02. Mai 2009

Vorsorge gegen den (möglicherweise) kommenden Totalitarismus Abstimmung mit den Füßen und innere Emigration

Alternativen für den Einzelnen

Totalitarismus heißt die lückenlose, meist aus einer sozialen Revolution (oder einem von ihr induzierten Staatsstreich) hervorgegangene Herrschaftsausübung durch eine vom Volk unkontrollierbare und unabsetzbare Minderheitenpartei, die dabei eine Ideologie der völligen Verschmelzung von Gesellschaft, Staat, Wirtschaft und Kulturleben praktiziert. Diese Ideologie hat den Charakter eines Religionsersatzes und sichert sich gegen Kritik durch utopische Elemente. Totalitarismus bedeutet den Totalanspruch auf Durchdringung und ausnahmslose Gestaltung des Lebens und Bewusstseins der einzelnen Individuen wie aller Gruppen durch die herrschende politische Partei, die einen bis zum letzten Wohngebäude hin durchorganisierten Kontrollapparat einrichtet.

Zugegeben, an diesem Punkt ist die Bundesrepublik längst nicht angekommen. Gleichwohl ist kaum eine Veränderung auszumachen, die nicht in Richtung eines neuen Totalitarismus neigt. Die Möglichkeiten technologischer Überwachung des Bürgers lassen die Dystopie Orwells verblassen, die gesetzlichen Erlaubnisse zu ihrer Anwendung werden von Jahr zu Jahr umfänglicher. Gesellschaft und Staat können von den meisten Menschen nicht mehr als verschieden differenziert werden. Man fordert von der Gesellschaft und meint den Staat und schimpft auf die Gesellschaft, wenn einem der Staat etwas nicht gewährt. Besuche deutscher Minister im Ausland erfolgen nicht, ohne dass in ihrem Schlepptau Geschäftsleute mitreisen, die von politischen Beziehungen profitieren wollen. In Deutschland freut man sich im Wirtschaftsministerium über die Fortbildung mongolischer Unternehmer. Lobbyisten geben sich in den Büros der Bundestagsabgeordneten die Klinke in die Hand. Es ist völlig außerhalb der Vorstellungskraft von Redakteuren selbst großer Zeitungen, dass die Insolvenz einer Bank etwas Gutes sein kann. Theater sind Staatstheater und ohne Subventionen nicht überlebensfähig. Dafür kritisieren ihre Macher den angeblich die Köpfe besetzenden Raubtierkapitalismus. Heil verspricht die Rettung der Welt durch die Anbetung des Planeten als Gaia. Dies ist kein positiver Religionsersatz, denn Gaia droht stets, die Menschen mit einem Schütteln von der Erdoberfläche zu fegen, sollte Sie nicht gut behandelt werden. Angst und Sorge vor diesem Schütteln motivieren Politiker zu Gesetzgebung und die Menschen dazu, lieber im Kalten als im Warmen und lieber im Dunkeln als im Hellen zu sitzen. Wer nicht in dieser Sorge lebt, wird stigmatisiert als Klimaleugner.

Entscheidendes fehlendes Merkmal der obigen Definition von Totalitarismus ist, dass all dies nicht durch eine soziale Revolution, sondern durch Evolution verwirklicht worden ist. Die Entwicklung ist getragen von dem Dafürsein der Mehrzahl der Menschen, nicht von einer Minderheit. Deshalb unterscheiden sich die großen Volksparteien aller Farben in ihrem Programm nur marginal. Statt einer unabsetzbaren Partei, stellen sich mehrere mit inhaltlich nicht voneinander zu unterscheidenden Programmen zur Wahl. Das Wahlvolk bekommt, was es verlangt und verdient – schmutzig und hart.

