Gérard Bökenkamp

Jahrgang 1980, Historiker und Publizist.

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Jeder nach seiner Façon: Die Toleranz und das liberale Credo

von Gérard Bökenkamp

Versuch einer Ehrenrettung eines oft missbrauchten und fehlinterpretierten Begriffs

Es gibt Begriffe, die so oft falsch und missbräuchlich verwendet werden, dass man sich scheut, sie zu benutzen. So ist es in Deutschland mit dem Begriff Toleranz. Einige Leute besonders der politischen Linken, die dem Begriff der Toleranz geradezu inflationär verwenden, sind selbst so drastische Beispiele für Intoleranz, dass man diese Fehldeutung, besonders aus einer klassisch liberalen Perspektive, nicht unwidersprochen akzeptieren sollte. Denn die echte Toleranz ist im Grunde genommen sehr eng mit dem liberalen Credo verbunden, das besagt, dass jeder mit sich selbst und seinem Eigentum anstellen kann, was er will, ohne damit in die Rechte anderer einzugreifen.

Als Toleranz können wir die habituelle Gleichgültigkeit nennen, die wir gegenüber den Handlungen empfinden, die nicht unsere eigenen Rechte einschränken. Diese Haltung erleichtert es, sich an dieses Credo zu halten. Im Kern ist Toleranz tatsächlich Indifferenz, und zwar eine positive Form der Indifferenz. Denn ein gewisses Maß an Gleichgültigkeit gegenüber dem, was unsere Mitmenschen so treiben (immer so lange es im Rahmen der Achtung der Rechte anderer bleibt) ist gar nicht so schlecht.

Tatsächlich können die meisten Menschen mit der Indifferenz der meisten anderen Menschen sehr gut leben. Die Zahl der Menschen, die für unser Leben von Bedeutung sind, ist gemessen an der großen Zahl von Menschen, die uns jeden Tag auf der Straße begegnen, sehr, sehr begrenzt. Die meisten Menschen interessieren sich nicht für uns und wir interessieren uns nicht für die meisten Menschen. Das klingt vielleicht für einige Leser menschlich etwas unterkühlt, aber es ist so – und es ist auch gut so.

Denn die Bürger schaffen ihre sozialen menschlichen Bindungen in kleinen Kreisen, denen sie freiwillig angehören und die ihnen kulturell und ideell nahe stehen. Darüber hinaus wollen sie nicht, dass Fremde ihre Nase in ihre Angelegenheiten stecken. Das sagt schon die alte Weisheit, dass jeder vor seiner eigenen Tür kehren soll. Dieser Verzicht darauf, seine Nase in die Angelegenheiten anderer Leute zu stecken, solange sich diese an das Recht halten, ist echte Toleranz und nicht die aktuelle Verhohnepipelung des Begriffs, mit der man gerade zu rechtfertigen versucht, dass der Staat seine Nase in alles stecken darf.

Zu dieser echten Toleranz gibt es im Grunde auch keine Alternative. Denn auch das Gegenteil, die Intoleranz, wird oft falsch interpretiert. Man ist nicht deshalb intolerant, nur weil man eine negative Meinung über andere Lebenshaltungen oder Lebensstile hat oder persönliche Konsequenzen aus dem Verhalten anderer zieht; wie zum Beispiel die Gesellschaft, die uns nicht behagt, zu meiden. Die eigentliche Intoleranz ist die Forderung nach Bevormundung: "Wenn ich etwas sehe, was meinem eigenen Empfindungen widerspricht, dann soll der Staat es möglichst verbieten." Das ist echte Intoleranz und das ist die Intoleranz, die uns tagtäglich tausendfach aus den Mündern der politischen Klasse und aggressiver Lobbygruppen entgegenschlägt.

Wer offensiv die Intoleranz in diesem Sinne vertritt, bewegt sich insoweit auf dünnem Eis, als dass er selbst ja nie weiß, ob er oder derjenige, gegen den seine Forderung gerichtet ist, sich im politischen Kampf letztendlich durchsetzt. Es ist schließlich immer eine Machtfrage, wer in der Position ist, jemand anderem etwas vorzuschreiben. Echte Intoleranz können sich also nur Leute leisten, die über viel Macht verfügen. Intoleranz ist demnach eng mit der Arroganz der Macht verbunden.

Wenn Islamkritiker die falsche Toleranz im Westen kritisieren, meinen sie etwas ganz anderes als die Kritik am ursprünglichen Toleranz-Begriff.  Sie meinen damit, dass Justiz und Politik ihre Aufgaben, Grundrechte zu schützen, nicht erfüllen, angesichts von bestehenden und geplanten Rechtsbrüchen von Islamisten. Das hat aber mit Toleranz wenig zu tun.

