15. April 2009

Biographie Die wahre Geschichte des Marcel Reich-Ranicki

Wie der politisch-mediale Komplex Geschichte umschreibt

Heute Abend wird also die große Verbeugung vor Marcel Reich-Ranicki in der ARD ausgestrahlt. Die Verfilmung seiner Autobiographie „Mein Leben“ wird seit Wochen von seinen Anhängern, Freunden und Jüngern in den Redaktionen von „Zeit“, „Tagesspiegel“, „Spiegel“, „Focus“, „FAZ“ – kurzum: in der deutschen Zeitgeistpresse – propagandistisch vorbereitet. Frank Schirrmacher von der „FAZ“ machte sich sogar einen Spaß daraus, einen Dialog zwischen ihm und dem Kulturclown abzudrucken. Darin beschwert sich Ranicki, dass Schirrmacher nicht genug für ihn und seinen Film anstelle. Er fragt wörtlich: „Was tun Sie für meinen Film?“ – „Herr Reich-Ranicki. Seit wann sind Sie hier? Sie haben mich erschreckt.“ - „Lang genug, um zu sehen, dass Sie überhaupt nichts für meinen Film tun, gar nichts. Alle tun was für meinen Film, alle interessieren sich für mich, nur nicht die ‚Frankfurter Allgemeine’. Der ‚Spiegel’ macht was, der Döpfner macht ein großes Interview mit mir, nur die ‚FAZ’ weiß nicht, was sie an mir hat. Beckmann wird anderthalb Stunden mit mir reden, und jetzt sitze ich hier, und Sie bemerken mich noch nicht einmal.“ Die Wahrheit ist, dass auch die „FAZ“ voll engagiert ist und alles tut, um MRR zur Ikone zu erheben.

In dem Film, soviel war bereits zu erfahren, werden die dunklen Kapitel aus Reich-Ranickis Leben ausgespart. Diese weißen Flecken seiner Biographie beginnen mit seiner Rolle als Chefdolmetscher im Warschauer Ghetto während der deutschen Besatzung und enden mit seiner Karriere im kommunistischen polnischen Geheimdienst, der nach dem Krieg viele schlimme Dinge getan hat. In PC-Deutschland spricht man nicht über diese Untaten, weil die Verbrechen der Nazis durch die der polnischen und russischen Kommunisten nach 1945 getoppt wurden und weil das als Verharmlosung des NS-Regimes gilt. Aber es gibt ausländische Autoren, die Zeugnis von diesen Dingen abgelegt haben. So berichtet John Sack in seinem 1993 erschienen Buch „An Eye for an Eye“ über schreckliche Verbrechen an Deutschen in Polen. Begangen vor allem von jüdischen Kommunisten, die mit der Roten Armee ins Land gekommen sind. Wenige Jahre später veröffentliche Krysztof Starzynski seine Memoiren „Doppelagent, Erinnerungen eines polnischen Geheimdienstoffiziers“, in denen er brisante Fakten über Marcel Reich-Ranickis Rolle in Nachkriegspolen enthüllte.

Die Geschichte ist schnell erzählt: Marcel Reich-Ranicki ist ein typischer Jude aus einer leider längst untergegangenen Welt. Er ist kein hundertprozentiger Deutscher, kein hundertprozentiger Pole, wahrscheinlich auch kein hundertprozentiger Jude. Er gehört zu dieser polyglotten, kosmopolitischen Minderheit, die in ganz Mittel- und Osteuropa zu Hause war. Nur so ist es zu erklären, dass Marceli Reich, 1920 in Polen geboren, in Berlin zur Schule ging und besser Deutsch sprach als Polnisch. Studieren durfte er unter Hitler nicht, weil er Jude war. Im gleichen Jahr, in dem seine Immatrikulation abgelehnt wurde (1938), wurde er auch abgeschoben. Es wurde unangenehm für Juden in Deutschland. Reich ging nach Warschau. 1939 besetzten deutsche Truppen das Land. Reich musste ins Warschauer Ghetto. Ihm und vor allem seinen Angehörigen sind während der Besatzungszeit schlimme Dinge angetan worden: Die Eltern seiner jüdischen Frau töteten sich selbst nach der Enteignung. Seine eigenen Eltern kamen nach Treblinka und wurden dort ermordet. Das ist grausam, rechtfertigt aber nicht, dass jemand dann selbst Verbrechen an persönlich ebenso Unschuldigen begeht. Nach dem Krieg legte sich Reich eine neue Identität zu: Aus Reich wurde Reich-Ranicki – das klang weniger Deutsch.

