrüne Heile- und Eine-Welt-Partei, die ja bestenfalls als Mehrheitsbeschaffer egal für wen zu gebrauchen ist. Dann noch die DDR-Staatsmachtpartei "Die Linke" mit einigen westdeutschen Farbtupfern wie Lafontaine und links-orthodoxer Nostalgie, mit dem starken Zentral-, Enteignungs- und Verteilungsstaat als Politikausrichtung. Okay, die FDP gibt es auch noch ...

Alle diese real relevanten politischen Kräfte haben ihre jeweilige Basis. Wie sagte Herr Bökenkamp: "Und die Größe dieser soziologischen Basis bestimmt über Macht und Ohnmacht dieser politischen Kräfte." Frage: Ist nun mit diesen neuen soziologischen Basiskräften der Gesellschaft und dem Verschwinden des Konservatismus eine bessere, glücklichere und zukunftsfähige Gesellschaft entstanden? Das glauben Sie wohl hoffenlich nicht ernsthaft!

Und der Pseudo-Individualismus der neuen Gesellschaft? Der Staat wird zwar abgelehnt als Werte-, Sinn- und Traditionsvermittler, aber gleichzeitig wird er in absolut starker Sozialstaatsausprägung genauso vehement gefordert, um das pseudo-individualistische heile-Welt-Leben führen zu können. Und wenn erst die soziologische islamische Basis ganz real steht, wird es noch lustiger, vielfach dogmatischer mit den "politischen Auswirkungen". Neue gesellschaftspolitische Vorstellungen kommen, andere verschwinden wieder. Der Feminismus z.B. wird es nicht leicht haben ... lol

Ja, Herr Bökenkamp und libertäre Freunde, dann frage ich mich nach dieser Analyse, wie ernsthaft hier und anderswo 100 Libertäre ohne soziologische Basis immer wieder ihren Traum von einer libertären Zukunft ausbreiten. Der Libertäre Nico Metten sagte mal an die alten Mitstreiter gewandt, etwa in diesem Sinne: "Lasst die Finger von der Politik. Politik ist der Fehler".

Ich gönne jedem seine Träume, aber real laufen in der Politik ganz andere Geschichten ab. Und wenn Millionen Menschen einen handlungsfähigen und starken Staat wünschen, dann ist das zunächst mal Faktum und hat politische Auswirkungen, wie Sie ja so schön festgestellt haben. Für libertäre Träumereien ist da in der Realität kein Platz.
Also besser die Zeit - ganz ökonomisch - für Reales verwenden.

Wenn eine politische Kraft wie der Konservatismus geht, füllen immer andere Kräfte diesen Platz aus. Und das ist meines Erachtens nicht nur schade, sondern schädlich für eine zukunftsfähige Res Publica und die darin lebende Gesellschaft.

Abschließend: Wie wäre es mit einer soziologischen Zukunftsanalyse der politischen Landschaft der Bundesrepublik im Jahre 2020? Auf eine libertäre "Agenda 2020" verzichten Sie aber besser.

Andreas , am 12. Dezember 2008 um 20:10 ( Link )

°Satanas°

"Traumtänzerexistenzen" - Dieser Titel passt doch wie die Faust aufs Auge.

Der erste Absatz des Artikels, spricht die Wirklichkeit der Krise an, die der Mensch überwinden muss. Artikel zur Finanz- und Zasterkrise rufen in mir höchstens den Brechreiz aus. Eine Krise des Geistes stellt das finanzielle nicht nur in den Schatten.
Sie sind zusammen auf Tournée - das Kapital und der Geist.

Für den Artikel selbst: Gratulation und Dank

Den ersten Absätzen ist nichts hinzuzufügen.

Wer ist radikal, wer extrem? Und wer muss gar als verfassungsfeindlich bezeichnet werden? Ab wann ist eine Gruppe rechts oder links, ab wann rechts- oder linksradikal, rechts- oder linksextrem, oder gar verfassungsfeindlich? Wer ist regierungsfähig, wer fundamentalistisch oder wer gar populistisch?

Verunglimpfung oppositionellen Denkens und Unterlaufen der Verfassung geschieht in den 1990ern mit der Bezeichnung »rechts«. Der damalige Innenminister und heutige Ministerpräsident des Landes Niedersachsen, setzte alle "Rechten" mit Scheiße gleich:

»Zwischen den Rechten zu differenzieren, das hieße, Scheiße nach dem Geruch zu unterscheiden«

Bittermann und Henschels »Gartenlauben der Gutmenschen« sind zum Thema Denkschablonen eine lesenswerte Lektüre.

Ein schönes Wochenende

VG

Andreas

Quovadis, am 12. Dezember 2008 um 20:27 ( Link )

@Fatal

Fatal. Punkt

http://zettelsraum.blogspot.com/2007/06/wir-achtundsechziger-3-die-zeit-der.html

http://zettelsraum.blogspot.com/2008/04/wir-achtundsechziger-4-entmischung-in.html

A. Lehmann, am 12. Dezember 2008 um 20:31 ( Link )

"Wie sinnvoll ist es, von einer Welt zu träumen, in der alle Menschen so dächten wie Sie, während in den letzten 6000 Jahren nicht ein einziges Kuhdorf sich zu Ihrer Weltanschauung durchringen konnte?"

Werter Max, ich proste Ihnen zu. Schlachtschiff versenkt.

@ Fatal

Neue Linke, Neue Konservative, Neue Rechte, Neue Liberale, neue Christen, alles das ist strikt abzulehnen. Die Vorsilbe Neo ist Ausdruck von Hilflosigkeit und Verwirrung.

Unternehmen genauso wie Schlafzimmertüren sollten einzig durch private Herrschaft, private Organisationen bzw tradierte "Gesetze" eingegrenzt werden.

Fatal, am 12. Dezember 2008 um 21:13 ( Link )

Unternehmen genauso wie Schlafzimmertüren sollten einzig durch private Herrschaft, private Organisationen bzw tradierte "Gesetze" eingegrenzt werden.

Was meinen Sie mit privater Herrschaft, privaten Organisationen und tradierten "Gesetzen" in Anführungszeichen?
Neue Linke, Neue Konservative, Neue Rechte, Neue Liberale, neue Christen, alles das ist strikt abzulehnen. Die Vorsilbe Neo ist Ausdruck von Hilflosigkeit und Verwirrung.
Zustimmung. Der Wert der Freiheit ist unabänderlich, undiskutierbar und bedarf keinerlei Neuerungen.
Bei anderen Ideologien ist das nicht so einfach. Die Neue Linke à la Tony Blair ist deutlich pragmatischer, weltgewandter und freiheitlicher als die Marx-Verehrer der Alten.

Alte und Neue Rechte lehne ich beide strikt ab, obwohl im Bezug auf Außenpolitik und Wirtschaft mir die Alte deutlich sympathischer ist.

A. Lehmann, am 12. Dezember 2008 um 21:37 ( Link )

@ Fatal

"Nein, das versuche ich zu vermeiden. Allerdings weisen die Sätze, die dem oben zitierten vorausgehen, klar darauf hin, dass Sie genau das tun (große Kulturen brauchen immer große Strukturen, etc. pp.)."

Kein rechts stehender Mensch, kein Christ glaubt jemals an das Aufgehen der Welt.

Sie möchten sich durch die libertäre Ideologie von allem befreien (so wie es die Sozialisten auf andere Weise ebenfalls versucht haben), angefangen bei Ihrem geschichtlichen Erbe, ohne welches Sie überhaupt gar nicht auf solche Gedanken kommen könnten. Libertarismus ist ohne den christlichen Humus vollkommen unvorstellbar.
Sie stossen die Kirche ab und sind sich gar nicht bewusst das Sie damit einen weiteren Nagel in den Sarg der Freiheit hämmern.
Nicht die Modernisten (welche unser altes, stolzes Europa mittlerweile vollkommen abgewirtschaftet haben) sind Ihre Freunde, wir sind es!

