12. April 2009

Edgar Allan Poe Amerikaner können auch abgründig sein

Geschichten aus der Gruft

Seitdem ich jeden Tag 160 Kilometer auf der Autobahn zurücklegen muss, um von meinem Wohnort zur Arbeit und wieder zurück zu gelangen, weiß ich den Wert von Hörbüchern zu schätzen. Das Radioprogramm ist mit dem Geplapper seiner stets überdrehten und pseudo-fröhlichen Moderatoren sowie den permanenten Werbeunterbrechungen oft unerträglich. Und wenn man nur Deutschlandfunk auf der Fahrt hört, schläft man hinter dem Lenkrad ein. Jüngst war eine große Portion Raymond Chandler dran, und ich hätte während der Fahrt gern hin und wieder wie Philip Marlowe an einem Whiskey genippt.

Gleichsam zum etwas verspäteten Gedenken an Edgar Allan Poe, der am 19. Januar 1809 – also vor 200 Jahren – in Baltimore geboren wurde, hörte ich jetzt „Der Fall des Hauses Ascher“ in der Übersetzung von Arno Schmidt, eine Aufnahme des Schweizer Radios mit dem Schauspieler Ernst Jacobi als Sprecher. Im Juni 1839 trat Poe als Redakteur und Mitherausgeber in das wenig erfolgreiche „Gentleman’s Magazine“ ein: Für einen Lohn von wöchentlich zehn Dollar verpflichtete sich der junge Literat dazu, mindestens zwei Stunden täglich in der Redaktion zu arbeiten. „Der Untergang des Hauses Usher“ (so die übliche Schreibweise) erschien erstmals in diesem Magazin, und zum ersten Mal thematisierte Poe hier die quälende Angst vor Geistesverwirrung, Wahnsinn und dem lebendig Begrabenwerden.

Diese beklemmende Erzählung ist mehr als ein Psychothriller. Sicher, die Geschichte ist äußerst geheimnisvoll und spannend. Der Ich-Erzähler, ein Jugendfreund des Roderick Usher, Spross eines degenerierten Adelsgeschlechts, besucht diesen auf seinem Stammsitz. Die mysteriöse Erkrankung der Zwillingsschwester des Hausherrn kommt hinzu, und das Ganze entwickelt sich zu einem Albtraum, der einem beim Lesen oder Hören Gänsehaut verschafft.

Im Gegensatz zu vielen anderen Autoren seiner Generation ist Poe auch heute noch modern und lesenswert. Zu Lebzeiten war er fast vergessen. Er starb am 7. Oktober 1849 in Baltimore unter ungeklärten Umständen, ausgeraubt und in falsche Kleider gesteckt. Im Krankenhaus verfiel er ins Delirium, nachdem man ihn am 3. Oktober bewusstlos auf der Straße gefunden hatte. Wer die Täter waren, ist bis heute ein Rätsel.

Was bleibt, ist Poes Skepsis gegenüber allem Fortschritt, seine Verachtung des Tugendterrors. Er wollte die Welt verschönern, glaubte aber – hierin ein echter Geistesaristokrat und Konservativer – nicht an das Gute im Menschen. Angesichts der nach wie vor messianischen Erwartungen an den neuen Messias Barack Obama ist es wohltuend zu wissen, dass Amerikaner auch abgründig sein können.

Hörbuch

Edgar Allan Poe: Der Fall des Hauses Ascher. Literatur/Hörbuch. Januar 2009, 1 CD, Laufzeit: 56:06, 12 Euro, ISBN: 978 – 3 – 85616 – 417 – 1. Christoph Merian Verlag. www.merianverlag.ch.


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