13. Januar 2009

Politik, hilf! Der Staat, der Sex und der Wahnsinn

Über die abgemagerte Beute

Woran soll man in diesen trüben Zeiten sich noch halten, wenn ehernste Grundsätze zusammenbrechen wie Fertighäuser im Erdbebengebiet? Die scheinbar unverrückbare Losung „sex sells“ gilt nicht mehr. Mit Sinn für Timing und Tränen verkündeten in der vergangenen Woche Larry Flynt und Joe Francis: Die Pornoindustrie brauche staatliche Hilfe. Fünf Milliarden US-Dollar seien nötig, um „den sexuellen Appetit Amerikas wieder aufzufrischen.“

Ja, so kann es gehen. Gestern bangten Banker um ihre Boni, fürchteten Autobauer das Aus, dräute Immobilienfirmen der Imperfekt, und heute sind es die Könige des konfektionierten Koitus’, die nach dem Übervater schreien. In allen Branchen weist der jeweils in Milliarden zu berechnende Umsatz steil nach unten. Der Konsument spart überall, weicht aus auf Gebrauchtwagen, Mietwohnungen, Internet und stürzt so ein um die andere Industrie und also wiederum die Konsumentenschar ins finanzielle Elend. Wer will da nicht anstehen in der staatlichen Suppenküche, wer hat noch nicht?

Mister Flynt gehört das Schmuddelmagazin „Hustler“, Mister Francis präsidiert der ebenso schlüpfrigen Firma „Girls go wild“. Ebendiesen Imperativ dauerhaft aufrechtzuerhalten, sei möglich nur mit einer Geldspitze des Repräsentantenhauses. Schließlich, so Francis, gelte es auch „jede andere vom amerikanischen Volk geliebte Industrie zu unterstützen“.

Eine patriotische Pflicht soll es demnach sein, konjunkturelle Abschwünge abzufedern. Vaterlandsliebe soll man daran erkennen, dass möglichst viele, ja dass idealiter alle Branchen auf Kosten der Steuerzahler reanimiert werden. Mehr Schizophrenie war nie: Derselbe Bürger, der aufgrund veröffentlichter oder tatsächlicher Krise die Taschen fest verschlossen hält, soll diese Taschen vom Staat geplündert bekommen, damit das aus freien Stücken verweigerte Geld doch noch in der Industrie ankommt, aus Gründen dann der Staatsraison.

Ein Markt, der schwächelt, soll aufgebläht werden von seinem natürlichen Widersacher, dem Staat. Das nennt man Sozialismus – und nach dieser bekanntlich eher prüden Veranstaltung rufen die Produzenten der Perversionen.

Zu danken ist den Herren Flynt und Francis gleichwohl. Ihre Forderung imaginiert den Endpunkt des gegenwärtig so rauschhaft hinausposaunten Rufes nach dem Staat als Unternehmer. Einem Staat, der verrückt genug ist, zum Mehrheitseigner börsennotierter Banken zu werden, wäre tatsächlich zuzutrauen, dass er auch noch die bisher beihilfefreien Beischläfereien in die eigenen, die zittrigen Hände nimmt. Davon abhalten wird ihn vermutlich nur ein Verdacht: Bei weitem nicht das ganze Volk liebt seine Pornos. Deutlich bessere Chancen hätten etwa die Fast-Food-Industrie und die Reisebranche.

Rational begründen lässt sich das alles längst nicht mehr. Des Wahnsinns abgemagerte Beute werden wir noch alle. Helau und Alaaf – d’r Zoch kütt!

Information

Alexander Kissler ist Kulturjournalist, u.a. bei der "Süddeutschen Zeitung" und der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung", und Sachbuchautor. Die bisherigen Montagskolumnen finden sich hier".


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