Erbe und Herkunft sind nicht Dinge die man folgenlos abstreifen kann, auch wenn das in der heutigen Zeit propagiert wird. Überlegen Sie immer folgendes:
Was wurde in den Zeiten der Kontinuität und des kulturellen Wachstums propagiert, was in Zeiten des Niedergangs? Das zeigt ganz deutlich welche Seite falsch liegt.

"Trotzdem sind wir alle Individualisten und würden einander niemals ins Leben hineinpfuschen."

Vielleicht nicht Sie und Ihre Freunde. Aber 80 Menschen? 800? 8000? 80 Millionen? Die Allermeisten wären selbst nach erzwungener Studie der libertären Ideen (unabhängig davon das dem Libertären der Zwang verboten ist) vollkommen unfähig diese zu begreifen. Die Kirche hat über die Jahrhunderte mit aller Hingabe versucht den Menschen die einfachen Glaubenswahrheiten zu lehren, und hat es trotzdem nicht immer geschafft. Wie soll da bitte so etwas kompliziertes wie der Libertarismus in den Hirnen verpflanzt werden?

Was glauben Sie warum so wenig Menschen die libertäre Philosophie kennen, wo sie doch angeblich so fähig zur "Selbstverwaltung" sind?

Streifen Sie die unchristliche Menschenliebe ab (welche den Menschen vor Gott stellt) und Sie werden verstehen.

A. Lehmann, am 12. Dezember 2008 um 21:46 ( Link )

"Was meinen Sie mit privater Herrschaft, privaten Organisationen und tradierten "Gesetzen" in Anführungszeichen?"

Ich schrieb die Gesetze in Anführungszeichen weil ich damit nicht staatliche Gesetze meinte, sondern Gesetze die bewährt und allgemein akzeptiert sind.

"Bei anderen Ideologien ist das nicht so einfach. Die Neue Linke à la Tony Blair ist deutlich pragmatischer, weltgewandter und freiheitlicher als die Marx-Verehrer der Alten."

Diese Ideen sind deswegen nicht besser. Sie sind nur dekadenter. Die neuen Linken kommen mir vor wie die neuen Protestanten. Der alte Dogmatismus hat abgewirtschaftet, und man versucht es nun auf eine etwas sanftere Weise. Endergebnis: Man wirkt nun statt dogmatisch einfach nur noch lächerlich.
Pragmatismus, Weltgewandheit und Freiheitlichkeit sind lediglich Floskeln die vergessen machen sollen das man sich von jeglicher gesunden Urteilsfähigkeit verabschiedet hat.

A. Lehmann, am 12. Dezember 2008 um 21:54 ( Link )

"Die moderne Gesellschaft erniedrigt sich mit solcher Schnelligkeit, daß wir an jedem neuen Morgen mit Nostalgie des Gegners von gestern gedenken.
Die Marxisten fangen schon an, uns als die letzten Aristokraten des Okzidents zu erscheinen."
Davila

Fatal, am 12. Dezember 2008 um 22:48 ( Link )

An A. Lehmann und alle anderen Anhänger einer konservativen, bzw. reaktionären Ideologie:

Sie betrachten den Libertarismus als eine Art konkurrierender Ideologie zu Ihrer eigenen, was grundsätzlich falscher nicht sein könnte.

Das wichtigste Credo des Libertarismus ist wohl "Lass Deinen Nachbarn in Ruhe!". Soll heißen, Ziel des Libertarismus ist es nicht, Ihre Kinder mit einer bestimmten Doktrin zu füttern, sie zu Gender Mainstreamen, Kircheneigentum zu enteignen oder über staatliche Rundfunksender Propaganda zu verbreiten.

Der Libertarismus erlaubt jedem Menschen die Ausübung des von ihm gewünschten Lebensstils, egal ob religiös oder progressiv. Er würde Ihnen erlauben, sich mit Menschen ähnlicher Gesinnung zu verbünden, um gemeinsam einen Lebensraum zu schaffen, in dem einzig und allein die von Ihnen gewünschten Werte Gültigkeit haben, ohne dass Politiker jeglicher Couleur ein Recht haben, Ihr Privateigentum und die Ausübung Ihrer Meinungsfreiheit zu verletzen.

Und sollte rings um diese Inseln der Alten Werte die Welt in Chaos und Anarchie versinken, dann würden die Menschen sehr frühzeitig erkennen, welcher Ideologie sie sich anvertrauen sollten und welche für sie und ihre Familien nur desaströse Folgen hat.

Max, am 12. Dezember 2008 um 22:53 ( Link )

Werter Max, ich proste Ihnen zu. Schlachtschiff versenkt.

Vielen Dank für die netten Worte. Ich möchte an dieser Stelle festhalten, dass ich mit Genuß Ihre Beiträge hier lese.

"Die moderne Gesellschaft erniedrigt sich mit solcher Schnelligkeit, daß wir an jedem neuen Morgen mit Nostalgie des Gegners von gestern gedenken. Die Marxisten fangen schon an, uns als die letzten Aristokraten des Okzidents zu erscheinen."

Kann man auch an der BRD beobachten. Rauchverbot mit der 1968er-SPD? No way! Sozialistischer Bailout-Größenwahn mit der Ludwig Erhard-CDU? No way! Die damaligen Gegensätze im Hinblick auf die Grabenkämpfe der Weimarer Republik? Kein Vergleich! Die Politlandschaft der meisten demokratischen Staaten gleicht im Jahre 2008 einem rot-braun-gelb-schwarz-grün-blauen Einheitsbrei.
Der Individualismus war bisher eben immer die Vorstufe, ja die Voraussetzung für den Kollektivismus, und wer das nicht verstehen will, der soll mir doch bitte gute Gründe liefern, weshalb beim nächsten Experiment alles besser wird. Weimar hat nicht funktioniert, die "soziale Marktwirtschaft" ist offensichtlich am Ende, meine Vorfreude auf ein weiteres individualistisches Expermiment hält sich sehr in Grenzen!

Max, am 12. Dezember 2008 um 22:57 ( Link )

Immer wieder die alte Leier...

Das wichtigste Credo des Libertarismus ist wohl "Lass Deinen Nachbarn in Ruhe!"

So what? Das steht bekanntlich in vielen schlauen Büchern. Daran gehalten hat sich bisher keiner.

Ich wiederhole meine Frage: Was macht Sie so sicher, dass beim nächsten liberalen Experiment alles besser wird, zumal sich am geistigen Fundament nichts geändert hat?

Konservativer, am 13. Dezember 2008 um 2:22 ( Link )

Der Begriff „konservativ“ ist auch deshalb besonders schwammig, weil es anders als bei Sozialisten und Liberalen kein geschlossen konservatives Weltbild gibt.

Dem möchte ich widersprechen. Die "Urlehre" des Konservatismus ist die, dass der Mensch in seinem Kern nicht lieb und gut ist. In theologischer Sprache: Der Mensch ist "sündig".

Aus dieser Erkenntnis lehnt der Konservative alle Weltverbesserungsideolgien als von vornherien zum Scheitern verurteilt ab. Denn alle diese -ismen fordern einen neuen, perfekten, eben in sich guten Menschen.

Auf genau diesen Punkt lässt sich auch die in den USA vorhandenee Auseinandersetzung zwischen Neo- und Paleo- Konservativen zurückführen: Die Neocons, mutierte Trotzkisten, hatten ihr positivistisches Menschenbild im Gepäck und faselten von einer darauf basierenden "new world order". In Realpolitik: Wir brauchen in Afghanistan und Irak nur freie Wahlen abzuhalten und schon wird alles gut. Die Folgen dieses Gedankenguts sind vor Augen.

Hier hätte der (Paleo-) Konservatismus von vornherein mehr Realitätssinn gehabt. Eine Revolution, auch eine von außen mit militärischer Macht oktroyierte, reißt immmer die Grenzen weg, die der bislang existierende Staat dem "sündigen" Individuum gesetzt hat. Auf manche Eskalation und andere Fehlentwicklung hätte man also vorbereitet sein können.

Zum Niedergang des Konservatismus in Deutschland: Neben den veränderten Milieus in der urbanisierten Gesellschaft dürfte das Problem auch rein personelle Ursachen haben. Es fehlt seit langem eine charismatische und zugleich integrative Persönlichkeit. Einen Bismarck kriegt man halt nicht alle paar Jahre.

