Heribert Seifert

Jg. 1948, schreibt unter anderem für die "NZZ"

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Integrationspolitik: Mehr Respekt!

von Heribert Seifert

Für einen neuen Aufstand der Anständigen

„Mehr Respekt“ den Einwanderern gegenüber hat gerade der nordrhein-westfälische „Integrationsminister“ Latschet gefordert. Er übernimmt die Einschüchterungsparole, mit der vorzugsweise türkische Straßenrambos ihre Machtphantasien ausleben wollen, um der öffentlichen Verwaltung seines Bundeslandes die seiner Ansicht nach tiefsitzende „Diskriminierung“ unserer „Mitbürger“ auszutreiben. Da wird ein neues landesweites Programm gewiss nicht mehr lange auf sich warten lassen, das die Behördenmitarbeiter in einschlägige Fortbildungen schickt und die Bürger dazu ermutigt, nicht einfach still zu bleiben, wenn, zum Beispiel, vor ihm im Einwohnermeldeamt der ausländische Mitbürger diskriminiert fühlt. Wir dürfen uns also schon auf einen Remix des „Aufstands der Anständigen“ freuen, der den sonst eher lästigen Behördengang doch spannender gestalten könnte.

Einen Tag zuvor lief im NDR-Fernsehen der Beitrag „Gemobbt und beschimpft – deutsche Schüler in Ausländerstadtteilen”. Da es keinen „Inländer-Minister“ gibt, der explizit die Interessen der „Bio-Deutschen“ (Cem Özdemir) wahrnimmt, hatte dieser Bericht über die Barbarisierung von Teilen des öffentlichen Lebens in unseren Städten durch die Verwahrlosung erheblicher Teile des Einwanderermilieus keine größere Aufmerksamkeit zur Folge.

Das ist  mittlerweile völlig normal in diesem Lande, bringt keine Zeitung mehr in jene professionelle Wut, die den Skandal befeuert. Achselzuckend nimmt man hin, dass sich in bestimmten Quartieren Subkulturen der Zugewanderten fest etabliert haben, die den Minimalkonsens, der für ein zivilisiertes Zusammenleben erforderlich ist, nicht aufgekündigt haben, sondern niemals kennenlernten.

Dieses beredte Beschweigen steht in scharfem Kontrast zu den lärmigen staatlichen und gesellschaftlichen Anstrengungen, die autochthonen Deutschen in Mentalität und Verhalten für die Anpassung an die neuen Herausforderungen fit zu machen. Die „interkulturelle Erziehung“, die die Kultusminister schon 1996 den Schulen verordnet haben, soll den abstrakten Zielen nach zwar allgemein das Verständnis für den jeweils anderen, für seine Sitten, Gebräuche und Verhaltensweisen fördern. Liest man die Verlautbarungsprosa dieser ministeriellen Gutmenschen, dann hat man das idyllische Genrebild einer bunten Schulklasse vor Augen, in der alle Kinder staunend voneinander lernen und sich zu inniger Achtung vor dem jeweils Fremden bewegen lassen.

Die Praxis sieht anders aus: Die deutschen Kinder (und auch ihre Lehrer) haben die „Bereicherung“ durch die fremden Kulturen einzusehen, sie sind zur Rücksicht auf allerlei Befremdliches in den Erziehungsformen und den Geschlechterbeziehungen zu bewegen, die sich zum Beispiel in türkisch-arabischen Milieus häufig finden. Mit außerordentlicher Sensibilität werfen sich die selbsternannten Paten der schutzwürdigen Einwanderer auf die Suche nach möglichen Empfindlichkeiten der Eingewanderten, um deren Verletzung durch Einheimische in vorsorglicher Fürsorge unmöglich zu machen. Ein zungenfertiger Kulturrelativismus erlaubt es, auch noch scheußlichen ethno-kulturellen Traditionsballast zu entschuldigen.

Dieser Betrieb hält nicht bloß allerhand staatliche „Beauftragte“ in Lohn und Brot, sondern weiß auch Sonderformen einer sogenannten „Sozialforschung“ zur Erkundung „gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit“ in Bielefeld und anderswo zu beschäftigen. Es ist ein politisch-ideologisches Perpetuum Mobile: Wissenschaftler messen im Takt der Jahreszeiten den Deutschen den rassistisch pochenden Puls und liefern damit die unanfechtbare Begründung für neue Programme, Initiativen und Anti-Rassismus-Wochen, die allerdings niemals hinreichend finanziert werden, so dass die Erfolge entsprechend gering sind, was jene Wissenschaft erneut belegt, und so fort.

Auf diese Weise ist die Forderung nach „mehr Respekt“ zu einer Formel geworden, die der Immunisierung der Einwandermilieus gegen jede Form der Kritik dient. Sie kolportiert das Bild der schwachen, schutzwürdigen Opfer deutscher Ressentiments, ohne sich darum zu kümmern, dass Täter- und Opferrollen längst nicht mehr so verteilt sind, wie  politisch-korrekte Brummkreisel wie Claudia Roth  tönen. Ein wirklich respektvoller Umgang mit den neuen Bürgern des Landes würde sie nicht auf diese Weise fürsorglich belagern und pampern, sondern zur Verantwortung für ihr Leben und das ihrer Familie herausfordern. Man stelle sich vor, Minister Laschet forderte angesichts der verbreiteten Kriminalität und der miserablen Bildungsabschlüsse unter den Jugendlichen die türkischen Gemeinden im Lande zu einem „Aufstand der Anständigen“ auf, der Eltern, Verbandsfunktionäre und Geistliche zu einer großen Erziehungsinitiative bewegen soll. Den Bildungswillen der türkischen Kinder zu wecken und zu stärken, der dumpfen Machomentalität türkischer Halbstarker entgegenzuwirken, kriminelles Verhalten, das Deutsche trifft, nicht achselzuckend zu übergehen und den Willen zur Teilhabe in Staat und Gesellschaft hierzulande nicht bloß als Mittel zur ruppigen Durchsetzung partikularer Interessen einzusetzen, das wäre ein Programm für einen solchen „Aufstand“, das mehr zur beschworenen Integration beitragen könnte als noch mehr Paragraphen im „Antidiskriminierungsgesetz“ und noch mehr „Ausländerbeauftragte“. Ein solches Konzept  müsste auch die systematische Vermittlung von Respekt für die hierzulande geltenden Gesetze und für zentrale gesellschaftliche Konventionen einschließen, müsste also nicht davor zurückschrecken, den Einwanderern einige Anpassungsleistungen abverlangen und die Bewältigung der Herausforderung durch die Massenmigration wieder einigermaßen gleichmäßig verteilen.

Eine ziemlich unrealistische Hoffnung, derzeit, ich weiß. Solange die Schafsgeduld der eingeschüchterten Mehrheit anhält und solange es im Zusammenspiel mit bei diesem Thema nahezu durchgängig blödsinnig argumentierenden Medien gelingt, jeden politischen Widerstand gegen jene „Mehr-Respekt-Politik“ als rassistisch und „neofaschistisch“ zu brandmarken, wird sich wenig ändern. Nimmt man das als unabänderlich hin, wird man sich angesichts der demographischen Entwicklung auch in den feineren Wohnvierteln auf eine spürbare Veränderung der Lebensqualität einstellen müssen.

11. Mai 2009

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