05. März 2009

Gegenposition Freiheit oder Religion

Libertärer Einspruch gegen einige Artikel in eigentümlich frei und ef-online

Am 17. Februar dieses Jahres waren die Kirchen wieder einmal in den Schlagzeilen. Unter Titeln wie „Kirche bedauert Misshandlung von Heimkindern“, „Manche schluckten Stecknadeln für die Flucht" oder „Die unbarmherzigen Erzieher der Nachkriegszeit“ veröffentlichten die Medien Berichte, Dokumente und Kommentare zur massenhaften Misshandlung von Heimkindern in den Fünfzigern.

Die Kirchen wollten Gremien einrichten und in einer mehrjährigen Diskussion zu Ergebnissen kommen. Pfarrer und Priester, die in diesen christlichen Gulags als Wärter und Aufseher tätig waren, schlugen Ihren Opfern – die sie Jahrzehnte später zur Rede stellen wollten – die Tür vor der Nase zu. Einige Vertreter der Kirchen drückten ihr Bedauern aus. Diese Reaktionen der Kirchen in Deutschland lösen bei mir mehr als nur Unverständnis aus. Die unverzügliche Entschädigung der noch lebenden Opfer ist bis heute kein Thema in den Kreisen dieser „Samariter“.

Mir wurde schlagartig bewusst, dass wir uns bereits seit Jahren, spätestens seit der Jahrtausendwende, mitten in einer Renaissance der Religionen befinden. Libertäre Publikationen bleiben hiervon nicht ausgenommen. Ob mises.daily oder eigentümlich frei, die christliche Umdeutung etwa auch der Philosophie Ludwig von Mises’ gewinnt zunehmend an Fahrt. Der Islam und das Christentum nutzen die große Chance im weltweiten Zerfall etatistischer und sozialistischer „Werte“, die alte mosaische Moral wieder aufleben zu lassen. Islamische und christliche Taliban und ihre Geistesverwandten, seien es nun Wahhabiten, iranische Ayathollas, Muslimbrüder oder Mitglieder von Opus Dei, der Pius-Brüderschaft und protestantische Fundamentalisten in den USA, sind zur Speerspitze einer Massenbewegung geworden, die auch noch die kümmerlichen Reste an bürgerlichen Freiheiten hinwegzufegen droht, die uns Sozialismus und demokratischer Wohlfahrtsstaat gelassen haben.

Als rational denkender Mensch sollte man meinen, dass sich das kleine Häuflein von Menschen, die sich mit Unfreiheit, unkritischem Nachahmen und Nachplappern von ideologischen Phrasen nicht abfinden will, weiterdenkt. Man sollte annehmen, dass der kritische Verstand sie nicht auf halbem Wege verlässt. Ganz konkret stellt sich die Frage, wie Apologeten der christlichen Moral vom Format eines Friedrich August von Hayeks, Roland Baaders und Jörg Guido Hülsmanns so nonchalant eindeutige Aussagen eines Ludwig von Mises’ zum Thema Christentum und Markt weglassen und die Entwicklung grundlegender Theorien zur Marktwirtschaft und einer notwendigen Moral einer Gesellschaft frei handelnder Menschen auf Heilige der katholischen Kirche zurückführen. Da dieser Abschnitt aus der Gemeinwirtschaft von Ludwig von Mises so wenig Raum in der Diskussion findet, seien hier einige längere Passagen zitiert:

„Der kirchliche Sozialismus, wie er in den letzten Jahrzehnten bei zahlreichen Bekennern aller christlichen Kirchen Fuß gefasst hat, ist nichts anderes als eine Spielart des Staatssozialismus. Staatssozialismus und kirchlicher Sozialismus sind so sehr ineinander verwachsen, dass es schwer fällt, zwischen ihnen eine feste Grenze zu ziehen und von einzelnen Sozialpolitikern zu sagen, ob sie dieser oder jener Richtung angehören. Noch stärker als der Etatismus ist der christliche Sozialismus von der Meinung beherrscht, dass die Volkswirtschaft sich in einem Beharrungszustand befinden würde, wenn nicht Profitsucht und Eigennutz der ihr Streben lediglich auf die Befriedigung materieller Interessen richtenden Menschen ihren gleichmäßigen Gang immer wieder stören würden.“ (Mises, S. 237 )

