26. März 2009

Moderne Mythen Deutschland ist Exportweltmeister

Über die unermessliche Aussagekraft nackter Zahlen

Vielen mag es ein Trost sein, dass Deutschland auch im Jahre 2009 trotz Weltwirtschaftskrise voraussichtlich zum sechsten Mal in Folge „Exportweltmeister“ sein und die schärfsten Konkurrenten China und USA auf die Plätze verweisen wird. Als „Export“ wird in der Regel die Menge der von einer Volkswirtschaft in andere Volkswirtschaften gelieferten Güter verstanden, und als Messlatte für die Weltrangliste werden einfach sämtliche Güter-Ausfuhren eines Staates in ausländische Staaten herangezogen. Demnach lag Deutschland beispielsweise im Jahre 2008 mit 1530 Milliarden US-Dollar an der Spitze aller Staaten der Welt, gefolgt von China mit 1465 und den USA mit 1377 Milliarden US-Dollar, während an vierter Stelle Japan abgeschlagen mit 777 Milliarden US-Dollar rangierte.

Ein anderes Bild ergibt sich jedoch bereits, wenn wir als „Volkswirtschaften“ nicht nur Einzelstaaten, sondern auch Wirtschaftsgemeinschaften verstehen, deren Mitglieder untereinander keine Grenz- und Zollbarrieren aufweisen und somit einen gemeinsamen Binnenmarkt bilden. Der größte Binnenmarkt dieser Art ist die Europäische Union, die im Jahre 2008 als ganzes 1330 Milliarden US-Dollar knapp hinter China und den USA Platz drei belegen würde, wenn man den EU-Binnenhandel weglässt und nur die Ausfuhren ins Nicht-EU-Ausland als Grundlage nimmt. Auch diese Ziffer kann man dann wiederum auf die einzelnen EU-Länder aufschlüsseln: Wenn man beispielsweise berücksichtigt, dass die Exporte Deutschlands in EU-Länder zwei Drittel der offiziellen Gesamtexportsumme ausmachen, dann beträgt die EU-bereinigte Exportsumme für Deutschland im Jahre 2008 ganze 510 Milliarden US-Dollar, womit Deutschland insgesamt gesehen erst hinter Japan auf Rang vier landet.

Jetzt könnte man einwenden, dass durch diese Rechnungsart ein Nachteil für die EU zugunsten zum Beispiel der USA entsteht. Und tatsächlich müsste man im Falle der USA deren Mitgliedschaft in der nordamerikanische Freihandelszone NAFTA berücksichtigen. Aber selbst NAFTA-bereinigt würden die Ausfuhren der USA immer noch 936 Milliarden Dollar ausmachen und die deutschen EU-bereinigten Exporte immer noch locker abhängen.

Bemerkenswert ist, dass die deutschen Exporte inklusive der EU-Binnenmarkt-Exporte sogar deutlich über der Exportsumme der gesamten EU liegen (1530 gegenüber 1330 Milliarden US-Dollar). Wenn man die nicht EU-bereinigten Exporte aller 27 EU-Länder summiert und daraus rechnerisch den Gesamtexport der EU zusammenbastelt, würde man auf weit über 5000 Milliarden US-Dollar kommen, womit man die EU als einsamen Exportweltmeister geschaffen hätte. Wie wenig aussagekräftig eine solche Konstruktion wäre, kann man vielleicht am anschaulichsten erahnen, wenn man im Gegenzug den Binnenhandel der USA zergliedert, indem man die Ausfuhren jedes einzelnen der 50 Bundesstaaten nicht nur ins Ausland sondern in jeden anderen Bundesstaat addiert und daraus eine Export-Gesamtsumme bildet. Diese würde aufgrund der größeren Zahl der segmentierten Einheiten (50 gegenüber 28) höchstwahrscheinlich die Export-Summe der EU bei weitem übertreffen, und wir hätten auf diese Weise mit den USA wieder einen neuen Exportweltmeister kreiert.

Anhand dieses Beispiels lässt sich auch erkennen, dass je größer der Binnenhandel einer Volkswirtschaft ist, desto geringer die Notwendigkeit des Exports ins Ausland ausfällt. Oder andersherum: Je kleiner eine Volkswirtschaft ist, desto mehr wird sie pro Kopf exportieren und auch importieren müssen, um für ihre Bürger das gleiche Warenangebot und den gleichen Lebensstandard bereitstellen zu können. So ist es auch kein Wunder, dass wir auf pro Einwohner umgerechneten Exporten eine ganz andere Weltrangliste erhalten: Bei den Ländern mit mindestens einer Millionen Einwohnern ist Singapur mit seinen nur 4,4 Millionen Einwohnern mit fast 80.000 Export-Dollar pro Kopf klar an der Spitze. Mit einem Pro-Kopf-Einkommen von 50.000 Dollar gehört der Stadtstaat zu den fünf wohlhabendsten Staaten der Welt, wobei auffällt, dass pro Kopf sogar mehr exportiert als verdient wird.

