20. Dezember 2008

Golf von Aden Blowback

Wenn Landratten zu Piraten werden

Am 16.12.2008 hat der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen beschlossen, dass Piraten vor der Küste von Somalia auch an Land verfolgt werden dürfen (Resolution 1851). Dies ist der vorläufige Schlusspunkt einer ganzen Serie von Beschlüssen des Sicherheitsrats zur Piraterie im Golf von Aden. Zuvor beschloss der Sicherheitsrat im März, mit der Übergangsregierung Somalias kooperierende Staaten aufzufordern und zu erlauben, in somalisches Hoheitsgebiet zu Wasser und in der Luft einzudringen, sollte die Piratenbekämpfung das erforderlich machen (Resolution 1816). Die Ermächtigung hierzu lief am 2. Dezember aus und wurde am gleichen Tag durch Resolution 1846 um zwölf Monate verlängert. Das strategisch wichtige Somalia wird somit zu Lande, zu Wasser und in der Luft zum Kriegsgebiet all jener Staaten, die ein Interesse daran haben, dort Truppen zu stationieren. Zu den Interessenten zählt auch die EU, deren Anti-Piraterie Operation „Atalanta“ Anfang November beschlossen wurde und am 8. Dezember begann. Gestern hat der Bundestag einer Beteiligung der Bundeswehr an dieser Operation zugestimmt. Die Piraten können sich über große internationale Aufmerksamkeit freuen.

Wenig Aufmerksamkeit findet dagegen der Umstand, dass das Piratenproblem direkt durch das vorherige gewaltsame Eingreifen fremder Truppen in Somalia bedingt ist. Gegen Ende des Jahres 2006 hatte die Union Islamischer Gerichtshöfe einen größeren Teil des somalischen Festlandes unter ihre Kontrolle gebracht. Für somalische Verhältnisse erfolgte dieser Kontrollgewinn auf durchaus nur wenig gewaltsamen Wegen. Die Union Islamischer Gerichtshöfe steht jedoch seit jeher in Konflikt mit der somalischen Übergangsregierung, die in Äthiopien und den USA ihre größten Unterstützer findet – und auch die von der UNO anerkannte Regierung ist. Ende Dezember 2006 marschierten äthiopische Truppen in Somalia ein und verhalfen der Übergangsregierung zur erneuten Herrschaft über Mogadischu und Umland, indem sie die Truppen der Union Islamischer Gerichtshöfe vertrieben.

Der Anstieg der Zahl der Piratenüberfälle lässt sich auf bemerkenswerte Weise mit dem Zeitpunkt der äthiopischen Intervention in Somalia verknüpfen. Für 2005 sind zwei, für 2006 drei, für 2007 bereits sieben Piratenüberfälle vermerkt. Nach Pressemeldungen geschahen seit Beginn des Jahres 2008 über einhundert Überfalle, von denen knapp 40% erfolgreich waren. Fachleute berichten, dass die Piraten laufend professioneller werden und viele der Piraten nicht Seeleute sind, sondern ehemalige Soldaten, die ihr Heil nun in der Piraterie suchen. Die Erklärung, dass die zunehmende Piraterie die Folge der ausländischen Intervention in Somalia ist, drängt sich auf. Handlungen haben gewollte Konsequenzen, aber auch Konsequenzen, die der Handelnde vorher nicht erwartet und nicht berücksichtigt hat. Das Ausweichen an Land agierender Gewalttäter auf See ist eine solche ungewollte Konsequenz; es handelt sich um Blowback.

