09. April 2009

Berliner Volksbegehren Darf Religionsunterricht gleichberechtigt sein?

Wie die politische Linke Volksverdummung betreibt

Ein österreichischer Entwicklungshilfe-Typ kam in den 80er Jahren an unsere Schule, um im Religionsunterricht von seiner Arbeit zu erzählen. Er präsentierte uns eine Fotosammlung aus Afrika, wo er eine Weile verbracht hatte. Zum Beispiel das von hungernden Kindern mit aufgedunsenen Bäuchen. Er wollte uns Sechst- oder Siebtklässler damals schon mit der Botschaft indoktrinieren, wie seien als Einwohner westlicher Industriegesellschaften schuld am Elend in der Dritten Welt. Der Höhepunkt war ein Foto einer Cola-Dose. O-Ton des Gutmenschen aus Austria: „Diese Cola-Dose ist ein Symbol – ein Symbol für Armut.“ Einige Schüler gähnten vor Langeweile. Einige andere wie ich kochten innerlich vor Wut über diese antiamerikanischen Plattitüden. Niemand war wirklich zufrieden. So sieht schlechter Religionsunterricht aus.

Ganz anders war es bei Pater Franz Glorius SJ. Sein Religionsunterricht war immer spannend, immer lehrreich, nie langweilig. Wir erfuhren aus Zeitschriften vom christlichen Leben in der ganzen Welt. „Glori“ erzählte tolle Geschichten aus seinem Leben. Unvergessen sind die Stunden, in denen er einen Diaprojektor mitbrachte und Bilder zeigte, vorzugsweise aus Israel, wo er eine Weile in einem Kibbuz verbracht hatte. Er hat uns den Leidensweg Christi immer und immer wieder so lebendig geschildert, dass ich fast mitsprechen könnte, sollte ich am kommenden Sonntag in einen Ostergottesdienst gehen. Steter Tropfen höhlt den Stein. Nie habe ich es bereut auf katholischen Schulen unterrichtet worden zu sein. Und ich möchte, dass auch meine Kinder auch dann eines Tages Religionsunterricht erhalten, wenn sie nicht wie ich das Glück haben, auf einem Jesuitengymnasium angenommen zu werden. Das Wissen, das dort vermittelt wird, gehört zur Grundlage unserer abendländischen Kultur dazu, oder?

In Berlin ist das so eine Sache. In zwei Wochen haben die Wähler dort zu entscheiden, ob Religionsunterricht gleichberechtigtes Unterrichtsfach sein soll – oder nicht. Momentan gibt es das Fach Ethik als atheistisch-kommunistischen Gegenentwurf zum Religionsunterricht. Kirchlichen Religionsunterricht dagegen können Schüler freiwillig dazuwählen, aber wer macht das schon? Religion ist kein Wahlpflichtfach. Die Initiative „Pro Reli“ setzt sich dafür ein, dass Religion und Ethik gleichberechtigt im Lehrplan stehen. Auch wenn die christlichen Kirchen im Bündnis mit Moslems und Juden sich dafür stark machen, dass das Referendum angenommen wird, ist das in einer atheistischen Stadt wie Berlin mehr als fraglich. Die Nicht-Gläubigen sind in der Mehrheit.

Nun lässt sich trefflich darüber streiten, ob der Staat sich in diese Dinge einmischen soll. Ob er überhaupt Schulen betreiben soll (ich meine, eher nicht). Und ob Religionsunterricht wünschenswert ist. Ich selbst bin eigentlich ein Anhänger der Trennung von Kirche und Staat. Aber wir leben nicht in einer idealen Welt, in der sich der Staat aus dem Leben seiner Bürger heraushält. Im Gegenteil. Deswegen finde ich: Wenn es schon staatliche Schulen gibt, die nach wie vor von der Mehrheit der Schüler besucht werden, dann sollte es dort auch Religionsunterricht geben. Derzeit ist das nicht wirklich der Fall.

Die politische Linke, die in Berlin machtpolitisch seit Jahren tonangebend ist, möchte das es so bleibt, wie es ist: Religionsunterricht nur als freiwilliges Zusatzfach. Sie wirbt daher für ein Nein bei dem Volksbegehren am 26. April. Schon im März hängten die SED-Nachfolger, denen Religionsunterricht ein ganz besonderes Dorn im Auge ist (Marx: „Religion ist Opium fürs Volk“), Plakate auf, auf denen ein Bild mit Dürers „betenden Händen“ zu sehen ist. Darunter prangt die Aufforderung: „Religion ist freiwillig – damit das so bleibt, am 26. April mit Nein stimmen.“ Die Linke tut so, als würden die Schüler verpflichtet, Religionsunterricht zu wählen, wenn das Volksbegehren positiv ausgeht. Religionsunterricht ist aber nur eines von mehreren Fächern, aus denen die Schüler und Eltern auswählen können sollen. Kann, muss aber nicht – so lautet das Prinzip. Das ist das genaue Gegenteil von dem, was die Linken unterstellen. Sie tun so, als würde jeder Berliner ab dem 27. April zum Besuch eines Gottesdienstes verpflichtet oder als würde das Christentum zur Staatsreligion erhoben. Danach kamen die Grünen. Sie plakatieren zwei große Mädchen und dazu den Spruch: „Lasst uns beides: Ethik plus Religion! Am 26.4. Nein zum Wahlzwang!“ Auch die Grünen suggerieren, dass den Schülern Religion aufgezwängt werden soll. Das Gegenteil ist der Fall. Bislang ist es nicht möglich Religion statt Ethik zu wählen. Durch dieses Wahlverbot wird der freie Wille eingeschränkt. Also ist das bestehende Modell zwanghaft – und nicht die Alternative von „Pro Reli“. In dieser Woche hat die SPD die Anti-Religions-Dreierkoalition komplettiert und ihre eigene Kampagne gestartet. So wie die Pro-Reli-Befürworter will die Partei 500 Großplakate aufstellen. Auf den Plakaten sind mehrere Schüler zu sehen – natürlich sitzt gleich in der ersten Reihe ein Migrantenkind – und folgender Spruch zu lesen: „Religion oder Ethik? Wir machen beides!“ Wie schon bei den Grünen-Plakaten wird so getan, als würde Ethik durch das Votum für „Pro Reli“ abgeschafft.

Für Christoph Lehmann, den Vorsitzenden des Trägervereins Pro Reli ist dies „bewusste Irreführung“, denn es wird suggeriert, dass Religion und Ethik gleichberechtigte Fächer seien. Das jedoch wolle die Initiative durch die Gesetzesänderung überhaupt erst erreichen. Die Kampagne von SPD, Linken und Grünen grenzt an Volksverdummung. Sie erinnert mich an den Import aus Österreich, der uns damals bei seinem Diavortrag ausgerechnet eine Cola-Dose als „Symbol für Armut“ verkaufen wollte. Hoffentlich lassen sich die Berliner nicht für dumm verkaufen.


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