21. Mai 2009

Semantik Rechts ist schlecht und Links ist gut

Für mehr Pragmatismus beim Umgang mit politischen Etikettbegriffen

Der politische Verortungsbegriff „rechts“ hat in den letzten Jahrzehnten im bundesdeutschen Alltagssprachgebrauch eine immer pejorativere Bedeutung erlangt. Noch vor kaum zehn Jahren konnte sich ein gemäßigter Konservativer wie Bodo Hauser in der staatlichen ZDF-Sendung Frontal 21 als „rechter“ Widerpart zu dem „linken“ Ulrich Kienzle präsentieren, ohne dass er bei den meisten Zuschauern in den Ruch des Nationalismus oder gar des Nationalsozialismus geraten wäre. Heute dagegen wird „rechts“ schon zumeist als Synonym zu „rechtsextrem“ verwendet. Die mit dem Wort „rechtsextrem“ assoziierten Begriffsbilder wie „Nazi“ oder „Faschismus“ haben derart stark auf den Wortbestandteil „rechts“ abgefärbt, dass man heutzutage „extrem“ getrost weglassen kann, um gemeinhin verstanden zu werden. Natürlich kommt dieser semantische Wandel den sich als „links“ bezeichnenden Politikern sehr gelegen, stehen sie doch nun in der semantischen Politmetaphorik als genaues Gegenteil der bösen „Rechten“ da, also als die Guten schlechthin. CDU-Mitglieder, die sich noch vor wenigen Jahrzehnten problemlos „rechts“ verorteten, würden sich heute mit Klauen und Zähnen gegen diese Etikettierung wehren, wähnen sie sich doch heute vielmehr in der „Mitte“, wo sich auch FDP und große Teile von Grünen und SPD semantisch zuhause fühlen, und würden auch den Gegenbegriff „links“ längst nicht mehr als Schmähung empfinden.

Dieser semantische Wandel hin zum Pejorativen muss aber nicht monokausal auf die Planung einschlägig interessierter Politiker und Medien, mithin auf eine Verschwörung zur Begriffsumwertung zurückzuführen sein, sondern er hätte sich durchaus auch ausschließlich auf dem Sprachmarkt als Ergebnis eines von unsichtbarer Hand gesteuerten Kommunikationsprozesses aller Teilnehmer der deutschen Sprechergruppe ergeben können, genauso wie es zum Beispiel auch den Wörtern „Gift“, „Weib“ oder „Dirne“ ergangen ist. Es wäre ein schwieriges und schier unmöglich anmutendes sprachpolitisches Unfangen, dem Begriff „Dirne“ eine neue Zurückdeutung in Richtung „Mädchen“ angedeihen zu lassen.

Der Begriff „rechts“ scheint inzwischen im Bewusstsein der meisten Sprecher des Deutschen so sehr im Zusammenhang mit der Bedeutung „faschistisch, nationalsozialistisch, menschenverachtend, totalitär“ verankert zu sein, dass auch hier eine Umdeutung wie ein hoffnungsloses Unterfangen anmutet. So gibt es auch nur noch wenige, welche die frühere Bedeutung trotzig verteidigen, indem sie sich selbst affirmativ als „rechts“ bezeichnen und damit „konservativ“, „wertkonservativ“ oder „nationalkonservativ“ meinen, gleichzeitig aber den Anspruch erheben, dass dadurch eine scharfe Distanz zu „nationalsozialistisch“ zum Ausdruck komme. Diese Distanzierung wird umso schwerer, als auch die tatsächlichen Neonationalsozialisten sich mittlerweile schlicht und ergreifend als „Rechte“ etikettieren, nicht etwa als „Rechtsextreme“. Auch im liberalen bis libertären Spektrum gibt es noch Rückzugsgefechte von Liberalkonservativen, die den Begriff „rechts“, wie er vormals relativ unverfänglich in Komposita wie „rechtsliberal“ zur Anwendung kam, nicht aufgeben möchten und sich im Zweifelsfall lieber als „rechts“ denn als „links“ verortet wissen möchten, zumal sie mit „links“ Sozialismus, Steuerstaat, Gleichmacherei und Bevormundung assoziieren, während mittlerweile im durchschnittlichen Sprachempfinden „links“ vielmehr mit positiven Begriffen wie „gerecht“, „fortschrittlich“, „solidarisch“ und „tolerant“ in Verbindung gebracht wird.

Neben der Möglichkeit, den Begriff „rechts“ zu affirmieren und auf dessen früheres semantisches Umfeld zu pochen, gibt es eine weitere Option, die möglicherweise erfolgversprechender ist, nämlich sowohl die positive Konnotation von „links“ als auch die negative Konnotierung von „rechts“ semantisch zu erweitern, so dass man sich beispielsweise als konsequentem Liberalen begrifflich als lupenreinen Linken bezeichnen kann, während alles Nicht-Liberale dann „rechts“ wäre. Eine semantische Erweiterung von „rechts“ könnte dann so aussehen „totalitär, unfrei, jede Form von unfreiwilligem, aufgezwungenem Sozialismus, also sowohl national- wie auch internationalsozialistisch, staatliche Bevormundung und staatliche Diskriminierung, aggressiv bis militaristisch, menschenverachtend“. Mit dieser eigentlich unwesentlichen Begriffserweiterung könnte man problemlos Systeme wie die DDR, die Sowjetunion, Nordkorea, das chavistische Venezuela und die sozialistische Militärdiktatur in Birma in die rechte Ecke verschieben, und einige Programmpunkte der „Linkspartei“ wären dann so rechts, dass sich diese Partei eigentlich in „Rechtspartei“ umbenennen müsste, um glaubwürdig zu bleiben. Aber auch der Steuer- und Schnüffelstaat der Großen Koalition wiese dann immer deutlicher rechte Züge auf.

„Links“ müsste dann nur noch mit den dominanten Assoziationen wie „frei“ und „ungezwungen“ angereichert werden, um dann argumentieren zu können, dass „gerecht“ und „solidarisch“ nur dann „links“ sein könne, wenn sie ohne staatlichen Zwang erfolge, und erst dann könne man mit Fug und Recht behaupten, „fortschrittlich“ und „tolerant“ zu sein. Flugs könnte man sich dann als Erzliberaler und Freund der freien Marktwirtschaft als aufrechter Linker positionieren und mit in den „Kampf gegen Rechts“ wider Faschisten, Sozialpopulisten und braune wie rote Zwangssozialisten ziehen. Die Durchsetzung dieser semantischen Verschiebung mutet Ihnen zu aufwändig und zu utopisch an? Vielleicht ist dieser Weg aber mittlerweile weniger steinig als das Unterfangen, den Begriff „rechts“ zu depejorisieren.


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