Edgar L. Gärtner

Jahrgang 1949, Hydrobiologe, Wissenschaftsautor.

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Stromarmut in Deutschland: Der Solar-Boom vernichtet Arbeitsplätze

von Edgar L. Gärtner

Und beschert den Verbrauchern eine Kostenlawine

In Deutschland hängen sieben Millionen Arbeitslose oder Inhaber von Mini-Jobs ganz oder teilweise am Arbeitslosengeld 2 (Hartz IV), davon etwa die Hälfte dauerhaft. Der monatliche Basissatz von ALG2 beträgt je Erwachsener noch immer 345 Euro. Hinzu kommen die Kosten für Wohnungsmiete, Heizung und Wasser, die in der Regel bis zu einem örtlich unterschiedlichen Deckelbetrag von der Kommune übernommen werden. In jeden Fall müssen die ALG2-Empfänger den Strom für Kochen, Beleuchtung, Kommunikation und Unterhaltung aus dem Regelsatz von 345 Euro begleichen. In der Stadt Frankfurt werden für Haushalte ohne elektrische Warmwasseraufbereitung monatlich lediglich 16 Euro für „Haushaltsenergie“ angesetzt. Da die Stromkosten für Privathaushalte in Deutschland im europäischen Vergleich mit fast 22 ct/kWh besonders hoch sind, müssen ALG2-Empfänger ihren Jahresverbrauch auf etwa 750 kWh begrenzen, wenn sie nicht ihre Ernährung einschränken wollen. Das entspricht weniger als der Hälfte des durchschnittlichen Stromverbrauchs deutscher Einpersonenhaushalte, der zurzeit bei etwa 1.700 kWh/a liegt. Wer von ALG2 abhängt, muss also, ohne Hunger in Kauf zu nehmen, selbst seine Internet-Nutzung stark einschränken.

Bundesumweltminister Sigmar Gabriel ist sich durchaus bewusst, dass sich hier sozialer Sprengstoff ansammelt. Er hat deshalb das „grüne“ Frankfurter Institut für sozial-ökologische Forschungen (ISOE) und das Heidelberger ifeu Institut für Energie- und Umweltforschung beauftragt zu erforschen, wie man ALG2-Empfängern am besten helfen könnte, an für sie unbezahlbare stromsparende Haushaltsgeräte der neuesten Generation zu kommen. Welche Scheinheiligkeit sich dahinter verbirgt wird deutlich, wenn man erfährt, dass die hohen deutschen Strompreise zu 40 Prozent aus diversen Steuern und Zwangsabgaben bestehen. Darunter befindet sich auch die durch das Erneuerbare Energien Gesetz (EEG) im Jahre 2000 eingeführte Umlage für die Einspeisung nicht marktfähiger Strommengen aus Windkraftanlagen (WKA), Biogasanlagen und Photovoltaik-Modulen ins öffentliche Stromnetz.

Bis zur Jahrtausendwende zeichnete sich Deutschland durch eher moderate Strompreise aus. Diese wurden garantiert durch das große Gewicht älterer Braunkohle- und abgeschriebener Kernkraftwerke im deutschen Stromerzeugungs-Mix. Bei beiden Kraftwerkstypen lagen die Stromerzeugungskosten unter 2 ct/kWh. Steinkohlekraftwerke, die eine Mischung aus billig importierter Importkohle und hochsubventionierter heimischer Kohle nutzten, lagen mit knapp 5 ct/kWh auf einem mehr als doppelt so hohen Kostenniveau – und damit etwa gleichauf mit Wasserkraftwerken, deren Beitrag zum deutschen Strom-Mix seit vielen Jahren deutlich unter fünf Prozent bleibt, weil keine neuen, für die Anlage von Stauseen geeigneten Standorte verfügbar sind. Auch der Anteil von Erdgas an der Stromerzeugung blieb bis zum Ende des 20. Jahrhunderts bescheiden.