Quovadis, am 13. Dezember 2008 um 11:36 ( Link )

Das wichtigste Credo des Libertarismus ist wohl "Lass Deinen Nachbarn in Ruhe!", sagt Fatal. Fein. Und wenn dieser Nachbar aber nicht im Traum daran denkt, selbst Ruhe zu geben, sondern wie z.B. aktuell in Athen die Geschäfte plündern und Randale machen will, welche libertäre Doktrin greift dann? Wir kennen den Spruch von Bertolt Brecht: "Stell Dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin - dann kommt der Krieg zu Euch!"

Aus aktuellem Anlass ein FAZ-Interview (12.12.08) mit dem griechischen Soziologen Michael Kelpanides:

Link: www.faz.net/s/RubDDBDABB9457A437BAA85A49C26FB23A0/
Doc~EA249B45262A5472C89F9D307664C37BD~ATpl~Ecommon~Scontent.html?rss_politik

Fatal, am 13. Dezember 2008 um 13:39 ( Link )

Was macht Sie so sicher, dass beim nächsten liberalen Experiment alles besser wird, zumal sich am geistigen Fundament nichts geändert hat?
Wieso "nächstes" liberales Experiment? War für Sie die französische Revolution ein liberales Experiment? Nein, denn die Girondisten haben sich, fatalerweise, mit einer Art Proto-Kommunisten verbündet, nach der naiven Sichtweise "der Feind meines Feindes ist mein Freund".

Ein ähnlich fataler Fehler, wie der des Konservativen von Papen, der sich aus exakt den selben Beweggründen mit den NaSos verbündet hat. Er endete nicht auf der Guillotine, wurde aber ebenso von der totalitären Bewegung, die er einzuschränken gedachte, hinweggeschwemmt wie seinerzeit die Girondisten.

Welche liberalen Experimente haben denn funktioniert? Die frühen USA wären ein Beispiel, bis der sog. "Bürgerkrieg" das für die Freiheit unabdingbare Sezessionsrecht vernichtet hat.
Deutlich erfolgreicher, weil immer noch bestehend war da das Schweizer "Experiment" nahezu unabhängiger Kantone, die, ob ihrer geringen Größe, niemals ihren Bürgern eine ähnlich große Last aufbürden konnten wie die großen Nationalstaaten in Resteuropa.
Ebenfalls positiv zu nennen wäre da noch das enorm geglückte Experiment des Sir John James Cowperthwaite am Perlflussdelta, das wohl leider nur bis 2047 Bestand haben wird (woran aber wohl kaum der Liberalismus Schuld trägt).

Max, am 13. Dezember 2008 um 14:46 ( Link )

Und wieder macht man sich die Welt, wie es einem gefällt...

Zu von Papen: Ich weiß nicht viel von ihm, aber es scheint mir, als versuchte er -für Gott und Vaterland- zu retten, was nicht mehr zu retten war. Aber das soll an dieser Stelle keine große Rolle spielen, denn die Weimarer Republik war sicherlich keine Idee der Reaktion, sondern eine durch und durch liberale Ausgeburt. Und wieder einmal führte -Überraschung!- der Individualismus schnurstracks zum Kollektivismus. (Dass die dummen Wähler auch immer ihr Kreuzchen bei den Sozialisten machen müßen...)

War für Sie die französische Revolution ein liberales Experiment? Nein, [...]

Nunja, Sie können dieses schändliche Verbrechen bezeichnen wie Sie wollen. Die daraus resultierenden, gewollten "Errungenschaften" sowie das geistige Fundament dieser Tat sind jedenfalls als liberal zu bezeichnen. Das Umkrempeln der Gesellschaftsordnung fand selbstredend ganz im liberalen Sinne statt.

Und die Allianz mit den Sozialisten darf niemanden verwundern, denn beide vereint schließlich ein unbändiger Fortschrittsglaube, was bedeutet, dass unter dem Strich mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede vorhanden sind bzw. waren. Aber da rede ich ja offensichtlich gegen eine Wand....

Die frühen USA wären ein Beispiel, bis der sog. "Bürgerkrieg" das für die Freiheit unabdingbare Sezessionsrecht vernichtet hat.

Auch hier mündete ein Muster-Minimalstaat á la John Locke im Kollektivismus eines W. Bush. Die Besonderheit der USA besteht darin, dass ihre Herrscher die größten Abscheulichkeiten im Ausland veranstaltet haben. Nur ein Demokrat wie Wilson konnte dumm genug sein, den Deutschen Versailles aufzudrücken.

Deutlich erfolgreicher, weil immer noch bestehend war da das Schweizer "Experiment" nahezu unabhängiger Kantone, die, ob ihrer geringen Größe, niemals ihren Bürgern eine ähnlich große Last aufbürden konnten wie die großen Nationalstaaten in Resteuropa.

Das "nahezu unabhängig" soll wohl ein Witz sein?
Sei's drum, mit 36% Staatsquote liegt die Schweiz auf einem Level mit dem Kriegstreiber USA und Nazi-Deutschland vor dem Krieg. Von wegen Minimalstaat!


Ebenfalls positiv zu nennen wäre da noch das enorm geglückte Experiment des Sir John James Cowperthwaite am Perlflussdelta,

Jetzt muß schon ein Kleinstaat im fernen Asien als Erfolgsbeweis für den Zentralisierungswahn des Liberalismus herhalten. Nunja, Hongkong existiert in dieser Form bekanntlich noch nicht besonders lange. Gegen Dezentralisierung habe ich natürlich nichts einzuwenden, folglich bewerte auch ich Hongkong sehr positiv. Aber was hat denn das mit Liberalismus zu tun? Befassen Sie sich doch einmal mit der Geschichte Ihrer eigenen Zunft und Sie werden schnell merken, dass regionale Besonderheiten, ja Bizarrheiten, dem Liberalen stets ein Dorn im Auge waren. Und hier kann man den Bogen zu den Kommunisten spannen: Wer sich im Besitz eines Masterplanes zur Erschaffung des irdischen Paradieses wähnt, der kann auf lokale/regionale/private "Kleingeistigkeiten" eben keine Rücksicht nehmen.

Horst E. Böttcher, am 13. Dezember 2008 um 15:33 ( Link )

Zurückkommend auf den hier diskutierten Artikel kann ich
nur feststellen, dass dem Autor eine ausgezeichnete Darstellung
des Konservatismus gelungen ist.

Ich selbst sehe mich als Liberalen mit einer starken sozial-
demokratischen Komponente. Allerdings würden beide Lager,
wenn sie meine Vorstellungen im Detail kennen, jede Verbindung
mit mir energisch zurückweisen. Mit dem Konservatismus
konnte ich nie irgendeine Affinität erkennen, eben wegen jener
Verbindung mit dem Christentum. Für mich ist Religion absolut
eine Privatentscheidung, die völlig losgelöst von der Politik
gesehen werden sollte. Trotzdem begrüsse ich eine Pluralität der
Wertvorstellungen, da so ein reger Wettbewerb entsteht und alle
Gruppen ihre Werte argumentativ vertreten müssen.

Für alle Wertvorstellungen gilt, dass sie sich an veränderte Lebensumstände anpassen müssen. Das hat nichts mit „Zeitgeist“ zu tun,sondern mit der Lebenswirklichkeit. Die Konservativen haben zu
lange zu stark auf die religiöse Bindung gesetzt und sind mit der
Säkularisierung in ein Vakuum abgeglitten. Dabei gäbe es durchaus
konservative Werte unabhängig vom Christentum.

Die Liberalen hatten Ihre grosse Zeit im 19. Jahrhundert, konnten
aber bis heute ihre bürgerliche Biedermeier-Mentalität nicht
vergessen. Dabei haben sich die Zeiten seit dem Hambacher
Fest entscheidend geändert. Dass eine moderne Industriegesell-
schaft ein Sozialversicherungssystem braucht, ist vielen Liberalen
noch immer suspekt. Obwohl gerade im vergangenen Jahrhundert
nach dem Zweiten Weltkrieg der Wunsch nach Freiheit sehr stark
wurde, konnten die Liberalen, politisch die FDP, davon wenig
profitieren. Wer die Befreiung von den Bürgerlichen Zwängen
suchte, wandte sich den 68’ern zu.