„Das Gesellschaftsideal des christlichen Sozialismus, das durch alle Ausführungen seiner Vertreter durchschimmert, ist rein statisch. In dem Bilde der Wirtschaft, wie es sich in diesen Köpfen malt, fehlt daher der Unternehmer, gibt es keine Spekulation und keinen ‚übermäßigen’ Gewinn. Die Preise und Löhne, die verlangt und gegeben werden, sind ‚gerecht’. Jedermann ist mit seinem Los zufrieden, weil Unzufriedenheit eine Auflehnung gegen göttliche und menschliche Gesetze bedeuten würde. Für den Erwerbsunfähigen wird durch christliche Mildtätigkeit gesorgt. Dieses Ideal sei, wird behauptet, im Mittelalter verwirklicht gewesen. Nur der Unglauben habe die Menschheit aus diesem Paradies vertreiben können. Wenn man es wiedergewinnen wolle, müsse man daher zuerst den Weg zur Kirche wiederfinden. Aufklärung und Liberalismus hätten alles Unglück erzeugt, von dem die Welt heute heimgesucht wird.“ (Mises, S. 238 )

„Dem Gläubigen erscheint die Heilige Schrift als Niederschlag göttlicher Offenbarung, als Wort Gottes an die Menschheit, das auf immer die unerschütterliche Grundlage aller Religion und alles von ihr zu leitenden Verhaltens bleiben muss. Das gilt nicht nur für den Protestanten, der auch alles Kirchenwesen nur so weit gelten lässt, als es sich auf die Schrift zu stützen vermag, sondern auch für den Katholiken, der zwar einerseits die Autorität der Schrift von der Kirche herleitet, aber doch andererseits der Schrift selbst göttlichen Ursprung zuerkennt, da sie unter Mitwirkung des Heiligen Geistes zustande gekommen sei, ein Dualismus, der dadurch überwunden wird, dass der Kirche allein das Recht der endgültigen authentischen – unfehlbaren – Auslegung der Schrift zusteht. Dabei wird die logische und systematische Einheit der ganzen Schrift vorausgesetzt; die Überbrückung der Schwierigkeiten, die sich aus dieser Annahme ergeben, ist dann eine der wichtigsten Aufgaben der Kirchenlehre und Wissenschaft.“ (Mises, S. 401 )

„Gerade der Umstand, dass Jesus kein Sozialreformer war, dass seine Lehren frei von jeder für das irdische Leben anwendbaren Moral sind, dass alles, was er seinen Jüngern empfiehlt, nur Sinn hat, wenn man mit umgürteten Lenden und brennenden Lichtern den Herrn erwartet, um ihm alsbald zu öffnen, wenn er kommt und anklopft, hat das Christentum befähigt, den Siegeslauf durch die Welt anzutreten. Nur weil es vollkommen asozial und amoralisch ist, konnte es durch die Jahrhunderte schreiten, ohne von den gewaltigen Umwälzungen des gesellschaftlichen Lebens vernichtet zu werden. Nur so konnte es die Religion römischer Kaiser und angelsächsischer Unternehmer, afrikanischer Neger und europäischer Germanen, mittelalterlicher Feudalherren und moderner Industriearbeiter sein. Weil es nichts enthält, was es an eine bestimmte Sozialordnung gebunden hätte, weil es zeitlos und parteilos ist, konnte jede Zeit und jede Partei daraus das verwerten, was sie wollte.“ (Mises, S. 406 - 407)

„Jede Zeit hat aus den Evangelien das herausgelesen, was sie aus ihnen herauslesen wollte, und das übersehen, was sie übersehen wollte. Man kann das durch nichts besser belegen als durch den Hinweis auf die überragende Bedeutung, die der Wucherlehre viele Jahrhunderte lang in der kirchlichen Sozialethik zugekommen ist In den Evangelien und in den anderen Schriften des Neuen Testaments werden an den Jünger Christi ganz andere Forderungen gestellt als die, auf die Zinsen von ausgeliehenen Kapitalien zu verzichten. Das kanonische Zinsverbot ist ein Erzeugnis der mittelalterlichen Gesellschafts- und Verkehrsdoktrin und hatte mit dem Christentum und seinen Lehren zunächst nichts zu tun. Die sittliche Verurteilung des Wuchers und das Zinsverbot gingen voran; sie wurden von den Schriftstellern und von der Gesetzgebung des Altertums übernommen und in dem Maße ausgestaltet, in dem der Kampf gegen den wirtschaftlichen Rationalismus an Stärke zunahm; dann erst suchte man sie auch durch Belege aus der Heiligen Schrift zu stützen.“ (Mises, S. 407)

