26. Mai 2009

Evangelischer Kirchentag Revolution und Religion

Bekommt man einen gerechten Gott nur dann, wenn man seinen Müll trennt und Einkaufstüten mehrfach nutzt?

Da sage noch jemand, von deutschem Boden könne keine Revolution ausgehen. Vergangene Woche war es wieder soweit. Im Rückblick mag man streiten, ob der Kollaps der DDR eine „friedliche Revolution“ genannt werden darf. Auch die „Märzrevolution“ von 1848, ließe sich einwenden, brachte nicht jene Früchte hervor, von denen die Revolutionäre träumten. Diesmal aber ist alles anders. Wem, wenn nicht den Deutschen soll die „Revolution für den Klimaschutz“ gelingen?

In Bremen war es, auf dem protestantischen „Kirchentag“, wo sich die Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages mit dieser Forderung in die Nachrichtensendungen hineinredete. Katrin Göring-Eckhart, muss man wissen, ist Theologin, frischgewählte Vorsitzende der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland und Präsidentin des Dresdner „Kirchentages“ von 2011. Sie ist also erkennbar fromm und insofern eine Ausnahme in ihrer Partei, bei „Bündnis 90 / Die Grünen“. Deshalb wirkt sie womöglich bei den Grünen frömmer als sie ist, und bei den Frommen wiederum grüner als sie erscheinen will.

Ungeachtet dieser Perspektivenverschiebung ist das Statement bemerkenswert – nicht deshalb, weil es so unerhört neu oder unerhört mutig oder komplett falsch wäre. Gegen einen Lebensstil, der die Ressourcen schont, kann man kaum etwas einwenden. Kein anderer Appell ist mehr aus dem Herzen der bündnisgrünen Stammklientel gesprochen. Der Ort aber macht die Musik. Ein „Kirchentag“ soll demnach der geeignete Platz sein, eine Revolution auszurufen, die mit der Seele fast nichts und mit der Materie fast alles zu tun hat.

Darf man daraus folgern, der „Klimaschutz“, der offenbar nicht identisch ist mit dem „Umweltschutz“ früherer Tage, soll religionsähnliche Züge erhalten? Bekommt man einen gerechten Gott nur dann, wenn man seinen Müll trennt und Einkaufstüten mehrfach nutzt? Ist der Weg in die Hölle mit CO2-Emissionen gepflastert, jener in den Himmel aber mit Flüssiggastankstellen und Biomassekraftwerken? Oder meldet sich mit solchen Überlegungen die verschmähte Werkgerechtigkeit tückisch zurück?

Eine „Revolution für den Klimaschutz“ müsste wie jede Revolution bedeuten, dass eine kleine Gruppe die gesellschaftlichen Verhältnisse stellvertretend umkehrt. Die Unterdrückten müssten die Unterdrücker besiegen. Wen trifft dieser Vorwurf hier? Sollen die Hersteller von PVC-Folien und Sportwagen außer Landes getrieben werden? Sollen vor jedem Lebensmitteldiscounter Störtrupps aufmarschieren, grimmige Schutzapostel mit Bio-Kartoffeln in den Händen? Sollen die Flughäfen blockiert und alle Flüge verhindert werden?

Oder aber meint die Theologin eine Umkehrung am eigenen Leib nur? Dass jede Protestantin, jeder Protestant weniger atmet, weniger konsumiert, weniger reist?

Auf dem „Kirchentag“ war es im Jahre 2009, als die Kirche und der Klimaschutz eins wurden. Fortan soll man das eine nicht sagen können, ohne an das andere denken zu müssen. Von dieser Hoffnung waren offenbar die Rednerin und ihr Publikum bewogen. Darum wird es auch der „Kirchentag“ des Jahres 2009 sein, an den man zurückdenken wird müssen, um dereinst die Frage zu beantworten: Wann war das eigentlich, als sich der Glaube von der Zivilreligion verschlingen ließ?


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