13. Dezember 2008

Deflation Unbegründete Angst vor einem Gespenst

Wider steigende Preise und den politisch gewollten Konsum

Die warnenden Stimmen vor der Deflation werden lauter, beispielsweise Gerald Braunberger in seinem Kommentar in der FAZ vom 24. November 2008 (S. 11). Braunberger hat „Das Gespenst der Deflation“ erblickt. Unzweifelhaft gebe es deflationäre Tendenzen. Dies werde durch die Preiseinbrüche auf den Märkten für Vermögensgüter belegt. Immobilien-, Aktien und Rohstoffpreise seien durch die Bank gesunken. Es stelle sich die Frage, ob die Deflation nicht bald die Gütermärkte erreiche. Nach diesem tiefen Blick in die Augen des Gespenstes der Deflation entscheidet Braunberger sich für eine Geisteraustreibung.

Diese Argumentation ist aus mehreren Gründen bemerkenswert. Es ist schon unklar, was die vielgebrauchte Phrase von den „deflationären Tendenzen“ bedeuten soll. Die Unklarheit liegt nicht zuletzt in der von Braunberger gebrauchten Definition der Deflation begründet: Nach Braunberger ist Deflation ein „Zustand, in dem das Preisniveau sinkt". Ein Zustand ist vor allem diese Definition, denn ein Zustand ist etwas statisches, in dem dynamische Bewegungen, wie das Sinken und Ansteigen der Preise, nicht erkannt werden können. Gemeint ist wohl einfach die Beobachtung, dass die Preise sinken. Wann und unter welchen zusätzlichen Umständen allerdings aus den immerfort sinkenden Preisen einzelner Branchen, etwa der für elektronische Güter, „deflationäre Tendenzen" werden, bleibt ebenso unklar wie die Frage, wann „deflationäre Tendenzen" in eine ausgewachsene Deflation umschlagen. Ein anderes Problem ergibt sich aus Braunbergers Sorge, dass die Deflation bald die Gütermärkte erreichen könnte. Man ist perplex: Sind denn Rohstoffe, denen Braunberger einbrechende Preise bescheinigt, keine Güter? Sie sind es, daher ist die Sorge Braunbergers bereits verspätet.

Ausdrücklich weist Braunberger auch darauf hin, dass niemand so recht sagen könne, wie man der Deflation begegnen soll. Ein Patentrezept existiere nicht und der Erfolg der Politik der Notenbanken, der Deflation durch Zinssenkungen gegenzusteuern, sei ungewiss. Gleichwohl kommt er in seinem Kommentar zu dem Ergebnis, dass die Deflation unbedingt zu vermeiden sei und führt anschließend seine Gründe dafür auf.

Erstens, erklärt Braunberger, belaste die Deflation die Schuldner, die mehr Geld zurückzahlen müssten und deren Sicherheiten an Wert verlören. Hier übersieht Braunberger den gegenteiligen Effekt: Die Gläubiger profitieren. Ist es in einer Zeit nahezu bankrotter Banken denn falsch, dass die Banken als größte Gläubiger profitieren? Braunberger gesteht zu, dass die Funktionsfähigkeit der Banken zentral für eine kapitalistische Wirtschaftsordnung ist. Was läge also näher, als die Deflation ungehindert geschehen zu lassen? Kein Schuldner hat ein Recht auf dauerhafte Inflation. Überdies liegt es doch in der eigentlichen Verantwortung eines Unternehmers, die Finanzierung seines Unternehmens sinnvoll zu gestalten und auf Kredit zu verzichten, den er nicht bedienen kann. Es liegt keinerlei Unrecht darin, dass die vorausschauenden Unternehmer belohnt werden, indem sie die Marktanteile der verschuldeten und hoffentlich bald insolventen Verschwender gewinnen.

Zweitens gefährde die Deflation die Gewinne der Unternehmen. In einer Deflation brächen diese ein, weil sich die Güter verbilligten. Wenn die Gewinne einbrechen, dann werden die Unternehmen weniger investieren und weniger nachfragen, weswegen wiederum die Gewinne anderer Unternehmen einbrächen. Letztendlich müssten die Unternehmen Angestellte entlassen, was die Nachfrage weiter belaste – ein Teufelskreislauf. Freilich ist dies nur die halbe Wahrheit. Sie berücksichtigt nicht die Folgen für den einzelnen Nachfrager. Dieser gibt sein Geld jetzt für einen bestimmten Warenkorb aus. Fallen die Preise der Güter aus diesem Warenkorb, so hat er morgen mehr Geld zur Verfügung, das er für andere Zwecke ausgeben kann. Das können durchaus Güter sein, die er sich zuvor nicht leisten konnte. Der sinkenden Nachfrage nach Gütern des einen Unternehmers steht also eine erhöhte Nachfrage nach Gütern anderer Unternehmer gegenüber. Was des einen Unternehmers Leid ist, ist des anderen Unternehmers Freud. Wo der eine Unternehmer entlassen muss, da kann der andere Unternehmer einstellen. Es ist also nicht zwangsläufig, dass in einer Deflation die Unternehmensgewinne insgesamt einbrechen. Grund der allgemeinen Furcht vor einem Einbruch der Unternehmensgewinne ist nicht der Preisverfall an sich, sondern vielmehr die keynesianische Sorge, dass Verbraucher ihre Konsumquote nicht halten. Anstatt die wegen des Preisverfalls ersparten Mittel zum Erwerb neuer Güter zu nutzen, könnte der Verbraucher nämlich auch auf die Idee kommen, seine Konsumquote zu senken und mehr zu sparen. Braunberger spricht auch diesen Punkt an und weist auf die seiner Meinung nach sowohl bei Verbrauchern als auch bei Unternehmern in deflationären Zeiten gegebene Tendenz zum „Bunkern“ hin.

Mit dieser dritten Einlassung gerät Braunberger jedoch in Selbstwiderspruch zu seiner Idee vom angeblich durch die Deflation geschädigten Schuldner. In volkswirtschaftliche Begrifflichkeiten übersetzt handelt es sich beim „Bunkern“ um eine diffamierende Bezeichnung für den Sparvorgang. Es ist – trotz zeitgeistiger und politischer Verfemung – eine völlig normale Verhaltensweise, wenn Menschen in Notzeiten Rücklagen für die Zukunft bilden. Dies gilt umso mehr deshalb, weil diese Mittel als Kreditangebot nun den Unternehmern zur Verfügung stehen. „Bunkernde“ Verbraucher bauen neue Ersparnisse auf und bewirken durch das höhere Kreditangebot eine gegenläufige Tendenz zu den strengeren Kreditvergabestandards der Banken. Aus den neuen Ersparnissen können sich die guten Unternehmer bedienen und das zukünftige Wachstum finanzieren. Die Behauptung, Deflation schädige die Schuldner, trifft also ganz und gar nicht zu. Deflation schädigt nur die schlechten Schuldner, sie begünstigt aber gute Schuldner. Wie jede Preisänderung bringt auch Deflation Sieger und Verlierer hervor.

Die Verlierer, also die schlechten Unternehmer, weiterhin mit Kredit zu versorgen, ihre Schulden mit Geldmengeninflation auf Kosten der Geldnutzer zu entwerten und Steuermittel zu ihrer Subventionierung zu nutzen, sind die immer wieder von den politischen Ghostbusters genutzten Mittel. Es sind die Mittel, die Japan in den neunziger Jahren und die USA in den dreißiger Jahren angewandt haben. Über kurz oder lang wird so aus dem flüchtigen und wenig schreckerregenden Gespenst der Deflation der sesshafte Poltergeist der Stagflation.

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