Die Sozialdemokraten haben inzwischen liberale und konservative
Werte übernommen, können aber ihren Marx nicht völlig verleugnen,
und zeigen immer wieder den Wunsch nach zuviel Staat und
ungerechtfertigter Umverteilung.

Vielleicht entwickeln sich in der Zukunft neue Werterichtungen.
Konservative ohne Religion. Liberale ohne bürgerliche Altlasten,
Sozialisten ohne zuviel Marx.

Fatal, am 13. Dezember 2008 um 16:46 ( Link )

@ Max: Möglicherweise liegt zwischen uns beiden schlicht und ergreifend nur eine Verwirrung der Begriffe vor. Für mich heißt liberal - in Tradition von Rothbard, Cobden, von Mises, von Hayek, etc. - schlicht und ergreifend, dass sich der Staat aus den Belangen seiner Bürger herauszuhalten hat, sofern diese sich an einfachste Grundregeln (keine Körperverletzung, kein Diebstahl, usw.) halten.


Das "nahezu unabhängig" soll wohl ein Witz sein?
Sei's drum, mit 36% Staatsquote liegt die Schweiz auf einem Level mit dem Kriegstreiber USA und Nazi-Deutschland vor dem Krieg. Von wegen Minimalstaat!

Nein, ein Minimalstaat ist die Schweiz nicht, aber Bankgeheimnis, niedrige Steuersätze und eine große Vielfalt zwischen den Kantonen und Gemeinden über so viele Jahrhunderte aufrechtzuerhalten mutet wie ein kleines Wunder an, das wohl hauptsächlich der enorm föderalen Struktur der Schweiz zu verdanken ist. Treibt man den Föderalismus noch ein paar Stufen weiter, mit einem Sezessionsrecht für Gemeinden und mehr Kompetenzen für Kantone und Gemeinden, ist der Weg zum Nachtwächterstaat wohl nicht besonders weit.

Jetzt muß schon ein Kleinstaat im fernen Asien als Erfolgsbeweis für den Zentralisierungswahn des Liberalismus herhalten.
Ja, dieser Kleinstaat ist, zumindest für mich, ein liberales Vorzeigemodell. Ein nahezu unfruchtbares Eiland, malariaverseucht und häufig mit schweren Unwettern geplagt, das direkt vor der jahrzehntelang verschlossensten Volkswirtschaft der Welt liegt, verwandelt sich in kürzester Zeit in einen modernen, weltoffenen und wohlhabenden Kleinstaat.

Vom Zentralisierungswahn der Liberalen weiß ich nichts. Mises trat immer für ein Sezessionsrecht bis hin zu kleinsten Ebenen als eine Art Fessel für die Demokratie ein, Rothbard ging bei diesem Gedanken noch einige Schritte weiter. Aber hier handelt es sich wahrscheinlich um die von mir oben genannte Begriffsverwirrung.

Jetzt bitte ich Sie, lieber Max, doch die Karten auf den Tisch zu legen: Wo sind denn die großen konservativen Erfolge der jüngeren Geschichte? Und mit "jüngerer Geschichte" meine ich die Zeit NACH dem Feudalsystem. Saudi Arabien? Der Iran?

Max, am 13. Dezember 2008 um 17:43 ( Link )

Vom Zentralisierungswahn der Liberalen weiß ich nichts.

Für mich heißt liberal - in Tradition von Rothbard, Cobden, von Mises, von Hayek, etc

Eine kleine, in der abendländischen Geschichte unbedeutende Sekte. Mit Verlaub, keine Sau interessierte sich je dafür. Aber in Ordnung, ich glaube Ihnen ja gerne, dass Sie das äußerst blutige Treiben der Altliberalen nicht gutheißen und sich für eine bisher unbelastete Ausprägung des Liberalismus interessieren.

Zur liberalen Splittergruppe um Mises:

"For the evaluation of ultimate ends there is no interpersonal standard available."
- Mises

Mises hofft also, ähnlich wie Sie, dass die Menschheit irgendwann so vernünftig sein wird, die Gleichheit vor dem Gesetz zu respektieren ohne auch nur an die Gleichheit im Ergebnis zu denken. Er hofft, dass die Menschen irgendwann so vernünftig sein werden, dem Recht auf Privateigentum uneingeschränkt zuzustimmen. Er hofft, dass die Menschen irgendwann so vernünftig sein werden, die Vorzüge der weltweiten Arbeitsteilung zu erkennen. Eine höhere Instanz als die eigene Vernunft existiert nicht. Auch der Liberalismus eines Mises basiert also, genau wie der Sozialismus, auf der Hoffnung auf die menschliche Vernunft und den guten Willen.

Wie realistisch ist dies? Und wie stabil kann eine solche Rechtsordnung sein? Ist es da nicht vorprogrammiert, dass Demagogen den Menschen allen möglichen Unsinn aufschwatzen? Ist es realistisch davon auszugehen, dass alle Menschen einen ähnlich rationalen Zugang zu Wahrheit und Unwahrheit finden werden wie Sie?

Jetzt bitte ich Sie, lieber Max, doch die Karten auf den Tisch zu legen: Wo sind denn die großen konservativen Erfolge der jüngeren Geschichte? Und mit "jüngerer Geschichte" meine ich die Zeit NACH dem Feudalsystem. Saudi Arabien? Der Iran?

Die Geschichte des "modernen", "aufgeklärten" Europas ab 1789 ist eine Geschichte des Niedergangs. Der Individualismus hat bisher alle Hochkulturen äußerst gründlich zerstört, auch vor dem Abendland wird diese verhängnisvolle Religion nicht Halt machen. Der Liberalismus hat europaweit alle organisch gewachsenen Rechts- und Gesellschaftsordnungen dem Erdboden gleichgemacht und mit einem mechanischen, gleichmacherischen "Rechts"system ersetzt. Der horizontale Druck der individualistischen, "befreiten" Massen war für die vertikalen, alten Gesellschaftsordnungen einfach zuviel und bis auf ein paar wenige Ausnahmen (z.B. das System Metternich) setzt sich der Siegeszug der Moderne bis zum heutigen Tage fort - mit verheerenden, ja gesellschaftszersetzenden Folgen, die den "Westen" schon alleine aufgrund der demographischen Entwicklung (auch eine Folge des Individualismus) an den Rand des kompletten Untergangs bringen werden.

Nur eine umfangreiche Rechristianisierung kann da noch Abhilfe schaffen. Doch wenn ich mir den erbärmlichen Zustand der katholischen Kirche anschaue, dann ist das nicht besonders wahrscheinlich.

Kurzum: Ich bin sehr pessimistisch, was mich aber nicht daran hindert, die Wahrheit zu vertreten und nicht irgendwelchen idealistischen Vorstellungen von einer "alle-denken-so-wie-ich"-Welt anzuhängen.

Martin Möller, am 13. Dezember 2008 um 17:46 ( Link )

Der größte Erfolg des Konservativismus in der jüngsten Geschichte war der Staat Francos in Spanien. Hier zeigte sich vor allem, daß es ohne Parlamente nicht nur besser, sondern sogar erheblich besser geht.

Fatal, am 13. Dezember 2008 um 19:11 ( Link )

"For the evaluation of ultimate ends there is no interpersonal standard available."
- Mises
Mit Verlaub, aber was Sie hier von Mises zitieren ist die - absolut richtige - Aussage, dass es unmöglich ist, interpresonelle Nutzenfunktionen zu erstellen. Dies ist eine Aussage aus den Wirtschaftswissenschaften, die, meines Erachtens nach, nichts mit unserer Diskussion hier zu tun hat.

