Michael Klonovsky

Jg. 1962, Schriftsteller und Journalist, Kolumnist der Zeitschrift "eigentümlich frei".

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Lebenswerte: Anzüge

von Michael Klonovsky

Der Unterschied zwischen Mike Tyson und Sonny Liston

Das Gefühl, gut gekleidet zu sein, notierte der amerikanische Philosoph Ralph Waldo Emerson, verleihe dem Gemüt eine Ruhe, wie sie die Religion nicht geben könne. Wie überall sind die ästhetischen Kriterien auch in dieser Frage durch die beiden großen Feinde des Kultivierten, das Praktische und das (Allzu-) Bequeme, durcheinandergeraten. In seinem italienischen Reisetagebuch zitierte Joachim Fest den Chef eines Hotels in Taormina: Früher, erzählte ihm dieser, seien die Gäste im Smoking zum Dinner erschienen, im Auftreten sei alles Konvention gewesen, und die Besonderheit habe sich in den Gedanken und der Phantasie gezeigt. Heute gebe es die Verbindung von Regel im Äußeren und Unverwechselbarkeit im Wesen nicht mehr: „Die Dinge haben sich umgekehrt. Einer ist wie der andere. Aber zum Essen erscheint jeder im grotesken ‚Relax’. Das ist die ganze Individualität.“

Eine Individualität, die zuvor nicht durch die Zwänge von Kollektivität und Konvention gegangen ist, kann nur grotesk ausfallen. Was das Zusammentreffen von Freiheit und Kulturlosigkeit bekleidungsästhetisch bedeutet, lässt sich heute in jeder Stadt der westlichen Welt besichtigen. Dieses Phänomen ist neueren Datums. Filme aus den angeblich ach so piefigen 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts, europäische wie amerikanische, zeigen ein anderes Bild (und diese Gesellschaft war finanziell ärmer als die heutige). Der Gentleman galt noch als modisches Leitbild, und die Frauen zeigten ihre Höschen erst her, wenn es soweit war. Freizeitmode ja, aber gebügelt. Der Unterschied zwischen Mike Tyson und Sonny Liston mag im Boxring gering gewesen sein, im Knast waren sie ebenfalls beide, aber Liston trug, wenn er auf die Straße oder zur Pressekonferenz ging, Anzug, Hut und Krawatte.

Das tragen freilich auch, vom Hut abgesehen, zum Beispiel deutsche Land- und Bundestagsabgeordnete, und doch sehen die meisten zum Schießen aus. Irgendwann – ich würde sagen: in den 70ern – ist diesem Land der Geschmack abhandengekommen. Bevor sich die Abscheulichkeiten der Freizeitmode durchsetzten, wurde der Westen wie von Geisterhand in ein Meer brüllender Farben und närrischer Schnitte getaucht, und seitdem ist nichts wie es war. Der von allen Konventionen befreite moderne Urbanist hat in der Regel keine Ahnung mehr davon, was noch vor kurzem der immobilste Provinzler wusste, nämlich wie er sich zu kleiden hat.

Dabei ist beim Mann die Antwort denkbar einfach. Man stecke einen x-beliebigen Kerl in einen halbwegs schlank geschnittenen schwarzen Anzug, ziehe ihm ein weißes Hemd dazu an, und er wird sofort passabel ausschauen. Schlank geschnitten ist allerdings ein Muss, ein Sakko ist kein Zelt, und Hosen sind keine Fahnen, die an behaarten Masten flattern sollen. Der Stoff darf nicht knittern. Schwarz wiederum steht synonym für: einfarbig, aber nicht allzu farbig. Für eine gewisse Abwechslung ist einzig die Krawatte zuständig. Einstecktuch? Warum nicht. Das ist schon alles. Die weitere Dekoration des Planeten bleibt Sache der Frauen.

Manche werden mich einen Snob schimpfen und fragen, woher sie das Geld fürs Gutgekleidetsein nehmen sollen – aber für Autos und Reisen haben sie es merkwürdigerweise (Einwand also abgelehnt). Am besten, man begänne gleich wieder mit Schuluniformen. Ein Mensch im Anzug sieht nicht nur solider aus, er benimmt sich automatisch auch besser – und wird umgekehrt besser behandelt. Sogar seine Mimik wird sich auf Dauer dem gehobeneren Bekleidungsstand anpassen. In diesem bisschen Stoff materialisiert sich nahezu die gesamte Idee der Zivilisation.

Hinweis: Dieser Artikel erschien zuerst in eigentümlich frei Nr. 92.

28. April 2009

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