Gérard Bökenkamp

Jahrgang 1980, Historiker.

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Das Wachstum der Weltbevölkerung: Globaler Protektionismus wäre der GAU

von Gérard Bökenkamp

Allein in Afrika wächst die Bevölkerung voraussichtlich bis zum Jahr 2050 auf 2 Milliarden

In den letzten 200 Jahren hat sich die Weltbevölkerung ausgehend von Europa rasant entwickelt. Das Bevölkerungswachstum in dieser Zeit war im Vergleich zu allen anderen Epochen der Menschheitsgeschichte zuvor ohne Beispiel. Das Erstaunliche ist nicht, dass es auf der Welt Armut und Hunger gibt. Das Erstaunliche ist, dass  Armut und Hunger sich so sehr in Grenzen hielten, dass ein so rasantes demographisches Wachstum bei steigendem Lebensstandard möglich war. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gab es in Europa noch furchtbare Hungersnöte, am Ende des Jahrhunderts gehörten sie trotz der Bevölkerunsvermehrung der Vergangenheit an. Kaum ein anderer Tatbestand belegt die Wohlstands-Dynamik des Industriekapitalismus und der Globalisierung der Märkte so anschaulich.

Im Jahr 1900 lebten auf dem Globus noch 1,5 Milliarden Menschen. Heute sind es schätzungsweise über sechs Milliarden. Schon dies war ein bis dahin in der Geschichte der Menschheit nie erreichter Zustand. Die Produktionsrevolution in der Landwirtschaft, die internationale Arbeitsteilung und der Industriekapitalismus machten es möglich, dass sich die Bevölkerung Deutschlands im 19. Jahrhundert von 25 Millionen auf 56 Millionen Einwohner mehr als verdoppelte, die Bevölkerung des Vereinigten Königreichs von 16 Millionen auf über 40 Millionen anstieg. Europas Bevölkerung insgesamt wuchs binnen hundert Jahre von 187 Millionen im Jahr 1800 auf über 400 Millionen im Jahr 1900 und schließlich auf fast 560 Millionen im Jahr 1950. Dies war möglich aufgrund der nicht minder beeindruckenden Zunahme des internationalen Handels. Bis zum Ersten Weltkrieg war das Handelsvolumen pro Kopf 25 mal so groß wie im Jahr 1800.

In der sogenannten Dritten Welt vollzog sich diese Entwicklung im 20 Jahrhundert noch schneller. Es dauerte 150 Jahre, bis die Lebenserwartung in Europa von durchschnittlich 30 auf 60 Jahre gestiegen war. In den Entwicklungsländern vollzog sich diese Entwicklung in gerade einmal einem halben Jahrhundert. So lag die durchschnittliche Lebenserwartung in Südamerika im Jahr 1970 auf dem Level von Europa und Nordamerika vor dem Zweiten Weltkrieg.

Wer sich für die wahrscheinliche Entwicklung der Weltbevölkerung in den kommende Jahrzehnten interessaiert, kann auf das Buch des wohl bekanntesten deutschen Demographen Herwirg Birg  zurückgreifen: „Die Weltbevölkerung. Dynamik und Gefahren“. Im ersten Teil des Buches geht Birg auf die Bevölkerungstheorie von Malthus ein und deckt dessen Schwächen auf. Dieser hatte geglaubt, dass das Bevölkerungswachstum immer über dem ökonomischen Zuwachs liegen würde. Birg befürwortet hingegen ein weniger mechanisches 6-Phasen-Modell, das die Entwicklung vom Einsetzen der Industrialisierung bis zur postindustriellen Gesellschaft skizziert.

Der Abfall der Geburtenraten ist kein deutsches, auch kein europäisches, sondern ein weltweites Phänomen. Die Entwicklung vollzieht sich in einem Übergang von Phasen drastischer Bevölkerungszunahme über einem Zustand der Stagnation bis zur Bevölkerungsabnahme, in dem wir uns in Europa befinden. Ostasien und Lateinamerika stehen vor dem Eintritt in die Phase der Stagnation, besonders in urbanen Zentren. Afrika liegt noch am weitesten zurück und hat dementsprechend noch ein erhebliches Bevölkerungswachstum zu bewältigen. Bleibt die jetzige Wachstumsrate konstant, wird die Bevölkerung Afrikas von 769 Millionen im Jahr 2000 auf über zwei Milliarden Menschen im Jahr 2050 anwachsen.

Birg macht aber darauf aufmerksam, dass selbst der Rückgang der Geburtenrate in der Dritten Welt, der zum Teil bereits eingetreten ist, noch sehr lange nicht zu einem Ende der Bevölkerungszunahme führt. Verantwortlich ist der so genannte „Trägheitsfaktor“: Allein dadurch, dass die geburtenstarken Jahrgänge von Frauen in ihre fruchtbare Phase eintreten, wächst die Bevölkerung erheblich, selbst wenn die Geburtenraten zum Teil stark zurückgehen. Selbst beim Rückgang der Geburtenrate auf 2,0 Kinder pro Frau würde zum Beispiel die Bevölkerung Syriens um 80 Prozent, des Iran noch um 70 Prozent, Pakistans um 60 Prozent und der Türkei um 50 Prozent wachsen, bis es zu einem langsamen Bevölkerungsrückgang kommen wird.