Murray Rothbard liefert in Band I seiner „Classical Economics“, obwohl er wie Hayek Agnostiker war, eine Steilvorlage für die Fraktion der christlichen Libertären. In seiner umfangreichen Abhandlung der Schriften berühmter Scholastiker wie des Kirchenvaters Thomas von Aquin, der Bischöfe Bernadino und Oresme und zahlreicher anderer Gelehrter des ausgehenden Mittelalters und Beginns der Neuzeit, die, wen wundert es, allesamt Katholiken waren, da sie vor der Reformation lebten, hebt er die Rolle der katholischen Kirche bei der Entwicklung der Theorie des Marktes hervor. Es fiel diesem hervorragenden, kritischen Geist, dessen Schriften maßgeblich zur Weiterentwicklung der Österreichischen Schule der Ökonomie beigetragen haben, an dieser Stelle nicht auf, dass sich mit der Bibel, einer willkürlich angelegten Sammlung von Schriften verschiedenster Autoren, schlecht für eine Marktwirtschaft argumentieren lässt. Diese Schriftensammlung, die die Christen „Das Heilige Buch“ nennen, ist in einem Zeitraum von über 900 Jahren entstanden, in denen sich unterschiedlichste Religionen und Weltanschauungen des antiken Morgenlandes und des römischen bis spätrömischen Reiches widerspiegelten. Vom Kapitel Mose bis zur Apokalypse des Johannes finden sich Schilderungen von Gewalt, Schändungen und unzähligen anderen Erniedrigungen von Frauen und Massenmorden an Ungläubigen, die in der Offenbarung einen traurigen Höhepunkt finden. Das Evangelium des Apostels Paulus und die Schriften der Kirchenväter Augustinus von Hippo und Ambrosius von Mailand bieten Anschauungsmaterial in Hülle und Fülle für eine abgrundtiefe Sexual- und Frauenfeindlichkeit der christlichen Religion. Wie der Koran und die Thora kennt auch die Bibel nur eins, die unbedingte und kritiklose Unterwerfung unter einen Führer, den die Juden Jehova, die Christen Heilige Dreieinigkeit und die Muslime Allah nennen.

Wenn schon allein dies mehr als ausreichend ist, um die Unvereinbarkeit der Aufklärung mit dem Glauben der Christen und den Lehren der Kirche(n) zu beweisen, dann bedarf es auch keiner Zitate mehr aus dem Neuen Testament, in dem Jesus glasklar und unmissverständlich gegen die Reichen Stellung bezieht. Die Freunde einer wiedergeborenen christlichen Familie, in der selbstredend der Mann den Ton angibt, finden sich bei Jesus und den ebenfalls als Single lebenden Aposteln gut aufgehoben. Ob sie auch zu den Worten Jesu: „Lasst die Toten die Toten begraben“, stehen, wenn sie der Beerdigung ihrer Lieben fernbleiben?

Weder Herrn Baader noch Herrn Hülsmann will ich davon überzeugen, dass Sie in in puncto Religion und freiheitlichem Denken und Leben unrecht haben. Meine Sympathie für Roland Baader und seinen mutigen Kampf gegen den Leviathan Staat bleibt hiervon unberührt! Ich will nicht anderes als Reflektionen darüber auslösen, ob wir zurückkehren wollen zum Geist der Aufklärung, zu Mises und Popper, oder ob wir mit den Führern der Großsekten, wie sie Gerard Radnitzky nannte, den Weg zurück in das Zeitalter der Religionskriege beschreiten.

Literatur

Baader, Roland, Markt oder Befehl: 55 Streitschriften für die Freiheit (Lichtschlag; Auflage: 1, 11. Oktober 2007)

Dawkins,Richard, The God Dellusion, (Black Swan Book: 9780552773317,2006) Deutscher Titel: Der Gotteswahn (Okt 2008, Ullstein) ISBN 9783548372327

Hayek, Friedrich A. von, Missbrauch und Verfall der Vernunft (Salzburg, Verlag W.Neugebauer, 1979) ISBN 3-85375-027-0

Hülsmann, Jörg Guido Ethik der Geldproduktion. (Manuscriptum, September 2007) ISBN-13: 978-3937801193

Mises, Ludwig von, Die Gemeinwirtschaft: Untersuchungen über den Sozialismus (1932, 2. Auflage, Lucius & Lucius) ISBN 9783828204119 ; als PDF bei mises.de [7] Rothbard, Murray N., Classical Economics: An Austrian Perspective on the History of Economic Thought, Volume I and II (Auburn Alabama, Ludwig von Mises Institute, 2006)


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Autor

Werner Ende

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