Die Piraterie ist also Folge des äthiopischen Landeinsatzes. Nun wird die Piraterie bekämpft. Es zeichnet sich bereits jetzt die ungewollte Folge dieses forcierten Einsatzes gegen die Piraterie in Somalia ab. Wie aus der Berichterstattung rund um einen gescheiterten Piratenüberfall auf den äthiopischen Frachter „Gibe“ am 15. Dezember 2008 hervorgeht, sind unter den Piraten nicht mehr nur Somalis zu finden. Die indische Marine konnte dreiundzwanzig Piraten festnehmen, von denen zwölf Somalier waren, die anderen elf aber aus dem Jemen stammten. Während die Somalis durch den Bürgerkrieg bedingt eine jahrelange Ausbildung im Ausüben und Ertragen von Gewalt vorweisen können, standen Jemeniten bisher nicht vordergründig unter Verdacht, sich an Piraterie zu beteiligen. Das durch den neuesten Beschluss des Sicherheitsrat erlaubte Bekämpfen von Piratenstützpunkten auf dem somalischen Festland wird ein Ausweichen der Piraten in den Jemen und möglicherweise in andere Staaten beschleunigen. Piraten stellt sich kein geringeres Problem als die Querung des Golfes, um das Lager auf seiner anderen Seite aufzuschlagen. Erleichternd wirkt, dass die jemenitische Zentralregierung bereits die Kontrolle über große Teile des im Kleinen von Stämmen beherrschten Landes verloren hat – wenn sie sie überhaupt jemals hatte. Anstatt die Piraterie effektiv zu bekämpfen, wird so ein weiteres Land der Region zu einem Hort der Gewalt werden.

Dabei ist die Ineffektivität des Vorgehens der UNO ihrer Piratenjäger ihrer Struktur geschuldet. Die UNO ist ein politisches und bürokratisches Monstrum. Sie versucht, die Piratenbekämpfung zentral zu steuern und in die aus ihrer Sicht richtigen Bahnen zu lenken. Demgegenüber sind die Piraten dezentral organisiert und können auf sich verändernde Bedingungen wesentlich rascher reagieren. In der Zeit, in der etwa der Bundestag die nötigen Beschlüsse fasst, können Piraten wahrscheinlich mehrfach mit ihrem Gerät den Stützpunkt wechseln. Dabei liegt die Art und Weise richtiger, effektiver Piratenbekämpfung auf der Hand. Die Lösung liegt nicht in der Entsendung mehrerer hundert Kriegsschiffe, wie etwa ein hochrangiger deutscher Militär vorgeschlagen hat. Sie liegt in der Wiederbewaffnung der Handelsschiffe. Ein Blick in die Marinegeschichte zeigt, dass Handelsschiffe zu früherer Zeit immer zur Selbstverteidigung gerüstet waren, denn Gelegenheit macht Diebe. Das Vorhandensein eines einzigen wirksamen Bordgeschützes oder geeigneter Raketen auf einem großen Frachter würde erfolgreich jede um ein Vielfaches verletzlichere Dhau somalischer Freizeitpiraten abschrecken. Umgekehrt ist ein einziges mit Geschützen ausgerüstetes Piratenschiff wehrlos gegenüber einem Kriegsschiff. Kriegsschiffen gebührt die Aufgabe, gezielt die professionellen, schwer bewaffneten Piraten zu verfolgen und zu bekämpfen, was ihren militärischen Fähigkeiten entspricht und wesentlich sinnvoller ist, als im Kielwasser eines Handelsschiffs Patrouille zu fahren, nur weil möglicherweise einige Personen auf diesem Handfeuerwaffen tragen. Dafür reicht ein Boot der Küstenwache.

Überfälle lohnen sich nicht, wenn das Leben der Piraten beim Übergriff auf ein Handelsschiff bedroht ist. Diese Bedrohungssituation wird angesichts der Größe des zu überwachenden Seeraums niemals von Kriegsschiffen hergestellt werden können. Einzig sinnvoll kann Lebensgefahr für Piraten nur durch wirksame Selbstverteidigung des Opfers in der Notwehrsituation hergestellt werden. Wer jemals in einer Großstadt überfallen worden ist, der weiß, dass nicht die niemals anwesende Polizei, sondern nur seine eigenen Fähigkeiten ihn hätten retten können. Es ist an der Zeit, die nationalen Kriegswaffengesetze zu liberalisieren und den Reedern die Bewaffnung ihrer Schiffe zu erlauben.

Mehr zu Blowback bei ef:

Internet:


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Mehr von Dirk Friedrich

Über Dirk Friedrich

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige