16. Januar 2009

Filmkritik Operation Walküre Was für eine Entscheidung, was für ein Wille!

Ein Interview mit Dieter Stein

Dieter Stein, Gründer und Herausgeber der Wochenzeitung „Junge Freiheit“, bemüht sich seit 20 Jahren intensiv, das Andenken Oberst Graf Stauffenbergs zu fördern. Gestern Abend hat er als einer der ersten in Deutschland den lange erwarteten Film Operation Walküre in einer Presse-Vorpremiere sehen können. Gegenüber ef-online schildert Stein seine Eindrücke.

ef-online: Herr Stein, ist der Film eine Hilfe für Ihr Anliegen, das Erbe Graf Stauffenbergs zu ehren?

Stein: Mich hat der Film sehr bewegt. Ich bin natürlich durch Kenntnis des Stoffes und mehrerer anderer Verfilmungen vorgeprägt und für mich sind der Ablauf des Geschehens keine Überraschung. Aber es ist den Machern des Films gelungen, die Erhebung der Männer um Stauffenberg packend wie nie zu inszenieren. Man muss die Reaktion eines Publikums in Rechnung stellen, das womöglich noch nie vom 20. Juli gehört oder nur sehr oberflächliche Kenntnisse vom Hergang hat. Für sie muss es eine Überraschung sein, welche weitverzweigte Verschwörung stattgefunden hat, welcher Heldenmut zu dieser Tat gehörte.

ef-online: Was hat Ihnen an der filmischen Umsetzung besonders gut gefallen, was gar nicht?

Stein: Es gibt aus streng historischer Sicht eine Reihe von kleinen Mängeln, die man kritisieren kann. Kenner der Militärgeschichte werden den Kopf schütteln, wenn Wehrmachtssoldaten vor dem 20. Juli den Hitlergruß zeigen – dieser wurde zur Gängelung der Wehrmacht erst als Reaktion auf das Attentat auf Befehl Hitlers eingeführt. Vorher war man stolz, mit dem traditionellen militärischen Gruß sich von der SS abzuheben. Tom Cruise hat natürlich nicht die Körpergröße Stauffenbergs, Hitler wird schwach gespielt usw. Der Film verschweigt – wie auch die deutschen Produktionen – die Weigerung der Alliierten, mit dem deutschen Widerstand zusammenzuarbeiten und dass die Forderung nach einer bedingungslosen Kapitulation ein Handeln fast unmöglich machte. Der erzählerische und dramaturgische Kern ist jedoch richtig und es gelingt dem Film stärker als den unterkühlten und Pathos ängstlich scheuenden deutschen Produktionen auch das patriotische Element herauszustellen. Es wird in erschütternder Weise dargestellt, welche Überwindung es für Stauffenberg auch gekostet haben muss, seine Frau und die Kinder zurückzulassen, die er so liebte. Man sagt sich: Was für eine Entscheidung, was für ein Wille!

ef-online: Im Vorfeld gab es – man muss wohl sagen: typisch deutsch – intensive Diskussionen um die Scientology-Mitgliedschaft des Stauffenberg-Darsteller Tom Cruise. Für Sie ein Störfaktor?

Stein: Eine lächerliche Diskussion. Entscheidender ist die Kränkung des deutschen Feuilletons und der Meinungsmacher, dass es Hollywood ist, das ein Thema realisiert, ein deutsches Thema, das wie auf einem Silbertablett vor uns liegt. Es ist das Thema einer deutschen Tragödie. Es ist das Thema einer deutschen Selbstüberwindung. Es ist das Thema eines moralischen Freispruches für ein Volk. Im Film übrigens wird dies durch ein Zitat Henning von Tresckows thematisiert: „Wenn einst Gott Abraham verheißen hat, er werde Sodom nicht verderben, wenn auch nur zehn Gerechte darin seien, so hoffe ich, dass Gott auch Deutschland um unseren Willen nicht vernichten wird.“

ef-online: Der George-Kreis, dessen Umfeld Stauffenberg und einige „Mitverschwörer“ anhingen, würde heute vermutlich auch als Sekte gelten. Und Stauffenbergs nicht unbedingt lupenreine demokratische Gesinnung würde womöglich ein Fall für den Verfassungsschutz darstellen. Einverstanden?

Stein: Das ist doch eine alberne Diskussion. Wie Sie wissen hatte auch die CDU zunächst in ihrem ersten Nachkriegsprogramm noch staatswirtschaftliche Vorstellungen. Autoritäre Ordnungsvorstellungen lagen im Geist der Zeit. Entscheidend war der Wille zur Rückkehr von Rechtstaatlichkeit, eine Beseitigung der Tyrannei. Übrigens deutet der Film im Gegensatz zu den deutschen Produktionen den geistigen Hintergrund Stauffenbergs stärker an. Durch die Musik Wagners, eine Einstellung in einer an Caspar David Friedrich erinnernden halbzerstörten Kirche, in der Stauffenberg betet und um seine Entscheidung ringt.

ef-online: Können Sie in wenigen Worten erklären, was der Hauptantrieb ist in Ihrem steten Bemühen, das Andenken an die Hitler-Attentäter zu fördern?

Stein: Die Frage, die sich jedem Volk stellt, ist: Wo sind unsere Vorbilder? Wo sind unsere Helden? Stauffenberg ist die alles überragende Figur im Drama des Dritten Reiches. Er verbindet die edelsten deutschen Tugenden als tapferer Offizier unserer Armee, geistig-musischer Mensch und auf dem Fundament des Christentums stehender Familienvater. Er repräsentiert das Ethos einer Armee, das durch diese Tat die Schande des Dritten Reiches überlebt. Es gibt kein vergleichbares Beispiel aus einer anderen totalitären Diktatur, in der eine derart weiträumige Erhebung geplant und durchgeführt wurde. Stauffenberg ist Symbol für eine großartige deutsche Tradition der Selbstbehauptung, des Willens zur Freiheit, auf die auch folgende Generationen stolz sein müssen. Stauffenberg ermöglicht uns den aufrechten Gang. Sein Ausruf „Es lebe das heilige Deutschland” reicht als Appell bis in unsere Zeit.

ef-online: Wenn das Attentat erfolgreich gewesen wäre, glauben Sie, der Sie sich so intensiv mit dem Thema beschäftigt haben, die Alliierten hätten das Kriegsziel der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands gegenüber einer dann nationalkonservativen deutschen Reichsregierung aufgegeben?

Stein: In diese Regierung wären ja auch Arbeiterführer und Sozialdemokraten eingebunden gewesen. Die Vernichtung von Juden wäre gestoppt, die Konzentrationslager geöffnet worden. Hunderttausende Menschenleben wären gerettet, die Vernichtung der deutschen Städte zu einem großen Teil verhindert worden. Deutschland hätte sich selbst von der NS-Knechtschaft befreit. Vielleicht hätte auch ein Teil der Vertreibung und der Gebietsverluste abgewendet und auch das Vordringen des Kommunismus in Europa an einer anderen Linie gestoppt werden können. Doch die Alliierten wollten bekanntlich nicht eine Niederlage Hitlers, sondern Deutschlands und seine Aufteilung. Dies thematisiert der Film nicht.

Internet

www.walkuere-derfilm.de

www.jungefreiheit.de


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