Heribert Seifert

Jg. 1948, schreibt unter anderem für die "NZZ"

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„FAZ“ gegen „Merkur“: Freundschaftsdienste

von Heribert Seifert

Eine Feuilleton-Posse

Wie gut, dass es im allgemeinen Drunter und Drüber des aus allen Fugen geratenen Medienbetriebs noch aufmerksame Beobachter gibt, die unverzichtbare Standards öffentlicher „Diskurskultur“ auch dann noch verteidigen, wenn deren Protagonisten sie leichthin aufgeben. Am vergangenen Wochenende hatte das „FAZ“-Feuilleton wieder einmal einen solchen Einsatz und musste einen dreisten Verstoß gegen „wissenschaftsethische“ und publizistische Normen enthüllen. Ort der Schurkentat war ausgerechnet der „Merkur“, jenes weißummantelte intellektuelle Blatt, in dem Karl Heinz Bohrer und Kurt Scheel jeden Monat Deutschlands Meisterdenker versammeln, um dem Geist ihrer Zeit mit einer Mischung aus akademischer Esoterik und brillanter Polemik den Prozess zu machen. Ausgerechnet hier geschah es, dass der renommierte Historiker Jürgen Kocka in steiler Rhetorik die Arbeiten dreier junger Fachkollegen pries, die er – nach den Recherchen des „FAZ“-Redakteurs – alle selber betreut und begutachtet hatte. Der „FAZ“-Mann langte kräftig zu, stellte den Fall als jüngstes Beispiel für jene „Freundschaftsdienste durch Rezensionen“ dar, die „als Schmiermittel“ die „Karrieremotoren“ laufen lassen. Er sah einen „Mandarin“ des deutschen Wissenschaftsbetriebs in dieser Ölspur ausgerutscht, vermutete gar die präsenile „Verzweiflungstat eines Gelehrten, der seinen institutionellen Einfluss schwinden sieht und seine Patronage nur noch auf diese peinlich-hilflose Art ausüben kann“. Und flugs stellt er den ertappten Bösewicht auch noch unter den Verdacht mangelnder antifaschistische Denunziationslust im Umgang mit dem eigenen akademischen Lehrer, auf dass der Casus den fürs neudeutsche Skandalisierungsgewerbe nötigen Drall erhalte.

Man könnte sich nun erheben und respektvoll nach Frankfurt grüßen, wo man unter Frank Schirrmachers prinzipienfester Regie die Diskurssitten verteidigt, selbst dann, wenn es Freunde trifft.

Man könnte sich allerdings auch an das  erinnern, was sonst  noch so in den letzten Monaten im Blatt stand und würde bei jener Geste vielleicht etwas zögerlich.

Im Mai des letzten Jahres zum Beispiel las man im „FAZ“-Feuilleton zwei ganz und gar aufgeregte Stücke, die nichts von der dort sonst gern gepflegten schnöselig-oberlehrerhaften Distanz zu den Objekten der Beschreibung zeigten. Redakteur Christian Geyer hatte ein Buch gelesen, das  ihn ganz aus dem Häuschen geraten ließ. „Allein ist nicht genug“ , so lautet der Dieter-Bohlen-verdächtige Titel des Werkes, unter dem Gesine Schwan zusammen mit der „Zeit“-Redakteurin Susanne Gaschke eine ziemlich komplette Sammlung laufender Gewissheiten über den bösen „Neoliberalismus“ präsentierte, um sich damit gegen den Amtsinhaber Köhler recht scharfkantig als alternative Bundespräsidentin zu empfehlen.

