28. Mai 2009

Konkurrenz auf dem Ozean Patri Friedman will schwimmende Städte bauen

Ein Enkel und Sohn berühmter Freigeister mit großen Plänen

„Na, dann geh’ doch nach drüben!“, hieß es in Westdeutschland zu Zeiten der real existierenden DDR immer dann, wenn ein Bundesbürger mal meinte, unter den Folgen von zuviel Freiheit zu leiden. Dagegen hegen heutzutage eher jene Menschen Auswanderungsgedanken, die hierzulande die staatlichen Faxen dicke haben – und die mehr Lebensfreiheit jenseits der Grenzen suchen. Allein: Es gibt keine unbesetzten Landgebiete mehr. Zwar unterscheiden sich, wie die große „eigentümlich frei“-Serie „Die besten Auswanderungsziele“ (Heft 63 bis 80) eindrucksvoll gezeigt hat, die Länder dieser Erde durchaus hinsichtlich ihrer regulatorischen Dichte – aber: überall ist immer irgendwo Staat.

„Dann geh’ doch auf deine Insel!“, könnte man Auswanderungswilligen in Zukunft vielleicht spöttisch oder neidisch hinterherrufen. Das ist zumindest die Vision von Patri Friedman, Enkel des 2006 verstorbenen Wirtschaftsnobelpreisträgers Milton Friedman („Kapitalismus und Freiheit“) und Sohn des Anarchokapitalisten David Friedman („Das Räderwerk der Freiheit“). Der Mathematiker und Informatiker Patri arbeitete zunächst als Software-Entwickler bei Google. Seit 2008 ist er Geschäftsführer des von ihm mitgegründeten Seasteading Institute im kalifornischen Palo Alto. Die Non-Profit-Organisation arbeitet daran, autonome schwimmende Wohnplattformen auf dem offenen Meer – jenseits staatlicher Territorialmonopole – aufzubauen. Eine Idee, genauso eigenwillig wie Patri Friedman, 32. Der Profi-Pokerspieler und Fan von Anarcho- Festivals wie „Burning Man“ hat sein Projekt jetzt erstmals in Deutschland vorgestellt: In Hamburg diskutierte Friedman auf Einladung von Philipp Kalwies mit rund 20 Teilnehmern des dortigen „eigentümlich frei“-Leserstammtisches (Organisation: Gordon Gremme) über das Für und Wider des Wohnens über den Wellen.

Friedmans Ansatz: Weil Auswandern bestenfalls teuer, mangels Alternativen schwierig und im schlimmsten Fall gar unmöglich ist, sind die meisten Bürger an ihren Staat gebunden. „Daher haben Regierungen wenig Anreiz, etwas grundsätzlich anders und besser zu machen“, stellt Friedman fest: „Es gibt kaum Wettbewerb in der Regulierungsindustrie mit ihrem herrschenden Standardbetriebssystem ,Demokratie‘.“ Für Menschen wie ihn, die mit der Performance der Monopolstaaten nicht zufrieden sind und die eigene Vorstellungen von ihren Lebensregeln haben, sei es mangels Masse unmöglich, bestehende Gesellschaften in ihren staatlichen Territorien zu verändern. Und eigentlich will man dies ja auch gar nicht, sondern: Freigeistige, idealistische Minderheiten möchten eigentlich nur unbehelligt leben, gerne in freiwilligen Zusammenschlüssen mit Gleichgesinnten und, natürlich, mit Handelsbeziehungen zum Rest der Welt – wenn und weil es beiden Seiten nützt.

Die Wohninseln könnten von außen so ähnlich aussehen wie Ölbohrplattformen, innen könnten sie an Kreuzfahrtschiffe erinnern. Die Stadtflöße sollen schwimmen können, sie könnten miteinander verbunden werden – oder auch nicht. „Wir wollen die Schwimm-Städte aus modularen Einheiten bauen. Wenn jemand auf eine Stadt keine Lust mehr hat, schließt er sich einfach einer anderen an, ohne sein Haus wechseln zu müssen“, sagt Friedman: „Städte wiederum könnten frei entscheiden, welchem Staatsnetzwerk sie sich anschließen“. Um das Zusammenleben zu testen, könnten zunächst gemeinsame „Festivals“ veranstaltet werden. Und verfeindete Gruppen, etwa Israelis und Palästinenser, müssten nicht mehr zwangsweise Nachbarn sein.

