18. März 2009

Kampf gegen Rechts Ungereimtheiten bei Jugendstudie

Die Zahlen des „Kriminologischen Forschungsinstituts“ werfen viele Fragen auf

3,8 Prozent der nicht-ausländischen Neuntklässler sind Mitglieder in rechtsextremen Gruppen oder Kameradschaften, so eine Studie des „Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsens“, die in den letzten Tagen für Furore im Pressewald von "Spiegel" bis "Welt" sorgte, vor allem auch weil andere politische Organisationen nicht einmal zusammen auf einen solchen Prozentsatz kamen. Leider gibt die Studie keine absoluten Zahlen an, aber diese lassen sich schnell ausrechnen: 18,3 Prozent der etwa 82 Millionen Einwohner Deutschland sind laut Statistischem Bundesamt zwischen 0 und 20 Jahre alt, was bedeutet, dass ungefähr 0,9 Prozent der BRD-Bewohner sich im Jahrgang der Neuntklässler befinden, wenn man die wenigen abzählt, die in diesem Alter nicht zur Schule gehen. Das entspricht etwa 730.000 Neuntklässlern, von denen wir wiederum einen Ausländeranteil von fast 18 Prozent in dieser Altersgruppe abziehen, so dass ca. 600.000 deutsche Neuntklässler übrigbleiben. 3,8 Prozent davon entsprechen also 22.800 Neuntklässlern, die Mitglieder in rechtsextremen Gruppen oder Kameradschaften sein sollen. Da eine solche Mitgliedschaft in den allermeisten Fällen nicht auf ein einziges Jahr beschränkt sein dürfte, können wir diese Zahlen zumindest auf zwei weitere Jahrgänge hochrechnen, so dass wir es dann schon mit 68.400 rechtsextrem organisierten Jugendlichen zu tun haben. Nehmen wir alle acht Jugend-Jahrgänge zwischen 14 und 21, kommen wir schon auf 182.400 Rechtsextremisten.

Laut Verfassungsschutzbericht haben wir es 2007 mit insgesamt 31.000 Menschen in Deutschland zu tun, die in rechtsextremistischen Gruppen organisiert sind, wozu ausdrücklich auch etwa 160 Kameradschaften zählen. Wenn sowohl die Angaben des Kriminologischen Forschungsinstituts als auch des Bundesverfassungsschutzes stimmen sollten, dann bestehen zur Zeit zwei Drittel aller deutschen Rechtsextremisten aus Neuntklässlern. Wenn wir aufgrund des gesunden Menschenverstands davon ausgehen, dass dies nicht realistisch ist, müssen wir entweder die Zahlen des Instituts als grob übertrieben oder die Zahlen des Verfassungsschutzes als grob untertrieben betrachten, oder wir könnten auch mutmaßen, ob vielleicht die Zahlen beider Institutionen nicht stimmen.

Vielleicht liegt die Diskrepanz in einer unterschiedlichen Auffassung davon begründet, was „rechtsextrem“ ist. Leider hat das Kriminologische Forschungsinstitut nicht angegeben, wen es genau zu solchen Gruppen dazuzählt. Da aber in der Studie wahlweise von „rechtsextremen“ und „rechten“ Gruppen die Rede ist – diese beiden Begriffe also synonym verwendet werden – könnte man vermuten, dass das Forschungsinstitut hier sehr viel großzügiger hantiert als der Verfassungsschutz. Die obigen Zahlen von 182.400 Rechtsextremisten lassen sich möglicherweise nur erreichen, wenn zum Beispiel auch die Mitgliedschaft in einer Schülerverbindung oder in einem Schützenverein einen Neuntklässler zu einem „Rechten“ oder „Rechtsextremisten“ macht.

Darüber, inwiefern es bei der Erhebung des Instituts mit „rechten“ Dingen zuging und welche Motivation hinter einem möglicherweise bewusst oder fahrlässigerweise geschönten bzw. geschlechteten Ergebnis steckt, lassen sich nur Vermutungen anstellen. So schreibt die FAZ: „Christian Pfeiffer, der PR-gewandte Leiter des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen, würde nicht so erfolgreich Drittmittel für sein überschaubares Haus einwerben, fände er in seinen Daten nicht doch einen Skandal: Demnach sollen genauso viele 15 Jahre alte Jungen rechtsextremen Gruppen angehören wie anderen politischen Parteien oder sozialen Organisationen zusammen.“

Im Kampf gegen Rechts hat der sozialdemokratische Institutsleiter Christian Pfeiffer übrigens durchaus einiges an Erfahrung aufzuweisen. So stellte er im Jahre 2000 ein Gutachten aus, in dem er der Mutter eines in einem Sebnitzer Freibad verunglückten Jungen absolute Glaubwürdigkeit attestierte. Demnach hätten Rechtsextremisten den Jungen ertränkt, wobei etwa 200 Freibadbesucher teilnahmslos zugeschaut hätten. Der Fall war ein Meilenstein der staatlichen Fördermittelausschüttungen im Kampf gegen Rechts.

Fehlende Differenzierung weist die Studie auch bei dem sehr dehnbaren Begriff „Ausländerfeindlichkeit“ auf. Mehr als 40 Prozent der Neuntklässler seien ausländerfeindlich, wobei allerdings nicht untersucht wurde, ob diese Feindlichkeit sich pauschal gegen alle Ausländer richtet, oder ob nach bestimmten Ausländergruppen wie Muslimen, Buddhisten, Türken, Russen, Schweizern oder Japanern differenziert wird. Dass diese Differenzierung durchaus da ist, würden die Ergebnisse derselben Studie in Bezug auf Antisemitismus nahe legen: Etwa 15 Prozent der Neuntklässler zeigen antisemitische Muster, was gegenüber den 40 Prozent „Ausländerfeindlichkeit“ schon nicht ganz so alarmierend anmutet und sich auch mit anderen Studien deckt.

Im großen und ganzen wirft die Studie also mehr Fragen auf als sie beantwortet. Auch die Frage, welchen Nutzen der Steuerzahler aus solch unausgegorenen Studien hat.

Internet:

Studie über die Mitgliedschaft rechter Gruppen des Krimonologischen Forschungsinstituts Niedersachsen

Zahlen des Verfassungsschutzes

FAZ über die Motive von Christan Pfeiffer

Spiegel-Artikel zur Studie als Beispiel für die Rezipierung in den Massenmedien


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