 Jg. 1968, Gründer und Herausgeber der Zeitschrift "eigentümlich frei",
Verleger (ef und Lichtschlag Buchverlag).
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von André F. Lichtschlag
Auf dem Höhepunkt der Hegemonie bricht die Welle
ef-Redaktionsbeirat Stefan Blankertz
wies zuletzt darauf hin, dass zahlreiche Gruppen die zunächst als
Beschimpfungen gegen sie verwendeten Begriffe irgendwann für sich selbst übernahmen,
und damit den Angriff ins Leere laufen ließen. Blankertz nennt die Schmähung und
spätere Selbststilisierung der „Punks“. Ein anderes schönes Beispiel liefert die
Fußballfanszene des Ruhrgebiets: „Ihr seid Ruhrpottkanacken!“ – schallte es
ihnen entgegen. Ein noch lauteres „Ja, wir sind Ruhrpottkanacken!“ war die
stolze Antwort. Wenn sich nun ausgerechnet im
linken Zentralorgan der Republik ein dortiger leitender Angestellter gekonnt
und bereits ungewöhnlich viel beachtet über das Linkssein lustig macht und bekennt,
er sei recht eigentlich ein Rechter, dann könnte die erfolgreiche Verschmähung
alles wirklich oder vermeintlich Rechten kurz vor dem Zusammenbruch stehen. Wobei Jan Fleischhauer, von dem
hier die Rede ist, in seinem neuen Buch „Unter Linken“ lediglich bekennt, ein Konservativer
zu sein. Denn, so Fleischhauer: „Die andere Seite weiß nicht, wie sie sich
selber nennen soll. Niemand in Deutschland, der noch bei Trost ist, bezeichnet
sich selbst als rechts. Bürgerlich vielleicht, oder konservativ, aber selbst
das nur mit angehaltenem Atem. Rechts ist nicht die andere Seite des
Meinungsspektrums, es ist ein Verdammungsurteil.“ Noch. Es ist nur eine Frage der Zeit,
bis der nächste Fleischhauer aus dem linken Medienmief heraustritt und noch eine
Schippe mutiger spricht. Dann wird es interessant. In spannenden Zeiten leben wir
allemale. Die Protestsongs für Fleischhauers Scherz von den Rock-gegen-Links-Konzerten
wollen allerdings erst noch geschrieben werden. Schaun wir mal. Und zitieren
derweil ein appetitanregendes Amuse
gueule aus einem köstlichen Auszug aus „Unter Linken“ in des Autors linken Leib-
und Magenblatt. Unter Linken Ich habe irgendwann den Anschluss
verpasst. Ich kann nicht sagen, wann es passierte, es gibt keinen Tag und kein
Ereignis, die mich von der Linken entfremdeten. Ich kann noch nicht mal
behaupten, ich hätte bewusst Abstand genommen. Es passierte einfach. Plötzlich
konnte ich nicht mehr lachen, wenn man sich zum x-ten Mal über die Physiognomie
Kohls lustig machte. Ich stellte fest, dass ich erleichtert war, als meine
Söhne das Puppenhaus, das mein Schwiegervater und ich für sie gebaut hatten, zu
einer Parkgarage umfunktionierten. Wenn die Diskussion auf die Nutzlosigkeit
von Ehe und Familie kam, war ich derjenige, der insgeheim jedem verheirateten
Paar die Daumen drückte, es möge möglichst lange durchhalten. Einmal traute ich
mich sogar, in einem Partygeplänkel zum Klimawandel ein gutes Wort für die
Atomenergie einzulegen – der Abend war dann allerdings gelaufen. Am Anfang versuchte ich, meine
konservativen Neigungen zu unterdrücken. Ich redete mir ein, sie würden
vorbeigehen wie jugendliche Hitzewallungen. Beim nächsten Kohl-Witz lachte ich
dafür besonders laut, um nicht aufzufallen. Kurz, ich verhielt mich wie ein
vierzigjähriger Familienvater, der plötzlich entdeckt, dass er schwul ist, und
nicht weiß, was er tun soll. Es hatte frühe Anzeichen für
meine Veranlagung gegeben, im Nachhinein ließen sie sich deutlich erkennen.
