14. März 2009

Wirtschaftskrise Prof. Dr. Dr. h. c. Gabisch zum Thema Finanz- und Wirtschaftskrise

Vortrag am 12.03.2009 im Rahmen einer Sonderveranstaltung der VWA Göttingen

Professor Gabisch, emeritierter Professor der Volkswirtschaft an der Georg-August-Universität Göttingen, hielt am 12. März einen gut besuchten Vortrag zur Entstehung der aktuellen Krisensituation. Einleitend beleuchtete er zum besseren Verständnis des ökonomisch nur teilweise geschulten Publikums zum Verständnis notwendige Grundlagen. Auf Girokonten seien in Deutschland Guthaben von über 800 Milliarden Euro. Diese seien täglich fällig. Der gesamte deutsche  Bargeldumlauf habe ein Volumen von ca. 190 Milliarden Euro. Schon deswegen sei ersichtlich, dass, sollten Kunden in unüblicher Weise die Auszahlung ihrer Guthaben verlangen, eine Bank schließen müsse. Verschärft werde die Situation noch dadurch, dass sich zu einem jedem Zeitpunkt maximal 10 Prozent des Bargeldumlaufs in Händen der Banken befänden. Stelle man die 19 Milliarden Euro in Händen der Banken den Forderungen ihrer Kunden in Höhe von über 800 Milliarden Euro gegenüber, so sei ersichtlich, dass allein das Vertrauen der Bankkunden, jederzeit ihr Geld von den Banken herausverlangen zu können, die Zahlungsfähigkeit des Kreditwesens gewährleiste. Leider ging Gabisch in diesem Zusammenhang nicht auf die durchaus gegebene Gefahr des „bank runs“ ein, die sich in Bezug auf einige amerikanische Banken und Northern Rock in Großbritannien ja bereits realisiert hat.

Zum anderen erläuterte Gabisch das Herdenverhalten als verhaltensökonomische Theorie. Es gebe besondere Anreize für das Individuum, sich nicht gegen das Verhalten der Herde zu stellen. Treffe das Individuum eine falsche Entscheidung und liege die Herde richtig, so werde es mit Schmähungen überschüttet. Liege das Individuum aber richtig und die Herde falsch, so werde die gute Entscheidung des Individuums als zufällig angesehen. So oder so könne das Individuum nicht gewinnen. Wohl dem Vortragsformat geschuldet ist die Konzentration auf die sozialen Kosten und den sozialen Nutzen einer richtigen beziehungsweise falschen Entscheidung des Individuums. Denn Gabisch unterschlägt, dass außer der Schmähung neziehungsweise dem ausbleibenden Lob der konkrete Vorteil einer korrekten Entscheidung gegen die Herde die Kosten-Nutzen-Relation einer Entscheidung des Individuums verbessert. Das mag an einem Bild dargestellt werden: Wenn die Herde in den Abgrund läuft, so ist es vielleicht Zufall, wenn ein einzelnes Tier aus der Herde ausschert und sich nicht zu Tode stürzt. Es kann jedoch sicherlich gut mit dem Etikett leben, dass seine Überlebensentscheidung auf Zufall beruht – schließlich lebt es, während der Rest der Herde mit gebrochenen Gliedern am Boden der Schlucht zu finden ist. Gleichwohl ist die Dominanz des Herdenverhaltens als Leitmotiv menschlichen Handelns real, so dass Gabischs Hinweis auf dieses nicht fehl geht. Die Ursache dieses vermehrten Herdenverhaltens muss wohl in kulturellen Begebenheiten vermutet werden, etwa der öffentlichen Höhergewichtung angepassten Verhaltens und dem abnehmenden sozialem und politischen Wert des Individuums als solchem und deshalb auch abnormer Entscheidungen. Die Entherdung des Menschen ist möglich und besondere Aufgabe der liberalen Aufklärung.

Korrekt verortet Gabisch Ursachen der aktuellen Krise in einer Krise des Immobilienmarkts. Seit dem Jahr 2000 seien die amerikanischen Immobilienpreise gestiegen. Grund hierfür sei insbesondere die Politik der amerikanischen Regierung und ihrer Government Sponsored Enterprises (GSE) Fannie Mae und Freddie Mac. So erwähnte er insbesondere die Änderungen der Ausführungsvorschriften des Community Reinvestment Acts von 1977, die zu einer vermehrten regulatorischen Bevorzugung solcher Kreditinstitute geführt habe, die an Kunden mit schlechter Bonität Kredite vergeben hätten. Er legte außerdem eine Anweisung des amerikanischen Bauministeriums des Jahres 2000 vor, nach der Freddie Mac und Fannie Mae mindestens 50 Prozent ihrer Kredite an „low income families“ vergeben sollten.

