28. März 2009

Ökonomische Gesetze Der Markt ist unbezwingbar

Selbst nach der Apokalypse gäbe es Angebot und Nachfrage

Wenn man den Fernseher einstellt oder die Zeitung aufschlägt liest man Artikel und sieht in Reportagen, Nachrichten und Talkshows Debatten, die einen deutlich surrealen Charakter haben. Es wird darüber diskutiert, wie viel Markt man sich angesichts der Finanzkrise noch leisten könne. Dies zeigt, dass die werten Diskutanten nicht verstehen, worüber sie eigentlich reden, wenn sie vom Markt sprechen.

Die Marktgesetze sind grundsätzlich nicht gut oder schlecht, sie sind einfach da. Auch in der Sowjetunion und in der Volksrepublik China wirkten die Marktgesetze. Es war nicht westliche Sabotage, die das Wirtschaftssystem der kommunistischen Staaten zerfallen ließ, es waren dieselben Marktgesetze, die in den westlichen Industriestaaten zu steigendem Wohlstand führten. Man kann das Gesetz von Angebot und Nachfrage ebensowenig abschaffen wie die Schwerkraft, es handelt sich quasi um ein Naturgesetz. Darum ist es genauso unsinnig, den Markt für negative Entwicklungen verantwortlich zu machen wie darüber zu diskutieren, wie viel Markt man braucht, oder wie über die Frage zu streiten, wie viel Magnetismus oder Schwerkraft auf der Erde optimal wäre.

Das Wirken der Marktgesetze kann natürlich ernste Folgen haben, ebenso wie das Wirken physikalischer Gesetze. Wenn ich mich zum Beispiel weigere, die Schwerkraft zur Kenntnis zu nehmen und aus dem Fenster springe unter der Annahme, dass Schwerelosigkeit herrsche, und wenn ich mir dann beide Beine breche, dann hat die Schwerkraft damit natürlich etwas zu tun. Es wäre aber doch wohl falsch zu sagen, die Schwerkraft sei daran schuld, dass ich mir die Beine gebrochen habe.

So ähnlich verhält es sich auch in der aktuellen Finanzkrise oder bezüglich der hohen Arbeitslosigkeit. Es ist im Grunde ganz einfach: Wer die Gesetze des Marktes ignoriert bekommt Probleme. Wenn man die Gelddruckmaschine anwirft und die Geldmenge vermehrt, entsteht nicht mehr Reichtum, sondern einfach nur mehr Papier. Geld ist eine Maßeinheit für Wohlstand, nicht seine Ursache. Wenn ich meine Uhr zwei Stunden zurück stelle habe ich damit nicht mehr Zeit gewonnen. Die Sonne geht deshalb nicht später unter. Was in Hinblick auf Zeit und Raum jeder versteht bleibt vielen Menschen in Hinblick auf die Marktgesetze verborgen. Wir können objektive logische Zusammenhänge nicht dadurch verändern, dass wir die Messinstrumente manipulieren.

Auch der Lohn ist wie jeder Preis nur ein Messinstrument. Er misst das Verhältnis von Angebot und Nachfrage. Die Nachfrage nach Arbeit wird nicht dadurch größer, dass man den Lohn anhebt. Ebenso wenig wird es in meinem Zimmer wärmer, weil ich die Anzeige des Thermometers nach oben schüttele. Wenn der Lohn höher festgesetzt wird als der Preis, der sich durch Angebot und Nachfrage ergeben hätte, entsteht Arbeitslosigkeit. Selbst wenn sich alle darauf einigen würden, den Markt deshalb zu verfluchen, so würde sich an diesem Umstand nichts ändern.

Viele Wirtschaftspolitiker gleichen Ingenieuren, die eine Brücke bauen wollen, sich aber weigern, die Gesetze der Statik zur Kenntnis zu nehmen, weil diese zu kalt und unbequem sind. Wenn man sich gegen die Gesetze des Marktes stellt, dann ist das nicht schlecht für den Markt, sondern für die Betroffenen.

