André F. Lichtschlag

Jg. 1968, Gründer und Herausgeber der Zeitschrift "eigentümlich frei", Verleger (ef und Lichtschlag Buchverlag).

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Politisch unkorrektes SPD-Magazin: Vom Glauben und von Denunzianten

von André F. Lichtschlag

Michael Klonovsky im Gespräch über Gott und das tote Alien aus Braunau

Es gibt auch schöne Überraschungen in unschönen Zeiten. Dazu zählt ein atemberaubendes Interview mit dem ef-Kolumnisten (und Verfasser des bereits vielbeachteten Schwerpunktartikels über „Helden“ in der aktuellen Druckausgabe „eigentümlich frei“) Michael Klonovsky. Der Schriftsteller und Chef vom Dienst beim „Focus“ wurde diesmal nicht von der „Jungen Freiheit“ interviewt, sondern vom „Magazin für sozialdemokratische Politik in Mecklenburg-Vorpommern“ mit dem Titel „horizonte“.

Michael Klonovsky erklärt dort den sozialdemokratischen Lesern, warum er es „in gewissem Sinne bedauert“, nicht an Gott zu glauben. Der vor kurzem zum dritten Mal Vater gewordene Autor begründet dies so: „Weil ich gezwungen bin, entweder irgendeinen Unsinn zu glauben oder nichts zu glauben. Die Konsequenzen aus Letzterem sind ja, wenn man sie ernsthaft durchdenkt, verheerend.“ Verheerend, weil nihilistisch, „also Glaube an nichts. Oder der ausschließliche Glaube an das eigene Selbst“, was, so Klonovsky, „ungefähr dasselbe ist.“

Was den tatsächlich ungläubigen Menschen lenken müsste, meint Klonovsky, „wären Genusssucht auf der einen, Feigheit auf der anderen Seite. Er hat kein Interesse, das nicht an seinem Nutzen orientiert ist. Warum soll er lieben? Warum zeugen? Warum die Ressourcen schonen? Es gibt nicht den geringsten Grund.“

Religionen, sagt Klonovsky, haben „eine ordnungsstabiliserende, das Tier im Menschen domestizierende Funktion.“ Die Abwesenheit Gottes eröffne „den Raum für Kulturlosigkeit, für die schrankenlose Freiheit der Dekadenz. Der versucht man mit allerlei Ersatzreligionen beizukommen“, was immer noch „besser“ sei „als Nützlichkeitsdenken“.

Klonovsky klärt die Sozialdemokraten darüber auf, dass „im Namen der Menschenrechte schon verdächtig viele Menschen umgebracht worden“ seien. Er benennt die modernen Ersatzreligionen, „die der sozialen Gerechtigkeit etwa, oder der Naturkult, oder die tägliche schwarze Messe um das tote Alien aus Braunau.“ Im Zusammenhang mit „Hitler als gegengöttlicher Figur“ wird er am Ende deutlich: „Den Negativ-Kult um ihn kann man wohl kaum anders denn als religiös bezeichnen. So gesehen ist zwar Gott vielleicht tot, der Teufel dafür so lebendig wie nie zuvor. Er übernimmt zunehmend die gesellschaftliche Integrationsleistung, die einmal Gott hatte“, dessen „Stellvertreter auf Erden“, so Klonovsky „derzeit Barack Obama“ heiße. „Jeden Tag“, so der Münchner Ausnahmeschriftsteller die sozialdemokratischen Horizonte erweiternd, „werden Allerweltskonservative und -Rechte von so genannten Antifaschisten denunziert, auf dass sie möglichst ihren Job, mindestens ihren Ruf verlieren – 1933 en miniature.“

Wir können sicher sein, dass der eine oder andere Denunziant bereits die Feder gespitzt hat und über dieses „gotteslästerliche“ Interview Meldung macht. Mehr dazu dann in Kürze in den Welten der modernen Inquisition. Auf ein Wiedersehen in der „Jungen Welt“, der „Jungle World“ oder „Lizas Welt“...

