14. März 2009

GeldpolitikDie Monetaristische Revolution in Deutschland

Im Jahr 1974 ging die Bundesbank zur Geldmengensteuerung über

Während die 68er-Bewegung die Aufmerksamkeit der Medien auf ihre „Kulturrevolution“ zog, vollzog sich unbemerkt von der breiten Öffentlichkeit in den Wirtschaftswissenschaften und der Geldpolitik eine andere, eine „Monetaristische Revolution.“ In kurzer Zeit setzten sich die Lehren von Milton Friedman durch, die bis dahin in der Bundesrepublik ein Schattendasein führten. Schon wenige Jahre später wurde das Konzept der Geldmengensteuerung von der Bundesbank übernommen.

In dem Buch „Milton Friedman und die monetaristische Revolution in Deutschland“ von Hauke Janssen, Leiter der „Spiegel“-Dokumentation, wurde dieser Prozess nachgezeichnet. Janssen schreibt über die Entwicklung an den Universitäten und die junge Generation von Ökonomen, die Friedmans Thesen begeistert aufnahmen: „Wie viele ihrer Kommilitonen probten sie 1969 den Aufstand, allerdings nicht gegen die kapitalistische Bourgeoisie, sondern gegen einen erstarrten keynesianischen Lehrbetrieb“. Janssen wertete die publizistische Debatte um Friedmans Position systematisch aus. Darin spiegelt sich die Plötzlichkeit wider, mit der der Monetarismus in Deutschland Einzug erhielt. Zwischen 1948 und 1967 fand Janssen nur 15 Beiträge, in der Zeit zwischen 1970 und 1976 dann 256.

Der Erfolg von Friedmans Lehre ist vermutlich darauf zurückzuführen, dass er in einer Zeit explodierender Inflationsraten ein praktisches Konzept bot, das half, die Inflation einzudämmen, ohne das ganze Zentralbanksystem aufzulösen, was politisch nicht durchsetzbar war. Die Vertreter der Bundesbank, Helmut Schlesinger, Heinrich Irmler, Horst Bockelmann, Otmar Issing und Norbert Kloten nahmen an Konstanzer Seminar von Brunner und Neumann teil, die die monetaristische Position in Deutschland verbreiteten. Der damalige Chefvolkswirt und spätere Präsident der Bundesbank Helmut Schlesinger wird eine herausragende Bedeutung bei der Übernahme dieser Konzepte attestiert.

Nach dem Zusammenbruch fester Wechselkurse 1973 konnte die Bundesbank ohne Rücksicht auf die US-Notenpolitik agieren und suchte nach einem Weg, die sich beschleunigende Geldentwertung einzudämmen. Noch zum Beginn des Jahres 1974 war in der Bundesrepublik allgemein mit einer Inflationsrate von bis zu 12 Prozent gerechnet worden. Bundesbankpräsident Karl Klasen erklärte im März desselben Jahres: „Das einzige Mittel, dem entgegenzuwirken, ist der Entschluss des Zentralbankrates, die zur Fortsetzung dieser preissteigenden Entwicklung notwendige Geldmenge nicht zur Verfügung zu stellen.“

Im Herbst war es der Bundesbank gelungen, die Inflationsrate auf 7 Prozent zu drücken. Im September 1974 stellte die Wochenzeitung „Die Zeit“ fest, dieses Ergebnis sei „auch der Entschlossenheit der Bundesbank zu danken, eine harte Zinspolitik gegen viel Kritik durchzuhalten.“ Am 5. Dezember 1974 legte die Bundesbank erstmals ein quantitatives monetäres Ziel für das kommende Jahr fest. Damit gehörte die Bundesbank zu einer der ersten Zentralbanken, die zur Geldmengenkontrolle überging und eine jährliche Wachstumsrate bekannt gab.

Die folgende Debatte zeigte jedoch auch die Begrenztheit der Unabhängigkeit der Bundesbank. Der „Spiegel“ titelte: „Arbeitslose: Stürzt knappes Geld die SPD?“ Die Gewerkschaften griffen die Bundesbank öffentlich an und der linke Flügel der SPD forderte die Einführung der Rechenschaftspflicht der Bundesbank gegenüber dem Bundestag. Daraufhin lockerte die Bundesbank ihre Geldpolitik wieder.

Mit ihrer Steuerung der Geldmenge war die Bundesbank nur bedingt erfolgreich. Nur in knapp über 50 Prozent der Fälle konnte das von der Bundesbank gesetzte Geldmengenziel erreicht werden. Immerhin konnte die Bundesbank nach der Einführung dieser Politik so hohe Inflationsraten wie in Großbritannien, wo die Inflation Mitte der 70er fast 25 Prozent erreichte, verhindern.

Die neue Geldpolitik der Bundesbank wirkte sich über den D-Mark-Raum hinaus inflationsdämpfend aus. Jörg Guido Hülsmann schreibt über die Lage des internationalen Währungssystems nach Bretton Woods: „Nun traf es sich so, dass der weitaus zurückhaltendste Geldproduzent im EWS die deutsche Bundesbank war. Und daher bestand das Hauptproblem der europäischen Währungspolitik von nun an darin, dass die Bundesbank das Angebot der Deutschen Mark nicht so stark inflationierte, wie es nötig gewesen wäre, um die finanziellen Wünsche der ausländischen Regierungen zu befriedigen. Letztere waren daher gezwungen, ihre Geldproduktion einzuschränken.“

Das Ergebnis der Geldpolitik der Bundesbank ist in Hinblick auf die schleichende Inflation, der auch die D-Mark unterworfen war, unbefriedigend, aber es war wohl das beste Ergebnis, was unter den Bedingungen des Fiat-Money-Systems zu erreichen war. Gemessen an der Geldpolitik, die nach der Abschaffung der D-Mark diesseits und jenseits des Atlantik betrieben wurde, betrieben die Männer aus Frankfurt einen Kurs der Stabilität.

Literatur

Hauke Janssen: Milton Friedman und die „monetaristische Revolution“ in Deutschland, Marburg 2006.


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