Viele scheinen zu glauben, wenn man nur die Kassandrarufe der liberalen Ökonomen abstellen würde, würden auch die Zwänge des Marktes nicht mehr existieren. So wie Kinder mitunter glauben, dass eine Bedrohung nicht mehr vorhanden ist, wenn man nur die Augen schließt. Das erinnert an eine Episode der Zeichentrickserie „Die Simpsons“. In dieser droht ein Meteorit die Heimatstadt Springfield der gelben Familie zu zerstören. Die Stadt entgeht gerade noch einer Katastrophe. Am Ende der Folge ziehen die braven Bürger Springfields los, um die Sternwarte, die den Meteoriten als erstes gesichtet hat, zu zerschlagen, um auf Nummer sicher zu gehen, dass „so etwas nicht wieder passiert“. Ähnlich „klug“ wie die Einwohner dieser Stadt verhalten sich in der Regel auch die Gegner des „Neoliberalismus“. In ihrer Logik hört der „kalte Markt“ auf zu existieren, wenn man den Liberalismus zum Schweigen bringt.

Der Markt wurde aber nicht von den Liberalen erfunden, sondern lediglich von ihnen entdeckt und erforscht. Adam Smith hat die Marktgesetze lediglich beschrieben wie Isaac Newton die Gesetze der Mechanik. Der Markt kann darum auch nicht abgeschafft oder zurückgedrängt werden, wie etwa der Liberalismus als politische Weltanschauung. Selbst wenn es keinen einzigen „Neoliberalen“ mehr gäbe, sondern nur noch Sozialisten und Sozialdemokraten, so würden die Marktgesetze immer noch gelten. Wer gegen sie handeln würde, würde dennoch für dieses Tun bestraft werden.

Der Ursprung der Marktgesetze ist die universelle Logik und nicht die Politik. Im Gegensatz zu Kultur und Sitten, die einem steten historischen Wandel unterworfen sind, ist der Markt zeit- und geschichtslos. Unser moralisches Urteil über die Welt und somit auch über den Markt mögen sich ändern, die Marktgesetze selbst tun es nicht.

Ob wir Wohlstand als besser empfinden denn Armut, Freiheit als richtiger denn Gleichheit, individuelle Selbstbestimmung als wichtiger denn das Kollektiv, das alles ist stark abhängig von der Kultur, in der wir sozialisiert werden, von den Entwicklungen auch der politischen Geschichte, von unseren subjektiven Wünschen, Bedürfnissen und Hoffnungen. Die Marktgesetze sind davon unabhängig. Unsere Kultur, unsere Psyche, unsere Weltanschauung bestimmen, welche Wünsche wir haben. Die Marktgesetze bestimmen, ob und wieweit wir sie befriedigen können.

Wenn wir von „links“, „rechts“ und „liberal“ sprechen, dann sind das politische Begriffe. Im Alltag, wenn es darauf ankommt, unsere subjektiven Bedürfnisse mit der Knappheit der Güter in Einklang zu bringen, sind wir alle Marktradikale, auch diejenigen, die am Wahlsonntag Die Linke wählen. Christen, Muslime, Atheisten und Konfuzianer sind alle denselben ökonomischen Gesetzmäßigkeiten unterworfen. Darum ist ein Staat oder eine wie auch immer ausgestaltete politische Ordnung ebensowenig eine Alternative zum Markt wie ein Gerüst eine Alternative zur Schwerkraft ist. Das Gerüst mag den Vorstellungen der jeweiligen Kultur entsprechend errichtet sein, es mag unterschiedliche Wege der Konstruktion geben, wenn es zu sehr den universellen Regeln der Physik widerspricht, bricht es zusammen.

Es ist nicht klar, ob eine Zivilisation dauerhaft den Sozialismus überstehen kann. Die Marktgesetze aber werden den Sozialismus wie auch unsere Zivilisation überleben. Wenn morgen eine apokalyptische Katastrophe über die Menschheit hereinbricht oder ein Nuklearkrieg die Erde verwüstet, wenn vielleicht nur wenige verstreut lebende Menschen übrig bleiben, die mit Schwierigkeiten ihre rudimentären Lebensbedürfnisse befriedigen, dann wird ihr Handeln noch genau denselben Marktgesetzen unterworfen sein, wie wir heute und alle vorhergehenden Generationen.

Den Gesetzen des Marktes kann man sowenig entrinnen wie den Gesetzen der Schwerkraft. Ob die Menschen mit diesen Gesetzen umzugehen wissen, ist eine andere Frage.


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