Hier aber als Zugabe noch ein kleiner Auszug aus dem erwähnten Helden-Artikel von Michael Klonovsky:

Der Ruf

Der Held steht seit einiger Zeit und speziell hierzulande in schlechtem Ruf. Wir leben in einer sogenannten postheroischen Gesellschaft. Das deutsche Karthago hat, ähnlich wie das historische, nach dem Zweiten Punischen Krieg kein Bedürfnis mehr nach Heldentaten, und es geht ihm bislang recht gut dabei. Zumal der amerikanische Hegemon, anders als der römische, den besiegten Gegner als vorgeschobenen Posten an der Peripherie seines Imperiums gut gebrauchen konnte und ihn nicht nur verschonte, sondern sogar eine Art Freundschaft mit ihm schloss, sofern dergleichen unter Staaten überhaupt möglich ist. Das deutsche Karthago ging nicht nur nicht unter, sondern konnte es sich sogar leisten, unter dem Schutz seines großen Verbündeten pazifistisch zu werden. Ähnlich erging es den Japanern, noch vor kurzem eine Kriegergesellschaft par excellence und heute der einzige Staat auf dem Planeten, der qua Verfassung auf Kriegsführung, auch auf defensive, verzichtet: Zwei Atombomben sowie die nahezu komplette Niederbrennung der Hauptstadt können Erstaunliches bewirken.

Vergleichbares hat bei den Deutschen die Einäscherung ihrer Innenstädte bewirkt, der sie ebenso hilflos zuschauen mussten wie der noch demütigenderen millionenfachen Vergewaltigung deutscher Frauen durch vor allem die russischen Besatzer. 1939 waren sie mehr nolens als volens aufgebrochen, die halbe Welt zu erobern, deutsche Truppen hatten auf den Schlachtfeldern Gewaltiges geleistet und waren doch zerschlagen worden, und nun war ihr Land zerstört, amputiert, den Siegern auf Gnade und Verderb ausgeliefert. Millionen Menschen waren tot, Millionen ohne Obdach, Millionen befanden sich auf der Flucht. Dergleichen steckt kein Volk so einfach weg. Obendrein setzte sich allmählich die Erkenntnis durch, dass das Regime durch seine Schandtaten den deutschen Namen in der Welt diskreditiert hatte. Die Kehrseite der riesigen Tapferkeit auf den Schlachtfeldern war der feige Massenmord an Zivilisten, darunter Hunderttausende Kinder. Mit Heldengedenken, Nibelungentreue, Sedantag und Fliegerassen war es vorbei. Künftig wollten die Deutschen nur noch eines: gut leben – und von Kriegen verschont bleiben.

Erst ganz Europa unterwerfen, dann am liebsten von der politischen Landkarte verschwinden wollen: Die Radikalität dieser Umkehr hat das Ausland immer wieder irritiert, am stärksten die Amerikaner. Einem Volk, dessen Kaiser einst stolz verkündet hatte: „Wir fürchten Gott und sonst nichts auf der Welt!“ und das ein Menschenalter später den Begriff „German Angst“ zum geflügelten Wort machte, war nicht zu trauen. Dass viele Deutschen radikalpazifistisch bis zur Selbstaufgabe geworden waren, offenbarte der millionenfache und sogar bei der regierenden SPD mehrheitsfähige Widerstand gegen den Nato-Nachrüstungsbeschluss. Während des ersten Golfkrieges war es schick, weiße Fahnen aus den Fenstern zu hängen. Das einstige „Kriegervolk“ – in Wirklichkeit waren die Deutschen zwar hervorragende Kämpfer, aber sie haben viel weniger Kriege geführt als Briten, Franzosen oder US-Amerikaner – hatte plötzlich nicht nur Angst vor einem Atomkrieg, sondern nicht minder vor dem Waldsterben, der Volkszählung, dem Hitler in sich, der Erderwärmung, vor BSE, Geflügelgrippe, Versicherungslücken, Sekundärtugenden, dem Absingen aller drei Strophen der Nationalhymne und Stürzen vom Fahrrad ohne Helm.

Internet

Das vollständige Interview der Zeitschrift „horizonte“

„Horizonte“

Das „Helden“-Heft

08. Mai 2009

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