Doch Friedmans Ehrgeiz ist es nicht, die Menschheit auf die Ozeane zu verschiffen. „Niemand wird das ganze Jahr auf einer Plattform leben wollen – ich auch nicht“, erklärt er. Nein, es gehe allein darum, alternative Lebensund Rechtsformen – gerne auch in Timeshare-Wohnmodellen, wie man sie aus Urlaubsgebieten kennt – zu erproben, ohne gleich ganze Gesellschaften überzeugen zu müssen. Allein die Existenz der Ozeanstädte würde die etablierten Staaten zu Verbesserungen drängen. „Es sollten so viele Gesellschaften wie möglich entstehen, mit unterschiedlichen Rechten und Regeln – als Experiment, um zu sehen, wie sie funktionieren“, sagt Friedman. Die staatsfreien Ozeane seien dafür perfekt geeignet, schließlich machten sie den größten Teil der Erdoberfläche aus.

Alles nur Utopie? Vielleicht. Doch die ersten Schritte zu ihrer Verwirklichung sind bereits unternommen: Beim Seasteading Institute ist unter anderem der Milliardär Peter Thiel mit an Bord. Thiel, Gründer des Internet-Bezahlsystems Pay-Pal (2002 an Ebay verkauft), hat zum Start eine halbe Million Dollar in das Projekt gesteckt. In zwei, drei Jahren soll eine erste Testinsel in der Bucht vor San Francisco gebaut werden, einige 100 Quadratmeter groß und eine Million Dollar teuer – als Vorführplattform für weitere Investoren und potentielle Bewohner. Die Konstruktionsskizzen liegen vor. Für größere Plattformen in internationalen Gewässern veranschlagt Friedman „ein paar Dutzend Millionen Dollar“. Dort könnten dann allerdings auch hunderte von Menschen leben, zu einem Quadratmeter-Kaufpreis von „einigen 100 Dollar“. Und je mehr Inseln dazukommen, desto schneller sinken die Kosten – Skaleneffekte gelten auch auf hoher See.

Auch Unternehmer will Friedman für sein ozeanisches Projekt begeistern. Hier denkt er etwa an Spielcasinos, Unterhaltungs- und Genussmittelanbieter sowie an Ärzte, die mit ihren privaten Offshore-Dienstleistungen die überregulierten staatlichen Gesundheitssysteme unter Druck setzen könnten. Man führe bereits Gespräche mit Investoren, sagt Friedman.

Aber natürlich, die Hürden für ein autonomes, angenehmes und sicheres Leben auf dem Meer liegen hoch. Selbstverteidigung gegen Staaten, die ihre Steuern wegschwimmen sehen? Umschiffung von Handelsembargos? Schutz vor Wind, Wetter und Wellen – und Seekrankheit? Friedman hat für all das Antworten parat, doch manche davon entlarven die Idee dann doch als zumindest vorläufige Utopie. Sein Opa Milton jedenfalls „mochte diese aus seiner Sicht eskapistischen Ideen nicht und war skeptisch“, sagt Friedman. Anders Daddy David: Der sei angetan von dem Projekt. Patri hat übrigens bereits selber einen Sohn – und wenn sich die Friedmanschen Freiheitsgene weiter so von Generation zu Generation potenzieren, dann dürfte der Junge der erste Siedler auf dem Meer werden.

Hinweis: Dieser Artikel erschien zuerst in eigentümlich frei Nr. 93

Internet

Seasteading Institute: seasteading.org

Patri Friedman: patrifriedman.com


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Roland Pimpl

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