Verständlich wird dieses auf den ersten Blick vielleicht seltsam anmutende Phänomen, wenn wir in einem Modell kleinstmögliche und stark idealisierte volkswirtschaftliche Einheiten bilden, nämlich drei miteinander benachbarte Einsiedler. Der erste Einsiedler hat ein Kartoffelfeld, die zweite ist eine talentierte Kartoffelschälerin und der dritte backt hervorragende Reibekuchen. Jeder einzelne Einsiedler findet pro Jahr drei Nuggets, die er als Zahlungsmittel einsetzen kann. Der Kartoffelbauer besucht täglich die Kartoffelschälerin und verkauft dieser für einen Nugget neun Kartoffeln. Täglich geht die Schälerin zum Bäcker und verkauft diesem für zwei Nuggets die geschälten Kartoffeln. Abends besucht der Bäcker dann den Bauern und die Schälerin und verkauft ihnen für jeweils einen Nugget eine Portion kalte Reibekuchen. Die Exportsumme des Tages bei der Schälerin und beim Bäcker beläuft sich also auf zwei Nuggets pro Person. Pro Jahr wären das schon 730 Export-Nuggets. Wenn jetzt der Bäcker und die Schälerin zusammenziehen und eine Zweiervolkswirtschaft bilden, dann haben sie zwar nicht weniger zu essen als zuvor, essen ihre Reibekuchen sogar warm, exportieren aber zusammen täglich nur noch Waren zum Gegenwert von einem Nugget an den Bauern. Die Exportsumme der neuen Volkswirtschaft hat sich bei doppelter Einwohnerzahl also geviertelt.

Wir können anhand dieser Simulation schon mal zwei Dinge erkennen: Erstens sinkt, um den gleichen Lebensstandard zu halten, die Notwendigkeit des Exports pro Kopf mit zunehmender Einwohnerzahl einer Volkswirtschaft und zweitens bedeutet eine hohe Exportsumme nicht unbedingt mehr Wohlstand. Selbst wenn die drei Einsiedler ihren Handel auf dreimal täglich ausweiten und somit die Exportsumme verdreifachen, haben sie zwar mehr gearbeitet, aber nicht ihren Wohlstand gesteigert. Sie könnten theoretisch sogar aus Jux und Dollerei jede Minute drei Nuggets hin- und herexportieren und durch diese extreme Art von Basar-Ökonomie das Handelsvolumen explodieren lassen, ohne dass dadurch eine Wohlstandsmehrung erfolgt. Und wenn nun jemand anstelle von Nuggets in Papier-Schuldscheinen „bezahlt“, die sich theoretisch beliebig vermehren lassen, kann es beim Käufer sogar zu einem Wohlstandsverlust kommen, wenn nämlich die anderen beiden Einsiedler sich irgendwann weigern, diese Papiere in Waren, Dienstleistungen oder Nuggets zurückzutauschen.

Die Summe der Exporte einer Volkswirtschaft sagt also nichts darüber aus, inwieweit die einzelnen Bewohner durch ihre Ausfuhrtätigkeiten an Wohlstand gewinnen. Mit dem Titel „Exportweltmeister“ kann man sich also nicht viel kaufen. Aber auch die Exporte pro Person sind für sich alleine genommen nicht viel aussagekräftiger, da es von der Zahl der Einwohner einer Volkswirtschaft abhängt, inwieweit diese auf Exporte angewiesen ist: Je kleiner eine volkswirtschaftliche Einheit ist, desto größer ist die Notwendigkeit des Exports, und je größer der Binnenmarkt einer Volkswirtschaft ist, desto geringer kann seine Abhängigkeit vom Export sein.

Wir können nun dennoch versuchen, eine Art Messlatte für den Exporterfolg, d.h. für die Bedeutung des Exports für den Wohlstand einer Volkswirtschaft zu konstruieren, indem wir den Export pro Kopf in Relation zur Größe einer Volkswirtschaft setzen. Als Eckpunkte nehmen wir dafür zwei Volkswirtschaften mit ähnlich großem Pro-Kopf-Einkommen (45000 bzw. 51000 US-Dollar im Jahre 2008), aber unterschiedlich großer Bevölkerungszahl (305 Millionen bzw. 4,4 Millionen) und unterschiedlich großem Pro-Kopf-Export (80.000 US-Dollar bzw. NAFTA-bereinigte 3100 US-Dollar), nämlich Singapur und die USA. Eine Verbindung zwischen diesen beiden Eckpunkten erhalten wir, wenn wir ausgehend von Singapur jeweils beim Faktor 2,4 bei der Bevölkerungszahl eine Halbierung des Pro-Kopf-Exports vornehmen. Deutschland müsste dann an dieser Linie des gleichen Wohlstands durch Export EU-bereinigt bei etwa 8500 US-Dollar auskommen und liegt tatsächlich bei 8200 US-Dollar. Das heißt, Deutschland verfehlt knapp die Linie, bei der es mithilfe von Export den gleichen Wohlstand erzielen würde wie Singapur und die USA. Und von allen anderen Ländern mit mehr als einer Million Einwohnern übersteigt lediglich Japan mit einem Verhältnis von 5500 zu 6100 US-Dollar diese Linie, so dass anhand dieser Berechnung Japan Export-Weltmeister wäre. Doch natürlich ist auch diese Konstruktion immer noch kein zuverlässiger Indikator für den Export-Wohlstand, zum Beispiel wenn Exportüberschüsse mit Schuldscheinen oder inflationiertem Geld entgolten werden. Allerdings hilft diese Methode, einen etwas nüchterneren Blick auf das Blendwerk nackter Zahlen zu werfen, aus denen sich allzu vorschnell schön klingende aber nichtssagende Titel wie „Exportweltmeister“ ableiten lassen.

Internet:

Tabellen mit Ranglisten zum Ermitteln von „Exportweltmeistern“


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