Aber nun zum Rest: Nein, ich glaube absolut nicht daran, dass der Großteil der Menschheit sich jemals zu einer wirklich freiheitlichen Ordnung zusammenraufen kann. Aus diesem Grunde plädiere ich ja so vehement für kleinere Staatseinheiten und Sezessionsrecht, damit sich eben jene Minderheit im Notfall von der Mehrheit absetzen kann und nicht mehr auf sie angewiesen ist.

Wenn ich mir aber die ganze adelige Brut, angefangen vom Prügelprinzen, bis hin zu den peinlichen Grimaldis, dem abwechselnd besoffenen und bekifften Prinz Harry oder seinem absolut vertrottelten Großvater, oder die völlig dekadenten und weltfremden Al Sauds so ansehe, bin ich manchmal nicht allzu traurig, dass ich nicht von solchen Leuten regiert werden muss.

Ihre Definition des Wortes "Individualismus" wüsste ich im Übrigen auch gerne. Für mich heißt das einfach nur, dass jeder Mensch seinen Lebensweg frei wählen kann, nicht an Standes- oder Kastenzwänge gebunden ist und einzig nach seinen eigenen Leistungen bewertet wird und nicht nach den Leistungen eines seit Jahrhunderten verstorbenen Vorfahren.

Martin Möller, am 13. Dezember 2008 um 19:21 ( Link )

„Wenn ihr Sohn bei der Kripo ist, warum schicken Sie ihn dann nicht mal ins Parlament, zum Aufräumen?“

Dieter Hallervorden, SFB „B 1“ am 1. Januar 2003

Jürgen Hodler, am 13. Dezember 2008 um 20:06 ( Link )

@fatal

"Aus diesem Grunde plädiere ich ja so vehement..."

Das Schattenboxen soll in gewisser Weise ja auch sinnstiftend sein.:) Sind Ihre vehementen Plädoyers bis dato auf ein nennenswertes Interesse gestoßen? Wohl eher nicht. Derartige Plädoyers finden sich in der virtuellen Welt – mag der weltanschauliche Hintergrund auch differieren – ja bekanntlich in millionenfacher Zahl und somit dürfte für eine gewisse Abstumpfung wohl von selbst gesorgt sein. Also mit bereit der Neolibertarismus ganz gewiß keine schlaflosen Nächte.

„Ihre Definition des Wortes "Individualismus" wüsste ich im Übrigen auch gerne. Für mich heißt das einfach nur, dass jeder Mensch seinen Lebensweg frei wählen kann, nicht an Standes- oder Kastenzwänge gebunden ist und einzig nach seinen eigenen Leistungen bewertet wird und nicht nach den Leistungen eines seit Jahrhunderten verstorbenen Vorfahren.“

Dann wird es aber Zeit, daß Sie sich in die Ideologie Individualismus so richtig vertiefen. Es erstaunt mich stets, wenn einige Zeitgenossen mit Worthülsen um sich werfen, mit deren Bedeutung sie überhaupt nicht vertraut sind. In Folge bemüht man eben ein Privatgebräu. Na ja, der Subjektivismus brachte ja stets sonderbare Stilblüten hervor. Apropos Individualismus: Da habe ich ja eh noch ein Hühnchen mit Ihnen zu rupfen. Aber auch hier gilt: Das Beste kommt zum Schluß.:)

Jürgen Hodler, am 13. Dezember 2008 um 20:19 ( Link )

@fatal

„Nein, ein Minimalstaat ist die Schweiz nicht, aber Bankgeheimnis, niedrige Steuersätze und eine große Vielfalt zwischen den Kantonen und Gemeinden über so viele Jahrhunderte aufrechtzuerhalten mutet wie ein kleines Wunder an, das wohl hauptsächlich der enorm föderalen Struktur der Schweiz zu verdanken ist. Treibt man den Föderalismus noch ein paar Stufen weiter, mit einem Sezessionsrecht für Gemeinden und mehr Kompetenzen für Kantone und Gemeinden, ist der Weg zum Nachtwächterstaat wohl nicht besonders weit.“

Zuerst sei hier angemerkt, daß die Schweiz weder eine demokratische noch eine liberalistische, sondern eine mit populistischen Elementen angereicherte ständisch-aristokratische Vergangenheit hat. In gewisser Weise ist es ja verständlich, daß sich sowohl der Liberale als auch der Demokrat nur allzu gerne im Lichte der Tradition sonnt, aber nichts ist abwegiger als dieser Akt der Selbstbeweihräucherung. Altliberale und demokratische Machtergreifungen waren – und das war auch in der Schweiz nicht anders! – stets ein Akt der Niedertracht, der Schamlosigkeit, der Hinterfotzigkeit, der Skrupellosigkeit, der hochverräterischen Aufwiegelei und schlußendlich der schieren Gewalt. Tradierte Aspekte finden sich hier allerhöchstens in der menschlichen Erbsündhaftigkeit!

Dann sei betont, daß es ja gerade die Altliberalen waren, welche mit ihrer über den Ständerat hinweg inthronisierten Verfassung von 1848 die Eidgenossenschaft in einen – wie man heute so hübsch zu sagen pflegt – „modernen Bundesstaat“ verwandelten, der für die einzelnen Kantone übrigens keinerlei Austrittsrecht mehr vorsah. In dieser Hinsicht widersprechen Sie sich selbst! Es war übrigens ein arges Versäumnis der Garantiemächte Frankreich, Österreich und Preußen, daß dem freisinnigen Spuk anno 1848 im Interesse der alten Eidgenossenschaft nicht augenblicklich ein Ende bereitet wurde. Bedingt durch die liberale Aufwiegelei hatten die allerdings mich sich selbst gar mehr als genug zu tun. Zusätzlich sei noch betont, daß der Erhalt der föderativen Strukturen in der Schweiz selbstredend auch nicht den Altliberalen zu verdanken ist. Wäre es nach denen gegangen, dann hätte sich das Experiment „Helvetische Republik“ wohl wiederholt. Es waren – und damals hatte dieses Adjektive von eine gewisse Bedeutung – konservative Kreise in den reformierten Kantonen (die katholischen waren nach dem von den Liberalen aufgezwungenen Sonderbundskrieg ja schachmatt gesetzt), welche der liberalen Herrschsucht enge Grenzen setzten und so einen Zentralstaat nach französischem Vorbild gottlob verhinderten. Fazit: Es ist eine gar rührselige Naivität, wenn nun ausgerechnet der Altliberale in der Schweiz die Vervollkommnung seines Wirkens zu erkennen glaubt. Dazu gibt es aber nun wirklich keine Veranlassung.

Jürgen Hodler, am 13. Dezember 2008 um 20:54 ( Link )

@fatal

Pardon, es sollte wohl heißen "und damals hatte dieses Adjektiv noch eine gewisse Bedeutung".

Jürgen Hodler, am 13. Dezember 2008 um 21:40 ( Link )

@fatal

Ach, da findet sich ja auch noch ein hochinteressanter Punkt:

„Jetzt bitte ich Sie, lieber Max, doch die Karten auf den Tisch zu legen: Wo sind denn die großen konservativen Erfolge der jüngeren Geschichte? Und mit "jüngerer Geschichte" meine ich die Zeit NACH dem Feudalsystem. Saudi Arabien? Der Iran?“

Was interessiert das mohammedanische Staatswesen im abendländischen Kontext? Eigentlich nicht sonderlich viel.