„Rezensent“ Geyer schwärmte sich  mit der ihm eigenen Sprachbehinderung ins Delirium: Schwan „diese „fröhliche Intellektuelle“ (sagt Richard von Weizsäcker), sei  „Diskursoptimistin“ , deren „ Lebensgefühl – bei allem Überschießenden, Quirligen, Freudigen – erkennbar von einer Bedrohung geprägt und wachgehalten“ werde: „von der metaphysischen Bedrohung nämlich, das Leben könne jederzeit ins Sinnlose, Nichtige abrutschen.“ Sie erkläre in dieser „Aufklärungsschrift, die das Genre des Pamphlets nicht scheut, sondern es in politischer Absicht gekonnt einzusetzen weiß,“ was als „Minimum des guten Lebens zu gelten hat jenseits einer Orientierung an Rendite und Wettbewerb.“ Wie Geyers Chef, „FAZ“-Feuilleton-Herausgeber Schirrmacher, lasse Frau Schwan „keinen Zweifel daran, dass die Zukunft weiblich ist“. Vor allem aber verfüge sie über eine fabelhafte „Reflexionsfähigkeit“ und werfe deshalb die wirklich wichtigen Fragen auf, von denen er zum Beispiel die folgende zitiert: „Was bedeuten (!) chemischer Dünger im Lichte neuerer geologischer, meterologischer oder klimatischer Forschung?“ Wo so tief gedacht wird hat jede kritische Mäkelei zu unterbleiben, denn „Hosenträgerpublizistik sähe gegenüber dieser Frau schnell piefig aus“, und das will ein „FAZ“-Redakteur gewiss vermeiden, hat er doch noch genug zu tun mit dem Verlust des Dienstwagens.

Und weil man ja nie sicher sein kann, dass die Leute solche wichtigen Rezensionen auch wirklich lesen, hat Christian Geyer seinem  Triebstück an einem anderen Tag eine unmissverständliche Empfehlung zur Seite gestellt. Unter der Überschrift „Wer, wenn nicht sie?“ lässt er sich im Dienst der guten Sache vollends vom Ausdruckszwang überwältigen und reicht seiner Angebeteten die Hand zum Phrasenbund: „Eine politisch denkende Philosophin, die sie im Herzen ist und immer war; eine geschmeidige Nonkonformistin, die (da hatte Gerhard Schröder ganz recht, als er sie empfahl) die Herzen im Sturm erobert; eine Unerschrockene, die es mit leichter Hand versteht, die politischen Kategorien auf ihre humane Substanz hin zu öffnen, statt sie im kleingeistigen Taktieren vor die Hunde gehen zu lassen – eine solche Person im höchsten Staatsamt wäre ein Segen fürs Land.“

Einen Monat später nehmen Geyer und Schirrmacher, ganz journalistische Profis, die so Beschwärmte  ins strenge Feuilletonverhör. Sie ersparen ihr auch nicht die Fragen nach ihrem Verhältnis zur Linkspartei und zu deren politkrimineller Vergangenheit. „Reflexionsfähige Diskursoptimistin“, die sie nunmal ist, weiß Gesine Schwan aber aufklärerisch zu antworten: „Das heißt, dass es moralische Vergehen gibt, die nicht rechtlich geahndet werden und deshalb für bestimmte Fragen politischer Gestaltung nicht ausschlaggebend sind. Das ist für jemanden, der in Bautzen gesessen hat, nicht beglückend.“ Vor allem die Wahl des Wörtleins „beglückend“ in diesem Zusammenhang muss als ganz besonderes Zeugnis jener Nachdenklichkeit gelten, die Christian Geyer an Frau Schwan so schätzt.

Warum aber breite ich diese Fundstücke aus dem Archiv hier so detailbesessen aus? Und was hat das mit Jürgen Kockas Unfall im „Merkur“ zu tun? Nun, in der letzten Woche stellte Gesine Schwan ihre neueste Bewerbungsschrift vor. Diesmal heißt sie „Woraus wir leben“, und sie soll intellektuell noch anspruchsvoller als der Vorläuferband sein. Wir wollen ihn gar nicht lesen, sind nur gestolpert über den Vermerk auf dem Titel: „Gesine Schwan im Gespräch mit Christian Geyer“.

04. Februar 2009

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