28. Februar 2009

Ökonomik Österreichische Konjunkturtheorie I

Ersparnisse, Preise, Kredit und Produktion

Jeder Autokäufer kennt es. Man bestellt einen Neuwagen und der freundliche Händler teilt einem bedauernd mit, dass die Lieferfrist mehrere Monate beträgt. Also freut man sich auf die nette Weihnachtskarte des Autohauses und wartet ab. Klar ist aber auch, dass einem der Erhalt des Neuwagens am heutigen Tage lieber wäre als der Erhalt des gleichen Neuwagens im Frühjahr des Folgejahres. Die Regel ist universal: Güter in der Gegenwart werden Gütern in der Zukunft immer vorgezogen. Sie sind wertvoller. Ein Gut in der Gegenwart wird für das gleiche Gut in der Zukunft nur eingetauscht, wenn das Abwarten vergütet wird. In Geld ausgedrückt: Niemand gibt 1000 EUR hin, um nur 1000 EUR in einem Jahr zu erhalten. Man verlangt Zinsen. Der Zins hängt immer von den Beteiligten an solchen Geschäften ab und spiegelt deren Vorstellungen über den Vorzug des Jetzt gegenüber der Zukunft wieder. Zinsen sind also nicht vorgegeben, sondern die Folge der individuellen Präferenzen aller Menschen, die Geldleihe betreiben. Sie spiegeln wider, in welchem Umfang „echte“ Ersparnisse (Kapital) zur Verfügung stehen und in welchem Umfang von den Marktteilnehmern konsumiert wird. Denn eines ist klar: Entweder kann man Güter verleihen und erst später konsumieren oder man konsumiert sie im Jetzt. Beides gleichzeitig geht nicht, denn Güter sind knapp.

Der Zins für echte Ersparnisse ist gleichzeitig ein Signal. Ist der Zins hoch, dann wollen die Menschen lieber im Jetzt konsumieren und nicht auf die Zukunft warten: es steht wenig Geld zum Ausleihen zur Verfügung. Umgekehrt zeigt ein niedriger Zins an, dass ein hohes Angebot an Geld zur Verfügung steht, das von den Geldgebern erst in der Zukunft gebraucht wird. Unternehmer benötigen dieses Signal für ihre Entscheidungen: Ein niedriger Zins zeigt an, dass in der Zukunft mehr konsumiert werden wird. Ein hoher Zins zeigt an, dass die Menschen lieber jetzt konsumieren und nicht auf später warten wollen. Ein hoher Zins zeigt somit an, dass Menschen aktuell ein hohes Konsumbedürfnis haben, was ein Unternehmer möglichst schnell befriedigen soll. Ein niedriger Zins zeigt an, dass Menschen im Jetzt genug haben und in der Zukunft aber mehr konsumieren wollen. Dieses Signal hat Auswirkungen auf die Produktionsentscheidungen der Unternehmer, technisch ausgedrückt auf die Struktur des Kapitals: Ein Unternehmer, der erst in der Zukunft Bedürfnisse befriedigen soll, wird sein Unternehmen so planen, dass er dann die entsprechenden Fabriken gebaut hat. Ein Unternehmer, der jetzt Bedürfnisse befriedigen soll, wird Nachtschichten fahren und kurzfristig mögliche Produktionserweiterungen vornehmen. Da das Volumen der echten Ersparnisse begrenzt ist (weil ja alle Güter knapp sind), stehen Konsum im Jetzt und Investition für die Zukunft in Konkurrenz. Hoher Konsum im Jetzt (hohe Zinsen) geht immer auf Kosten einer Produktionsausweitung zur Deckung zukünftiger Bedürfnisse. Echte Ersparnisse (niedrige Zinsen) ermöglichen die Produktionsausweitung für die Zukunft, bedeuten aber einen geringeren Konsum im Jetzt.