Nun gut, sie fragen ja nach „konservativen Erfolgen“ und so bin ich hier eigentlich gar nicht angesprochen. Ich fühle mich an der Seite der Reaktion wesentlich wohler und so habe ich mich meiner Lebtag noch nie als konservativ bezeichnet. Ein „Konservatismus“? Was soll mit diesem semantischen Unfug eigentlich ausgedrückt werden? Freilich, der moderne Mensch hat die „ismen“ ja geradezu mit der Muttermilch aufgesogen. Die Individualität mutiert zum Individualismus, die Liberalität mutiert zum Liberalismus, das organische Aufbauen auf der Tradition mutiert zum Konservatismus, der katholische Glaube mutiert im neudeutschen Sprachgebrauch gar zum Katholizismus etc. etc. etc.. Dabei hat der moderne Mensch in seiner ideologiegeschwängerten Verblendung bis dato aber noch nicht begriffen, daß die sich hinter diesen ganzen „ismen“ verbergenden Ideen schlußendlich restlos ad absurdum geführt wurden und insbesondere bei der Liberalität sollte diese Ignoranz aber eine nun wirklich häßliche Blütenpracht hervorbringen. Wie soll sich denn das bereits bemühte organische Aufbauen auf der Tradition in Form eines „ismus“ bewerkstelligen lassen? Das wäre ja geradezu ein Widerspruch in sich. Solche Typen finden sich im JF-Umfeld aber dennoch zuhauf. Da glaubt man dann, daß sich mit Hilfe des Papiergesetzwedels – ein wirklich unmögliches Unterfangen - so etwas wie eine kulturelle Normalität etablieren ließe und schon wird alles wieder gut. Mit den Unwerten der Revolution hat man eh seinen Frieden geschlossen. Aber die sind im richtigen Licht betrachtet so spinnert wie die Minimalstaatler.

Nun, zunächst ist es eine primäre Aufgabe des Reaktionärs, das zarte Lichtlein unseres katholischen Glaubens und somit auch der Tradition zu bewahren. Das bloße Utopieren – die Sinnleere des Modernisten will ja auch auf die ein oder andere Weise gestillt sein - sei Ihnen und Ihresgleichen überlassen. Dennoch soll der Reaktionär den Versuch wagen, seinen der Verblendung anheimgefallenen Nächsten vom liberalistischen Pfade und somit vom Pfade in die ewige Verdammnis abzubringen. Natürlich soll sich der Reaktionär an der Abendstimmung des kommenden Untergangs der „aufgeklärten“ liberaldemokratischen Epoche erfreuen und trösten, aber damit alleine ist es m. E. nicht getan.

Nun darf man die Verheerungen des „Aufklärungszeitalters“ durchaus mit jenen Verheerungen vergleichen, welche die Wikinger- und Normannenstürme im frühen Mittelalter hinterließen. Es waren versprengte Mönche, die das Licht unseres Glaubens bewahrten und es sollten keine hundert Jahre vergehen, bis unser katholischer Glaube wieder in neuem Glanze erstrahlen sollte. So wird es auch sein, wenn die Irrungen und Wirrungen der Häresie „Aufklärung“ überwunden sind. Die Gottesmutter hat dies prophezeit und so gilt es nicht zu verzagen. Die Wahrheit kommt stets ans Licht und somit ist auch der Untergang des liberaldemokratischen Babylons, dieser Ausgeburt des Antichristentums und des Gotteshasses, gewiß. „Gefallen, gefallen ist Babylon, die Große, und sie ist geworden zur Behausung der Dämonen, zum Schlupfwinkel für allerlei unreine Geister, zum Schlupfwinkel für allerlei unreine und abscheuliche Vögel. Denn vom Wein ihrer Unzucht haben alle Völker getrunken, und die Könige der Erde haben mit ihr Unzucht getrieben, und die Kaufleute der Erde sind an ihrer maßlosen Üppigkeit reich geworden“ (Offb. 18, 2 - 3).

Jürgen Hodler, am 13. Dezember 2008 um 21:51 ( Link )

@Horst E. Böttcher

"Dabei gäbe es durchaus konservative Werte unabhängig vom Christentum."

Ja welche denn? Etwa der uferlose Menschenrechtsaberglaube? Die Bewahrung dieses Kultes darf in gewisser Weise ja auch als konservativ bezeichnet werden. Aber hier erlangt Dostojewskis Diktum doch erst seine wahre Bedeutung: Wenn Gott tot ist, dann ist alles erlaubt.

Martin Möller, am 13. Dezember 2008 um 22:04 ( Link )

Arriba Franco! Nie wieder Demokratie!

Jürgen Hodler, am 13. Dezember 2008 um 22:22 ( Link )

"Arriba Franco! Nie wieder Demokratie!"

Zweifellos! Hat sich dieser heiligmäßige Erretter Spaniens jemals als „konservativ“ bezeichnet? Wohl eher nicht. Zumindest ist mir nichts bekannt.:)

Fatal, am 14. Dezember 2008 um 4:02 ( Link )

Guten Abend Herr Hodler.

Zuerst einmal möchte ich sagen, wie sehr ich mich freue, einmal wieder von Ihnen zu lesen. Ich habe in den letzten Jahren häufig an Ihre Textbeiträge gedacht, war aber der festen Meinung, nie wieder etwas von Ihnen zu lesen.

Danach würde ich gerne anmerken, dass Sie mich gerne mit allen möglichen Etiketten versehen können, jedoch immer daneben langen werden. Sie werden mich niemals im Gleichschritt mit irgendeinem stieren Mob beobachten, auch nicht mit einem altliberalen.
Ich kann mich nicht mit der französischen revolution (kleingeschrieben) identifizieren, schon gar nicht mit der Vendée, halte nicht allzu viel von Demokratie oder einen - wie Sie es nannten "modernen Bundesstaat" (ein Komilitone von mir sagt so treffend "Das ist alles modern. Und modern heißt hier wie immer schlecht.").

Ich erinnere hier gerne an den Ritter Erik von Kuehnelt-Leddihn, mit dessen Meinung ich durchaus eine gewisse Schnittmenge teile, auch wenn ich nicht ganz so sehr wie er davon überzeugt bin, dass die Rechristianisierung der Bevölkerung die Antwort auf alle (oder die meisten) Fragen ist und er doch seine Finger von wirtschaftswissenschaftlichen Themen hätte lassen sollen (auch wenn er einen großartigen Artikel über das ebenso großartige Lebenswerk des L. von Mises verfasst hatte).

Nun eben dieser Ritter Erik bezeichnete sich bisweilen selbst als Liberalen, auch wenn er, ganz wie ich, nichts von alledem hält, was Sie hier als "altliberal" bezeichnen. Für ihn war Liberalismus (tut mir leid, ich wüsste hier nicht, wie man das ohne Ismus nennt) schlicht und ergreifend der Gedanke, wie man am besten die Freiheit jedes Menschen zur Wirklichkeit werden lassen kann.

Wenn ich mich über die schweizer Geschichte, die ich leider nur sehr oberflächlich kenne, recht entsinne, war ihr erster Akt der Selbstbefreiung der, die Habsburger (ich glaube, es waren die Habsburger) zum Teufel zu hauen und fortan musste kein Schweizer mehr Abgaben entrichten, um irgendeinem dahergelaufenen gepuderten Erbschleicher sein seidenes Klopapier zu finanzieren.

In dieser Hinsicht widersprechen Sie sich selbst!
In welcher? Ich habe mich doch gerade für das Sezessionsrecht und kleine Entitäten ausgesprochen.

Martin Möller, am 14. Dezember 2008 um 9:48 ( Link )

Diesen Beitrag möchte ich als nackten Schwachsinn qualifizieren.

zebra, am 14. Dezember 2008 um 10:50 ( Link )

Den heutigen Tagesspruch nehme ich zum Anlaß, meine bescheidene Meinung zu diesem interessanten Artikel und zum Thema Konservatismus zu äußern: "Wer hinsichtlich der Freiheit kein Prinzipienreiter ist, wird die Koppelzäune der Knechtschaft nie überspringen können." (Roland Baader)

Das bedeutet für mich, daß Freiheit eine Basis braucht von Verantwortung und einem ethischen Bewußtsein, umgesetzt in jedem Individuum selbst, welche schwerer wiegt als gesellschaftliche Moden und Tagesmeinungen, mit welchen die Medien einen auf Trab halten wollen und ablenken vom Wesentlichen. Das ethische Bewußtsein klingt für einige spinnert - aber da treffe ich mich gelegentlich mit sogenannten Konservativen, welche christliche Werte und Traditionen, Tugenden verinnerlicht haben... ohne moralische Werte und persönlicher Haftung kann es keine Gerechtigkeit geben neben der, die einem ersatzweise aufgezwungen wird. Ich bedauer schon seit vielen Jahren die Gleichgültigkeit allem Erhaltenswerten gegenüber, das fängt bei lokalen und internationalen "Tauschgeschäften" (und Zwangsbeglückungen) mit anderen Menschen an und hört bei der Natur und der Artenausrottung auf, knapp gesagt.

