12. März 2009

Subventionen Staatliche Tourismusförderung auf dem Prüfstand

Ein Rundgang auf der ITB

Lange Schlangen mit vielen Tausenden Wartenden aus ganz Deutschland bildeten sich am vergangenen Wochenende auf der Berliner Museumsinsel und davor. Erstmals wurde das „Neue Museum“ für drei Tage der Öffentlichkeit gezeigt.

Das Neue Museum wurde im Zweiten Weltkrieg schwer zerstört. Es ist noch leer. Die Leute wollten nur mal schauen, wie der britische Stararchitekt das Gebäude rekonstruiert hat. Erst im Herbst sollen die Exponate kommen.

Und wieder ist Berlin um eine Attraktion reicher. Die Stadt, die nach der Wende ihre industrielle Basis verloren hat, lebt von den Touristen. Es ist die größte Hoffnung Berlins. Nur in Mecklenburg-Vorpommern wird ein noch größerer Anteil des Bruttoinlandprodukts vom Tourismus erwirtschaftet. Mindestens 170.000 Arbeitsplätze hängen in Berlin daran.

Und wer hat von dieser neuen Attraktion mal wieder mal nichts mitbekommen? Richtig: die Berlin Tourismus GmbH, ein landeseigener Betrieb, dessen Aufgabe es ist, Berlin als Reiseziel zu vermarkten. Es gab keine Anzeige, keine Pressemitteilung, keinen Fernsehspot, nichts.

Dass wir uns nicht falsch verstehen: Ich erwarte nicht, dass Berlin Tourismus zu jedem denkbaren Ereignis eine teure Werbekampagne auf Kosten des Steuerzahlers anleiert. Im Gegenteil. Aber dass die staatliche Tourismusförderungsgesellschaft mal wieder nichts von einem großen Ereignis mitbekommen hat, sagt einiges darüber aus, wie „nah am Markt“ ein staatliches Unternehmen operiert.

Es spricht grundsätzlich nichts dagegen, dass Städte oder Regionen ihrer touristischen Wirtschaft auf die Sprünge helfen, indem sie die Firmen an einen Tisch holen und gemeinsame Werbeaktionen zur Generierung neuer Kunden anleiern.

Die Hotelbetreiber, Reiseveranstalter, Gastwirte, Eisbudenbesitzer, Kioskinhaber und Ausflugsdampferkapitäne aus einem Ostseebad beispielsweise können keine eigene Werbekampagne finanzieren, die die Kunden in ihrem Einzugsbereich Berlin oder Hamburg erreicht. Aber wenn sie sich zusammentun, ihre Kräfte bündeln, dann können sie Anzeigen schalten, Broschüren drucken, Messeauftritte durchführen. Davon profitieren am Ende alle.

Aber muß sich jede größere Stadt deswegen gleich eine ganze PR-Abteilung leisten? Wer einen Rundgang auf der Internationalen Tourismus Börse (ITB) macht, die gestern eröffnet worden ist, der trifft in jeder Halle auf halbstaatliche Fremdenverkehrsämter, die mit mehr oder weniger Erfolg ihre Heimat anpreisen. Die Russen bewerben die Region Altai und laden ein zur Fahrt mit der transsibirischen Einsenbahn. Die Italiener verraten, was Besucher an einem Wochenende in Padua sehen können und wo es die besten archäologischen Touren in der Toskana gibt. Die Deutschen werben für einen Besuch auf der Wartburg oder im Abenteuerpark Potsdam.

Aber wie das immer so ist, wenn sich der Staat ins Wirtschaftsleben einmischt, geht natürlich einiges daneben. Gerade beim Messeauftritt der Deutschen wird das besonders deutlich: Natürlich gibt es nicht nur einen Messeauftritt von Cottbus und Potsdam. Es gibt ferner einen Messestand des Landes Brandenburg. Und schließlich einen der Bundesrepublik Deutschland. Gleich drei staatliche Instanzen sind hier mit kostspieligen Messeauftritten vertreten. Teurer Föderalismus. Das wäre in Ordnung, wenn die Privatwirtschaft dafür mit ihrem Geld aufkäme. Aber leider sind es meistens die Steuerzahler, die diesen Unsinn finanzieren müssen.

