22. Januar 2009

Uri Geller Da biegen sich die Gabeln

Fernsehen entlarvt sich selbst

Das Fernsehen, nie verlegen um neue Titel, neue Tricks, hat die Berufewelt dauerhaft bereichert: um den Mentalisten. Ein Mentalist, wissen wir nun, ist ein Mensch, der im Angesicht des Löffelbiegers Uri Geller Gabeln biegen darf. Oder Zahlen erraten oder Karten herausfinden. Oder der in jene von vier Papierboxen sich stellt, die nicht vom flammenden Pfeil durchbohrt wird. All das geschah in der Zweitauflage der Show „The next Uri Geller“, die in der vergangenen Woche bei Pro Sieben bestaunt werden sollte.

Mentalisten – darauf legt Uri Geller Wert – sind nicht etwa Magier. Aber nein doch. Menschen seien es mit „besonderen Energien“, mit einer außerordentlichen Wachheit für ihre Charismen. Der Gabelbieger aus Nürnberg wurde darum, begleitet vom „Walkürenritt“, angekündigt als jemand, der „plötzlich eine Person neben sich spürte, die real, aber nicht zu sehen war.“ Sein Gabeltrick ist bereits wenige Minuten später im Internet entlarvt.

Nicht anders ergeht es dem „perfekten Gedankenleser“, der versprochen hatte: „Ich halte dir den Spiegel vor und öffne dir damit das Tor zu deinem Innenleben“. Tatsächlich erriet er dann Geburtsdaten und Sternzeichen auf rundherum irdische Weise. Der „Poker-Mentalist“ spielte sehr wahrscheinlich mit präparierten Karten, und der Papierboxenverstecker, der „Mann mit den sieben Leben“, verließ sich vor allem auf die Technik statt auf die „innere Stimme“. Er riskierte nicht, wie verhießen, sein Leben, sondern höchstens den Verdruss der Betrachter.

Arme, böse Welt! Will denn niemand mehr sich verzaubern lassen? Sind wir alle so unrettbar nüchtern geworden, dass nur anderthalb Millionen Fernsehnutzer aus der werberelevanten Zielgruppe sich die Mentalisten gönnen wollten? Wo sind sie geblieben, die Romantiker und Kinder im Herzen?

Das geringe Interesse an den rhetorisch grotesk aufgeblasenen Tricks hat einen anderen, einen guten Grund. Das Publikum ahnt, dass hier das Fernsehen an sich verhandelt wird und dessen Zwang, den Konsumenten mit Tricks an sich zu binden. Eine solche Botschaft mag man nicht im Minutentakt hören. Man will nicht immer und immer wieder hören, dass hier Menschen angeblich „den Geist anderer manipulieren“, dass Gedanken „gelenkt und manipuliert“ werden, dass ein Mentalist „Gedanken und Gefühle manipuliert“, dass ein Gaukler in der Lage sei, „Menschen, ohne dass sie es merken, so zu lenken, dass sie genau das tun, was ich will.“

Die Zauberkünstler tun dann zwar etwas ganz anderes – die eine stumpfe Aussage aber steht im Raum, dringt in die Ohren, setzt sich fest und führt zur bewussten Tat, zum Aus- oder Weiterschalten. Das Fernsehen setzt im Bemühen, das Offensichtliche zu bemänteln, genau jene Botschaft frei, die es als Ganzes entlarvt: alles nur Mache, alles nur Manipulation. Irgendwann hat es der Gutmütigste begriffen und zieht dorthin weiter, wo der derselbe Hokuspokus stattfindet, ohne dass er permanent ausgesprochen würde. Zum „Bergdoktor“ etwa oder zum „Traumhotel“.

Information

Alexander Kissler ist Kulturjournalist, u.a. bei der "Süddeutschen Zeitung" und der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung", und Sachbuchautor. Die bisherigen Montagskolumnen finden sich hier".


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