19. März 2009

Produktqualität Schmuddelhans als Küchenmeister

Den besseren Verbraucherschutz gibt es durch private Initiative

Diesen Artikel sollten Sie nur lesen, wenn Sie gerade nicht beim Essen sind. Erstens ist es sowieso nicht gut, beim Essen zu lesen. Zweitens geht es um Qualitäts- und Hygienemängel in der Gastronomie.

Seit mir mal jemand erzählt hat, dass sie bei einem bekannten Pizza-Lieferservice in Berlin-Zehlendorf immer genau registrieren, ob die Kunden Trinkgeld geben oder nicht, bin ich beim „Tip“ immer spendabel und schaue mir den Lieferdienst auch vorher genau an. In dem Laden haben sich die Pizzabäcker nämlich einen Spaß daraus gemacht, den geizigen oder unfreundlichen Kunden ein Schamhaar unter die Salami zu packen.

Ich weiß nicht mal, ob diese ekelerregende Geschichte stimmt. Ich hoffe, dass der Lieferfahrer, der sie mir erzählt hat, nur ein großes Maul hatte, wie wir Berliner sagen – also neben Pizza und Pasta auch Lügengeschichten aufgetischt hat. Aber wer weiß?

Eines ist jedenfalls sicher: Es gibt schwarze Schafe unter den Schnellimbissen, Lieferdiensten und Fast-Food-Buden. Und natürlich gibt es auch seriös ausschauende Restaurants, bei denen sich die Schaben in der Küche tummeln.

Mein Heimatbezirk Pankow hat jetzt eine Aktion gestartet, der bundesweit für Schlagzeilen gesorgt hat: Er veröffentlicht eine Mängelliste jener Gastro-Betriebe, die sich nicht an die Vorschriften halten. Kleinere Verstöße werden nicht an den neuartigen Internet-Pranger gebracht.

Solche schon: Im Sevcan-Grill in der Wollankstraße haben die kommunalen Kontrolleure mangelnde Grundhygiene, eine verschmutzte und verfettete Kücheneinrichtung, das Nichteinhalten der Kühlkette und mangelnde Personalhygiene festgestellt. Außerdem wurden gefrorene Hähnchen zum Auftauen auf dem verschmutzten Fußboden abgestellt. So oder so ähnlich lesen sich alle 34 genannten Gastrobetriebe auf der Negativliste – von insgesamt etwa 7000 Gastronomiebetrieben in Pankow. Unter den Übeltätern finden sich vorwiegend Asiaten, aber auch Gemüsehändler oder Filialen großer Handelsketten und ein Irish Pub.

Positive Bewertungen und eine entsprechende Liste gibt es übrigens auch. Jahrelang sind die Ämter ihrer Arbeit nachgegangen, haben Kontrollen durchgeführt, aber der Bürger hat nie etwas davon erfahren. Warum eigentlich? Welchen Wert haben solche Ermittlungen im Verborgenen?

Nun ließe sich einwenden, dass der Staat nicht die Aufgabe hat, Transparenz auf Märkten herzustellen, indem er ein „Benotungssystem“ für Unternehmen einführt. Aber das tut er ja nicht. Er veröffentlicht die Namen und Adressen einer kleinen Handvoll von Übeltätern – und hält sich ansonsten raus. Und außerdem finde ich, als Bürger habe ich auch das Recht zu erfahren, was die Kontrolleure bei ihrer Arbeit so zutage gebracht haben. Schließlich muss ich sie auch bezahlen.

Bisher waren negative Beobachtungen rein persönlicher Natur. Hygiene in Gastronomiebetrieben war kein öffentliches Thema. Ich frage mich: warum? Warum kommt gerade jetzt Schwung in die Sache?

Das Pankower Bezirksamt ist auf einen fahrenden Zug aufgesprungen. Am Anfang standen zwei führende private Fernsehsender. Bei RTL geht regelmäßig „Rach – der Restauranttester“ auf die Suche nach heruntergekommenen Kaschemmen, in denen Schmuddelhans Küchenmeister ist. Und bei Sat1 macht Harry Besuche mit versteckter Kamera.

Vor allem Harry, der sich vorzugsweise im Döner- und Currywurstbuden-Milieu herumtreibt und schon mal vor laufender Kamera mit einem Messer bedroht wird, ist unerbittlich, wenn es darum geht, ganze schwarze Schafherden zu entlarven.  Rach dagegen ist mehr der Senior Consultant unter den Reportern, der einem vor sich hin wurstelnden Gastwirt wieder auf die Beine hilft und dabei auch die Küche auf Vordermann bringt.

Ich behaupte, dass diese zwei Fernseh-Reporter mehr für den Verbraucherschutz in Deutschland getan haben als alle zuständigen Minister in Bund und Land zusammen. Wenn die zwei mit der Kamera in Küchen kommen und Millionenzuschauern zeigen, wie eklig es da teilweise ausschaut, dann schärft das das Bewusstsein der Kunden – und nur die können durch ihr Kaufverhalten wirkliche Änderungen herbeiführen.

Der Bezirk Pankow war gut beraten, sich dieses Erfolgsrezept zu eigen zu machen. Besser wäre es natürlich, wenn Gastwirte von selbst Missstände erkennen. Der Trend in der modernen Edelgastronomie geht ja auch in diese Richtung: Immer öfter können Kunden den Köchen bei ihrer Arbeit fast schon über die Schulter gucken, zumindest einen Blick in die Küche werfen.

Trotz der neuen Listen sagt mir meine Lebenserfahrung: Am besten ist es immer, selbst nachzuschauen, ob ich dem Gastwirt vertrauen kann oder nicht.

Internet

Die Pankower Mängelliste


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