An dieser Stelle wäre ein zusätzlicher Hinweis auf die Zinspolitik der Federal Reserve angebracht gewesen. Es liegt auf der Hand, dass der geringe Zins dieser Zeit, wie auch Gabisch ausführt, zu einem anziehenden Kaufinteresse an Immobilien geführt habe. Dass dieser Zins aber eventuell viel zu niedrig gewesen sein mag, vermutet Gabisch nicht. Dabei gibt es viele Stimmen, die – wohl mit Recht – in einer allzu laxen Geldpolitik der Fed nach dem Zusammenbruch des LTCM während der Asienkrise eine Ursache für die Kreditschwemme ab 1999 sehen.

Besonders zu begrüßen ist Gabischs Hinweis auf die Verzahnung der GSEs mit der Politik, insbesondere den Demokraten. Er legte in diesem Zusammenhang eine Übersicht über Wahlkampfspenden der GSEs vor, auf deren vorderen Plätzen namhafte Demokraten, unter anderem Hillary Clinton und Barrack Obama stehen. Die ausufernde Kreditierung von Geringverdienern zum Zwecke des Immobilienerwerbs sei ein demokratisches politisches Anliegen gewesen und man könne die Immobilienkrise daher als Folge von Staatsversagen bezeichnen. Diesen Befund kann man wohl nur teilen, wenn man der Illusion anhängt, dass staatliches Handeln jemals zu etwa anderem als einem Versagen führen kann. Zu kritisieren ist auch die in Gabischs Vortrag durchscheinende Verdammung der demokratischen Anliegen ohne gleichzeitig Kritik an den Republikanern zu üben. Diese haben sich ebenso wenig gegen die politische Alimentierung der Geringverdiener durch billige Kredite gewendet, womöglich weil sei selbst besonders von Wahlkampfspenden der Investmentbanken leben.

Gut gelungen ist Gabischs Darstellung des Transfers der Immobilienkrise in den Finanzmarkt. Insbesondere die GSEs kauften Hypothekenkredite auf und verfügten zu Hochzeiten über ein Kreditvolumen, das in etwa dem doppelten des bundesdeutschen Bruttoinlandprodukts entsprach. Diese Kredite hätten die GSEs verbrieft und als Mortgage Backed Securities (MBS) verkauft. Dabei wurden die Kredite mit einer künstlichen Rangaufteilung ausgestattet. Der aus einer gegebenen Menge von Hypotheken generierte Zahlungsstrom bediene erst die MBS aus der sogenannten senior tranche. Seien die Gläubiger der senior tranche befriedigt, werde an die Gläubiger der mezzanine tranche gezahlt. Erst wenn auch diese befriedigt seien, werde an die Gläubiger der equity tranche gezahlt. Diese sind nachrangige Gläubiger und tragen das größte Ausfallrisiko. Ratingagenturen verliehen den einzelnen Tranchen je eigene Ratings, wobei die senior tranche durchaus mit einem Triple-A Rating  ausgestattet wurde.

Die MBS wiederum seien von (nicht nur) Investmentbanken gekauft worden. Dort aber hätten sie nicht im Tresor gelegen, sondern wiederum als Sicherheit für von diesen begebenen Anleihen, collateralized debt obilagtions (CDOs) gedient. Die Investmentbanken hätten mit MBS aus der mezzanine tranche besicherte CDOs emittiert. Auch diese Emissionen von MBS-CDOs seien nach Tranchen getrennt erfolgt. Nun sei der entscheidende Fehler der Ratingagenturen gewesen, dass die mittlere Tranche mit einem zu guten Rating versehen worden sei, nämlich einem Triple-A, obwohl die mezzanine tranche aus den MBS selbst kein AAA gehabt habe. Der Grund hierfür ist, Gabisch macht dazu keine Ausführungen, dass für die MBS-CDOs die emittierende Investmentbank mit ihrem Vermögen haftet, also das gute Rating einer Bank im Zusammenhang mit den mezzanine-MBS im Ergebnis zu einem besseren Rating geführt hat, als Investmentbank oder mezzanine-MBS für sich gehabt haben. Fiktives Beispiel: Die mit A2-mezzanine-MBS besicherten CDOs einer AA-Investmentbank wurden von den Ratingagenturen mit AAA bewertet.

