28. Mai 2009

In der U-Bahn von Paris Schizophrenie als Zeichen der Zeit

Politischer Gestus und verstörende Realität

Wie einfach ist doch die Theorie, und wie schwierig die Praxis! Dieser natürlich mitnichten besonders originelle Gedanke kam mir neulich in der Pariser Metro, und zwar in der Station Réaumur-Sébastopol. Ich musste dort mehrere Tage hintereinander umsteigen, und immer lag im Durchgang zwischen den Linien Drei und Vier ein furchtbarer Gestank in der Luft, eine Mischung aus Urin und dem Körpergeruch eines seit Monaten oder noch länger ungewaschenen Menschen.

Es war nicht schwer, die Quelle dieses Gestanks zu identifizieren, der die Abertausende von Leuten dazu brachte, sich ein wenig schneller als sonst zu bewegen, um rasch einen olfaktorisch unbelasteteren Ort zu erreichen. Es handelte sich um einen höchstwahrscheinlich schizophrenen Mann, der seine Zelte in dieser Passage aufgeschlagen hatte und der in einem unsagbar schmutzigen Bett aus Kartonfetzen lag. Ich will ihn nun nicht näher beschreiben, denn vielleicht möchten einige Leser ja gleich noch etwas essen.

Leider wartete auf jene Passagiere, welche zur Linie Drei in Richtung Gallieni umsteigen mussten, eine weitere unliebsame Überraschung. Da lag nämlich noch ein anderer Schizophrener auf dem Bahnsteig, der zwar nicht so dreckig war wie der erste, dafür aber um einiges lauter. Er stieß wüste und ohrenbetäubende Beschimpfungen gegen die Stimmen aus, die er offenbar hörte. Die Passagiere machten einen großen Bogen um ihn, so groß, dass sein Bahnsteigabschnitt völlig verlassen war, während man sich am anderen Ende zusammendrängte. Das ist natürlich sehr ausgrenzend, aber schließlich gab es schon Fälle, in denen Schizophrene die Passagiere vor einfahrende Züge gestoßen haben.

Mir fiel auch auf, dass einige Werbeplakate der Station Réaumur-Sébastopol verunstaltet worden waren – andere würden vielleicht sagen, sie seien von idealistischen Passagieren mit einer Antwort versehen worden. Zum Beispiel hatte jemand auf die Plakate mit einer jungen großbusigen und nur mit einer durchsichtigen Hülle und extravaganten Federn bekleideten Frau die Worte „Femme – Objet“ gekritzelt. Es war nicht schwer, die feministische Geisteshaltung hinter diesen Worten zu erraten: Die patriarchalische Gesellschaft erniedrigt die Frauen auf rituelle Weise und unterdrückt sie, indem sie sie auf bloße Sexualobjekte reduziert. Die Frau auf dem Bild war demnach das weibliche Äquivalent von Onkel Tom. Ein anderes Plakat bewarb eine Schnellrestaurantkette, die fertig gegrillte Hühnereien verkauft. Nicht ganz überraschenderweise prangte ein goldig geröstetes Huhn auf dem Bild, worüber jemand „Nourri OGM“ gekritzelt hatte – gefüttert mit gentechnisch veränderten Organismen. Unschwer ist hier die umweltideologische Botschaft zu erkennen: Von der Agrarindustrie vorgenommene oder beauftragte Genmanipulationen führen letztendlich in die Katastrophe, entweder durch Hungersnöte oder durch Krebsepidemien, und daher müssen wir ein einfacheres und gesünderes Leben führen oder so ähnlich.

Und schließlich warb ein Kaufhaus damit, indem es die Passanten fragte, ob ihnen die Weihnachtsgeschenkideen ausgegangen seien. Das hatte jemand überschrieben mit „Tant Mieux“ – je mehr, desto besser. Das war natürlich eine lapidare Kritik an der Konsumgesellschaft, in der die Leute immer mehr kaufen, was sie immer weniger brauchen: Besteht das Glück darin, etwas zu besitzen, von dem man bis zu dem Zeitpunkt, als man es zum ersten mal sah, nicht wusste, ob man es haben wollte, und das einem nur kurzfristig Freude bereitet? Natürlich nicht, lass also diesen unsinnigen Konsum sein!

Ich will damit nicht sagen, dass ich die Meinungen dieser Kritzler völlig abwegig finde. Ich kann nachvollziehen, wenn jemand die Cabaretwerbung vulgär und erniedrigend findet. Ich kann mir vorstellen, dass ein Rückgang der Biodiversität durch Monokulturen genetisch veränderter Getreidesorten sich langfristig als ungut herausstellen könnte. Und wenn ich den Massen beim Einkaufen von Dingen zusehe, die sie nicht brauchen und sich oft nicht leisten können, denke ich an Ratten auf einer Tretmühle, die nicht wissen, was sie suchen – es ist nur so, dass ich dann etwas weniger kritisch werde, wenn ich an die Alternative zu dieser Konsumgesellschaft unserer modernen Welt denke. Nein, was ich an den Kritzlern an der Réaumur-Sébastopol-Station wirklich frappierend fand, war ihre leidenschaftliche Gewissheit in Bezug auf komplexe und ferne Abstraktionen. Und das, während zur gleichen Zeit offensichtlich keiner dieser Tausenden von Menschen wusste, wie man mit jenen zwei Menschen umgehen sollte, die unter diesen Tausenden etwas Ungemütlichkeit und Missvergnügen verbreiteten und ihnen sogar Angst einflößten.

Hinweis: Dieser Artikel erschien zuerst in eigentümlich frei Nr. 93


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