01. Mai 2009

Vergangenheitsbewältigung am Ersten Mai Sozialdemokrat Adolf Hitler

Ralf Georg Reuth belegt linke Herkunft und Motivation des Diktators

„Jeder war einmal Sozialdemokrat“, so die Bemerkung des NSDAP-Führers Adolf Hitler, als er sich 1921 schützend vor Hermann Esser stellte, nachdem dieser innerparteilich dafür attackiert wurde, dass er als Journalist für ein sozialdemokratisches Blatt gearbeitet hatte (1923 sollte er zum ersten Propagandaleiter der NSDAP avancieren). Hitler wurde dabei sekundiert von Sepp Dietrich, den späteren Kommandeur der „Leibstandarte-SS Adolf Hitler“, der einst als gewählter Vorsitzender eines Soldatenrates fungiert hatte, indem er zum Ausdruck brachte, dass die Nationalsozialisten alle einmal Sozialdemokraten gewesen seien. Die Tatsache, dass Hitler selbst zur Revolutionszeit in München um 1919 eindeutig Sympathisant der (Mehrheits-)Sozialdemokratie und dabei auch als gewählter Soldatenrat aktiv gewesen war, wird im  jüngst erschienenen Buch des Historikers Reuth eindeutig belegt. Diese Tatsache war noch 1923 vom damaligen SPD-Vizepräsidenten des Bayerischen Landtages Auer in der „Münchner Post“ bestätigt worden: Danach „galt seiner politischen Überzeugung nach“ Hitler „in den Kreisen der Propagandaabteilung als Mehrheitssozialdemokrat und gab sich auch als solcher aus, wie so viele war er aber nie politisch oder gewerkschaftlich organisiert.“

Grund für Abwendung Hitlers von SPD

Hitler wäre erkennbar Sympathisant der SPD geblieben (vielleicht sogar Mitglied geworden?), wenn diese Partei die vom Reichsministerpräsidenten Philipp Scheidemann vertretene Linie beibehalten hätte, das Versailler Friedensdiktat nicht zu unterzeichnen. Und wenn sie bereit gewesen wäre, gegebenenfalls, bei dem von den Alliierten für diesen Fall angekündigten Einmarsch ins Reichsgebiet, „den Kampf gegen den kapitalistischen Westen“ aufzunehmen, um gegen diesen „das neue soziale Deutschland“ mit Waffengewalt zu verteidigen. Damit wird auch deutlich, dass Hitler mit den meisten anderen einfachen Kriegsteilnehmern auf Seite der Republik stand, was die überwältigende Zustimmung zu den republikanischen Parteien bei der Wahl zur verfassungsgebenden Nationalversammlung erklärt. Dies markierte parteipolitisch entscheidend den Erfolg des spätestens seit 1914 von der SPD verfolgten Konzepts, Sozialismus wieder mit dem deutschen Nationalismus zu versöhnen. Dieser war seit 1871 von den Konservativen vereinnahmt worden. Dabei war dem Nationalismus die sozial-revolutionäre Konsequenz abhanden gekommen, die er noch beim SPD-Gründer Lassalle aufgewiesen hatte.

Die überwältigende republikanische Mehrheit, die die beeindruckenden Erfolgsaussichten für die demokratische Staatsform in Deutschland belegt, entschwand dann nach dem Versailler Diktat rapide. Sicherlich wird man die Entscheidung, den sogenannten Friedensvertrag zu unterzeichnen, für vertretbar, wenn nicht gar für geboten halten können. Besonders die SPD ist aber dadurch Opfer der eigenen internationalistischen Erwartungen geworden, wonach den westlichen Freunden bei Abschaffung der deutschen Monarchien gar nichts anders übrig bleiben könne als einen Frieden von der Art abzuschließen, wie ihn der amerikanische Heilspräsident Wilson nahe gelegt hatte. Dabei hatte man übersehen, dass sich insbesondere die französische Kriegspropaganda mit einer rassistischen Schärfe – la race humaine contre la race Allemande – gegen das deutsche Volk als solches gerichtet hatte und nicht nur gegen den „Kaiserismus“. Die von sozialistischer Seite, wie etwa von dem von Hitler unterstützten bayerischen Revolutionsministerpräsidenten (und Juden) Kurt Eisner in internationalistischem Vertrauen und politischer Naivität abgegebenen Kriegsschulderklärungen, die die deutsche monarchischen Regierungen für den Krieg verantwortlich machten, sollten sich bitten rächen, weil sie als amtliches Zugeständnis „deutscher Schuld“ mit entsprechenden Zahlungsverpflichtungen genommen wurden. Für Hitler war damit klar, dass man sich von den verbliebenen internationalistischen Illusionen der Sozialdemokratie vollständig abwenden müsse, um den Sozialismus im Kampf gegen den Versailler Vertrag, der für ihn die politische Herrschaft des internationalen Finanzkapitals darstellte, auf nationaler Ebene als deutschen Sozialismus zu verwirklichen. Dementsprechend schloss sich Hitler auch keiner der Rechtsparteien an, die weiterhin wie DNVP und DVP (Konservative und Nationalliberale) dem monarchischen System anhingen und dabei auch entschieden den Sozialismus ablehnten, sondern sah sich genötigt, seine eigene sozialistische Partei aufzubauen. Die Abkehr von der SPD stellte demnach für Hitler keinen Bruch mit dem Sozialismus dar, sondern sollte zu dessen konkreter Verwirklichung führen. Dementsprechend wurde das NSDAP-Parteiprogramm so ausgestaltet, dass „auch all jene angesprochen werden, die es einmal mit der Linken gehalten hatten, unter ihnen Hitler selbst“ (Reuth).

