24. März 2009

Niedergang der CDU Angela Merkel und die Zonisierung Deutschlands

Wer hätte das gedacht?

Das bürgerliche Lager ist in Aufruhr. Zum ersten Mal kommt jetzt in Unionskreisen die Debatte auf, die eigentlich schon 2000 hätte diskutiert werden müssen: Kann Angela Merkel CDU-Chefin? Wirtschaftsliberale, Konservative, Vertriebene und Katholiken – sie alle drohen der Union davonzulaufen, weil die Kanzlerin gegen die Grundsätze ihrer Partei verstößt und auch die von ihr selbst ständig beschworene soziale Marktwirtschaft ein ums andere Mal verrät. Die Marktwirtschaftler ärgern sich über die Verstaatlichungsorgien, über die Verschwendung von Steuergeldern durch irrsinnige „Rettungspakete“, über Brüssel und über den Lissabon-Vertrag. Konservative schütteln angesichts von Wickelvolontariat und „Gender Mainstream“ mit dem Kopf. Vertriebene können ihr das Einknicken vor den Polen nicht verzeihen. Die Katholiken sind sowieso schon sauer, weil Merkel vor 16 Jahren die Abtreibung in Deutschland endgültig legalisiert hat; jetzt hat Merkel auch noch den Papst in einer Art angegriffen, die weder Gerhard Schröder noch Erich Honecker je gewagt hätten.

Angela Merkel ist aber nicht die Ursache der Krise, sie ist nur das Symptom. Die Krankheit heißt Ossifizierung. In der letzten „FAS“ fand sich ein längerer, polemischer Debattenbeitrag über die „Deutsche Deprimierende Republik“. All diese oben genannten Vorgänge haben mit dem Vormarsch der DDR in den Westen zu tun. Sicherlich – das sagt auch der Autor Maxim Biller: Auch die alte Bundesrepublik hätte sich weiterentwickelt. Wahrscheinlich nicht zu ihrem Besseren, wenn wir den schädlichen Einfluss der 68er berücksichtigen. Trotzdem gibt es heute bestimmte Dinge, die unzweifelhaft auf die Wiedervereinigung zurückzuführen sind, auf den roten Schuss Farbe, den die Einheit in unser Land gegeben hat. Die Einschränkung sämtlicher bürgerlicher Freiheiten und die Einmischung der Politik in die letzten Bereiche des Privatlebens zum Beispiel. Die Kinderkrippen und die Holocaust-Religion mit Befreiungskult und Sowjetdenkmälern. Biller nennt das den „Holocaust-Rap“. Oder denken wir an den „Weltfrauentag“ vor wenigen Wochen. Den gab es im Westen nicht. Der 8. März ist ein kommunistisches Ereignis, von Clara Zetkin erdacht und von Lenin zuallererst in der ruhmreichen Sowjetunion eingeführt. Und heute? Heute erklärt die CDU per Pressemitteilung am 8. März: „Der Weltfrauentag ermahnt uns dazu, diesen Weg engagiert weiterzugehen“ Vielen Dank auch.

Kein Wunder, denn Maxim Biller kritisiert zu Recht, dass keine richtige Aufarbeitung stattgefunden hat, nicht mal eine Wende, die diesen Namen auch verdient: „Das neueste deutsche Malheur fing damit an, dass die Revolution von 1989 keine war. Die Gegner des Westens und der Demokratie, die SED-Ober-, Mittel- und Unter-Chefs, die Staatssicherheits-Berijas und ihre willigen Helfer landeten, bis auf lächerlich wenige Ausnahmen, nicht vor Richtern und in Gefängnissen.“ Stattdessen wurde sofort mit dem Verzeihen begonnen. Der Möchtegern-Kanzler Rudolf Scharping erklärte, er wissen nicht, wie er sich verhalten hätte, sei womöglich „ein schweigender, duldender Hasenfuß“ geworden. Und auch der „Second-Hand-Bismarck Helmut Kohl“, der seine Macht 1990 durch die sofortige Rehabilitierung der Ost-CDU-Mitläufer ausbaute, sagte, er wäre wahrscheinlich auch ein Mitläufer geworden, wenn er in der DDR gelebt hätte. Schließlich Merkel. Über sie sagt Biller: „Das alles machte der stalinhaft-klammheimlichen Kohl-Killerin Merkel Mut, und sie erklärte plötzlich immer öfter, immer lauter, immer schamloser: ‚Ich war keine Heldin. Ich habe mich angepasst.’ Eine solche Extrem-Untertanin darf jetzt also das Drehbuch von sechzig Millionen westdeutschen Leben umschreiben.“

