03. März 2009

Katholische Diskussion Die Kirche, das Konzil und die Hesselbachs

Über ein offenbar zur Konservierung freigegebenes Zweites Vatikanum

Liebling, ich habe den Glauben geschrumpft: Einem Außenstehenden kann dieser Stoßseufzer entfahren, hört er das in diesen Tagen mantragleich aus allen Radiogeräten und Fernsehschirmen und Zeitungsseiten hervorquellende Bekenntnis, es könne innerhalb der katholischen Kirche „kein Zurück“ geben hinter das Zweite Vatikanische Konzil.

Natürlich, denkt der Außenstehende sich da zunächst, kann im Jahr 2009 nicht per Zeitmaschine die Zeit vor 1962 wiederhergestellt werden. Natürlich kann niemand mit wachem Verstand sich aus der Gegenwart derart brachial verabschieden wollen, dass er die Zeit seitdem im Geiste durchstreicht. Insofern ist es die blanke Selbstverständlichkeit, die sich da mit Getöse ergießt.

Aber, ließe sich in einem zweiten Schritt fragen, ist ein Zurück zum offenbar zur Konservierung freigegebenen Zweiten Vatikanischen Konzil nicht auch ein Zurück? Ist ein Zurück in die Jahre 1962 bis 1965 statthaft, ja moralisch geboten, eine in die Jahre vor 1962 aber ruchlos? Denn, da beißt die Kirchenmaus keinen Faden ab, das Zweite Vatikanum atmet den Geist einer Epoche, die versunken ist wie die damals eine Nation erwärmende Fernsehfamilie Hesselbach und deren Polkamusik.

In der ebenso geschwätzigen wie bestens beleumundeten Konstitution „Die Kirche in der Welt von heute“ etwa, im Original: „Gaudium et spes“, lesen wir erstaunliche Dinge. Diese „Welt von heute“ ist, wie sollte es auch anders sein, vorgestrig geworden. Es gibt sie nicht mehr, die Welt des in mäandernden Satzgirlanden beschworenen „Rüstungswettlaufs“, der „die Frage des Krieges mit einer ganz neuen inneren Einstellung zu prüfen“ erzwinge. Es gibt sie nicht mehr, die „heute sich vollziehenden Umwälzungen im Wirtschaftsleben“ mit ihrem „Gestaltwandel zur industriellen Gesellschaft, wo beispielsweise die Automation im Vormarsch ist“. Es gibt nicht mehr die „Fortschritte in der Produktionstechnik“ auf dem Stand von 1965, und wir sind auch nicht mehr „Zeugen der Geburt eines neuen Humanismus“.

Vorbei ist die „neue Epoche der Menschheitsgeschichte“, in der „die neueren Forschungen der Psychologie“ als Dernier cri gelten konnten, überwunden sind die „besonders schweren Nöte dieser Zeit“ von 1965 und die „vielen Probleme, die heute die Sorge aller wachrufen“, einschließlich des offenbar damals noch zu erkämpfenden Rechts auf Freizeit.

Vorbei auch ist der „Prozess einer gesunden Sozialisation und Vergesellschaftung im bürgerlichen und wirtschaftlichen Bereich“, die „der heutige Mensch“ einst vorantrieb. Keinen Zugriff mehr haben wir auf die „heute der Menschheit zur Verfügung stehenden reichen Hilfen zu einer umfassenderen Kultur des inneren Menschen“ und zur 1965 „situationsgerechten Darlegung der Lehre der Kirche“. Wir können nur mühsam „jene Werte“ rekonstruieren, „die heute besonders in Geltung“ waren, als der wissenschaftliche Optimismus boomte und zugleich ein Dritter Weltkrieg eine katastrophale Option war. Und unverständlich ist uns der „geschärfte kritische Sinn“ von 1965 geworden, kraft dessen der „heutige Lauf der Dinge“ in einer „Wachstumskrise“ bestand. Eine solche Krise hätte man 2009 gerne.

Natürlich, die 13 Konzile vor dem Zweiten Vatikanum sind ebenfalls vorgestrig geworden – nur eben wird dieses Faktum niemand in Abrede stellen wollen, während die Texte von 1962 bis 1965 zunehmend als das finale und in seiner Finalität ewig taufrische Wort zur Kirche, zur Welt und zu allem dazwischen vorgeführt wird. Und natürlich, allein der Umstand, dass die Altvorderen sich damals aufmachten und auf die Welt freudig zugingen statt sich vor ihr abzuschotten, bleibt begrüßenswert und hoch verdienstvoll. Aber das letzte Wort kann es nicht sein.

Es käme heute, wie stets, darauf an, das Gesamt der Tradition schöpferisch weiterzutragen. Es käme darauf an, nicht mit dem Codewort „Kein Zurück!“ eine aschfahl gewordene Modernität lebendig zu schminken. Solchermaßen schrumpft der Glaube auf das Heute der frühen sechziger Jahre und sieht also sehr alt aus. Die Binsenweisheit gilt auch hier: Je enger eine Zeit sich an ihre Gegenwart kettet, desto schneller wird sie Vergangenheit.

Die Hesselbachs sind schwarzweiß geblieben, man hat sie nicht koloriert. Man kann sie noch immer mit Genuss sehen, als Sittenbild einer untergegangenen Epoche mit Schrankwand und Nierentisch und Häkeldecke. Geschichte ist weit und groß, sie wächst täglich, und immer trennt ein Abgrund uns von ihr. Unredlich aber wäre es, diesen Abgrund für eine Brücke zu halten und munter ins Gestern fortzuschreiten.

Information

Alexander Kissler ist Kulturjournalist, u.a. bei der „Süddeutschen Zeitung“ und bei „Cicero“, und Sachbuchautor. Die bisherigen Montagskolumnen finden sich hier.


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