Als dann, entsprechend den EU-Vorgaben, der deutsche Strommarkt (im Prinzip) für den Wettbewerb geöffnet wurde, sank der Strompreis für Industriekunden zunächst auf etwa 6 ct/kWh und der mittlere Strompreis für Privataushalte auf 14 ct/kWh. Doch nach der Jahrtausendwende begannen die Strompreise wieder stetig zu steigen. Im vergangenen Jahr mussten Industriekunden schon wieder fast 13 ct/kWh und Endverbraucher fast 22 ct/kWh berappen. Der Hauptgrund für diese Entwicklung liegt im EEG mit seiner 20-jährigen Abnahme- und Preisgarantie für „grünen“ Strom.

Was nach den Erfahrungen mit Preis- und Abnahmegarantien auf den europäischen Agrarmärkten zu erwarten war, trat auch hier ein: Institutionelle und private Anleger investierten massiv in die Erschließung „erneuerbarer“ Energien, zunächst vor allem in Windparks. Insgesamt etwa 22.000 WKA steuern inzwischen schon 6,3 Prozent zur deutschen Bruttostromerzeugung von insgesamt 639 TWh (Milliarden Kilowattstunden) für einen garantierten Preis von 9 ct/kWh bei. Um die extrem unstetige Stromerzeugung der WKA ausgleichen zu können, müssen entweder Kohlekraftwerke im unwirtschaftlichen Stand-by-Betrieb weiterlaufen oder rasch an- und abschaltbare Gasturbinen bereitstehen. Deshalb ist der Gas-Anteil am deutschen Stromerzeugungs-Mix parallel zur Vervielfältigung der Zahl der WKA gestiegen: Während der Windstrom-Anteil zwischen 1990 und 2007 von Null auf 40 TWh zunahm, stieg der Gas-Anteil an der Stromerzeugung von 36 auf 75 TWh oder 13 Prozent (für durchschnittlich 7 ct/kWh). 83 Prozent des gesamten deutschen Erdgasbedarfs wurden im Jahre 2007 importiert, etwa die Hälfte davon aus Russland. Der Ausbau der Windkraft hat also die Importabhängigkeit der deutschen Energieversorgung verstärkt. Das gilt zwar nicht für den gleichzeitig geförderten Ausbau der Biomasse-Nutzung, die inzwischen mit 3,6 Prozent zur Stromerzeugung beisteuert. Doch trägt auch sie mit einem garantierten Stromabnahmepreis von 14 ct/kWh spürbar zur Verteuerung der Elektrizitätsversorgung bei.

So hat sich neun Jahre nach der Verabschiedung des EEG die Preisstruktur der deutschen Stromproduktion bereits deutlich verschoben. Die durchschnittlichen Stromerzeugungskosten stiegen von 3,5 ct/kWh im Jahre 2003 auf 5,61 ct/kWh im Jahre 2008. Ein weiterer Grund für diese Entwicklung ist das nahende Auslaufen der Kernenergie-Nutzung, die ebenfalls im Jahre 2000 beschlossen wurde, sowie der Start des europäischen CO2-Emissionshandels. Aus diesem Grund beginnen inzwischen sogar Braunkohlekraftwerke ihre Vorteile einzubüßen.

Wichtigster Kostentreiber dürfte in den nächsten Jahren aber wohl die Photovoltaik sein. Seit 2004 erhielten private Betreiber von Solarmodulen eine garantierte Stromeinspeisungsvergütung von bis zu 57,4 ct/kWh mit einer jährlichen Degression von 5 Prozent. Seit Beginn dieses Jahres wurde der Garantiepreis nach zähen Verhandlungen mit der Solarlobby auf 43 ct/kWh gesenkt und die Degression auf 8 bzw. 9 Prozent erhöht. Selbst nach der hinter dem EEG stehenden umstrittenen Begründung hätte der Garantiepreis nach einhelliger Einschätzung der Fachleute viel stärker, und zwar mindestens auf 21 ct/kWh gesenkt werden müssen, um Einsparungseffekten Rechnung zu tragen. Denn es gibt zurzeit weltweit eine enorme Überproduktion von Solarzellen, die zu einem Preiskrieg zwischen chinesischen, japanischen, amerikanischen und europäischen Herstellern geführt hat. Der Preis je Silizium-Modul ist seit dem letzten Herbst von € 3,50 je Watt Leistung auf € 2,30 je Watt gefallen. Der US-Marktführer First Solar bietet seine Dünnschicht-Module aus Cadmiumtellurid, die allerdings einen deutlich größeren Flächenbedarf haben, inzwischen schon für einen Dollar je Watt Leistung an.