Nehmen wir die Berlin Tourismus GmbH. Natürlich ist sie als „Public Private-Partnership“ (PPP) angelegt, das heißt, dass die lokale Wirtschaft formal mit im Boot sitzt. Aber natürlich hat der Staat die Macht, und er gibt das Geld. Der Anteil der Eigeneinnahmen von Berlin Tourismus ist von 62 Prozent im Jahr 2002 auf 40 Prozent im Jahr 2007 gesunken ist. Entsprechend hat das Land, also der Steuerzahler, seinen Anteil am Etat von 28 auf 43 Prozent gesteigert. Die profitierenden Unternehmen zahlen nur einen kleinen Anteil.

Es ist nicht einzusehen, dass der Staat in zunehmendem Maße für Hotelketten, Fluggesellschaften, Reiseveranstalter und andere Profiteure des Berlin-Tourismus die Werbung macht und dafür jährlich weit über fünf Millionen Euro ausgibt. Der Gesamtetat von Berlin Tourismus liegt übrigens bei 12,7 Millionen. Bei Berlin Tourismus arbeiten nicht zehn oder zwanzig Leute daran, das ohnehin positive Image der Stadt zu verstärken. Nein, es sind 140 Angestellte! Wer weiß, wie viele Parteigenossen da ihre Frau oder Geliebte „untergebracht“ haben?!

Es ist das immergleiche Dilemma bei staatlicher Wirtschaftsförderung: Sie kostet, aber niemand weiß so recht, ob sie ihr Geld wert ist. Würden die Touristen nicht sowieso kommen? Ist Berlin nicht auch ohne staatliche Werbekampagnen eine Reise wert? Sind der Ku’damm, das KaDeWe, Eisbär Knut, Unter den Linden, die neue O2-Welt, der Fernsehturm, das Brandenburger Tor, die Zitadelle Spandau, die Berlinale, die IFA, die Grüne Woche, der Tiergarten, das Deutsche Historische Museum, der Checkpoint Charlie oder der Müggelsee nicht von ganz alleine Magneten genug, um Touristen anzuziehen? Und würde die Privatwirtschaft nicht von ganz alleine die notwendigen Investitionen tätigen?

Auf der anderen Seite mischt sich die staatliche Tourismusförderung so wie jeder staatliche Betrieb in Felder ein, in denen er partout nichts zu suchen hat. So werden Internetplattformen erstellt, die in Konkurrenz zu kommerziellen Anbietern treten. Das hatten wir schon mal bei den staatlichen Arbeitsagenturen, die privaten Arbeitsvermittlern das Leben schwer machen. Oder er gibt komplette Stadtführer heraus und tritt damit in Konkurrenz zu kleinen Verlagen, die das gleiche tun.

Das Gute für die Verlage ist: Die staatliche Konkurrenz produziert natürlich vorwiegend für den Altpapiercontainer. Je mehr Staat in einer Touristenbroschüre oder einem Stadtführer drinsteckt, desto unleserlicher ist er.

Ein Beispiel: Wer den Touristenführer der Region Venetien (156 Seiten, viel Text, wenige Bilder) aufschlägt, der findet zuerst ein Vorwort von Fabio Gava, dem „regionalen Referenten für Wirtschaftspolitik und institutionelle Politik“.

In einem Marco-Polo-Reiseführer steht an der gleichen Stelle der Aufsatz „Entdecken Sie…“, der dem Leser Lust macht auf das, was auf den nächsten ca. 100 Seiten folgt. Nicht so in dem Venetien-Führer. Dort erfährt der gelangweilte Leser, dass sich das Regierungsprogramm Venetiens „in die Politik der europäischen Kommission einfügt, um den wirtschaftlichen und sozialen Zusammenhalt des ganzen Territoriums der Europäischen Union zu stärken, insbesondere die grenzübergreifende Zusammenarbeit und die ausgeglichene Entwicklung des Grenzgebietes fördernd.“ Klingt nach sowjetischen Zehnjahres-Plänen.

Solche Reiseführer bleiben an den ITB-Ständen eher achtlos liegen. Wer will schon Propagandamaterial haben, wenn er auf der Suche nach Informationen zu seiner Venedigreise ist. Mit anderen Worten: Das Geld für staatliche Tourismusförderung ist meistens in den Rinnstein gekippt. 


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