07. April 2009

Deutschland sucht den Superstar Holger ist raus

Ein Blick in die Hölle

Es war ein Abgang vor großem Publikum: Über fünfeinhalb Millionen Zuschauer schalteten am vergangenen Samstag ein, als der fränkische „Captain Entertainment“, der singende, zappelnde, nuschelnde, fiepsende Verwaltungsangestellte aus Güntersleben, Holger Göpfert, letztmals bei „Deutschland sucht den Superstar“ auftreten durfte. Er war mit seinen bald 28 Lenzen der älteste Endrundenteilnehmer und gewiss nicht der talentierteste. Er war ein Prototyp des Fernsehens der Zukunft.

Am Beginn der Singfestspiele unter Dieter Bohlens grinsender Leitung hatte der „Poptitan“ erklärt, worauf es 2009 ankommt: „Normalos mit tollen Stimmen haben heute keine Chance.“ Die „härteste Jury Deutschlands“, bestehend aus Bohlen und zwei pflegeleichten Nachbetern Bohlenscher Weisheiten, wolle „dieses Mal zur Stimme auch noch andere Sachen, Personality, dann auch Mut. Ihr müsst über eure eigenen Grenzen auch gehen wollen.“

Holger, der röhrend rührende Grobmotoriker, ist von Grenzen umstellt. Er hat keine Freundin, aber einen leichten Silberblick, er kann nicht schwimmen, er wiegt zu viel, jede Bewegung gerät ihm zum Zucken, Zappeln, Implodieren. Gliederpuppen werfen so die Glieder von sich. Wenn er redet, verlässt seinen Mund eine gewaltige, kaum geformte Luftmenge, die nur Freunde in Sätze und Wörter zu teilen wissen. Ruheinseln sind die epidemisch eingestreuten, kurz stockenden Laute „äähhh“ und „äh“.

Der Mann aus der Günterslebener Puppenkiste ist aber auch Alleinunterhalter. Er durchstreift die Kneipen seiner Stammlande, ein altersschwaches Keyboard im Gepäck, die Sonnenbrille auf der Nase, und singt die Lieder der „Beatles“ und von „Queen“ nach. Tatsächlich ist er dort gut aufgehoben, zwischen Zapfhahn und Stammtisch. Wenn er loslegt, wenn er „seine eigene Welt“ (Bohlen) singend verlässt, verwandelt er sich in einen lauten, schwungvollen, wenn auch nicht immer takt- und notensicheren Gutelaunebär. Die extreme Kluft zwischen Holgers linkischer Lebens- und seiner leidenschaftlichen Singweise fasziniert.

Holger ist auch autoritätsfixiert. Nach jeder TV-Darbietung fragt er prustend, wie das denn, wie er denn gewesen sei, grundsätzlich fällt er dem Moderator brabbelnd ins Wort. Auf „Dieter“ lässt er nichts kommen, seit dieser ihn beim „1. Recall“ überredete, trotz aller Ängste weiterzumachen. Holger hatte drei Nächte lang nicht geschlafen, „ich kann nimmer“ entfleuchte es ihm. Der „Poptitan“ sprach ihm Mut zu. Ein früher Ausstieg wäre katastrophal gewesen für das Format, verkörpert Holger doch idealtypisch jenen unterwürfigen, mit sich selbst umfassend überforderten, also unselbständigen Menschentyp, an dem das Fernsehen seine Lieblingsrolle als wohlmeinende Gouvernante vorführen kann.

Ein großes dickes Kind stand da Samstag um Samstag, ein unausgewachsener Mann, dem das Fernsehen seine falschen Fittiche entgegen streckte. Das Publikum konnte sowohl Mitleid mit ihm haben, als auch sich erheitern über den zappeligen Kloß am Klavier. Zyniker und Tugendbolde kamen auf ihre Kosten.

Warum aber ist er dann ausgeschieden, bekam angeblich die wenigsten Anrufe und verließ so den Wettbewerb am Samstagabend als immerhin Siebtbester? Vielleicht ist es ein inszeniertes Spiel, und Sender und „Titan“ haben umsatzträchtige Pläne mit Holger, die sich bei einer Totalblamage in den folgenden Runden nicht umsetzen ließen. Oder aber das Publikum ist Holgers schlicht überdrüssig, oder es rechnete mit dem abermals sicheren Weiterkommen und mied so den kostenpflichtigen Griff zum Telefon.

Denkbar ist auch: Ein Schauder des Entsetzens machte sich unter den fünfeinhalb Millionen Deutschen breit. Soll Personality wirklich darin bestehen, soziale und intellektuelle Randständigkeit vorzuführen? Soll Mut wirklich bedeuten, sich so lange öffentlich zum Affen zu machen, bis der Mensch ruiniert ist, leer, abgefrühstuckt, und ausgespieen wird von der Relevanzsimulationsmaschine Fernsehen? Gewiss, mit vielen seiner Sternchen verfährt das Fernsehen genau so, weniger als einen Miniruhm wird auch der Sieger des Wettbewerbs nicht ernten.

Bei Holger aber war es offensichtlich von Anfang an, dass hier ein Kneipenheld und Tresensänger sich verirrt hat in die Welt der karrieregeilen Teenager. Womöglich wurde er durch seinen Abgang vor dem Schlimmsten bewahrt, der Fahrt in den Orkus des Gelächters, das nachklänge bis nach Würzburg und Güntersleben. Oder möblieren Dieter Bohlen und RTL schon eine neue Marionettenhölle für ihn?


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