29. Dezember 2008

Fernsehen zur Jahreswende Ahmadinedschad und die Gerichtsvollzieher

Von der nach oben offene Te-Vau-Skala der Geschmacklosigkeiten

Wir erinnern uns: Weihnachten findet statt, wenn Irans Präsident Mahmoud Ahmadinedschad im britischen Fernsehen eine Rede hält. Diese neue Tradition wollte der Sender „Channel Four“ begründen, und vermutlich wird ihn die weltweite Entrüstung darin bestätigen. Man sei eben trendsettend, schaue über den Tellerrand hinaus, habe den Mut zur Abweichung, zur „alternativen Weltanschauung“. Schließlich habe der bärtige Gast von Frieden, Liebe, Brüderlichkeit gesprochen – was daran denn verkehrt sei, zumal zur Weihnachtszeit?

Der israelische Botschafter in London ließ sich nicht becircen. Es sei „pervers, dass diesem Despoten erlaubt wird, über Jesu Ansichten zu spekulieren, während seine Regierung Christen an den Galgen führt.“ Auch die britische Regierung war „not amused“. Der schockierende Sender immerhin hat erreicht, was er bezweckte. Man kennt ihn nun international. Selbst in Deutschland, selbst in online geführten Tagebüchern nahm man von „Channel Four“ Notiz und geriet so, knurrend zwar, in die Falle.

Vergleichsweise harmlos, doch ebenso auf geldwerte Wirkung erpicht sind die Pläne eines deutschen Fernsehunternehmens. Von Anfang Februar an werden unter dem Titel „Klingeln, Klopfen und Kassieren“ Gerichtsvollzieher bei ihrem wichtigen Treiben beobachtet werden können. Die Doku-Soap ist für acht Folgen terminiert. Sie soll einer vermuteten Hartz-IV-Gesellschaft vor Augen führen, dass Schulden eine unschöne Sache sind und dass sie als solche selbst in allerbesten Kreisen vorkommen – „auch vor Akademikern und Porsche-Fahrern macht der ‚Kuckuck’ nicht halt.“

Welche der beiden Produkte verdient sich einen höheren Platz auf der nach oben offenen Te-Vau-Skala der Geschmacklosigkeiten? Der Diktator war nach knapp zehn Minuten überstanden, die Vollzieher klingeln acht Wochen lang bei pflichtschuldig Betroffenen. Obszön ist ihrer beider Werk dadurch, dass es öffentlich geschieht und dadurch scheinbar objektiviert wird.

Die Anmaßungen des Herrn A. werden zu genau einer Aussage neben tausend anderen, die allesamt mit dem Anspruch auftreten, das Publikum zu unterhalten und Ansichten zu verkaufen. Der peinigende Akt der Gerichtsvollzieher, so legal und nötig er ist, rückt durch die mediale Zurichtung in die Nähe des käuflichen Gewerbes. Als Dominae leidfixierter Voyeure werden die Vollzieher erscheinen und damit als genau ein Bild neben tausend anderen, allesamt nicht minder peinigend, lockend, reizend. Keine Unterscheidung ist möglich und ergo kein Urteil über diese moralische und vertrackte Geschichte.

Urteilslosigkeit aber macht planvoll blind und planvoll süchtig – blind für das Leben und süchtig nach neuem Bilderfutter. Darauf werden wir uns 2009 wohl einzustellen haben: dass das Extreme lauter denn je als das Gewöhnliche verkauft werden soll. Ob der Versuch glücken wird? Wie lange muss man klingeln, ehe die letzte Nervenreizung kassiert wird?

Information

Alexander Kissler ist Kulturjournalist, u.a. bei der "Süddeutschen Zeitung" und der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung", und Sachbuchautor. Die bisherigen Montagskolumnen finden sich hier".


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