In der öffentlichen Diskussion werden zwei Dinge miteinander vermengt, die überhaupt nicht zusammen gehören, nämlich unterschiedliche Lebensstile, Einstellungen und Wertvorstellungen auf der einen und Rechtsbrüche auf der anderen Seite. Nun mag das eine das andere in vielen Fällen durchaus befördern, dennoch sind dies zwei ganz unterschiedliche Sphären.

Schwerkriminelle auf friedliche Bürger loszulassen, hat in der Tat mit Toleranz nichts zu tun, sondern mit Justizversagen. Ein Teil der Toleranz-Diskussion wird allein deshalb geführt, um von Politikern und Richtern abzulenken, die sich weigern, den Job zu machen, für den sie vom Bürger bezahlt werden. Durch diese Vermengung wird die Diskussion über die Frage, inwieweit dem Islam und vor allem dem fundamentalistische Islam mit “Toleranz” zu begegnen ist, unnötig verkompliziert. Dabei genügt die Anwendung der grundlegenden Kategorien von Recht und Freiheit.

Jeder im Westen lebende Muslim hat wie jeder andere das Recht auf sich selbst und sein Eigentum. Wenn er das im Sinne einer traditionellen oder gar  fundamentalistischen Islamauslegung verwendet, heißt das noch nicht, dass er damit in Konflikt mit den Rechten anderer geraten muss. Es ist grundsätzlich durchaus möglich, Fundamentalist zu sein, also eine sehr strenge Glaubensauslegung zu verfolgen, ohne damit automatisch die Rechte anderer zu verletzen und seinen Anspruch auf Toleranz, also Duldung, zu verlieren. Eine ablehnende Haltung gegenüber anderen Glaubens- und Lebensformen ist noch kein Verbrechen. Sobald aber zum Mittel physischer Gewalt gegriffen wird, um andere zu ihren Glaubensvorstellungen zu zwingen, handelt es sich nicht mehr um einen Wertekonflikt, sondern schlicht um Kriminalität. Wer einen Ehrenmord begeht ist nicht weniger ein Mörder als der, der einen Raubmord begeht. Es ist weder intolerant noch diskriminierend, wenn man von Leuten verlangt, sich an das Recht zu halten, an das sich alle halten müssen. Im Gegenteil: Gerechte und das heißt in solchen Fällen auch drakonische Strafen sind keine Einschränkung, sondern der Rahmen für eine offene Gesellschaft. (Insoweit kann man das gestern in Hamburg gesprochene Urteil nur sehr begrüßen)

Neben der Vermengung der Duldung von bestimmten Lebensstilen mit der Duldung krimineller Handlungen gibt es eine weitere Fehlleitung der Diskussion. Sie beruht  auf der Annahme, dass die ideale tolerante Gesellschaft die wäre, in der jeder sich mit jedem versteht und jeder jeden mag.  Es gibt aber weder eine Pflicht, jemanden zu mögen, noch kann es ein Recht geben, gemocht zu werden. Ein Recht auf Akzeptanz, Achtung oder Sympathie für seine eigenen religiösen Überzeugungen oder kulturellen Traditionen oder ideologischen oder sexuellen Präferenzen gibt es ebenso wenig. Es geht bei der echten Toleranz eben nicht darum, jemanden zu  mögen oder zu akzeptieren, sondern darum, seine Rechte nicht zu verletzen.

Darüber hinaus hat jeder das Recht, sich persönlich so zu positionieren, wie er es für richtig hält. Er mag dabei auch eine negative Haltung zum Ausdruck bringen. Die Höflichkeit ist eine sehr schöne Form, die sich im Zivilisationsprozess herauskristallisiert hat, mit der Menschen miteinander umgehen können, die sonst nichts miteinander gemeinsam haben. Aber nicht einmal dazu ist man verpflichtet. Man darf jemanden, mit dessen Einstellungen man um alles in der Welt nicht klarkommt, auch den freundlichen Morgengruß verweigern. Ob man sich damit selbst in ein gutes Licht stellt, sei einmal dahingestellt, dem Prinzip einer toleranten Gesellschaft widerspricht es grundsätzlich aber nicht.

Zur Beruhigung für diejenigen, die auch diesen sozialen Druck für problematisch halten, lässt sich sagen, dass es in einer Gesellschaft aus Millionen von Individuum so gut wie unmöglich ist, jemanden vollkommen sozial zu isolieren. In der Regel findet sich immer einer, der einen so mag wie man ist – gerade auch für das, was andere an einem ablehnen. Auch als Angehöriger einer kleinen Minderheit kann man in einer freien Gesellschaft sein Leben so einrichten, dass man – soweit man das will - fast ausschließlich mit Menschen zu tun hat, die so ticken wie man selbst.

Eine tolerante Gesellschaft ist, um mit dem Preußenkönig Friedrich dem Großen zu sprechen, eine Gesellschaft, in der tatsächlich jeder nach seiner Facon selig werden kann. Und zwar unabhängig davon, ob der gewählte Weg dem „bösen Nachbarn“ oder der Obrigkeit gefällt oder nicht.

14. Februar 2009

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