09. März 2009

Technisierbarkeit der Fortpflanzung Zukunft, die aus der Retorte kam

Ursula von der Leyens neue Pläne

Familienministerin von der Leyen will als Hebamme der Nation in die Annalen eingehen. Nicht nur der ebenso banale wie richtige Spruch, wonach Kinder unsere Zukunft sind und demzufolge von der Leyen uns schon siebenfach die Zukunft wies, bildet das weltanschauliche Zentrum ihres Ringens. Nein, ebendiese Zukunft wird strikt nationalökonomisch aufgefasst. Kinder sind die Rentenbeitragszahler, Arbeitsplatzbeschaffer und Konsumenten von morgen. Deshalb trat von der Leyen nun mit einer neuen Botschaft ins Rampenlicht: Mehr Retortenbabies wagen!

Die noch immer christdemokratische Politikerin lobte in der vergangenen Woche ihre christdemokratische Bündnisgenossin Christine Clauß. Die sächsische Sozialministerin will künftig mit 1,1 Millionen Euro jährlich künstliche Befruchtungen bezuschussen. Verheiratete Paare, die bereits drei erfolglose Versuche hinter sich haben, dürfen die Rechnung für einen vierten, nicht minder riskanten Anlauf komplett im Dresdner Ministerium einreichen. Der christdemokratische Amtskollege aus Hessen, Jürgen Banzer, findet die sächsische Initiative ebenfalls bedenkenswert.

Man muss hier nicht zum groben Analogiebesteck greifen und einer ehemals rechts beheimateten Partei unselige Traditionen zum Wohle des „Volkskörpers“ unterstellen. Gleichwohl ist die Vehemenz, mit der christdemokratische Politiker die Technisierbarkeit der Fortpflanzung zur nationalen Schicksalsfrage erklären, erstaunlich. Einerseits leistet man Lobbydienste für eine unzufriedene Industrie. Derzeit setzen die Pharmafirmen rund 150 Millionen Euro jährlich mit Fertilitätsprodukten um. Die Zahl der nur in jedem fünften bis vierten Fall erfolgreichen Behandlungen sank jedoch seit 2003 um 40 Prozent auf nunmehr zirka 60.000 pro Jahr.

Andererseits – und diese Weiterung dürfte sich als folgenschwerer erweisen – wird nun ganz offen auch die Geburtenrate als ein Problem aufgefasst, das der Staat technisch zu lösen imstande sei. Aus der „Lufthoheit über den Kinderbetten“, die der heutige sozialdemokratische Arbeitsminister Olaf Scholz einst flapsig und unernst einklagte, wurde die sehr ernste christdemokratische Aufforderung, die Hoheit über die Zeugung endlich zu erreichen. Denn ein Staat, der seinen Untertanen Kinder schenkt, wird doch wohl von diesen geliebt werden? Wird doch wohl zugleich sich selbst etwas Gutes, da Herrschaftsstabilisierendes tun?

Der Staat ist und bleibt aber der falsche Akteur auf diesem intimsten aller Lebensfelder. Er würde total, regierte er auch noch in dieses prinzipiell unpolitische Residuum hinein. Falsch, einfallslos, unreif ist zweitens die Vorstellung, jedes und somit auch dieses Problem ließe sich technisch lösen. Sehr zurecht schrieb die linksliberale Wochenzeitung „Der Freitag“: „Der Geburtenrate technisch aufzuhelfen, ist weder medizinisch noch volkswirtschaftlich eine sinnvolle Strategie, egal, ob die Mittel von den Krankenkassen oder aus Steuergeldern aufgebracht werden. [...] Dieses Land verhindert durch seine überholten Arbeits- und Lebensmodelle nicht nur, dass Menschen zu Eltern werden und Eltern Zeit haben für ihren Nachwuchs, sondern auch, dass Eltern, älter geworden, beruflich nach- und aufholen können. Eine Familienpolitik, die mit Pipette und Reagenzglas auf diese Bedürfnisse antwortet, hat das noch immer nicht verstanden.“

Schon die Urväter der „Dialektik der Aufklärung“ wussten, dass mit Technik allein sich weder soziale noch geistige Probleme lösen lassen. Technik bringt Probleme hervor, die auf abermals technische Antworten drängen und so den Herrschaftsbereich der Technik ausweiten, den Raum der Unfreiheit also vergrößern. Wenn nun die christdemokratische Troika hinter diese Allgemeingut gewordene Einsicht zurückfällt, offenbart sie ein kurioses Zugleich von Spätmoderne und Frühmoderne, von 21. und 17. Jahrhundert. Die Zeit, da sozialtechnische Utopien plausibel und aufklärend erschienen, ist vorbei. Bedauern mag man das, ändern kann man es nicht.

Information

Alexander Kissler ist Kulturjournalist, u.a. bei der „Süddeutschen Zeitung“ und bei „Cicero“, und Sachbuchautor. Die bisherigen Montagskolumnen finden sich hier.


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