Meine Schulfreundin Fontessa meint sogar, sie habe es schon immer gewusst. Als
wir vor drei Jahren bei einem Klassentreffen Jugenderinnerungen austauschten
und ich dabei auch auf meinen Seitenwechsel zu sprechen kam, sah sie mich nur
mitleidig an und sagte: „Jan, du warst doch nie richtig links, das war doch bei
dir immer nur Pose.“ Ich fühlte mich ertappt, dabei meinte sie es gar nicht
bös. Das Schwierigste für jeden späten
Konservativen ist immer das Coming-out. Es ist ein Moment, den man
hinauszögert, solange es geht. Man fürchtet die Reaktion der Kollegen, man will
auch seine Eltern nicht beschämen. Meine Mutter wird dieses Jahr 73, was es
zunehmend unwahrscheinlich macht, dass sie ihre Vorurteile gegenüber
Konservativen jemals ablegen wird. Sie versucht, im Umgang höflich zu sein und
sich nichts anmerken zu lassen, aber manchmal treten ihre Vorbehalte in einer
selbst für mich schockierenden Deutlichkeit zum Vorschein. „Ein schrecklicher, schrecklicher
Mensch“, seufzte sie indigniert, als ich nach dem Wahlsieg von
CDU-Bürgermeister Ole von Beust über den „Zeit“-Herausgeber Michael Naumann mit
ihr telefonierte: „Dass wir von so jemandem regiert werden.“ Sie klang gerade
so, als ob Hamburg von einem gerichtsnotorischen Betrüger geführt würde, und
ich kann nicht ausschließen, dass sie es genau so sieht. Was den eigenen Sohn
angeht, hat sie beschlossen, über alle Verirrungen hinwegzusehen. Sie verhält
sich wie eine dieser englischen Damen, die nichts mehr im Leben wirklich
erschüttern kann und die einfach weiterplaudern, wenn neben ihnen jemand aus
der Rolle fällt. Inzwischen habe ich gelernt, mit
meinem Konservativsein offensiv umzugehen. Ich traue mich manchmal sogar,
Vorurteile direkt anzusprechen. Neulich hatten wir ein Ehepaar zu Gast, das wir
seit längerem kennen, aber mit dem der Kontakt zuletzt etwas abgebrochen war.
Er ist vor nicht allzu langem Professor für Jura an einer ostdeutschen Uni
geworden, sie promotet Golfplätze. Das Gespräch kam zügig auf den letzten
Michael-Moore-Film, und unser Freund behauptete plötzlich, im gesamten
Mittleren Westen der USA dürfe der Film nicht gezeigt werden. So wie er es
sagte, klang es, als ob Moore ein französischer Autorenfilmer sei, der den
Amerikanern endlich den Spiegel vorhalte, was die nicht ertragen könnten. Ich hatte eine ziemlich präzise
Vorstellung, wie das Gespräch weitergehen würde, und wusste, dass ich mich
nachher wieder über mich ärgern würde, weil ich nicht entschieden genug
widersprochen hatte. „Um es kurz zu machen, weil wir ja dann eh auf diesen
Punkt kommen“, hörte ich mich selber sagen: „Nein, ich glaube nicht, dass die
CIA hinter den Anschlägen vom 11. September steckt, und ja, wir haben gerne in
Amerika gelebt.“ Es war dann sehr still, wir tranken unseren Tee, und die
beiden verabschiedeten sich schnell. Ich war erschrocken über mich selbst, aber
auch ein klein wenig stolz.
Internet „Unter Linken“ – Auszug im „Spiegel“ „Unter Linken“ – Homepage zum
Buch
10. Mai 2009
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Die Frage, inwieweit Intelligenz erblich sei, beantwortet trefflich die Bayreuther Familie Wagner; speziell der Progress von der Niederschrift der „Meistersinger“ durch den Uropa bis hin zur Inszenierung derselben durch die Urenkelin.
Michael Klonovsky
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