Gérard Bökenkamp

Jahrgang 1980, Historiker und Publizist.

ef investigativ

Haben Sie Informationen oder Dokumente für uns? Hier können Sie unserem Investigativ-Team eine Nachricht schreiben.

investigativ@ef-magazin.de

ef-Einkaufspartner

Wenn Sie ef-online unterstützen möchten, starten Sie bitte Ihre Amazon-Einkäufe mit Klick auf diesen Button:

ef auf Facebook

Besuchen Sie uns auch auf Facebook:
facebook.com/efmagazin

ef Television

Onkel Dagoberts Geldspeicher: Sind die Reichen reich, weil die Armen arm sind?

von Gérard Bökenkamp

Auseinandersetzung mit einer antikapitalistischen Phrase

Seit es den modernen Industriekapitalismus gibt, also etwa seit 200 Jahren, behaupten seine Kritiker, dass die Armen immer ärmer würden und die Reichen immer reicher. Wenn der Satz stimmen würde, müssten die Armen seit 200 Jahren immer ärmer geworden sein. Das heißt aber – und das ist nicht zynisch gemeint – es dürfte inzwischen gar keine Armen auf der Welt mehr geben, weil diese inzwischen längst verhungert wären. Man stelle sich vor, bei dem Lebensstandard des Jahres 1800 wären die Menschen seit damals immer ärmer geworden, der Hunger wäre wohl so groß gewesen, dass die Bevölkerung in Europa und der Welt massiv zurückgegangen sein müsste.

Statt dessen ist die Weltbevölkerung rasant gewachsen. Im Jahr 1900 lebten auf der Erde 1,5 Milliarden Menschen, heute sind es zwischen sechs und sieben Milliarden auf unserem Planeten.

Wenn die Armen immer ärmer und die Reichen immer reicher würden, würde das auf der anderen Seite bedeuten, dass die „Reichen“ inzwischen allen Wohlstand dieser Erde besitzen müssten. Im Extremfall müsste es einen steinreichen Magnaten geben, der über alles Geld dieser Erde verfügt, und den Rest der Menschheit, der gar kein Geld besitzt.

Der landläufigen Vorstellung von Geld und Reichtum liegt tatsächlich ein Denkfehler zu Grunde. Der bekannteste Superreiche der Welt ist wohl nicht Rockefeller oder Bill Gates, sondern Dagobert Duck. Ein alter geiziger Mann, der seinen Neffen darben lässt, während er selbst in einem riesigen Geldspeicher in Goldmünzen baden geht. So stellte ich mir als kleiner Junge, als ich sehr gerne Geschichten über den alten Geizkragen und seinen tollpatschigen Neffen las, Reichtum vor. Viele Menschen behalten diese Vorstellung ihr Leben lang.

Wenn wir diese sehr mächtigen Bilder einmal auf ein ökonomisches Weltbild zurückführen, dann sieht das in etwa so aus: Es gibt, sagen wir einmal, eine Million Goldmünzen. Nun kommen die Reichen und werden immer reicher. Sagen wir, die reichsten 10 Personen verfügen über 100.000 Goldmünzen. Weil sie immer reicher werden, verfügen sie nach 10 Jahren über 500.000 Goldmünzen und nach 20 Jahren über alle Goldmünzen. Mit dem übrigen Teil der Bevölkerung verhält es sich entsprechend umgekehrt. Schließlich geht die Konzentration von Reichtum noch weiter. Der Super-Kapitalist bekommt am Ende alles bis zur letzten Münze. Es gibt also einen Super-Reichen, der alle Goldmünzen besitzt, und eine arme Masse, die über gar kein Geld mehr verfügt.

Die Leute stellen sich selten die simple Frage: Was macht der Super-Reiche eigentlich mit dem ganzen Geld? Irgendetwas müssen die Leute mit dem Vermögen anfangen, wenn sie sich nicht ihre Wände mit Geldscheinen tapezieren und ihre Goldbarren in ihrem Keller stapeln wollen. Goldmünzen in einen Geldspeicher zu packen, um darin zu schwimmen und Goldmünzen regnen zu lassen, wie das Onkel Dagobert in Entenhausen tut, ist an sich kein Reichtum. Denn für dieses Vergnügen braucht man keine Goldmünzen oder Geldscheine, den Spaß könnte man auch mit Federn, Erbsen oder Kieselsteinen haben. In einer Welt, wie der beschriebenen, wäre der eine Super-Reiche im Grunde genommen genauso arm wie der Rest der Welt. Er müsste inmitten all seiner „Reichtümer“ verhungern. Denn die Münzen und Geldscheine an sich haben keinen Wert. Ihr Wert liegt in ihrer Bedeutung als gegenwärtiges oder zukünftiges Tauschmittel – sonst sind sie nur Papier oder Metall.

