25. März 2009

Vortrag Seasteading – Staatenbildung für Fortgeschrittene

Patri Friedman spricht am 4. April in Hamburg

Wer eher unkonventionelle Formen des Zusammenlebens bevorzugt, sieht sich mit einem grundlegenden und kaum zu lösenden Problem konfrontiert, dem staatlichen Territorialmonopol. Wie der vielzitierte Mark Twain schon wusste: „Buy Land! They are not making it anymore.“ Für jede Gruppe, die ein eigenes Staats- und Gesellschaftssystem etablieren will stellt sich die Frage, woher nehmen und nicht stehlen? Der Wilde Westen ist längst besiedelt (und auch der wurde letztendlich den Indianern gestohlen), jede Wüste dieser Welt ist auf ein oder mehrere Länder verteilt, und sogar die Antarktis darf Dank des Antarktisvertrages nicht als Rückzugsgebiet verwendet werden – außerdem wäre es dort auch  viel zu kalt. Die ganze Welt ist von Staaten bedeckt, die eifer- und herrschsüchtig über ihr Territorium wachen und auch noch den kleinsten Versuch einer Umgestaltung im Keim zu ersticken versuchen.

So wird sich wohl kaum je ein Land finden, das freiwillig Teile seines Staatsgebietes zur Verfügung stellt, um darauf etwa den Ausbruch aus aller staatlichen Hegemonie zu proben.

Dabei sind immerhin 70 Prozent des Planeten staatsfrei und somit perfekt geeignet, um darauf neue Gesellschaftsformen zu erproben, ohne gleich ganze Völker überzeugen zu müssen.

Eine schwimmende Stadt auf dem Meer – das mag wie Science Fiction klingen (was nicht zuletzt daran liegen wird, dass so etwas bisher nur dort aufgetaucht sind – das aber immerhin häufig), ihre Verwirklichung liegt aber möglicherweise viel näher, als man glauben würde.

Patri Friedman, Enkel des verstorbenen Nobelpreisträgers Milton und Sohn des Anarchokapitalisten David hat zusammen mit Gleichgesinnten das „Seasteading Institute“ gegründet, das sich zum Ziel gesetzt hat, in naher Zukunft schwimmende, variable Städte auf dem Meer zu etablieren. Erste Konstruktionsskizzen liegen bereits vor, und wenn der Zeitplan einzuhalten ist, wird schon in drei Jahren das erste Hochseefloß in der Bucht von San Francisco getestet werden.

Von außen sehen die Flöße wie Ölbohrplattformen aus. Und damit haben sie in der Tat eine Menge gemeinsam. So sollen die Plattformen etliche Meter oberhalb der Wasserlinie herausragen, während die Schwimmkörper etliche Meter darunter liegen, um somit Wellenbewegungen, die stets auf Höhe der Wasserlinie am stärksten ausgeprägt sind, weitestgehend zu minimieren.

Von innen hingegen werden die Seasteads eher an Kreuzfahrtschiffe erinnern. Im Gegensatz zu denselben aber modular aufgebaut sein, in dem Sinne, dass sich verschiedene Flöße frei miteinander verbinden können, um Bezirke und ganze Städte zu formen, sich aber auch jederzeit wieder voneinander lösen können, um sich einer anderen Stadt anzuschließen, oder gar eine neue zu gründen.

Auf diese Weise wäre ein echter Wettbewerb zwischen verschiedenen Systemen möglich. Ruft beispielsweise ein „Staatschef“ eines Tages den Krieg gegen ein anderes „Land“ aus, so würde er am nächsten Tag aufwachen und feststellen, dass sich alle anderen Hochseeflöße davon gemacht haben und die Stadt nunmehr nur noch aus seinem eigenen Floß besteht.

Natürlich werden niemals mehr als ein Prozent aller Menschen auf Hochseeflößen leben wollen. Patri Friedman selbst kann sich nicht vorstellen, das ganze Jahr auf hoher See zu leben. Jedoch würde allein die pure Existenz anderer Systeme einen nicht unerheblichen Druck auf die etablierten Staaten ausüben, so seine Argumentation.

Diese erläutert Patri Friedman Anfang April erstmals in Deutschland – bei einem Vortrag in Hamburg. Der Vortrag findet statt am 4. April von 15 bis 16 Uhr mit anschließender Diskussionsrunde im „Tre Castagne“ in Hamburg-Eppendorf (Eppendorfer Landstr. 97, 20251 Hamburg, Tel. 040 463727, trecastagne.de). Das Treffen beginnt um 14 Uhr zum gemeinsamen Mittagsessen. Anmeldungen sind nicht nötig, aber erbeten an: Philipp@Kalwies.de.

Internet

http://seasteading.org/


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Autor

Philipp Kalwies

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