Nicht nur seinen Namen, auch seine Zeit im Ghetto soll MRR „modifiziert“ haben. Er behauptet, eine untergeordnete Position in der Lagerleitung gehabt zu haben, soll aber Chefdolmetscher gewesen sein. Wie nah stand er den Nazis, die damals das Sagen in Warschau hatten? Die Kommunisten waren nicht so zimperlich, als sie merkten, dass MRR seine Biographie geschönt hat. Reich-Ranicki hatte in seinem Lebenslauf angegeben, schon 1932 der kommunistischen Jugend und 1937 der KPD beigetreten zu sein. Doch dafür gab es keine Beweise. Deswegen setzten sie ihn 1950 ab und schlossen ihn kurzerhand aus der Partei aus. Doch zunächst einmal stieg MRR rasant auf in der Hierarchie der Bezpieczenstwa, der stalinistischen Geheimpolizei. Nach seinem Einsatz in Schlesien  kam er 1946 nach London. Dort betrieb er Spionage. Zum Beispiel sorgte er dafür, dass antikommunistische Exilpolen in ihr Heimatland zurückverfrachtet wurden. Laut Wikipedia wurden mehrere von ihnen später ermordet. Dafür wurden ihm drei Orden verliehen. Er avancierte zum Vizekonsul. 1949 wurde er abberufen. Seine Karriere endete, wie gesagt, abrupt. Ausschluss aus der KP 1950 wegen Entfremdung. MRR bettelte jahrelang darum, wieder aufgenommen zu werden. So schrieb er am 14. September 1953: „Ich kann nicht begreifen, warum man mir keine Möglichkeit gibt, in die Partei zurückzukehren.“ 1957 wurde sein Flehen endlich erhört: MRR durfte wieder in die Partei eintreten. Später sagte er, er habe gar nicht gewusst, dass dies geschehen sei. 1958 ging er schließlich nach Deutschland und startete seine atemberaubende Karriere als „einflussreichster deutschsprachige Literaturkritiker der Gegenwart“ (Wikipedia).

Tatsächlich ist es nicht schlimm, wenn jemand in seiner Jugend in der Kommunistischen Partei war. Aber MRR war nicht einfach nur KP-Mitglied. Er war Kapitan bei der stalinistischen Geheimpolizei, und zwar in einer hohen Position. Er war Gestapo, Stasi, KGB, bei den etwas böseren Jungs also. Was hat er da gemacht? Wem hat er geschadet? Welche Exilpolen hat er ihren Mördern ans Messer geliefert? Welche Hitlerjungen hat er in Schlesien foltern lassen? Hatte er möglicherweise 1958 einen Geheimauftrag, als er nach Deutschland ging?

Das alles sind Fragen, die die ARD nicht stellt. Dabei wäre es für einen öffentlich-rechtlichen Sender, der sich der Wahrheit verpflichtet fühlt, eine zentrale Aufgabe, auch darauf hinzuweisen, ohne dass seine anderen Verdienste dabei geschmälert werden müssen. Aber die bundesdeutsche Öffentlichkeit ist nicht so. Sie fragt nur bei Nazis ganz genau nach und hüllt nun den Mantel des Schweigens über die roten Jahre von MRR. Statt aufzuklären wird er zum Literaturpapst hochgejubelt.

Der alte Mann reagierte übrigens auf seine Weise. Tilman Jens, der MRRs Vergangenheit vor fünfzehn Jahren aufgedeckt hat, berichtet im Vorwort zu dem Buch von Krysztof Starzynki: „Ich weiß, wovon ich rede. Ich habe ebenso den Zorn des Mannes, den ich seit über 30 Jahren kenne, zu spüren bekommen. Als ich Reich-Ranicki mit seiner Vergangenheit konfrontierte, hat er auch mich fertigzumachen, zum pathologischen Fall abzustempeln versucht. Da wurde über Wochen in bester Geheimdienstmanier gezielte Desinformation betrieben. Da hat er noch mal den Kapitan gemacht, langjährige Agenten behandelt, als seien sie seine Agenten, die man nur richtig führen müsse.“

Das Buch von Starzynski kam vor zwölf Jahren auf den Markt, und Jens fragte sich damals, ob es eine Chance habe in den hiesigen Medien. „Oder wird dieses Buch totgeschwiegen? Nehmen wir’s als Nagelprobe: Wie unabhängig oder wie verfilzt ist eigentlich Deutschlands Literaturbetrieb?“ Die Antwort gibt es heute Abend in der ARD um 20.15 Uhr zu sehen.


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