Gérard Bökenkamp

Jahrgang 1980, Historiker und Publizist.

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Die Medien und die Meinungsführer: Der „Zwei-Stufen-Fluss“ der Kommunikation

von Gérard Bökenkamp

Wie kommt es zu Wahlentscheidungen und Meinungstrends?

21. Februar 2009

Die Macht der Medien ist groß. Der Soziologe Niklas Luhmann war der folgenden Überzeugung: Was wir über die Welt wüssten, das wüssten wir durch die Massenmedien. Kulturkritiker sehen deshalb eine uninformierte Bevölkerung der Manipulation der Massenmedien hilflos ausgesetzt. Diese Befürchtungen vernachlässigen jedoch den Umstand, dass die direkte Einflussnahme der Medien auf die politische Meinung der breiten Bevölkerungsschichten so direkt gar nicht existiert. Die Mehrheit der Menschen konsumiert Unterhaltung statt Information. Paradoxerweise macht sie gerade ihr Desinteresse an der öffentlichen Berichterstattung und an politischen Themen für gezielte Manipulation eher unanfällig. Wer schon Probleme hat, sich den Namen des Bundeskanzlers zu merken, an dem gehen komplexere ideologische Botschaften unverstanden und unregistriert vorbei.

Die Leser von Tages- und Wochenzeitungen sowie Konsumenten regelmäßiger Berichteerstattung sind eine im Vergleich zur übrigen Bevölkerung besser informierte Minderheit. Das gilt selbst für die Leser der Boulevardmedien. Selbst ein "Bild"-Zeitungleser, der jeden Tag die politischen Artikel des Springer-Blattes verfolgt, besitzt einen erheblichen Informationsvorsprung vor denjenigen, die gar keine Zeitung lesen oder Nachrichten verfolgen. Um diese Minderheit dreht sich um Grunde die gesamte öffentliche Meinung. Zur politischen Kraft wird die Berichterstattung erst in den persönlichen Gesprächen über die Berichterstattung, wenn die besser Informierten ihre Familie, ihre Freunde und Bekannten über ihre Ansichten informieren. Schon in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts wurde deshalb von Kommunikationswissenschaftlern das Modell vom „Zwei-Stufen-Fluss der Kommunikation“ entwickelt. Danach treffen neue Ideen über die Medien zuerst auf die Meinungsführer. Diese nehmen diese auf, verarbeiten sie und tragen sie dann in persönlichen Gesprächen über ihre persönlichen Netzwerke in die Gesellschaft.

Die  Wiedervereinigungsstimmung und das daraus resultierende Wahlverhalten  ist für diesen „Zwei-Stufen-Fluss“ ein gutes Beispiel. Im Jahr der Wiedervereinigung 1990 lagen CDU/CSU und SPD bis in den September hinein Kopf an Kopf. Anfang Oktober gab es plötzlich unter den Meinungsführern eine Hochstimmung für die Unionsparteien. Der Stimmungsumschwung erfolgte in den Tagen der Wiedervereinigungsfeiern. In der breiten Bevölkerung war im Kontrast dazu in diesen Tagen kein Meinungsumschwung festzustellen. Erst drei Wochen später schlossen sich die breiten Bevölkerungsschichten dem Stimmungsumschwung an.  Wie ist das zu erklären? Die Meinungsführer, die besonders interessiert die Ereignisse verfolgten, ließen sich von der Euphorie der Feierlichkeiten anstecken und trugen diese Euphorie wiederum weiter in die breiten Schichten der Gesellschaft. Nach drei Wochen hatten sich ihre Ansichten über die Leistung der Regierung in der gesamten Bevölkerung verbreitet.

Die „Meinungsführer“ sind nicht gleichzusetzen mit der Elite, der Oberschicht oder der Schicht der Bildungsbürger. Jedes Milieu hat ihre eigenen Meinungsführer. Natürlich ist nicht jeder Zeitungsleser ein Meinungsführer. Meinungsführer besitzen ein bestimmtes Persönlichkeitsprofil, das dazu führt, dass ihr Umfeld bereit ist, ihre Interpretation der Ereignisse zu übernehmen. Sie sind dadurch charakterisiert, dass sie ein starkes Selbstbewusstsein besitzen, über ihr eigenes Milieu hinaus gut vernetzt sind und sich besser über gesellschaftliche und politische Themen informieren als ihr soziales Umfeld. Sie strahlen Sympathie und Optimismus aus und sie fürchten sich weniger davor, eine konträre Meinung zu ihrem Umfeld zu äußern. Das erlaubt ihnen Einfluss auf die Haltung ihres persönlichen Umfeldes und darüber hinaus. Es ist ein bekanntes sozialpsychologisches Phänomen, dass Menschen mit geringerer Persönlichkeitsstärke ihre Ansichten an Menschen mit größerer Persönlichkeitsstärke ausrichten. Das gilt für Modetrends ebenso wie für Politik.

Durch die sogenannte „Netzwerkanalyse“ weiß man inzwischen sehr viel besser darüber bescheid, wie sich Meinungen, Moden und Verhaltensweisen im sozialen Kappilarsystem der Gesellschaft ausbreiten. Wer sein Verhalten ändert und diese Verhaltensänderung auch kommuniziert, erhöht damit die Wahrscheinlichkeit, dass andere es auch tun, und zwar sogar bei jenen, zu denen gar kein persönlicher, sondern nur ein indirekter Kontakt über gemeinsame Freunde und Arbeitskollegen besteht. Meinungsführer können daher innerhalb ihres Netzwerkes einen dominoeffektartigen Meinungsumschwung verursachen. Wenn eine größere Gruppe von Meinungsführern ihre Richtung ändert, kann eine Kettenreaktion entstehen. Darin liegt eine  Ursache für plötzliche Meinungsumschwünge, Verhaltensänderungen oder sogar Kulturrevolutionen.

Die persönliche Kommunikation ist daher ein stärkerer Transmissionsriemen als die veröffentlichte Berichterstattung. Diese ist deshalb von Bedeutung, weil sie die Ansichten der Meinungsführer prägt. Bedenkt man, dass inzwischen die Mehrheit der Akademiker unter 40 Jahren das Internet als erste Informationsquelle ansehen und welche Potentiale in diesem Bereich noch liegen, kann man sich vorstellen, dass die eigentliche Revolution der Kommunikation und des Meinungsbildungsprozesses erst noch bevorsteht.

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