Hitlers sozialistischer Antisemitismus

Kern der Darstellung von Reuth ist die Frage nach Hitlers Judenhass. Diese Frage stellt sich, weil Hitler entgegen seiner propagandistischen Selbstdarstellung in „Mein Kampf“, die von der „Bewältigung“ für bare Münze genommen wird, erst nach seiner Abkehr von der SPD als Antisemit in Erscheinung getreten ist. Dagegen sprechen die Belege dafür, dass man Hitler vor dieser Zeit sogar als Judenfreund ansprechen muss, was durch das Erstaunen von Bekannten aus der Jugendzeit belegt wird, denen Hitler als solcher bekannt war und die deshalb nicht begreifen konnten, wieso gerade er nunmehr maßgeblich die Karte des Antisemitismus spielte. Reuth belegt, dass Hitler nicht durch einen allgemeinen Rassismus zum Antisemitismus bewegt wurde, sondern umgekehrt, eine rassistische Argumentation erst nachträglich zur Radikalisierung seines Antisemitismus einführte. Abgesehen von diesen zutreffenden Erkenntnissen mit zahlreichen Belegen ist hier allerdings ein Schwachpunkt des Buches von Reuth zu konstatieren, das die Ideengeschichte zu sehr vernachlässigt. Vielleicht ist nämlich die Selbsteinschätzung von Hitler, womit er sich rückschauend schon seit seiner Wiener Zeit als antisemitisch einschätzte, doch nicht ganz unzutreffend: Als Sympathisanten der Sozialdemokratie war Hitler sicherlich geläufig, dass entsprechend der für diese politische Richtung maßgebenden Lehre von Karl Marx der zu überwindende Kapitalismus im Kern „jüdisch“ sei. Der seit dem Streit um Dühring maßgebliche Anti-Antisemitismus der SPD ging dahin, für das „kapitalistische Elend“ nicht den einzelnen Juden verantwortlich zu machen. Ein derartiger Antisemitismus wäre nach SPD-Führer August Bebel der „Sozialismus des dummen Kerls“, während der aufgeklärte Sozialist wusste, dass das Judentum mit dem Eintritt des Sozialismus auch zum Vorteil der Juden ohnehin verschwinden würde. Insofern war das Schlagwort vom „jüdischen Kapitalismus“ nichts Neues, sondern daran konnte Hitler schon als SPD-Sympathisant und Judenfreund geglaubt haben. Die propagandistische (Selbst-) Täuschung lag dann wohl nur darin, dass Hitler im Nachhinein diesen latenten theoretischen Antisemitismus der sozialistischen Lehre mit seinem seit Ende 1919 offenen Antisemitismus gleichgesetzt hat. Letzterer kam bei der Agitation gegen den Versailler Vertrag gelegentlich auch bei Kommunisten zum Durchbruch: „Tretet die Judenkapitalisten nieder, hängt sie an die Laterne... Nur im Bund mit Russland ... kann das deutsche Volk den französischen Kapitalismus aus dem Ruhrgebiet hinausjagen“ (so die Berliner KPD-Vorsitzenden Ruth Fischer).  