Da aber Reichtum nichts anderes ist als die Summe gegenwärtiger und zukünftiger Tauschoptionen, ist es per se nicht möglich, dass die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden. Denn um Reichtum zu realisieren, muss man das Geld ausgeben, entweder in Form von gegenwärtigen oder zukünftigen Konsum oder in Form von gegenwärtigen oder zukünftigen Investitionen. In beiden Fällen fließt das Geld in die Gesellschaft zurück. Geld, das weder heute noch in Zukunft als Tauschmittel dient, hört auf Geld zu sein, und sein Besitzer hört damit auf reich zu sein. Stellen wir uns vor, der fiktive Super-Reiche Onkel Dagobert versteckt sein Gold in einer unterirdischen Höhle und holt es nie wieder heraus. Dann hört es einfach auf, ein Teil der Geldmenge zu sein und verschwindet. Das Geld hingegen, das  wieder ausgegeben oder investiert wird, setzt seinen Weg durch den Wirtschaftskreislauf fort und führt dazu, dass es mehr Wohlstand und weniger Armut gibt.

Ein Bild, das verständlich macht, wie Menschen das Phänomen des Reichtums missverstehen, ist der Staudamm. Die Menschen sehen die großen Vermögen als eine Art Damm, hinter dem der Wohlstand wie ein See gestaut wird. Die Armen, die auf der anderen Seite des Staudamms leben, bekommen von den Segnungen des Wassers nichts mehr ab, weil aller Wohlstand in dem einen großen Stausee gespeichert ist. Genauso wie die Menschen unterhalb eines Flusses fürchten, nicht mehr genug Wasser zu erhalten, wenn oberhalb des Flussverlaufes ein Staudamm errichtet wird. Reichtum ist aber kein See, sondern ein Strom, ein Strom aus Gütern und Dienstleistungen. Das entscheidende am Strom ist, dass er fließt. Er mag sich über Kilometer hinweg in kleinen Rinnsalen und Bächen seinen Weg bahnen oder auch als breiter Strom dahinstürzen. Am Ende kommt es auf eines an: Dass der Strom möglichst ungehindert fließt. Wo immer er hinströmt, begrünt er die Wüsten und lässt Wiesen und Felder erblühen.

Nehmen wir zwei Idealtypen: Einen Reichen, der nur konsumiert, und einen Reichen, der nur spart. Interessanterweise sind Reiche, die viel konsumieren, besonders unbeliebt. Luxus gilt bei vielen Menschen als besonderer Ausdruck von Gemeinheit. Wie kann jemand teure Kleidung tragen, in einer Villa wohnen, seine Ehefrau mit Goldschmuck behängen oder sogar eine Limousinenflotte unterhalten, während andere Menschen Hunger leiden? Diese Frage impliziert die These, dass es weniger Hunger in der Welt gäbe, wenn der wohlhabende Teil der Bevölkerung nicht im Luxus leben würde. Wenn es aber nicht so viele reiche Leute gäbe, für die Autos Prestige darstellen und nicht nur Gebrauchsgegenstände sind, könnte die deutsche Automobilindustrie gleich dicht machen. Wer sollte denn die Flotten von Daimlers und Porsches kaufen, wenn Luxus etwas Schlechtes wäre? In Wahrheit leben alle vom Genuss anderer Menschen. Wenn nicht so viel wohlhabende „Westler“ Kaffee und Tee genießen würden, was wäre dann mit den Bauern, die in der „Dritten Welt“ eben diese Produkte anbauen?

Der zweite Idealtyp ist Dagobert Duck selbst. Dieser Typus häuft Reichtümer an um des Reichtums willen. Er konsumiert nicht, er spart. Allerdings wird das Geld in der Regel nicht in großen Geldspeichern stillgelegt, es fließt über die Konten in Kredite, über Aktienbesitz in Unternehmen oder direkt durch die Hände unseres fiktiven Super-Reichen in Investitionen. Dies alles dient in der Tat der Absicht unseres Onkel Dagoberts, noch reicher zu werden. Aber auch die „Armen“ werden durch sein Handeln weniger arm. Von dem Reichtum werden Fabriken gebaut, Geschäfte eröffnet, Flugzeuge starten in den Himmel, Schiffe legen ab. Damit er seinen Reichtum noch weiter vermehren kann, muss er sein Vermögen zirkulieren lassen, es muss durch hunderte, Tausende von Händen gehen, schafft Beschäftigung und ernährt Familien. Wo bisher Armut, Schmutz und Hoffnungslosigkeit herrschten, entstehen Produktionsanlagen, Verwaltungsgebäude, Logistik, Flughäfen und Fuhrparks. Auf dem freien Markt gibt es keine „Ausbeutung“. Ja, die Vermögen wachsen, der Profit macht große Vermögen noch größer, aber diese Vermögen verschwinden nicht in Geldspeichern, unterirdischen Höhlen oder auf einsamen Inseln, sondern sie fließen durch den Wirtschaftskreislauf und bewässern die Wüste.

Fazit: Der Reichtum der einen ist der Wohlstand der anderen.

23. April 2009

Unterstützen Sie ef-online

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann unterstützen Sie uns durch eine Fördermitgliedschaft. Damit helfen Sie uns, unser Angebot stetig weiter auszubauen und genießen zusätzlich attraktive Privilegien.
Klicken Sie hier für Informationen zur Fördermitgliedschaft.

Testen Sie eigentümlich frei

Prominente Autoren und kantige Kolumnisten wie Bruno Bandulet, Theodore Dalrymple, Carlos A. Gebauer, Jörg Guido Hülsmann, Michael Klonovsky oder Frank Schäffler schreiben jeden Monat exklusiv in eigentümlich frei. Testen Sie ein Magazin, das über das Angebot auf ef-online hinausgeht.

Diesen Artikel teilen

Anzeigen