Alexander Kissler

Jg. 1969, Journalist und Buchautor, www.alexander-kissler.de

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Barack Hussein Obama: Alles so schön emotional hier

von Alexander Kissler

Eine Amtsübernahme als TV-Spektakel

Während allüberall, in den Redaktionsstuben und auf den Straßen, Barack Hussein Obamas gehuldigt wird, lesen wir in der „Jüdischen Allgemeinen“: George Walker Bush sei „ein fast großer Präsident“ gewesen.

Er hinterlasse als sein größtes, schönstes Erbe „die Befreiung des Irak von der faschistischen Diktatur“. Zweitens habe er Afghanistan befreit, wenn auch nicht befriedet. Drittens habe die Nichtverbreitung von Atomwaffen unter Bush Fortschritte gemacht, viertens sei Syrien aus dem Libanon gewichen, und fünftens habe die Bush-Administration „als erste amerikanische Regierung eine Zweistaatenlösung für Palästina verkündet.“ Der Autor konkludiert: „alles in allem keine schlechte Bilanz für acht Jahre.“

Das ganzseitige Plädoyer für den im Amt ergrauten Texaner stammt von Alan Posener, dem Korrespondenten für Politik und Gesellschaft bei der „Welt am Sonntag“. Mehr Auflehnung wider den Zeitgeist passt nicht auf eine Seite. Ob Posener vor allem die Freude an der Abweichung die Feder führte, kann einstweilen nicht beantwortet werden. Ob man Bush II tatsächlich „in 20 Jahren ganz anders deuten wird als jetzt“, werden die eben noch ausstehenden 240 Monate zeigen. Nun aber schon – die Wette biet’ ich – steht fest, dass ein Bruchteil des Posenerschen Äon genügen wird, um die Blamage der öffentlich-rechtlichen Jubelfestspiele zu offenbaren.

Gemeinhin hält der Fernsehjournalist sich viel zugute auf seine Distanz zum und Kritik am sogenannten Politikbetrieb. Farbe bekennen sollen die Großen dieser Republik, Rede und Antwort stehen, sich erklären, rechtfertigen, begründen. Der entlarvende Gestus ist dem Fernsehjournalist eingeschrieben. Weil sein Metier das Zeigen ist, neigt er zum Deuten und Verweisen, in des Wortes doppelter Bedeutung.

Gewiss sorgt der strukturell bedingte Zwang zum Rechthaben für die Einförmigkeit der allermeisten politischen Formate. Der Politiker weicht aus, und der Fragende weicht mit, weil er die vorab gezogene Spur des Fragens nicht verlassen kann oder darf.

Volle zehn Punkte auf der Peinlichkeitsskala gebühren aber erst den Ausbrüchen aus dem Korsett vorgetäuscht kritischen Bewusstseins, den Seligpreisungen, mit denen das ZDF in vorderster Linie dem Präsidenten huldigte – einem Farbigen übrigens, einem, wie er selbst sagt, „Mischling“, keinem Schwarzen. Einmal dabei sein in der Menge, einmal jubeln und nicht kritteln, einmal ganz undeutsch Proskynese üben: davon waren die Damen und Herren, die aus Berlin und Mainz über den großen Teich durften, allesamt beseelt.

Der nach Washington verfrachtete „heute“-Moderator Steffen Seibert bekundete entwaffnend, sie seien alle „ziemlich glücklich, dass wir dabei sein dürfen. Es ist ein wunderbares Erlebnis.“ Dieses kulminierte dann in einer „großartigen Parade“, und sogar der Himmel sandte ein Zeichen, „heute kommt die Sonne raus, wie bestellt.“

Außenreporter Christian Sievers doppelte wortreich die Atmosphäre, „festlich, feierlich, aber auch fröhlich“, Außenreporterin Ina Baltes erlebte hautnah eine „schöne, fröhliche, feierliche Stimmung“, und die ebenfalls zum  Volk geeilte Dennenesch Zondé fasste zusammen: „Wir hatten hier eine solche emotionale Stimmung, dass selbst mir die Gänsehaut gelaufen ist. Leute habe ich gesehen, die geweint haben – große, starke Männer, die gebebt haben vor Emotionalität“.

Jedem der Beteiligten sei sein ganz privates Glücksgefühl von Herzen gegönnt; nur eben: es ist privat und maximal deplatziert im Nachrichtenprogramm gebührenfinanzierter Anstalten. „Powered by emotion“, wir erinnern uns, war einmal das Motto von Sat.1. Heute bemüht sich offenbar das ZDF, in dieser klebrigen Disziplin die Marktführerschaft zu erlangen.

Die Verwandlung des Journalismus in Gefühlsmanagement ist jedoch nicht vom Rundfunkstaatsvertrag vorgesehen. Wem das Gebührenfernsehen am Herzen liegt, der muss auf eines hoffen: dass 2009 Obamas Aufstieg ende.

Information

Alexander Kissler ist Kulturjournalist, u.a. bei der "Süddeutschen Zeitung" und der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung", und Sachbuchautor. Die bisherigen Montagskolumnen finden sich hier".

27. Januar 2009

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