Triple-A Papiere dienen jedoch Banken und Versicherungen als Eigenkapital, aufgrund dessen sie Kredite vergeben. Als mit dem Ansteigen der Zinsen am kurzen Ende die ersten variablen Hypothekenschuldner ausfielen, schlug deren Zahlungsunfähigkeit durch auf die angeblich sicheren Triple-A MBS-CDOs. Sie fielen aus und bescherten den Banken Verluste. Verluste sind gleichbedeutend mit sinkendem Eigenkapital auf Seiten der Banken. Der Angriff auf das Eigenkapital der Banken führte zur Finanzkrise.

Die (Welt-)Wirtschaftskrise als Folge der Bankenkrise sei wiederum folgerichtig: Deutsche Unternehmen sind exportabhängig: sinkende ausländische Einkommen schlügen daher direkt auf die Gewinne deutscher Unternehmen durch. Zudem hob Gabisch – und hierfür sei er besonders gelobt – hervor, dass die Eigenkapitalregeln der Banken nach Basel II eine prozyklische Wirkung hätten. Europäische Banken müssten nach Basel II Kredite zu 8 Prozent mit Eigenkapital unterlegen. Habe eine Bank 100 Euro Eigenkapital, so könne sie 1250 Euro Kredite vergeben. Schreibe eine Bank in Zeiten des konjunkturellen Aufschwungs Gewinne, so erhöhe sich ihr Eigenkapital, wodurch sich wiederum der Umfang vergrößert, in dem sie Kredite vergeben könne. Schreibe eine Bank Verluste, so sinkt ihr Eigenkapital und sie verliert die Fähigkeit, Kredite im vormaligen Umfang zu vergeben. Ohne dass Gabisch es erwähnt, beschreibt er hier den sog. credit crunch. Ob dieser tatsächlich existiert ist eine empirische, wohl offene Frage. Nach Meinung mancher Ökonomen ist die Nachfrage nach Krediten schneller gesunken als die Banken die Fähigkeit zur Kreditvergabe eingebüßt haben, so dass immer noch jedes Unternehmen Kredit bekomme, das danach verlange. Um die Zyklen verstärkenden Wirkung von Basel II sei, so Gabisch, bereits auf europäischer Ebene eine Diskussion entstanden. Im Gespräch sei, die Anforderungen an die Eigenkapitalunterlegung in Zeiten des Aufschwungs zu verschärfen und sie in Zeiten des Abschwungs zu entspannen.

Abschließend präsentiert Gabisch seine Sicht auf die Zukunft, leider der schwächste Part des Vortrags. Aufschwung und Abschwung sowie die Krise selbst seien ein Produkt der Vorstellungen der Menschen. Stellten sich diese eine Weltwirtschaftskrise vor, so bekämen sie sie auch. Hier gehe es um sich selbst erfüllende Prophezeiungen. Deutschland habe so viele Arbeitskräfte, die gut ausgebildet seien, und Produktionskapazitäten, die nicht ausgelastet seien, dass es keinen Grund für eine Krise gebe. Die derzeitige Prognostizierung einer andauernden Wirtschaftskrise sei übertriebene Schwarzmalerei und Menschen könnten den Wendepunkt der zyklischen Wirtschaft ohnehin nicht ausmachen, da sie nur linear dächten und Trends immer fortschrieben, anstatt mit einer Umkehr zu rechnen. Außerdem sei alles richtig, gut und ausreichend, was der Staat tue, insbesondere wenn er das Vertrauen in das Bankensystem wiederherstelle.

Zuletzt gab es die üblichen immer modischen Fragen aus dem Plenum: Ob Gabisch denn nicht meine, dass auch ohne die Immobilienkrise der „globale Finanzkapitalismus“ zusammengebrochen wäre? Und ob man denn nicht diese Systemkrise zum Anlass nehmen solle, eine Abkehr vom Zinsgeld durchzuführen? Kommunisten und Freiwirte sterben eben nicht aus. Die liberale Kritik an einem Kreditwesen als Teilreservesystem, das also planmäßig immer am Rande der Zahlungsunfähigkeit operiert und im Zusammenspiel mit einer falsche Zinssignale sendenden Zentralbank monetär verursachte Wirtschaftszyklen überhaupt erst auslöst, wurde leider nicht geäußert. Es wird wohl noch dauern, bis gesunde ökonomische Konzepte ihren Weg in die öffentliche Debatte finden.

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