Mich hat der Artikel in der sezession über den ehrenhaften Kaufmann von Günter Zehm angesprochen, abgesehen von dem Vergleich der Gesichtsausdrücke von Menschen auf den Straßen heute verglichen mit denen aus den 50er Jahren: diese aus heutiger Sicht für mich oftmals zugedröhnt wirkenden Fleischkonsumentengesichter haben wir nun wirklich nicht mehr und einer nachträglichen Idealisierung dieser Zeit kann ich nicht viel abgewinnen.

Freundliche Grüße und einen besinnlichen dritten Advent,

zebra

Heiko Kretzschmar, am 14. Dezember 2008 um 13:17 ( Link )

Zum Verhältnis von Freiheit und Moral und von Liberalismus und Konservatismus fällt mir ein, was die Gründerväter der Vereinigten Staaten dazu zu sagen haben.

John Adams: “Our constitution was made only for a moral and religious people. It is wholly inadequate to the government of any other.”

George Washington: “Reason and experience both forbid us to expect that national morality can prevail in exclusion of religious principle.”

Benjamin Franklin: “Only a virtuous people are capable of freedom. As nations become corrupt, they have more need of masters.”

(aus dem Film „Overview of America“ der John Birch Society, zu finden auf Google Video).

Und Hoppe resümiert:

„Es sollte daher offensichtlich sein, daß und warum Libertäre moralische und kulturelle Konservative der kompromißlosesten Sorte sein müssen. Der gegenwärtige Zustand moralischer Degenerierung, sozialen Zerfalls und kultureller Verrottung ist exakt das Resultat von zuviel – und vor allem von fehlgeleiteter und falsch verstandener – Toleranz. Anstatt gewohnheitsmäßige Demokraten, Kommunisten und Lebensstil-Alternativisten zu isolieren, auszuschließen und auszuweisen, wie es den Prinzipien einer Gemeindeübereinkunft entspricht, wurden sie von der Gesellschaft toleriert. […] Libertäre müssen sich von anderen dadurch unterscheiden, daß sie die extremste Form der Intoleranz und Diskriminierung gegenüber Egalitaristen, Demokraten, Sozialisten, Kommunisten, Multikulturalisten, Umweltschützern, schlechtem Benehmen, Fehlverhalten, Inkompetenz, Grobheit, Vulgarität und Obszönität ausüben (und befürworten). Wie echte Konservative, die sich vom falschen sozial(istisch)em Konservatismus der Buchanan-Anhänger und der Neokonservativen trennen müssen, müssen wahre Libertäre sich sichtbar und betont von den falschen – multi-gegenkulturellen und antiautoritär-egalitären – linkslibertären Betrügern trennen.“

(Hoppe, „Demokratie – Der Gott der keiner ist“, 2. Aufl., Manuscriptum, Waltrop und Leipzig, 2004, S. 409f)

Martin Möller, am 14. Dezember 2008 um 13:30 ( Link )

Die usa sollte sich auf diejenigen Gründerväter besinnen, die treu zur Krone gestanden sind.

zebra, am 14. Dezember 2008 um 14:43 ( Link )

@Herr Kretzschmar,

„Es sollte daher offensichtlich sein, daß und warum Libertäre moralische und kulturelle Konservative der kompromißlosesten Sorte sein müssen. Der gegenwärtige Zustand moralischer Degenerierung, sozialen Zerfalls und kultureller Verrottung ist exakt das Resultat von zuviel – und vor allem von fehlgeleiteter und falsch verstandener – Toleranz. Anstatt gewohnheitsmäßige Demokraten, Kommunisten und Lebensstil-Alternativisten zu isolieren, auszuschließen und auszuweisen, wie es den Prinzipien einer Gemeindeübereinkunft entspricht, wurden sie von der Gesellschaft toleriert. […] “

Dem Hoppe-Zitat kann ich überhaupt nicht zustimmen. Der soziale Verfall hat andere Ursachen, die hautsächlich in der schlechen Politik unfähiger Politiker begründet ist, und ist nicht durch rigide Ausgrenzung und Ausweisung zu beheben. Ausgrenzung ist für mich eine hilflose Antwort auf mangelnde Selbstreflektion von Spätzündern. Ich suche mir i.d.R. selber aus, mit wem ich "spielen" will und schütze mich selbst vor denen, die mich in meiner Freiheit bedrohen. Dazu bedarf es keiner Ausgrenzungsaktivitäten durch andere oder von einem Staat.

Max, am 14. Dezember 2008 um 15:44 ( Link )

Hoppes Aussagen beziehen sich auf das Privatleben des Einzelnen sowie auf seinen Entwurf der "natürlichen Ordnung". Mit dem Demokratenstaat hat er abgeschlossen, da ist seiner Meinung nach Hopfen und Malz verloren.

Tatsächlich hat es bisher jede stabile, kulturell und geistig hochwertige, prosperierende Ordnung fertiggebracht, mit asozialen, gesellschafts- und zivilisationszersetzenden Elementen wie Räuber, Dieben, Demokraten, Homokultjünger etc. fertig zu werden.

Ich suche mir i.d.R. selber aus, mit wem ich "spielen" will

"Spielen" ist ein hervorragender Ausdruck, kommt dadurch doch die gesamte Lächerlichkeit des liberalistischen Entwerfens einer hirnrissigen Utopie zum Vorschein. Und abends tanzen der Schwule, der Moslem und der Katholik fröhlich um das libertäre Lagerfeuer des ewigen Fortschrittes und stimmen das "Ave Mises" an... Zum totlachen.

Tatsächlich scherte sich die Weltgeschichte einen feuchten Kehricht um dieses liberal-libertäre Toleranz-Multi-Kulti-Gefasel und so darf glücklicherweise resümiert werden, dass das Abendland für immer und ewig von dieser kindischen Heile-Welt-Utopie verschont bleiben wird.

zebra, am 14. Dezember 2008 um 16:59 ( Link )

@Max:

Spielen ist eine ernsthafte Sache. Aber Sie können ja schonmal anfangen, die Weltgeschichte auf Ihre Weise zu schreiben um der "natürlichen Ordnung" auf den Weg zu helfen. Verschonen Sie mich nur mit Ihrem Aberglauben, so wie sie Ihr Guru versteht. Mit einem "ewigen Fortschritt" habe ich nichts am Hut, mit Multikulti auch nicht viel und das Ave Mises werde ich Ihnen zu Liebe auch nicht anstimmen.

Trotzdem freundliche Grüße

Horst E. Böttcher, am 14. Dezember 2008 um 19:44 ( Link )

@Jürgen Hodler
als konservative Tugenden würde ich Arbeitsethik, Recht-
schaffenheit, soziales Verhalten und Traditionsbewusstsein anführen. Die Einhaltung der Menschenrechte gehört ebenfalls dazu. Dostojewskis Meinung ist seine eigene Ansicht, nicht aber meine!

Jürgen Hodler, am 14. Dezember 2008 um 20:23 ( Link )

@Horst E. Böttcher

Schwammiger geht's nun wirklich nimmer. Da ist es ja gut zu wissen, daß sich aber auch wirklich jeder linke Parteiaparatschik in der Rolle des Konservativen gefallen darf. Für einen fruchtbringenden Disput ist die Leerformel "konservativ" wohl in der Tat nicht geeignet.

Alexander Schoppmann, am 14. Dezember 2008 um 23:41 ( Link )

Es ist fahrlässig die Generation 50+ abzuschreiben. Nie waren die Überfünfzigjährigen so aktiv wie heute. Das Anbeten der Jugend ist eine ausschließlich kommunistische Tugend, die auf die leichte Beeinflußbarkeit der "traue keinem über 30" Generation anspricht.
Die '68, die man nun versucht in den Medien hochzujubeln, waren gesellschaftlich ausgegrenzte Tagediebe mit Illusionen, die heute leider zum Alltag geworden sind. Diese '68er sind die Lehrer unserer Kinder geworden, haben dadurch einen gehörigen Einfluß auf unsere Gesellschaft nehmen können. Natürlich gehörte das "politische" Umfeld der '70er, als Kernpunkt, dazu und machte einen solchen Sinnes- und Gesinnungswandel erst möglich.

