23. Mai 2009

Freiheit Recht und Moral

Vom Egoshooter über Paintball zu Ultimate Fighting

Es liegt im Trend, Verbote zu fordern. Waren es gestern noch die Paintball-Spieler, die fürchten mussten, ihr Hobby nur noch abseits der dafür hergerichteten Anlagen in Wäldern verrichten zu können, so sind es nun Kampfsportler. Die Ultimate Fighting Championship ist ein Verband, unter dessen Dach Kämpfe zwischen den Anhängern verschiedener und bunt gemischter Kampfkunstarten ausgetragen werden. Für den 13. Juni ist eine Veranstaltung in Köln geplant. Obwohl Kirchen und andere Interessenvereinigungen wortreich und lautstark ein Verbot forderten, genehmigten die Stadt Köln und das Innenministerium Nordrhein-Westfalens die Show, nicht ohne jedoch Jugendlichen den Zutritt verboten zu haben.

Die Argumentation der Gegner des Ultimate Fighting ist die gleiche wie bei denjenigen, die sich für ein Verbot von Egoshootern und Paintball einsetzen. Wer Egoshooter spiele und so virtuelle Gewalt erlebe und auslebe, der stumpfe ab gegenüber der Wirklichkeit, dessen Hemmschwelle sinke und schlussendlich bestehe die Gefahr, dass der Computerspieler seine virtuell ausgekosteten Phantasien in der Realität umsetze. Wer Paintball spiele, der entledige sich auch der Hemmungen, abseits der Sportanlage auf Menschen zu schießen. Gleichsam falle es demjenigen leichter, brutal Gewalt auszuüben, der einer Ultimate Fighting Veranstaltung beiwohne. Dabei ist umstritten, ob diese Argumentation so überhaupt richtig ist. Umgekehrt ist es genauso möglich, dass das Ausleben gewalttätiger Phantasien in virtuellen Welten oder durch aktives Sport treiben das Bedürfnis nach Adrenalinausstoß befriedigt und der so bewirkte Aggressionsabbau weniger Opfer durch real ausgeübte Gewalt fordert. Es steht zu vermuten, dass es den Verbotsbefürwortern nicht um die möglichen produzierten oder verhinderten Opfer geht, sondern um die Durchsetzung ihrer moralischen Vorstellungen mit Hilfe des Gesetzgebers.

In diesem Zusammenhang ist nach der Unterscheidung von Recht und Moral zu fragen. Recht wird jeweils von einem Richter gefunden, der für die streitenden Parteien die Lösung von Konflikten bewirkt. Die Parteien unterwerfen sich seinem Urteil. Recht wird gesprochen. Das so gefundene Recht wiederum gibt Dritten Anlass, ihr eigenes Verhalten danach auszurichten, wobei es wiederum – notwendigerweise bedingt durch die nur menschliche Verhaltensweise der Verfolgung eigener Interessen – zu neuartigen Konflikten kommt, für die Recht gesprochen wird. Entscheidend für das Recht ist seine Verbindlichkeit, hergestellt durch die Unterwerfung unter das Urteil des Richters. Anders ist es in Bezug auf die Moral. Sie ist nicht verbindlich, sondern kommt allein mit dem Anspruch, im Gewissen zu verpflichten. Wie das Recht wirkt sie von außen auf den Einzelnen ein. Häufig erreicht die Moral de facto eine ähnliche Verbindlichkeit wie das Recht. Wenn nämlich die Moral als Datum hingenommen wird, der Einzelne nicht darüber reflektiert oder sie hinterfragt, so führt dies zu einer Fremdgesetzlichkeit analog dem Recht. Gleiches gilt vielfach für das Gesetz. Viele Menschen reflektieren nicht über die Produkte des parlamentarischen Gesetzgebers. Unreflektiert hingenommen mutiert das Gesetz aus Sicht des Einzelnen zum Recht. Die historische Erfahrung zeigt, dass fälschlich für Recht gehaltene Gesetze nahezu unbeschränktes Leid hervorrufen können. Nichtsdestotrotz hat die Idee eines vom Gesetz verschiedenen Rechts auch heutzutage nur wenige konsequente Anhänger.

