04. Mai 2009

Gewerkschaftsveranstaltungen am ersten Mai Brüllende Männer

Wer schreit hat Unrecht

Wehe, wenn sie los gelassen. Dann plärren und kläffen sie, schlagen Radau und werfen sich mit wehenden Haaren und zerfurchten Zügen mächtig in Pose. Dann ist jeder Satz ein Trommelwirbel, poltern die Vokale, zischen die Konsonanten, da bleibt kein Auge trocken. Einmal im Jahr wollen Politiker den Volkstribun geben, wollen sie sich ganz zurückverwandeln in jene Bierhallenhelden, die auch ein Kapitel sind in der Geschichte moderner Parteienbildung. Nichts aber ist heute nostalgischer.

Die Rede ist – natürlich – vom ersten Mai, und sollten diese Zeilen so gelesen werden, wie die Feiertagsdompteure gebellt haben, gäbe es zur Großschrift keine Alternative. „VOR UNS LIEGT EINE VERDAMMT HARTE, VERDAMMT SCHWERE ZEIT“, verkündete Frank-Walter Steinmeier in Ludwigshafen. „MANAGERN, DIE SCHEIßE BAUEN, GESETZE BRECHEN UND ANSCHLIEßEND MIT ABFINDUNGEN NACH HAUSE GEHEN“, drohte Frank Bsirske in Mannheim. „GIERIGE MÄNNER HABEN UNSERE EINE WELT AN DEN RAND DER KATASTROPHE GEFÜHRT“, rief Michael Sommer in Bremen.

Ein Spruch aus versunkenen Gutmenschenzeiten behauptet, wer schreit, habe Unrecht. Zumindest hat, wer schreit, kein Gefühl für Satzbau und für Manieren und auch kein Gefühl für die unrettbar aporetische Situation, in die er sich schreiend begibt. Menschlich verständlich ist es, wenn die „Arbeiterführer“ am „Tag der Arbeit“ lautstarke Lebenszeichen geben. An diesem, an ihrem Tag wollen sie zeigen, dass sie Arbeiter geblieben sind. Sie übersehen, dass Bellen und Geifern anno 2009 nicht unbedingt zur Kernkompetenz der Arbeiter zählt – und diesen, nebenbei bemerkt, ein eher rüpelhaftes Zeugnis ausstellt.

DGB-Chef Sommer wetterte gegen „gegelte Boni-Jäger mit Jachten und eigenen Inseln“, Verdi-Chef Bsirske gegen die rhetorisch notorische „Villa mit Park und Seezugang“. Sommer ereiferte sich über „willfährige Publizisten“, die das falsche Lied des Neoliberalismus gesungen hätten, Bsirke über den „Herrn Westerwelle“, der „so doof wie dreist“ die Erbschaftssteuer kritisiert habe. Sommer verdammt den „Siegeszug des Brutalkapitalismus“, Bsirske das „systematische Bereicherungsprogramm für Kapitalbesitzer“ durch die Steuerpolitik der letzten Jahre.

Grundfalsch ist das alles nicht, aber es ist weit mehr Ritual denn Substanz. Wenn Sommer von der „bösen Saat“ spricht, die nun katastrophal aufgegangen sei und zu deren Eindämmung eine „Vermögensanleihe der Reichen und Superreichen“ nötig sei, dann verbindet er Verschwörungstheorien mit Sozialismus. Durch einen enormen Eingriff des Staates in die Freiheits- und Eigentumsrechte seiner Bürger soll das hier metaphysisch überhöhte „Böse“ verschwinden. Grotesker können Diagnose und vermeintliche Therapie nicht aneinander stoßen.

Wenn Bsirske im Namen der „Interessen der lebendigen Arbeit“ zu reden vorgibt, unterstellt er, „die“ Arbeit als solche könne Interessen haben, so sie „lebendig“ sei. Gibt es auch unlebendige, also tote Arbeit? Wie hat man sich das vorzustellen? Und können nicht nur Menschen Interessen haben, weil und sofern sie eine ganz bestimmte Arbeit ausführen? Die Arbeit hat überhaupt kein Interesse – außer vielleicht jener, dass sie erledigt wird. Und hierfür braucht es keinen Lautsprecher.

Ohne das Ritual der brüllenden Männer würde am ersten Mai etwas fehlen. Wie jedes verschwundene Ritual hinterließe auch ein Absenken der Dezibelzahl eine Lücke. Jedes Jahr aber fällt es den Protagonisten schwerer, ihr Ritual mit Inhalt zu füllen. Sie brüllen gegen den eigenen Relevanzverlust an. Sie spüren, dass es die eine industrielle Arbeit, als deren Anwälte sie auftreten, längst nicht mehr gibt. Sie ahnen, dass gerade in Krisenzeiten das Diffamieren der Gegenseite nicht unbedingt vertrauensbildend wirkt. Wären die Herren etwas leiser, würde sogleich offenbar: Fassade ist ihr Reden, Kulissengeschrei vor Publikum.


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