17. März 2009

Amoklauf von Winnenden V. Bruder Tim

Nur drei Wörter verschont das Vakuum

Deutschland ist eine betreute Republik: Kaum geboren, sollen die neuen Bürger weiter gereicht werden an Tagesmütter, Kita-Experten, Körpertrainer, Sprachtrainer, Krabbeltrainer. Angekommen in der Schule, wird von den Lehrern erwartet, die seltsamerweise trotz Betreuung noch bestehenden Defizite an sozialer wie emotionaler Kompetenz betreuend zu beheben. In Ausbildung oder Studium sollen abermals Pädagogen die weiter bestehenden kognitiven oder emotionalen Bruchstellen neu verkleben.

An jeder krisenhaften Weggabelung warten Betreuungsprofis als Schuldenberater, Eheberater, Berufsberater, als Sozialtherapeuten oder Fitnesstrainer der Antiaggressionscoaches. Auf des Lebens letzter Etappe markiert das betreute Wohnen den Übergang in die betreute Unselbständigkeit. Die Beerdigungsbranche wird gewiss bald schon das betreute Sterben bewerben.

Und dann kommt ein 17-jähriger Wohlstandsjungmann aus Schwaben, krallt sich die Pistole des Vaters und viele, viele hundert Schuss Munition und tötet fünfzehn Menschen und schließlich sich selbst. Und niemand weiß hinterher zu sagen, warum der sanfte, stille, sportliche Tim so viel Leid produzierte, so viel Leben zerstörte.

Was wir aber wissen: Nun, da das Fragezeichen über diesem maximal gescheiterten Leben täglich wächst, wächst auch die Schar der Betreuungsexperten, die die seelischen Wunden der Hinterbliebenen verarzten sollen. „Nach dem Amoklauf“, lesen wir, „betreuen Psychologen aus ganz Deutschland die Schüler in Winnenden.“ Am Samstag seien 17 Fachkräfte aus Nordrhein-Westfalen angereist, am Sonntag zehn weitere aus Bayern. Vom heutigen Montag an werden die Schüler, Eltern und Lehrer „mit voller Stärke von insgesamt 80 Personen betreut.“

Jede einzelne Träne, die so getrocknet werden kann, rechtfertigt das Bemühen. Die Hoffnung aber, die derart aufwendig ausgestellt wird, hat durch den sie auslösenden Anlass dramatisch an Plausibilität eingebüsst. Die Hoffnung der betreuten Gesellschaft besagt, alles sei verhandelbar, alles auf den einen oder anderen Grund zurückzuführen, jede Tat auf ihr Agens, jede Haltung auf ihre seelische Anfangstatsache. Allem also sei, habe man es einmal durchschaut, abzuhelfen. Nach diesem Amoklauf aber weiß sich niemand mehr zu helfen.

Die ewig gleichen Experten plappern ihr ewig gleiches Erklärungsmantra von gedemütigten Jungs, überforderten Eltern, gefährlichen Killerspielen. Keiner dieser Erklärungsansätze ist in sich komplett falsch, sie erklären aber in der Summe dieses Ereignis gerade nicht. Die Grenze der Lesbarkeit der Welt wurde in Winnenden sichtbar.

Diese Grenze ist zugleich die absolute Grenze des Sagbaren und des Verstehbaren. Die Tat von Winnenden bleibt ein irreduzibles Ereignis, das alles Reden darüber ins Stammeln zwingt. Nur drei Wörter verschont das Vakuum: Das Böse ist.

Information

Alexander Kissler ist Kulturjournalist, u.a. bei der „Süddeutschen Zeitung“ und bei „Cicero“, und Sachbuchautor. Die bisherigen Montagskolumnen finden sich hier.


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