Wirkungsmächtiger war aber noch das Schlagwort vom „jüdischen Bolschewismus“, das – wie Reuth überzeugend darlegt – konkreten Befürchtungen, die aus den Eindrücken der russischen, ungarischen und bayerischen Revolution und der fortbestehenden kommunistischen Umsturzbereitschaft entsprangen, Rechnung trug (Befürchtungen, die allerdings nach den Maßgaben der bundesdeutschen „Bewältigung“ sofort empört verurteilt oder verdrängt werden müssen). Selbst wenn dieses Schlagwort auch Anti-Sozialisten ansprechen sollte, so war es innersozialistisch gemeint: Der Argwohn, dass „das Judentum“ selbst noch den edlen Sozialismus zu einem Staatskapitalismus manipulieren würde, wurde nämlich schon vom russischen Anarchisten Bakunin formuliert. Diese Dialektik hat dann der sozialistische Antisemit Eugen Dühring radikalisierend mit Stoßrichtung auch gegen die SPD und ihrem Marxismus („israelitische Verfälschung des echten Sozialismus“) aufgegriffen. Sozialismus war danach nur zu verwirklichen, wenn man die „Judenfrage“ direkt anging und nicht darauf wartete, dass sich diese erst mit dem Advent des Sozialismus als „Ende des Judentums“ (so SPD-Chefideologe Karl Kautsky noch 1921) wie von selbst lösen würde. Wie sehr Hitler in dieser heterodoxen sozialistischen Tradition eingebettet war, die sich als innersozialistische Alternative nach Abwendung von der Sozialdemokratie und ihrem „Attentismus“ idee-logisch zwingend anbot, geht daraus hervor, dass er es 1937 angesichts antisemitischer oder als solche deutbarer Säuberungen in der Sowjetunion für möglich hielt, dass aus Russland doch noch ein (national-) sozialistischer Staat werden könne: Bolschewismus minus Judentum gleich (National-)Sozialismus! Allein dieser ideologische Kontext kann die „Judenpolitik“ des National-Sozialisten Hitler erklären. Diese hat selbstverständlich mit einem traditionellen Antisemitismus wenig zu tun, so wie der Nationalsozialismus insgesamt nichts mit dem von Hitler ohnehin abgelehnten „Obrigkeitsstaat“ zu tun hatte, welche „Kontinuitäten“ auch immer die „Bewältigung“, zu der auch Historiker wie die von Reuth in diesen Punkten zu Recht mehrmals wegen eigenartiger Zurechnungsversuche oder Auslassungen kritisierten Allan Bullock und Ian Kershaw zählen, volkspädagogisch imaginieren mag.             

Bewältigung der Sozialdemokratie?

Der Weg Hitlers und anderer Nationalsozialisten aus dem Umfeld der Sozialdemokratie wirft die bewältigungspolitische Frage auf, ob sich derartige Entwicklungen wiederholen könnten und was zu tun wäre, dies zu verhindern. Die Wiederholungsgefahr könnte darin liegen, dass bei den bundesdeutschen Gewerkschaften bekanntlich ein erhebliches „rechtsextremes Potential“ festgestellt werden konnte (s. dazu etwa „Stern“ 37/2005, S. 154), was nur auf die sozialistisch-sozialdemokratische Ideologie zurückgeführt werden kann. Steht dann nicht in der Tat zu befürchten, dass Leute aus diesem Kreis, die derzeit noch, wie einst auch Adolf Hitler „den Antisemitismus als grausam“ ansehen, dann doch etwa bei Ausbruch einer internationalen Finanzkrise und Durchschlag derselben auf die „Realwirtschaft“ entschiedene Antisemiten werden? Dafür könnte sprechen, dass sie im „Kampf gegen Rechts“ den zu bekämpfenden Rechten schon in einer Weise, etwa als „völkische Kollektivisten“ definieren, dass damit jederzeit das Judentum verdammt werden könnte. Der „Kampf gegen Rechts“ bedeutet ja schon die Erfüllung eines maßgeblichen Vermächtnisses des National-Sozialisten Hitler, der 1945 seine sich abzeichnende Niederlage darauf zurückgeführt hat, nicht auch den „Schlag gegen rechts“ geführt zu haben, was „unsere große Unterlassungssünde“ gewesen wäre. Die Zusage von SPD-Bundeskanzler Schröder, nicht der Verlockung des Vergessens und Verdrängens erliegen zu wollen (s. „FAZ“ vom 26.01.2005) kann daher nur zur Einbeziehung der Sozialdemokratie in die Vergangenheitsbewältigung führen: Welchen Beitrag hat sie zur Entstehung des Nationalsozialismus geleistet? Besteht weiterhin die Gefahr, dass aus ihrem aktiven Sympathisantenkreis ein neuer Adolf Hitler hervorgehen könnte? Und wäre es nicht wirklich an der Zeit, den auch von den Nationalsozialisten gebrauchten beziegungsweise missbrauchten „Sozialismus“ endgültig zu verabschieden und ihn nicht weiter mit Zusätzen wie „demokratisch“ oder „freiheitlich“ zu relativieren?

Literatur

Ralf Georg Reuth: Hitlers Judenhass. Klischee und Wirklichkeit, Piper, München /Zürich 2009

Josef Schüßlburner: Roter, Brauner und Grüner Sozialismus. Bewältigung ideologischer Übergänge von SPD bis NSDAP und darüber hinaus, Lichtschlag, Medien und Werbung KG, Grevenbroich, 2008

(seit 2009 auch in polnischer Übersetzung vorliegend)


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