Wegen dieses Preisverfalls wird es in den nächsten Jahren wohl zu einem Solar-Boom kommen, während Windkraft-Projekte wegen der Krise mit beträchtlichen Finanzierungsproblemen zu kämpfen haben. Schon für dieses Jahr erwarten Experten in Deutschland einen Kapazitätszuwachs von bis zu 2,5 Gigawatt. Werden die gesetzlich garantierten Abnahmepreise nicht deutlicher abgesenkt, droht den deutschen Stromkunden eine Kostenlawine ungeahnten Ausmaßes. Schon für die bis Ende 2008 installierten Photovoltaik-Module, die lediglich maximal 0,6 Prozent des deutschen Strombedarfs decken, müssen sie nach Berechnungen des Bonner Volkswirts Dieter Damian über 20 Jahre insgesamt 45 Milliarden Euro zahlen. Das bedeutet 563 Euro je Bürger, Kinder und Greise eingeschlossen! Schon im Jahre 2015 lägen die aufsummierten Kosten der Photovoltaik zwischen 133 und 169 Milliarden Euro. Und im Jahre 2020 könnten sie im schlimmsten Fall schon die Schallmauer von 300 Milliarden Euro durchbrechen. Das wären deutlich mehr als 3000 Euro zusätzliche Stromkosten je Bundesbürger!

Damians unveröffentlichte Berechnungen wurden im Prinzip bestätigt von Manuel Frondel und Mitarbeitern vom Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI Essen). Auch diese Autoren errechneten bis 2015 reale Zusatzkosten der Photovoltaik von über 100 Milliarden Euro. Damian sieht in den wiederholten Hinweisen Gabriels und der Solarlobby auf bis zu 280.000 Arbeitsplätze, die angeblich mithilfe des EEG geschaffen worden seien, einen üblen Propaganda-Trick, weil die mit viel statistischer Kreativität hochgerechneten Beschäftigungseffekte immer nur mit den jährlichen durch das EEG verursachten Kosten verglichen würden und nicht mit den über 20 Jahre auflaufenden Kosten. Das RWI hat schon im Jahre 2004 vorgerechnet, durch das EEG würden schon ab 2010 deutlich mehr Arbeitsplätze vernichtet als neu geschaffen. Wenn überhaupt, fördere das EEG nur die Beschäftigung im Ausland.

Prof. Dr. Ing. Helmut Alt von der Fachhochschule Aachen hat durchgerechnet, was geschähe, wenn der deutsche Stromerzeugungs-Mix entsprechend den Vorstellungen von Andrea Ypsilanti (SPD) im hessischen Landtagswahlkampf umgebaut würde. Bei einem kompletten Verzicht auf die Kernenergie, einer Erhöhung des Windkraftanteils auf 20 und einer Verzehnfachung des Photovoltaik-Anteils auf 6 Prozent würden sich die Kosten der Stromerzeugung in Deutschland verdoppeln. Das könnte nicht ohne Einfluss auf die Beschäftigung bleiben. Doch zur „Stromarmut“ könnte es auf diesem Weg auch im wörtlichen Sinne kommen. Wird die genehmigte Laufzeit der noch arbeitenden 17 deutschen Kernkraftwerke nicht verlängert, würde Deutschland schon im Jahre 2015 zu einem Stromimportland, weil infolge der Finanzkrise und des Widerstandes „grüner“ Gruppierungen vor Ort inzwischen auch der Neubau von Kohlekraftwerken ins Stocken geraten ist.

(Fortsetzung folgt.)


Internet

http://www.isoe.de/projekte/energieeff.htm

http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,612539,00.html

http://www.handelsblatt.com/technologie/energie_technik/neue-hoffnung-fuer-solarstrom;2205075

http://www.wiwo.de/technik/solaranlagen-herstellern-droht-ueberfaellige-auslese-391445/

Literatur

Manuel Frondel, Nolan Ritter und Christoph M. Schmidt: Photovoltaik: Wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten, in: List Forum für Wirtschafts- und Finanzpolitik, Bd. 34, Heft 1/2008

27. März 2009

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