Aus Anpassung, folgert Biller, sei ein neudeutscher Kollektivismus entstanden. Der äußere sich jetzt unter anderem darin, dass Kinder auf Zeugnissen für ihr „Einfügen in die Gruppe“ benotet werden. „Noch unappetitlicher und folgenreicher ist das langsame, alles vergiftende Verschwinden des Ich, des Individuums und seiner Schönheit aus dem gesellschaftlichen Diskurs. Der Einzelne, der in Deutschland nie besonders viel zählte, aber in der coolen BRD noch am meisten, was die zu jenem einmaligen deutschen Staat in der langen Geschichte der deutschen Staaten machte, zählt fast nichts mehr. Gut gehen soll es nur noch der Gemeinschaft, die in der DDR Kollektiv hieß, diesem grauen, amorphen Konstrukt, das von der Obrigkeit besonders einfach gesteuert werden kann.“

Nicht alles in dem Aufsatz stimmt. Bei weitem nicht. Die antipreußische Haltung nervt ungemein. Natürlich ist Kadavergehorsam falsch, aber der ist eher das Produkt antipreußischer Propaganda und hat wenig mit der Wirklichkeit zu tun. Da ist auch der Überreflex, wenn es gegen „provinziellen, für immer bolschewisierten Duckmäuserossis“ geht. Da wird Biller persönlich beleidigend. Niemand kann dafür, wenn er in der Zone groß geworden ist. Wären meine Eltern nicht kurz vor meiner Geburt so mutig gewesen, ihr Leben (und meins) bei ihrer Flucht nach Westberlin aufs Spiel zusetzen, dann wäre ich auch in Berlin-Friedrichshain groß geworden – und nicht in Berlin-Tempelhof. Die DDR hat siebzehn Millionen Menschen und fünf neue Länder „in die Einheit mit eingebracht“ (so lautete 1990 eine lebhafte Diskussion über das, was bleibt von der Zone). Das war doch was. Leider hat das nicht gereicht. Der Rest liegt uns jetzt schwer im Magen. Auf diesen Rest aber, den politischen und kulturellen Unrat von Marx bis Merkel, hätte ich gerne verzichtet.

Noch nicht überzeugt? Lesen Sie zum Schluss aufmerksam folgende Zeilen: „Merkel hat nicht nur genau gelernt, ihre wirkliche Meinung zu verbergen, sondern immer auch dann nur aus der Deckung zu treten, wenn sie eine bestimmte politische Konstellation zu ihren Gunsten nutzen konnte. Betrachtet man Merkels Wirken vom Beginn ihres politischen Wirkens in den frühen neunziger Jahren bis in das 21. Jahrhundert hinein, begegnet man immer wieder diesem Wechsel zwischen vollkommener Zurückhaltung und vereinzelten, kühl kalkulierten Auftritten, die jeweils dem Ausbau ihrer Macht dienten.“ Stimmt doch alles, oder? Das Hässliche daran: Diese zwei Sätze stammen nicht von mir und sind nicht auf Merkel gemünzt. Geschrieben hat sie Wolfgang Leonhard, der Papst der Kommunismus-Forschung. Ändern Sie den Namen und die Zeitangabe, und schon haben Sie die Charakterisierung Josef Stalins in Leonhards neuem Buch „Anmerkungen zu Stalin“. Die Ossifizierung ist tatsächlich inzwischen viel zu weit vorangeschritten.

Internet

Deutsche deprimierende Republik


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