Der Konjunkturzyklus ist ein Phänomen über die Zeit. Aufschwung und Abschwung lassen sich nicht erkennen, wenn man einen einmaligen Blick auf eine bestimmte Situation wirft. Erforderlich ist daher eine dynamische Betrachtung. Vereinfacht ist zunächst von einer Situation auszugehen, in der alle Produktionsmittel ausgelastet sind. In dieser sind die vorhandenen Produktionsmittel dem Verlangen der Menschen nach aktueller Bedürfnisbefriedigung und dem Wunsch nach zukünftigem Konsum exakt angepasst. Das Verhältnis zwischen aktuellem Konsum und zukünftigem Verlangen nach Konsum wird den Unternehmern über den Zinssatz für die Ausleihe echter Ersparnisse signalisiert. Die dynamische Betrachtung setzt nun an der Veränderung dieses Zinssatzes an. Sie hat ihre Wurzel in dem veränderten Wunsch der Menschen nach mehr oder weniger aktueller Bedürfnisbefriedigung. Wegen des veränderten Zinssatzes verändert sich das Verhältnis zwischen der Nachfrage nach Konsumgütern und der Nachfrage nach Produktionsmitteln. Ein niedriger Zinssatz für echte Ersparnisse führt zu einer erhöhten Nachfrage nach Produktionsmitteln. Unternehmer werden den Produktionsprozess verlängern, die Struktur der Produktion wird kapitalintensiver. Ein höherer Zinssatz führt zu einer erhöhten Nachfrage nach Konsumprodukten. Unternehmer werden längerfristige Erweiterungen der Produktion aufgeben, den Produktionsprozess verkürzen und die Struktur der Produktion wird weniger kapitalintensiv.

Dieser Anpassungsprozess dauert seine Zeit. Produktionskapazitäten können nicht von jetzt auf gleich geschaffen werden, wie auch die Beendigung kapitalintensiver Produktion Zeit benötigt. Neben der Zeit braucht der Unternehmer, der etwa bei fallenden Zinsen seine Produktion ausweiten möchte, Darlehen. Denn in den wenigsten Fällen sind diejenigen, die Geld anbieten, auch die, die das Geld in Produktionsmittel investieren. Im Wettbewerb um Darlehen von den Banken werden nur die Unternehmer erfolgreich sein, deren Investition in Produktionsmittel den größten Ertrag verspricht: Sie können den Banken den höchsten Zins und die größte Sicherheit bieten. Die Produktion wird dementsprechend umgestaltet.

Eine weitere Folge der Veränderung des Zinssatzes – neben den höheren echten Ersparnissen, die für langfristige Projekte als Kapital zur Verfügung stehen – ist die Veränderung des kurzfristigeren Kreditvolumens. Während echte Ersparnisse langfristig als Kapital zur Verfügung stehen, ist die Ausweitung des Kreditvolumens nur kurzfristiger, monetärer Natur und kein Kapital. Geld maskiert sich vielmehr als Kapital. Daher steigt bei sinkenden Zinsen tendenziell die Möglichkeit der Unternehmer, kurzfristig Kredit von Banken zu bekommen, denn ein Absinken des Zinssatzes für echte Ersparnisse wirkt sich auch am kurzen Ende in Form niedriger Zinsen für kurzläufigere Darlehen aus. Mithin ergibt sich ein ausgeweitetes Kreditvolumen. Da Kredit mitunter als Tauschmittel dient und die umlaufende Geldmenge die Gesamtmenge aller Tauschmittel ist, hat das ausgeweitete Kreditvolumen inflationäre Wirkung: Die Geldmenge erhöht sich.

Wie aus der Besprechung der Cantillon-Effekte bekannt ist, hat eine erhöhte Geldmenge keine gleichmäßige Erhöhung der Preise zur Folge. Preise steigen nicht gleichmäßig sondern verändern sich relativ zueinander. Insbesondere werden die Preise der Güter steigen, die für die Ausweitung der Produktion benötigt werden. Unter diesen sind aber solche Güter, die in anderen Produktionsprozessen und auf anderen Stufen der Produktion oder auch im Konsum benötigt werden. Beispielhaft für ein solches nicht-spezifisches Produktionsmittel sei Getreide, das entweder für die Aussaat als Produktionsmittel oder unmittelbar für den Konsum verwendet werden kann. Werden durch die Ausweitung der Geldmenge die Unternehmer veranlasst, ihre Produktion auszuweiten und mehr Getreide auszusäen, so steigt der Preis für (Saat-)Getreide. Die Verbraucher können für den gleichen Betrag nunmehr nicht so viel (Brot-)Getreide erwerben wie zuvor. Sie müssen also mehr Geld aufwenden, um ihr Konsumniveau zu halten. Am Beispiel lässt sich ersehen, dass eine Ausweitung der Geldmenge durch Vergrößerung des Darlehensangebots einen erhöhten Konsum bewirkt. Andererseits nutzen die Unternehmer den niedrigeren Zins, um langfristig Kapazitäten aufzubauen. Dazu benötigen sie Arbeiter, die sie nur über einen höheren Arbeitslohn abwerben können. Mittelbar fließt auch dieser erhöhte Arbeitslohn der Arbeiter in den Boombranchen in den Konsum, wenn er nämlich von den Arbeitern ausgegeben wird. Der Konsum wird weiter angeheizt, obwohl der für echte Ersparnisse zu zahlende Zins das Gegenteil anzeigt, nämlich dass die Verbraucher im Jetzt weniger konsumieren.