Jürgen Hodler, am 15. Dezember 2008 um 2:06 ( Link )

Folgender Punkt, werter Herr Böttcher, würde mich nun doch noch interessieren: Einerseits betonen Sie ein – was auch immer sich dahinter auch verbergen mag – Traditionsbewußtsein, aber andererseits ist den Hohepriestern des Menschenrechtskultes Folge zu leisten. Dieses Miteinander will natürlich nicht so recht harmonieren, zumal sich an der Frage, ob der Grand Terreur und die Erklärung der Menschenrechte nicht zwei Seiten einer Medaille sind, noch vor nicht allzu langer Zeit die abendländischen Gemüter scheiden sollten. Es waren ja gerade die Vertreter der Tradition, die ihrer Rechte – auf diesen Umstand habe ich bereits in einem anderen Strang hingewiesen – im Namen des Menschenrechtskultes verlustig gingen. Soll heißen: Einer stillen Mehrheit wurden die eben erklärten Menschenrechte verwehrt, um damit dem Menschenrechtskult im Namen einer neuen Menschheit das Fortschreiten zu ermöglichen.

Aber spinnen wir diesen Faden ruhig noch ein wenig weiter: Es ist ja gerade das aus der Loslösung vom christlichen Dekalog resultierende weltanschauliche „Anti“ des Menschenrechtskultes, welches die Revolution bis zum heutigen Tage unaufhörlich vorwärts treibt und so kennt eben dieser Menschenrechtskult selbstredend dann keine Grenzen mehr, wenn das Recht im Zuge der sog. „Aufklärung“ einzig und allein als ein Ausdruck der menschlichen Vernunft verstanden wird und das allseits geschätzte Sandkorn „Individuum“ selbst die banalsten subjektiven Wünsche in Folge dessen mit aller Selbstverständlichkeit auch als Recht artikuliert. Da kann es natürlich auch nicht überraschen, daß bis dato aber auch wirklich jeder Salonpalaverer, Pflastertreter, Marktschreier und Pöbelaufwiegler in diese von Allgemeinplätzen nur so wimmelnde Pedanterie, welche im richtigen Licht betrachtet ja als Ausdruck der freimaurerischen Weltethosquacksalberei verstanden werden muß, recht problemlos seine abscheuliche Formel für eine neue Menschheit einfügen konnte. Auch hier heiligte der Zweck stets die Mittel. Und nun will mir ein „Konservativer“ verdeutlichen, daß dieser überaus nichtsnutzige und geradezu gemeingefährliche Kult auf irgendeine Art und Weise dennoch mit der Tradition in Einklang zu bringen ist? Deutlicher kann der Niedergang des konservativen Denkens wohl nicht bestätigt werden. Zum Beweis betrachte man nur jene deutlichen Worte, welche Edmund Burke, bekanntermaßen einer der prägnantesten Vertreter der konservativen Schule, im Hinblick auf den Menschenrechtskult und dessen unweigerliche Folgen niederschrieb:

„Sie haben eine Art Kodex der Anarchie kompiliert und veröffentlicht, "Menschenrechte" genannt, der so pedantisch abgefaßt ist und so von Gemeinplätzen wimmelt, daß er Schulkindern Schande gemacht hätte...Durch diese wahnwitzige Erklärung der Menschenrechte haben sie den Staat erschüttert und ihrem Lande Geißeln zugezogen, die andere Länder höchstens im Gefolge langer Kriege zu erdulden hatten und die schließlich in einen verheerenden Krieg, vielleicht sogar in eine ganze Reihe von Kriegen stürzen können. Wenn sie mit ihrem Unternehmen Erfolg haben, was nur zu wahrscheinlich ist, wenn es ihnen gelingt, in einem Land wie Frankreich die Demokratie einzuführen oder besser, ein monströses Gebilde einzelner Demokratien, so wird ihnen eine miserable Art der Tyrannei gelungen sein.“

Aber ich weiß, Ihrer Meinung, verehrter Herr Böttcher, können diese deutlichen Worte selbstredend nicht entsprechen. Der moderne „Konservative“ hat, der medialen Dauerberieselung sei Dank, in dieser Hinsicht ja auch offensichtlich eine gehörige Portion revolutionärer Dialektik mit aller Selbstverständlichkeit verinnerlicht. Gelegentlich findet das Menschenrechtsgetöße ja auch im Szeneblatt JF eine Heimstatt und so kann es dann auch nicht überraschen, daß aber auch wirklich jeder Reflex gegenüber der Vergewaltigung des Menschengeschlechts durch diesen leidigen Menschenrechtskult ausgeschaltet wird.

Horst E. Böttcher, am 15. Dezember 2008 um 13:50 ( Link )

@Jürgen Hodler

Zunächst eines zur Klarstellung: ich habe mich niemals
als „Konservativen“ bezeichnet. Ich sehe mich als Sozial-
Liberalen, respektiere aber auch konservative Wertvor-
stellungen, als Bereicherung der gesellschaftspolitischen
Diskussion. Ich respektiere auch die Religion, verlange
aber, dass diese eine private Angelegenheit bleibt. Wenn
Dostojewski das anders sah, so ist das seine Meinung.
Religion ist oft genug von Machthabern und gesellschaft-
lichen Kräften misbraucht worden um die Menschen zu
disziplinieren. Mit der 68’er Revolution und der folgenden
Säkularisierung ist dieses Mittel weitgehend entfallen.
Menschenrechte stehen für mich als Norm über allen
individuellen Wertevorstellungen. Insofern kann ich Ihre
Ausführungen nicht nachvollziehen.

Wohlbemerkt, ich bin kein Konservativer, ich habe nur aufge-
führt, was m.E. (ausserhalb der Religion) die konservativen
Werte sein dürften. Was Tradition anbetrifft, so gibt es
solche die gut, andere die schlecht ist, und wieder andere
Werte, die einfach von der Entwicklung überholt sind.

Jürgen Hodler, am 18. Dezember 2008 um 1:43 ( Link )

Werter Herr Böttcher, jetzt wird's gar schizophren. Einerseit ist der christliche Offenbarungsglaube ins Private abzudrängen, aber andererseits wird der Menschenrechtskult, der ja nur im pseudoreligiösen Sinne verstanden werden kann, zum Absolutum erklärt. Zumal die vom Menschenrechtskult ausgehenden "Disziplinierungen" das für den abendländischen Menschen Vorstellbare bis dato um Längen übertreffen sollte. Die Tinte auf dieser pedantischen "Erklärung der Bürger- und Menschenrechte" (eine "Erklärung der Nudelholz- und Nußknackerechte" wäre gar noch feingeistiger gewesen) war ja nocht nicht einmal trocken, als im Namen dieses Kultes wahre Orgien veranstaltet wurden.

Horst E. Böttcher, am 27. Dezember 2008 um 13:20 ( Link )

@juergen Hodler

Wir haben da voellig unterschiedliche Vorstellungen.
die kaum eine Diskussion erlauben. Ob meine Gedanken
schizophren sind, sollen andere beurteilen. Ich kann
Ihre Gedanken nicht nacvollziehen und enthalte mich
deshalb eines Kommentars.

Scrutograph, am 07. Januar 2009 um 20:53 ( Link )

Das Christentum ist auf dem Rückzug.
Aber an Konservatismus im Sinne von Ordnungs- und Sicherheitsfixierung sehe ich in Deutschland mit seiner alternden Bevölkerung wahrlich keinen Mangel. Daneben gibt es Linkskonservatismus, Ökokonservatismus, Liberalkonservatismus und islamisch motivierten Konservatismus. Auch die Ex-SED-Stammwähler sind sehr auf Sicherheit und Ordnung ausgerichtet, kommunal arbeitet die CDU im Osten in einigen Orten mit der Ex-SED zusammen.


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