Das muss man sich vor Augen halten, wenn man die Anflüge protektionistischer Rhetorik in der aktuellen Diskussion bewertet. Eine Ausbreitung protektionistischer Maßnahmen im Verlauf der neuen Weltwirtschaftskrise wäre der GAU. Es gibt keine Alternative zur Globalisierung. Die Vorstellung einer „Festung Europa“ ist angesichts der demographischen Zahlen eine Illusion. Ohne die Fortsetzung der globalen Arbeitsteilung wird der Druck auf die Grenzen der Wohlstandsregionen der Welt immer mehr zunehmen. Eine Abschottung der Märkte und die Errichtung protektionischer Mauern würde vermutlich zu einer Umwältzung führen, die mit Hungersnöten an der Peripherie beginnen und mit dem Sturm auf die „Festung Europa“ enden könnte.

Die Erfahrungen der letzten 200 Jahren geben aber auch Grund zum Optimismus: Freie Märkte und intakte Handelsströme können selbst unter der Bedingung enormen Bevölkerungswachstums einen steigenden Lebensstandard hervorbringen und den Absturz in Hungerkatastrophen verhindern.

Literatur:

Herwig Birg: Die Weltbevölkerung, Dynamik und Gefahren, München 2004 (2. Auflage)

Rondo Cameron, Larry Neal: A Concise Economic History of the World. From Paleolithic Times to the Present, Oxford 2003.

Herman Van der Wee: Prosperity and Upheaval. The World Economy 1945-1980, London 1991.

25. Dezember 2008

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Kommentare

Tartempion, am 27. Dezember 2008 um 14:20 ( Link )

Freie Märkte und intakte Handelsströme können selbst unter der Bedingung enormen Bevölkerungswachstums einen steigenden Lebensstandart hervorbringen und den Absturz in Hungerkatastrophen verhindern.

Allenfalls in einem Paralleluniversum aber nicht in dieser Welt. Trotz Handelsliberalisierung gibt es auf der Welt mehr Menschen die hungern müssen als jemals zuvor und die Großkonzerne und Industrienationen haben die Menschen in den Entwicklungsländern nach wie vor im Würgegriff.

Carl, am 27. Dezember 2008 um 18:59 ( Link )

Irgendwie erfasse ich den Zusammenhang zwischen einer demographischen Explosion in Afrika und dem Freihandel nicht so richtig.

Ich finde auch den Gedanken, daß in Afrika die Bevölkerung massiv zunimmt und wir in Europa dafür in irgendeiner Form Verantwortung übernehmen sollen, gelinde gesagt, absurd. Für jemanden der der internationalen Solidarität das Wort redet hätte ich weder Sie noch die EF gehalten...

Gérard Bökenkamp, am 27. Dezember 2008 um 19:59 ( Link )

"Irgendwie erfasse ich den Zusammenhang zwischen einer demographischen Explosion in Afrika und dem Freihandel nicht so richtig."

Den Zusammenhang sehe ich darin, dass ohne die möglichst vollständige Integration der Regionen der Welt, in der die Bevölkerung rasant wächst, in die Weltwirtschaft durch den Freihandel, die Schwierigkeiten, die sich aus dem demographischen Wachstum ergeben, nicht bewältigt werden können.

Das Wort "internationale Solidarität" habe ich nicht verwendet.

Carl, am 27. Dezember 2008 um 20:20 ( Link )

Nein, das Wort haben Sie natürlich nicht verwendet. Worauf aber würde es denn hinauslaufen, wenn sich die europäische Politik an Problemen orientiert, die meiner Wahrnehmung nach vor allem die Afrikaner haben? Ist das keine Form der internationalen Solidarität? Ich bin mir nicht sicher, ob wir als Europäer bei so einer Politik etwas zu gewinnen hätten. Ich sehe auch nicht, womöglich habe ich es überlesen, daß dies irgendwie Gegenstand Ihrer Ausführungen gewesen wäre.

Ein afrikanisches Problem gehört in Afrika gelöst, nicht aber in Europa. Letztlich würde die Öffnung der Schranken auch nur das Problem lindern, bestenfalls verschieben aber keineswegs lösen. So es Sie interessiert, mag ich Ihnen die Lektüre von "Living on a Lifeboat" von Garrett Hardin empfehlen, welches man vielerorts kostenlos herunterladen kann. Ich finde diesen Text, obwohl er nun schon mehr als 30 Jahre alt ist, immer noch sehr aktuell und vor allem treffend, wenn es um das Thema Überbevölkerung geht.

