25. Dezember 2008

Das Wachstum der Weltbevölkerung Globaler Protektionismus wäre der GAU

Allein in Afrika wächst die Bevölkerung voraussichtlich bis zum Jahr 2050 auf 2 Milliarden

In den letzten 200 Jahren hat sich die Weltbevölkerung ausgehend von Europa rasant entwickelt. Das Bevölkerungswachstum in dieser Zeit war im Vergleich zu allen anderen Epochen der Menschheitsgeschichte zuvor ohne Beispiel. Das Erstaunliche ist nicht, dass es auf der Welt Armut und Hunger gibt. Das Erstaunliche ist, dass  Armut und Hunger sich so sehr in Grenzen hielten, dass ein so rasantes demographisches Wachstum bei steigendem Lebensstandard möglich war. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gab es in Europa noch furchtbare Hungersnöte, am Ende des Jahrhunderts gehörten sie trotz der Bevölkerunsvermehrung der Vergangenheit an. Kaum ein anderer Tatbestand belegt die Wohlstands-Dynamik des Industriekapitalismus und der Globalisierung der Märkte so anschaulich.

Im Jahr 1900 lebten auf dem Globus noch 1,5 Milliarden Menschen. Heute sind es schätzungsweise über sechs Milliarden. Schon dies war ein bis dahin in der Geschichte der Menschheit nie erreichter Zustand. Die Produktionsrevolution in der Landwirtschaft, die internationale Arbeitsteilung und der Industriekapitalismus machten es möglich, dass sich die Bevölkerung Deutschlands im 19. Jahrhundert von 25 Millionen auf 56 Millionen Einwohner mehr als verdoppelte, die Bevölkerung des Vereinigten Königreichs von 16 Millionen auf über 40 Millionen anstieg. Europas Bevölkerung insgesamt wuchs binnen hundert Jahre von 187 Millionen im Jahr 1800 auf über 400 Millionen im Jahr 1900 und schließlich auf fast 560 Millionen im Jahr 1950. Dies war möglich aufgrund der nicht minder beeindruckenden Zunahme des internationalen Handels. Bis zum Ersten Weltkrieg war das Handelsvolumen pro Kopf 25 mal so groß wie im Jahr 1800.

In der sogenannten Dritten Welt vollzog sich diese Entwicklung im 20 Jahrhundert noch schneller. Es dauerte 150 Jahre, bis die Lebenserwartung in Europa von durchschnittlich 30 auf 60 Jahre gestiegen war. In den Entwicklungsländern vollzog sich diese Entwicklung in gerade einmal einem halben Jahrhundert. So lag die durchschnittliche Lebenserwartung in Südamerika im Jahr 1970 auf dem Level von Europa und Nordamerika vor dem Zweiten Weltkrieg.

Wer sich für die wahrscheinliche Entwicklung der Weltbevölkerung in den kommende Jahrzehnten interessaiert, kann auf das Buch des wohl bekanntesten deutschen Demographen Herwirg Birg  zurückgreifen: „Die Weltbevölkerung. Dynamik und Gefahren“. Im ersten Teil des Buches geht Birg auf die Bevölkerungstheorie von Malthus ein und deckt dessen Schwächen auf. Dieser hatte geglaubt, dass das Bevölkerungswachstum immer über dem ökonomischen Zuwachs liegen würde. Birg befürwortet hingegen ein weniger mechanisches 6-Phasen-Modell, das die Entwicklung vom Einsetzen der Industrialisierung bis zur postindustriellen Gesellschaft skizziert.

Der Abfall der Geburtenraten ist kein deutsches, auch kein europäisches, sondern ein weltweites Phänomen. Die Entwicklung vollzieht sich in einem Übergang von Phasen drastischer Bevölkerungszunahme über einem Zustand der Stagnation bis zur Bevölkerungsabnahme, in dem wir uns in Europa befinden. Ostasien und Lateinamerika stehen vor dem Eintritt in die Phase der Stagnation, besonders in urbanen Zentren. Afrika liegt noch am weitesten zurück und hat dementsprechend noch ein erhebliches Bevölkerungswachstum zu bewältigen. Bleibt die jetzige Wachstumsrate konstant, wird die Bevölkerung Afrikas von 769 Millionen im Jahr 2000 auf über zwei Milliarden Menschen im Jahr 2050 anwachsen.

Birg macht aber darauf aufmerksam, dass selbst der Rückgang der Geburtenrate in der Dritten Welt, der zum Teil bereits eingetreten ist, noch sehr lange nicht zu einem Ende der Bevölkerungszunahme führt. Verantwortlich ist der so genannte „Trägheitsfaktor“: Allein dadurch, dass die geburtenstarken Jahrgänge von Frauen in ihre fruchtbare Phase eintreten, wächst die Bevölkerung erheblich, selbst wenn die Geburtenraten zum Teil stark zurückgehen. Selbst beim Rückgang der Geburtenrate auf 2,0 Kinder pro Frau würde zum Beispiel die Bevölkerung Syriens um 80 Prozent, des Iran noch um 70 Prozent, Pakistans um 60 Prozent und der Türkei um 50 Prozent wachsen, bis es zu einem langsamen Bevölkerungsrückgang kommen wird.

Das muss man sich vor Augen halten, wenn man die Anflüge protektionistischer Rhetorik in der aktuellen Diskussion bewertet. Eine Ausbreitung protektionistischer Maßnahmen im Verlauf der neuen Weltwirtschaftskrise wäre der GAU. Es gibt keine Alternative zur Globalisierung. Die Vorstellung einer „Festung Europa“ ist angesichts der demographischen Zahlen eine Illusion. Ohne die Fortsetzung der globalen Arbeitsteilung wird der Druck auf die Grenzen der Wohlstandsregionen der Welt immer mehr zunehmen. Eine Abschottung der Märkte und die Errichtung protektionischer Mauern würde vermutlich zu einer Umwältzung führen, die mit Hungersnöten an der Peripherie beginnen und mit dem Sturm auf die „Festung Europa“ enden könnte.

Die Erfahrungen der letzten 200 Jahren geben aber auch Grund zum Optimismus: Freie Märkte und intakte Handelsströme können selbst unter der Bedingung enormen Bevölkerungswachstums einen steigenden Lebensstandard hervorbringen und den Absturz in Hungerkatastrophen verhindern.

Literatur:

Herwig Birg: Die Weltbevölkerung, Dynamik und Gefahren, München 2004 (2. Auflage)

Rondo Cameron, Larry Neal: A Concise Economic History of the World. From Paleolithic Times to the Present, Oxford 2003.

Herman Van der Wee: Prosperity and Upheaval. The World Economy 1945-1980, London 1991.


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