Während durch die Kreditausweitung der kurzfristige Konsum befeuert wird (overconsumption), betreiben die Unternehmer ihre langfristigen Kapazitätsausweitungen. Diese werden finanziert  einerseits aus den echten Ersparnissen, andererseits aber auch aus den zusätzlich vorhandenen kurzfristigen Krediten. Wenn die Vergrößerung der Geldmenge durch das umfangreichere Kreditvolumen nur ein einmaliges Ereignis war, dann werden die Unternehmer ihre Kapazitäten wie vorgesehen anpassen und der Aufschwung geht vorüber. Der Zins wird ansteigen und ein Teil der Geschäfte der Unternehmer wird unrentabel (malinvestment). Ein weiterer für die Unternehmer bedauerlicher Faktor sind die infolge der Geldmengenausweitung steigenden Preise, die manch Unternehmer nicht vorhergesehen haben mag. Die Unternehmer, die ihre Produktionserweiterungen nicht abgeschlossen haben, werden durch das Ansteigen des Zinses besonders betroffen. Sie können die begonnenen Projekte nicht abschließen, da für ihre Beendigung keine Ersparnisse zur Verfügung stehen. Die Unternehmer, die besser geplant haben und ihre Produktionserweiterungen fertig gestellt haben, können sich diese nun zu Nutze machen und unter Einsatz kapitalistischerer Produktionsumwege zu produzieren beginnen.

Ausgelöst von den Verbrauchern durch ein größeres Verlangen nach zukünftigen Gütern sinkt der Zinssatz für als Kapital dienende echte Ersparnisse. Unternehmen versuchen die Verbraucherwünsche zu befriedigen, indem sie langfristig zu realisierende Produktionsausweitungen vornehmen. Dazu stellen sie Arbeiter und nehmen auch kurzfristige Kredite auf. Dadurch erhöht sich einerseits die Geldmenge und andererseits mittelbar über die steigenden Löhne die von den Verbrauchern für den Konsum aufgewendeten Mittel. Zu einem späteren Zeitpunkt endet die Kreditausweitung und die Unternehmer, die ihre langfristigen Projekte wegen steigender Preise nicht abgeschlossen haben, müssen ihre Produktionsausweitungen aufgeben. Sie müssen Arbeiter entlassen und haben womöglich Kapazitäten aufgebaut, die nicht von den Verbrauchern verlangt werden. Unrentable und unfertige Produktionsumwege werden geschlossen.

Über den Preis signalisieren die Verbraucher ihre Wünsche. Unternehmer versuchen die Wünsche der Verbraucher zu befriedigen. Dabei müssen sie den Zeitablauf berücksichtigen. Die besten Unternehmer sind die, die die zukünftige Nachfrage am besten vorhersehen, indem sie entsprechende Kapazitäten für den korrekten Zeitpunkt aufgebaut haben. Unternehmer und Verbraucher lösen über den Preis Probleme intertemporaler Koordination. Dabei kann jeder einzelne Akteur fehlerhafte Entscheidungen treffen: Verbraucher können ihren Konsumbedarf falsch einschätzen und zu viel im Jetzt ausgeben. Unternehmer können die Präferenzen der Verbraucher falsch einschätzen und ihre Produktion fälschlich ausweiten. Banken können die Rentabilität der von den Unternehmern angestrebten Projekte unzutreffend einschätzen und Kredit an die falschen Unternehmer vergeben. Gewinn und Verlust, die sich immer erst im Nachhinein manifestieren und die Erwartungen der Unternehmer validieren oder falsifizieren, zeigen den Akteuren an, ob sie ihre Entscheidungen richtig oder falsch getroffen haben.

Literatur:

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