28. April 2009

Wirtschaft und Ethik Von rechter Hoffnung und falschem Vertrauen

Warum die Mega-Ausgabenprogramme der Bundesregierung teuflisch sind

Vor kurzem war Ostern – ein Fest des Opferns und des Hoffens. Es erinnert die gläubigen Christen daran, dass einst das größte Opfer belohnt wurde von der Erfüllung der kühnsten Hoffnung. Die Verbindung von Jesu Kreuzestod und Auferstehung – das ist der Grund, aus dem der Christ alle Hoffnung und allen Glauben schöpft.

Opfern und Hoffen sind unlösbar miteinander verbunden. Die Opferhandlung – der Verzicht auf ein Gut beziehungsweise die Vernichtung eines Gutes – zielt immer auf ein noch größeres Gut, wobei die Gefahr besteht, dieses angestrebte Gut am Ende doch nicht zu erhalten (sonst würde man nicht hoffen, sondern seiner Sache sicher sein). Christus opferte sich selbst, um der Menschheit die Pforte zum Himmelreich zu öffnen, auch wenn er sehr gut wusste, dass nicht alle durch diese Pforte würden gehen wollen. Aber sein der göttlichen Liebe entspringendes Ziel – jene Pforte zu öffnen – war ihm wichtiger als das eigene Leben, wichtiger als ein nach menschlichen Maßstäben ehrenvoller Tod. Die christliche Religion ist daher nicht, wie es von der atheistischen Schriftstellerin Ayn Rand unterstellt wurde, eine Art Opferkult, in dem das Opfern ein Selbstzweck wäre, etwas Absolutes, unabhängig vom Wert der damit angestrebten Zwecke.

Sicherlich, die letztlichen Zwecke des christlichen Opferns sind nicht von dieser Welt. Aber jede Zivilisation baut auf Opfern, die wir der Verwirklichung noch wichtigerer Ziele bringen, wobei es ungewiss ist, ob diese Ziele tatsächlich verwirklicht werden. Jede Mühe und jede Ersparnis ist ein Opfer, jeder Preis, jeder Kompromiss, jede Nachsicht einer fremden Schuld, jeder Verzicht zugunsten eines anderen. Ohne Opfer in diesem weiten Sinne wäre menschliches Zusammenleben überhaupt unmöglich. Es gäbe keine gütliche Einigung, keine Verträge, keine Ehe, keine Familie, keine Kindererziehung, keine langfristigen Investitionen jeder Art.

Das Christentum fördert die Entfaltung der Zivilisation, weil es ein Motor der hoffnungsvollen Opferbereitschaft ist. Durch das Gebot der Nächstenliebe überträgt es die Haltung, die zunächst nur Gott gilt, auch auf zwischenmenschliche Beziehungen. In wirtschaftlicher Hinsicht zeigt sich das unter anderem in der Erfüllung von langfristigen Verträgen, im Vertrauen auf den Partner, in der Bereitschaft zum Risiko, im Ausprobieren (und im Tolerieren) von neuen Ideen, im Vorstrecken großer Summen zur Erzielung von ungewissen Gewinnen, die in weiter Ferne liegen. Es zeigt sich auch in der Finanzierung fremder Vorhaben: im Kredit, der sich ja auch sprachlich vom lateinischen Verb „credere“ ableitet und ein Akt des Vertrauens beziehungsweise Glaubens an das Wort eines anderen ist.

Angesichts all dieser schönen Früchte des zwischenmenschlichen Vertrauens kann man leicht auf den Gedanken kommen, den Wert des Vertrauens absolut zu setzen. Es gibt heute viele Journalisten und Ökonomen, die im Vertrauensverlust eine wichtige Ursache der gegenwärtigen Krise sehen und meinen, die Wirtschaftspolitik solle darauf abzielen, Vertrauen zu schaffen, um dadurch den Konsum durch größere Neuverschuldung zu beleben. Das ist allerdings ein Holzweg.

Die Hoffnung ist schließlich keineswegs an sich bereits tugendhaft. Nur die rechte Hoffnung ist tugendhaft, das heißt eine Hoffnung, die sich auf nachvollziehbare, objektive Gründe stützt. Die Christen glauben an das Wort ihres Heilands und hoffen auf Erlösung, weil Jesus verschiedene Wunder an anderen tat, schließlich mit Vorankündigung selber von den Toten auferstanden ist und so nebenbei auch die Verheißungen der Propheten erfüllte. Im Wirtschaftsleben glauben wir dem Wort eines Kreditnehmers, wenn begründete Hoffnung auf Rückzahlung besteht.

Aber diese Hoffnung kann uns natürlich auch trügen. Es ist geradezu verwerflich, sich bekanntermaßen falschen Hoffnungen hinzugeben. Noch verwerflicher ist es allerdings, solche falschen Hoffnungen willentlich zu erzeugen. Zu Recht verurteilen wir Eheschwindler und andere Betrüger, doch den Schwindel mit dem billigen Kredit erheben wir zum wirtschaftlichen Heilsprinzip. In der gegenwärtigen Lage brauchen wir gerade kein blindes Vertrauen, sondern eine umsichtige Verwendung unserer letztlich immer knappen Mittel. Manchmal ist es ratsam, nicht einfach auf Teufel komm raus mit dem Geld um sich zu schmeißen, sondern zu warten, bis begründete Aussicht auf wirtschaftlichen Erfolg besteht.

Hinweis: Dieser Artikel erschien zuerst in eigentümlich frei Nr. 92.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Mehr von Jörg Guido Hülsmann

Über Jörg Guido Hülsmann

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige