Gérard Bökenkamp

Jahrgang 1980, Historiker und Publizist.

ef investigativ

Haben Sie Informationen oder Dokumente für uns? Hier können Sie unserem Investigativ-Team eine Nachricht schreiben.

investigativ@ef-magazin.de

ef-Einkaufspartner

Wenn Sie ef-online unterstützen möchten, starten Sie bitte Ihre Amazon-Einkäufe mit Klick auf diesen Button:

ef auf Facebook

Besuchen Sie uns auch auf Facebook:
facebook.com/efmagazin

ef Television

Gemäßigt nationalliberal: Die Mehrheit der Deutschen befürwortet Eigenverantwortung und Patriotismus

von Gérard Bökenkamp

Über den Wandel der Einstellungen

Patriotismus und individuelles Leistungsdenken sind in den letzten zehn Jahren in der deutschen Bevölkerung stärker geworden, das zeigen demoskopische Untersuchungen. Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" führt darauf auch teilweise die Kräfteverschiebung von der CDU/CSU zur FDP zurück: “Es ist wahrscheinlich kein Zufall, dass der allmähliche Aufstieg der FDP seit Mitte der neunziger Jahre einhergeht mit der Renaissance einiger bürgerlicher Tugenden, die zwischenzeitlich an Bedeutung verloren hatten.“ Die "FAZ" stellt fest: „Anscheinend besinnt sich die Bevölkerung in Zeiten der Krise mehr als in guten Jahren auf die eigenen Kräfte. Die FDP profitiert davon mehr als die Unionsparteien, deren Grundwerte - allen voran die christlichen - nicht in ähnlichem Maße an Bedeutung zurückgewonnen haben.“

Laut der von der "FAZ" zitierten Erkenntnisse von Allensbach ist eine Zunahme der Leistungsorientierung zu beobachten: Dass es im Leben wichtig ist, etwas zu leisten, es zu etwas zu bringen, meinten im Jahr 1974 55 Prozent der Bevölkerung, 1990 waren es noch 38 Prozent, 2006 war der Anteil wieder auf 51 Prozent gestiegen. Ähnliches zeigen die Antworten auf die Frage, ob man es für besonders wichtig halte, Kinder dazu zu erziehen, dass sie ihre Arbeit ordentlich und gewissenhaft tun. Diese Zunahme fällt mit einer Normalisierung des Verhältnisses zur nationalen Identität zusammen.

Nach repräsentativen demoskopischen Erhebungen der "Identity Foundation" haben etwa drei Viertel der Deutschen eine positive Einstellung zu ihrem Land. 80 Prozent der Deutschen sehen in der Bevölkerung eine ausgesprochene Liebe zum eigenen Land. 60 Prozent aller Deutschen sagen von sich: „Ich bin stolz, Deutsche/r zu sein.“ Lediglich 17 Prozent der Bevölkerung finden keine Gründe, die sie zu Stolz auf Deutschland veranlassen. Das Bekenntnis zur Nation ist nach Aussage der Studie für eine Mehrheit der Deutschen kein Auslaufmodell. 68,6 Prozent lehnen die Vorstellung ab, dass Europa und die Völkergemeinschaft wichtiger sein könnten als Deutschland. Diejenigen, die mit der Nation nichts anfangen können oder ihr emotional stark ablehnend gegenüberstehen, bilden in Deutschland nur eine kleine Minderheit. Nach der Studie fühlen sich nur etwas über 12 Prozent mit Land und Kultur überhaupt nicht verbunden.

Von dem Wunsch, seine Individualität aufzugeben, um in einem nationalen Kollektiv aufzugehen, kann jedoch keine Rede sein. „Man will beides: Stolz auf die Nation, aber gleichzeitig eine nur dosierte Bindung an das Land“, so Prof. Dr. Eugen Buß, Lehrstuhl für Soziologie der Universität Hohenheim und Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats der Identity Foundation. Das Nationalbewusstsein ist ein Teil der eigenen, individuellen Identität. Die Liebe der Deutschen zu ihrem Vaterland sei ein sehr innerliches. So konstatiert die Studie der Identitiy Foundation: “dass das gefühlte Selbstverständnis der Deutschen stark verankert ist, während das individuelle Bedürfnis danach, dieser Befindlichkeit auch einen offensiven Ausdruck zu verleihen, eher gering ausgeprägt ist.”

Im 20. Jahr seit dem Fall der Berliner Mauer scheinen die meisten Deutschen ihr Gleichgewicht zu finden zwischen der positive Einstellung zur Nation und einem Sinn für individuelle Leistung und Eigenverantwortung. Im März 2009 schlossen sich laut Allensbach 47 Prozent der Befragten dem urliberalen Credo an: „Jeder ist seines Glückes Schmied“. Dagegen ist der Anteil derjenigen, die ausdrücklich die Gegenposition vertreten, mit 28 Prozent auf den niedrigsten Wert seit der deutschen Einheit gesunken. Die Deutschen sind in ihrer Mehrheit weder Sozialisten noch Nationalisten, der oft konstatierte “Nationalmasochismus” ist, soweit so etwas überhaupt existiert, ein Minderheitenphänomen. Die Mehrheit glaubt also daran, dass jeder Einzelne sein Leben selbst in die Hand nehmen kann und muss, in der Finanzkrise vertrauen mehr Deutsche auf die FDP als auf die Linkspartei, eine übergroße Mehrheit hat eine positive Einstellung zum eigenen Land, ohne deshalb in Hurra-Patriotismus zu verfallen. Sie wollen Eigenverantwortung, verbunden mit einem stabilen Nationalbewusstsein.

Will man diese Tendenz zu Patriotismus und individuellem Leistungsstreben auf einen politischen Begriff bringen, könnte man sagen, die Mehrheit ist - ohne dies selbst so zu artikulieren - gemäßigt national-liberal.

18. Mai 2009

Unterstützen Sie ef-online

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann unterstützen Sie uns durch eine Fördermitgliedschaft. Damit helfen Sie uns, unser Angebot stetig weiter auszubauen und genießen zusätzlich attraktive Privilegien.
Klicken Sie hier für Informationen zur Fördermitgliedschaft.

Testen Sie eigentümlich frei

Prominente Autoren und kantige Kolumnisten wie Bruno Bandulet, Theodore Dalrymple, Carlos A. Gebauer, Jörg Guido Hülsmann, Michael Klonovsky oder Frank Schäffler schreiben jeden Monat exklusiv in eigentümlich frei. Testen Sie ein Magazin, das über das Angebot auf ef-online hinausgeht.

Diesen Artikel teilen

Anzeigen