Satanas, am 27. Dezember 2008 um 20:40 ( Link )

@Tartempion

"Trotz Handelsliberalisierung gibt es auf der Welt mehr Menschen die hungern müssen als jemals zuvor"

Vergessen sie nicht, dass in Asien, etwa in Indien, aber auch in Südamerika, die Zahl der Hungernden erheblich zurückgeht/ zurückgegangen ist. Und dies trotz immens gewachsener Bevölkerung. Man muss nicht so sehr die absolute Zahl der Unterernährten, sondern ihren Anteil an der Bevölkerung berücksichtigen. Da gab es grosse Fortschritte.

"Großkonzerne und Industrienationen haben die Menschen in den Entwicklungsländern nach wie vor im Würgegriff."

Ich muss sagen dass ich heute, wo ich andere Quellen zum Quervergleich habe, das Gefühl nicht los werde, in der Schule nach Strich und Faden belogen worden zu sein. Erinnern sie sich noch an die Hungersnot in Äthiopien in den frühen 80ern? Dieses elende Gerede über die allgemeine Ungerechtigkeit in der Welt... Da musste schon ein S.Courtois daher kommen und mich darüber aufklären, dass diese Hungersnot ihre Ursache in der Terrorherrschaft der Kommunisten hatte- heute das Gleiche in Simbabwe.

Nein Tartempion, was die Menschen in den Entwicklungsländern in den vergangenen Jahrzehnten im Griff hatte, das waren vielfach die Sozialisten und sonstige korrupte Machthaber. Die schlimmsten wurden von Moskau installiert, nicht von Washington. Ausserdem war das i.a. Machtpolitik. Gäbe es etwa Afrika nicht, der Welthandel würde es kaum bemerken.
Und heute? Überall wo es freien Markt gibt und die Korruption eingedämmt wird, steigt der Lebensstandard. Die Armut in den schlecht regierten Teilen der Welt hat nichts mit dem Reichtum anderer Länder zu tun. Unser Wohlstand ist das Ergebnis von Wohlstandserzeugung, nicht von Wohlstandsumverteilung.

Das manche von unseren Konzernen in korrupten Ländern auf Raubzug gehen mag wohl vorkommen, es ist aber nicht die Grundlage unserer Wirtschaft.

Satanas, am 27. Dezember 2008 um 20:47 ( Link )

@Bökenkamp

"die mit Hungersnöten an der Peripherie beginnen und mit dem Sturm auf die Festung Europa enden könnte."

Natürlich sollten wir über Freihandel und ggf. auch Aufbauhilfen die Menschen in armen Ländern beim Aufbau ihrer Volkswirtschaft fördern bzw. nicht behindern. Dennoch sollten wir wohl klarstellen, dass kein einziger Afrikaner gegen unseren Willen in Spanien oder Italien etc. an Land gelangen könnte, wenn wir wirklich ernst machten. Die Art und Weise, wie sich die EU von den afrikanischen Regierungen erpressen läßt ist einfach widerlich - wenn es sich denn Überhaupt um Erpressung handelt und nicht um stillschweigendes Einverständnis. Denn eins müssen wir klar machen: Wir sind nicht erpressbar. Denn mit einem Sturm auf Europa könnte eigentlich ja jeder Kleptokrat drohen.

Quovadis, am 27. Dezember 2008 um 22:22 ( Link )

Heute wurde gemeldet, dass der amerikanische Wissenschaftler Samuel P. Huntington verstorben ist. Seine Werke zu lesen sind immer mit persönlichem Erkenntnisgewinn verbunden und allen Fortschrittsoptimisten (Motto "Fortschritt immer, Rückschritt nimmer!"; Anmerkung: Was ist Fortschritt? und Fortschritt wohin?) zur Wahrnehmung der Fortschritts-Antithese empfohlen.

Huntingtons bekanntestes Werk ist "Der Kampf der Kulturen", sein letztes Buch behandelt die "Krise der amerikanischen Identität" ("Who are we?").

Zwei Welt-Artikel:

http://www.welt.de/kultur/article816031/Die_Kassandra_des_Kulturkampfs.html

http://www.welt.de/politik/article2938215/Politologe-Samuel-P-Huntington-gestorben.html

Oskar, am 02. Januar 2009 um 12:18 ( Link )

Jeder Europäer haftet also für die Fehler, die irgendwo auf der Welt beganngen werden, denn die anderen sind niemals selber schuld. Es darf beliebig auf sein Land, seine Kultur, seine Familie und sein Vermögen zurückgegriffen werden.

Irgendwie kommt mir diese Ideologie bekannt vor.

jessie31, am 21. Juni 2010 um 10:46 ( Link )

Well, I guess it is not so easy to understand the meaning of this article, but I will try my best to figure it out!
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lima, am 12. August 2010 um 13:37 ( Link )

Where did this taken from? The stage looks rich and lively.
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