Nun ist ein konstituierendes Merkmal einer freien Gesellschaft die Abwesenheit von Denkverboten jeglicher Art. Die Gedanken sind frei, wie eine bekannte deutsche Weise in Zeiten politischer Unterdrückung dichtete. Die Abwesenheit von Denkverboten führt zur Auflösung bestimmter Moralvorstellungen. Denn der Prozess tabuloser, vernunftgeprägter Diskussion nagt an dem, was sich auf traditionelle Art und Weise nicht begründen lässt. Einige Beispiele sind zu nennen. Eines ist das zurzeit die gesellschaftlichen  Moralvorstellungen prägende Konzept der gottähnlichen Verehrung der Umwelt oder auch des Planeten als allen Wohlstand schenkende Erdmutter Gaia. Nur die Freiheit, Klimawandel und Ökologismus überdenken zu können, bewahrt vor einer unkritischen Übernahme der umweltschützerischen Dogmen. Ein anderes ist die „political correctness“. Diese zielt darauf ab, das Werkzeug Sprache so zu formen, dass gewisse Gedanken nicht mehr gedacht werden können. In berühmter Weise ist der Missbrauch der Sprache zur gedanklichen Umerziehung in Orwells Meisterwerk 1984 als „Newspeak“ ausgearbeitet. Gäbe es Denkverbote, so könnte sich niemand dem Ökologismus oder der „political correctness“ erwehren. Die Abwesenheit von Denkverboten bewirkt jedoch auch die Auflösung solcher Moralvorstellungen, die ihre Quelle in religiöser Autorität haben. Der Verfall gewisser christlicher Moralvorstellungen, die über Jahrzehnte kulturell prägend waren, ist Folge der Abwesenheit von Denkverboten.

Diejenigen, deren individuelle Moral mit der gesellschaftlichen übereinstimmt, haben ein Interesse daran, dass die eigene, die Gesellschaft prägende Moral vor dem zersetzenden Diskurs geschützt wird. Sie werden versuchen, die infolge des Diskurses schwindende Macht der als fremdgesetzlich empfundenen Moral dadurch wiederherzustellen, indem sie ihre Moral zum Gesetz erheben. Der Freiheit ist dies abträglich. Denkverbote sind die Folge.

Es ist eines der Verdienste, wenn nicht das Verdienst der Demokratie, dass sie ohne Meinungsfreiheit undenkbar ist. Das Bundesverfassungsgericht beschrieb in einer frühen Entscheidung das Grundrecht auf Meinungsfreiheit als unmittelbarsten Ausdruck der menschlichen Persönlichkeit in der Gesellschaft und eines der vornehmsten Menschenrechte überhaupt. Eine freiheitlich-demokratische Grundordnung sei ohne sie nicht denkbar. Damit schneidet das Bundesverfassungsgericht ein unter Liberalen lang diskutiertes Thema an: Was sind die notwendigen Bedingungen der Freiheit? Klar ist, dass eine demokratische Staatsordnung Meinungsfreiheit voraussetzt und somit liberales Denken fördert. Welche Voraussetzungen aber hat die freiheitliche Ordnung selbst? Die Verhinderung der Entstehung von Denkverboten und der Kampf gegen bereits bestehende sind erste Pflöcke, die es einzuschlagen gilt, wenn man die Freiheit liebt und verteidigen will.

Internet:

 Quellen:

  • Ellscheid, Recht und Moral, in: Kaufmann/Hassemer/Neumann (Hrsg.), Einführung in die Rechtsphilosophie und Rechtstheorie der Gegenwart, 7. Auflage, Heidelberg 2004, S. 214 ff.

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