Gérard Bökenkamp

Jahrgang 1980, Historiker und Publizist.

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Geburtenrückgang: Der demographische Umbruch 1972

von Gérard Bökenkamp

Weder die 68er noch „soziale Unsicherheit“ waren dafür verantwortlich

31. Mai 2009

Das Jahr 1972 war das demographische Wendejahr. Damals drehte sich die Tendenz der Bevölkerungsentwicklung zum ersten Mal um. Zum ersten Mal gab es statt eines Geburtenüberschusses einen Sterbeüberhang. Im Jahr 1964 lag die Zahl der Geburten noch bei über einer Million, im Jahr 1973 waren es nur noch 632.000.

Als die Geburtenzahl im Jahr 1968 zum ersten Mal unter die Million gefallen war, hielten die Statistiker diesen Rückgang zuerst für eine Folge der Rezession 1967. Die Bevölkerung reagiere in ihrem „Fortpflanzungsverhalten rasch auf wirtschaftliche Rückschläge.“ Erst mit  dem Einsetzen des Wirtschaftsbooms 1970 wurden den Experten klar, dass sich die Entwicklung „etwas außerhalb“ der demographischen Erfahrung mit der Rezession bewegte. Denn spätestens für 1969 wäre ein Ansteigen beziehungsweise wenigstens kein Absinken der Geburtenzahl zu erwarten gewesen, wenn die Ursache des Geburtenrückgangs die Rezession gewesen wäre. Die „Wirtschaftswoche“ stellte 1971 fest: „Während der Boom zu kochen anfing, kamen immer weniger Kinder zur Welt.“ Der Zusammenhang zwischen Wirtschaftsentwicklung und Geburtenrate schien plötzlich aufgehoben. Die Geburtenrate des Jahres 1970 lag noch unter der Geburtenrate des Kriegs- und Hungerjahres 1917. Der Geburtenüberschuss lag in diesem Jahr nur noch bei 78.000.

Dass die demographische Entwicklung als Konsequenz dieses Prozesses mit den politischen Umbrüchen der Bundespolitik und den Auseinandersetzungen mit den linken Studenten zusammenfiel, war ein zufälliges Zusammentreffen zweier Ereignisse, zwischen denen es keinen ursächlichen Zusammenhang gab. Das zeigt die Analyse des Demographen Herwig Birg.

Der Wandel des generativen Verhaltens begann mit der abnehmenden Zahl der viertgeborenen Kinder und „begann sich anschließend stufenweise auf die Häufigkeit der dritten, der zweiten und zuletzt der ersten Kinder auszubreiten“, so  Birg. Dieser Prozess vollzog sich im Zeitraum zwischen 1966 und 1972.  Da die Entscheidung, die Zahl der Kinder zu reduzieren, zuerst bei denen fiel, die schon eine gewissen Zahl von Kindern hatten, würde die Schuldzuweisung an die 68er bedeuten, „dass sich ausgerechnet die kinderreichen Eltern an den Studenten der 68er-Generation orientiert hätten, die ja ihrerseits nicht bereits zwei oder drei Kinder hatten, was die Voraussetzung dafür gewesen wäre, dass bei ihnen der Wegfall der dritten und vierten  Kinder als Vorbild für die anderen hätte dienen können." Diese Sicht wird auch durch den Umstand unterstützt, dass der Geburteneinbruch in den katholischen Familien ganz besonders drastisch ausfiel. Das katholische Saarland fiel bei der durchschnittlichen Geburtenrate von dem ersten auf den letzten Platz ab, das protestantische Schleswig-Holstein stieg durch diese Entwicklung vom letzten auf den ersten Platz auf.

Manchmal wird behauptet, die Unsicherheit der Beschäftigungsverhältnisse und der Zwang zur Flexibilität auf dem Arbeitsmarkt, den eine Marktgesellschaft nun einmal mit sich bringt, seien für den demographischen Umbruch verantwortlich. Man kann aber festhalten, dass für den Rückgang der Geburtenrate weder Arbeitslosigkeit noch soziale Unsicherheit verantwortlich waren. Denn der Geburtenrückgang fiel in eine Zeit von Vollbeschäftigung, der Arbeitsmarkt war leergefegt und die Angst vor Arbeitslosigkeit spielte kaum eine Rolle. Ein besonderers großer Zwang zur Moblität lässt sich in dieser Zeit noch nicht feststellen. Wenn, wie manchmal aus sozialdemokratischer Perspektive behauptet wird, „soziale Sicherheit“ ein Hauptbestimmungsgrund für die Fruchtsbarkeit wäre, hätte damals die Zahl der Kinder steigen müssen und nicht fallen dürfen. Es war genau umgekehrt.

Es ist aber auch falsch, den 68ern den schwarzen Peter zuzuschieben. Ihr aggressiver Neomarxismus zeugte zwar von ideologischer Blindheit, aber für den Geburtenrückgang waren sie nicht verantwortlich. Wäre die Ideologie der 68er für den Geburtenrückgang verantwortlich gewesen, würde sich ein anderes Verbreitungsmuster des Geburtenrückgangs abzeichnen. Wäre der ideologische Impuls der 68er für den demographschen Umbruch verantwortlich, dann hätte der Geburtenrückgang nach den Unruhejahren 1967/68 einsetzen und seinen Ausgangspunkt von den Universitätsstädten nehmen müssen. Der Geburtenrückgang hätte sich von studentischen Millieus über die Gesellschaft ausgebreitet. Das war nachweislich nicht der Fall. Der Geburtenrückgang setzte schon vor der Studentenrevolte ein und breitete sich von den Mehrkindfamilien, besonders in katholischen Regionen, aus und erreichte schließlich die Kleinfamilien.

Dies ist ein Argument dafür, dass die Ursachen eher sozioökonomischer als ideologischer Natur waren, da nur schwer zu erklären ist, warum die Geburtenrate zurerst bei einer Gruppe zurückging, die durch ihren Lebensstil und ihre kulturelle Verankerung durch moderne Ideologien wohl weniger leicht zu beeinflussen war als andere Gruppen. Welche alternative Interpretation bietet sich also an?  Es spricht einiges dafür, dass die Thesen des Demographen Paul Mombert (1876-1938) wenigstens teilweise zutreffen, nämlich dass nicht Armut, Hunger oder soziale Unsicherheit, sondern wachsender Wohstand und steigender Lebensstandard tendentiell zu einer Reduzierung der Geburtenraten führen.

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