Die Erreichung des jetzigen Zustands durch Evolution und nicht Revolution bedeutet eine besondere Gefahr. Bei einer Entwicklung durch Revolution überlebt eine Protestpartei. Diese sieht sich zwar der Gefahr der gewaltsamen Verfolgung durch die Revolutionäre ausgesetzt, kann aber an den Ideen und Werten festhalten, die vor dem revolutionären Umsturz Bestand hatten. Anders ist es bei einer evolutorischen Entwicklung. Oppositionelle Stimmen sterben aus, je länger die Entwicklung anhält. Geistiger Widerstand fällt nicht auf fruchtbaren Boden, sondern muss sich der einheitlichen Mehrheitsmeinung entgegenstellen. Jeder weitere Oppositionelle muss im harten Kampf um die Köpfe gewonnen werden. Schulen und Universitäten sind dabei besondere Bollwerke der Mehrheitsmeinung, in die schwer vorgedrungen werden kann. Aus dieser Schwäche der Opposition gegen eine evolutorische Entwicklung folgt die Schwierigkeit, den Trend zu drehen und die Entwicklung aufzuhalten, geschweige denn umzukehren. Realistisch betrachtet ist mit einem baldigen und völligen Verlassen des eingeschlagenen Pfades nicht zu rechnen. Das schließt nicht aus, dass punktuelle Erfolge auf Nebenschauplätzen möglich sind.

Das erfolgreichste Gegenmittel eines evolutorisch verwirklichten Totalitarismus ist die Aussetzung der staatlichen Herrschaft im Wettbewerb. Die Ausübung von Herrschaft setzt neben den Herrschern das Vorhandensein von Beherrschten voraus. Ein die Bürger belastender, alles durchdringender Kontrollapparat über Körper und Geist kann dort nicht gedeihen, wo der Beherrschte die Möglichkeit hat, der Herrschaftsausübung auszuweichen. Der Abstimmung mit den Füssen mussten und müssen alle totalitären Staaten mit dem Bau nach innen gerichteter Grenzanlagen begegnen. Ist die Abstimmung mit den Füssen nur noch unter hohen Kosten möglich, bleibt als Konsequenz die innere Emigration. Der Entzug der Kooperation der Leistungsträger führt unweigerlich zu einem Abfall der ökonomischen Potenz des Herrschaftsapparats und letztendlich zu seinem Zusammenbruch. Totalitarismus benötigt die zentrale Planung der Wirtschaft und diese ist, wie von Mises gezeigt hat, unmöglich durchzuhalten.

Abwanderung und Nichtkooperation sind demnach die beiden Mittel, die den bestehenden wie aufkeimenden Totalitarismus zu Fall bringen. Wer sich gegen den (möglicherweise) kommenden Totalitarismus wappnen will, der sollte versuchen, beides in sein eigenes Leben zu als Alternative zu integrieren. Mobilität ist die erste Voraussetzung. Wer die Möglichkeit hat, bereits in jungen Jahren das Ausland kennen zu lernen, dort zur Schule zu gehen oder zu studieren, der hält sich die Möglichkeit offen, eines Tages dort zu arbeiten. Das frühzeitige Erlernen fremder Sprachen senkt die Kosten einer späteren Auswanderung. Der Transfer von Vermögen in andere Jurisdiktionen erlaubt einen leichteren Einstieg dort. Wer kein Vermögen hat, dem muss der Erhalt der Arbeitskraft durch Erhaltung der Gesundheit oberstes Anliegen sein.

Sofern die Abwanderung nicht als Alternative in Betracht kommt, so kann der Schritt in die innere Emigration besser heute als morgen erfolgen. Ziel der inneren Emigration ist das persönliche Glück. Glücklich ist der, der in Übereinstimmung mit dem leben kann, was er als gut empfindet. Gut ist der, der Gutes tut. Leider ist das Gute in einer dem Zeitgeist unterliegenden Wertordnung manchmal schwer auszumachen. Es gilt, sich von äußeren Einflüssen auf die eigene Wertordnung unabhängig zu machen. Um den Sinn für das Gute zu erlangen und zu bewahren, ist eine von der wandelbaren Gesetzeslage verschiedene stabile Wertordnung zu finden und nach dieser zu handeln. Wer als guter Mensch ein gutes Leben führt, der wird immer gute Freunde haben und mit sich im Reinen sein. Beides ist unabdingbar in einer feindlichen Umgebung und Voraussetzung für das persönliche Glück.

Quellen:

  • Totalitarismus, in: Helmut Schoeck, Kleines soziologisches Wörterbuch, 3. Auflage Freiburg/Basel/Wien 1970.

Internet:


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