10. März 2009

Kurzgeschichte Hans im Steuerglück

Wie sowas von sowas kommt

Vier Bekannte, nennen wir sie Dieter, Hans, Michael und Norbert, beschließen eine Gemeinschaft zu gründen. Die Gemeinschaft soll demokratisch und zum Wohle aller tätig sein. Diskutiert wird vor allem die Finanzierung der Gemeinschaftsaufgaben. Es besteht Einigkeit, dass jeder einen Beitrag leisten soll.

Zunächst ist vorgesehen, dass jeder das gleiche pro Jahr einzahlt. Nun weist Michael darauf hin, dass die vier ja unterschiedlich viel verdienen. Er, Michael, erhält einen Lohn von 40.000 pro Jahr, Dieter verdient nur 20.000, Norbert 30.000. Hans hingegen ist der reichste von allen mit 200.000 pro Jahr. Daher schlägt Michael vor, dass jeder den gleichen Prozentsatz abführt, nämlich 20 Prozent von seinem Einkommen. Hans meint: „Aber dann zahle ich ja viel mehr als ihr, nämlich allein 40.000 gegenüber Euren 18.000 zusammen.“ – „Ja, aber du hast doch auch viel mehr Spielraum. Und relativ gesehen ist die Belastung die gleiche für jeden von uns“, meint Dieter. Schließlich lässt sich Hans von diesem Argument überzeugen. Man scheint eine Einigung gefunden zu haben.

Plötzlich meldet sich Norbert zu Wort: „Moment mal, der Hans kann doch von seinen verbliebenen 160.000 noch in Saus und Braus leben. Ich finde, er müsste noch viel mehr an die Gemeinschaft abtreten, sagen wir 50 Prozent.“ Hans protestiert: „Aber das ist doch ungerecht, wenn ihr drei nur 20 Prozent bezahlt!“ – „Mag sein“, meint Norbert, „aber es ist sozial gerecht.“ Dieter und Michael sind unsicher. Dieter meint, irgendwie widerspreche das seinem Gerechtigkeitsempfinden. Norbert wendet sich an die beiden: „Stellt euch doch mal vor, was wir allein mit den 100.000 von Hans Gutes für die Gemeinschaft tun können! Das würdet ihr alleine nie schaffen. Letztlich profitieren alle davon!“

Hans lehnt die vorgeschlagene Regelung strikt ab. „Dann lass uns abstimmen“, meint Norbert. Die Abstimmung endet Drei zu Eins zugunsten von Norberts Vorschlag. „Gut“, meint Hans, „ich beuge mich der Mehrheit. Da es aber in erster Linie mein Geld ist, 100.000 gegenüber Euren 18.000, möchte ich wenigstens ein besonderes Mitspracherecht bei der Verwendung der Gelder haben.“ – „Kommt nicht in Frage! Über die Mittelverwendung entscheiden wir selbstverständlich auch demokratisch: jeder hat eine Stimme“, so Michael. Widerwillig beugt sich Hans: „Aber mit den mir verbliebenen 100.000 kann ich machen was ich will?“ Darauf Norbert: „Ja, aber wenn du damit Geld verdienst, wird das natürlich wieder besteuert, Zinsen etwa.“  Hans: „Ihr spinnt wohl, ich hab doch meine 50 Prozent schon abgeführt.“ Hans beantragt Abstimmung über diesen Punkt, unterliegt aber erneut mit Eins zu Drei. „Und was ist, wenn ich die Gemeinschaft verlasse?“ –  „Dann besteuern wir dein gesamtes Vermögen mit 50 Prozent Wegzugssteuer.“ 

So nehmen die Dinge ihren Lauf. Norbert hat seinen Job aufgegeben und sich zum Verwalter der Gemeinschaftsgelder wählen lassen, er verdient jetzt 40.000. Eines Tages entscheidet das von der Mehrheit eingesetzte Obergericht, welches ebenfalls von Hans’ Geld finanziert wird, dass diejenigen, die ihre Steuern nicht korrekt zahlen, ins Gefängnis kommen. Das gilt allerdings nur, soweit es sich um Beträge über 25.000 handelt. Darunter gibt es nur eine kleine Geldstrafe.

Seither denkt Hans jeden Tag darüber nach, wie er die Gemeinschaft möglichst unbemerkt verlassen kann.


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Autor

Tom Valmon

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