12. Mai 2009

Angela Merkel Ich sage aber auch

Die Kanzlerin und ihre Sprache

Jedes Volk habe die Regierung, die es verdient. So heißt es. Hat aber auch jede Zeit die Sprache, die sie verdient? Können wir an der Sprache ablesen, wie frei oder unfrei, wie demokratisch oder monarchisch, wie knechtend oder liberal eine Gegenwart ist? Für die meisten Epochen lässt sich der Beweis antreten, und für das beginnende 21. Jahrhundert verheißt er nichts Gutes. Denn das Deutsch der Kanzlerin ist das schlechteste Deutsch, das ein bundesrepublikanischer Kanzler je sprach.

Heerscharen von Kabarettisten sind Merkel dankbar für ihre Lieblingsfloskel „ich sage aber auch“. Ein Kontrast wird da inszeniert, ein Gegensatz vorgegaukelt, der nur an der Oberfläche besteht. Sowohl vor als auch nach der Scharnierfloskel ergeht sich die Kanzlerin in Platituden, die eine persönliche Färbung gerade vermissen lassen. Das Einerseits-Andererseits ist ihr Metier, die Synthese, die immer schon geleistet ist, ohne dass die Positionen trennscharf erfasst worden wären.

Bei der Sicherheitskonferenz in München sagte sie einmal: Deutschland verdanke den USA viel, „ich sage aber auch, dass die deutsch-amerikanische Partnerschaft zu lange allein mit Dankbarkeit begründet wurde.“ Ende Januar verteidigte sie das Konjunkturpaket II und den Plan einer Schuldenbremse, „ich sage aber auch: Das ist dringend erforderlich und nur verantwortbar, wenn damit Tilgungsregelungen verbunden sind.“ Den Opelanern in Rüsselsheim rief sie Ende März zu, man brauche General Motors, „ich sage aber auch selbstbewusst: General Motors braucht auch Opel.“

Ist das nicht eine pure Selbstverständlichkeit? Machen nicht immer mindestens zwei Partner eine Beziehung aus? Sollten nicht alle Schulden irgendwann einmal getilgt sein? Hat jemand wirklich behauptet, das Verhältnis von Deutschland und USA habe eine ausreichende Basis, wenn es allein auf Dankbarkeit beruhe?

Die Merkelsche Meisterschaft im fortgeschrittenen Floskeltum zeitigt geradezu sinnwidrige Folgen, wenn sie auf historischem Feld agiert. Bei ihrer Videobotschaft Anfang Mai wäre es schon plump genug gewesen, hätte sie nur der Neigung nachgegeben, Verben brachial zu substantivieren. Im Rückblick auf die gefälschten Kommunalwahlen in der DDR vom Mai 1989 urteilte sie historisch korrekt, aber stilistisch ungenügend: „Das Bekanntwerden und Sich-Herumsprechen des Wahlbetruges gab der Bürgerrechtsbewegung massiven Auftrieb.“

Wie soll einem PISA-gebeutelten Schüler vermittelt werden, er müsse seinen schriftlichen wie mündlichen Ausdruck verbessern, wenn die erste Frau im Staate derart schlampig formuliert? Wenn Verben – abgesehen von „tun“ und „machen“ – zu Auslaufmodellen erklärt und primär mit Substantiven und Hilfsverben gearbeitet wird? Die falsche Moral kann doch nur lauten: Hauptsache, man versteht dich irgendwie. Dass Arbeit am Ausdruck immer Arbeit am Gedanken ist und wir deshalb in oft so gedankenlosen Zeiten leben, will der Kanzlerin nicht einleuchten.

Schlimmer aber ist die historisch wie stilistisch falsche Rede von der „ehemaligen DDR“. Die „ehemalige DDR“ ist nichts anderes als der östliche Teil der heutigen Bundesrepublik. Solange die DDR noch existierte, kann sie nicht ehemalig gewesen sein. Deshalb ist es dreifach falsch, wenn Merkel im Video räsoniert: In Berlin-Hohenschönhausen „war in der ehemaligen DDR die Untersuchungshaftanstalt des Staatssicherheitsdienstes.“ Die Kommunalwahlen bedeuteten den ersten großen Erfolg der Bürgerrechtler „in der ehemaligen DDR“, ja seien geradezu „der Anfang vom Ende der ehemaligen DDR“ gewesen.

Zwischen Dadaismus und hermetischer Lyrik schwanken diese Aussagen. Wie soll etwas Ehemaliges untergehen, etwas Totes also sterben? Wie sollen Bürgerrechtler gegen einen Staat protestieren, der zum Zeitpunkt des Protestes bereits nicht mehr bestand? Und gab es tatsächlich in der „ehemaligen DDR“, also doch wohl in der Bundesrepublik Deutschland, einen „Staatssicherheitsdienst“?

Absurd sind diese Fragen, weil die Merkelschen Formulierungen absurd sind. Vermutlich werden Sätze so geformt, wenn man zur Sprache ein rein technisches Verhältnis hat. Das offensichtlich Widersinnige möge der Zuhörer abziehen, um zum Kern des Gemeinten vorzudringen: Mit dieser Anmutung treten die Sätze in eine Öffentlichkeit, der man jenes Sprachgefühl nicht mehr zutraut, das nötig ist, um die Fehler zu erkennen und stillschweigend zu beheben.

Dass Merkel unter den führenden deutschen Politikern kein Einzelfall ist, macht die Sache nicht besser. Laut dem Werbetexter Reinhard Siemes bestehen 50 Prozent der heutigen Politikerreden aus „verbaler Spachtelmasse.“

Ich sage aber auch: Das ist erst der Anfang. Erst wenn der letzte Sinn zusammengestaucht worden ist auf SMS-Länge, werden die Abwracker der Sprache Ruhe geben.


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